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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.07.2013

Hotdogs an der Gramsci-Bar

Der Künstler Thomas Hirschhorn hat in New York einen Kultur-Pavillion aufgebaut

Von Sacha Verna

Das "Gramsci-Monument" von Thomas Hirschhorn in der New Yorker Bronx (picture alliance / dpa / Justin Lane)
Das "Gramsci-Monument" von Thomas Hirschhorn in der New Yorker Bronx (picture alliance / dpa / Justin Lane)

Zwischen Sozialbauten in der Bronx hat der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn einen Kultur-Pavillon errichtet. Das "Gramsci-Monument" ist dem italienischen Philosophen Antonio Gramsci gewidmet. Zehn Wochen lang bietet es Kunst als Beschäftigungs- und Spaßprogramm für Anwohner und Besucher.

Es ist kurz nach Mittag, und an der Gramsci-Bar gehen die Hotdogs weg wie heiße Hotdogs eben weggehen, für einen Dollar das Stück. In einem Workshop um die Ecke basteln Kinder ein Monster mit einem Regenschirm auf dem Kopf. Und im Computerraum schweben andere im Game-Nirvana. Ein Sommertag in einem Gemeinschaftszentrum? Ja. Nur ist das Gramsci-Monument ein Gemeinschaftszentrum in Kunstform. Oder Kunst in Form eines Gemeinschaftszentrums.

Thomas Hirschhorn: "Was ich will mit meiner Arbeit, ist, den Begriff 'Monument' neu definieren. Einen neuen Begriff schaffen."

Das ist Thomas Hirschhorn. Für sein jüngstes Werk hat der 56-jährige Schweizer Künstler die Sozialbauten der Forest Houses in der Bronx ausgewählt, weitab von den Museen New Yorks. Hirschhorn ist international mit seinen gesellschaftskritischen Installationen bekannt geworden, die von einem Altar für Ingeborg Bachmann im U-Bahnhof des Berliner Alexanderplatzes bis zu einer Müllhalde der Konsumkultur reichen, mit der er 2011 seine Heimat an der Biennale in Venedig repräsentierte.

Das Monument in der Bronx ist dem marxistischen Philosophen Antonio Gramsci gewidmete und das vierte und letzte einer Serie, die 1999 mit dem Spinoza-Monument in Amsterdam begann. Thomas Hirschhorn hat dafür Helfer aus der unmittelbaren Nachbarschaft rekrutiert, die mit ihm gegen Bezahlung aus Sperrholz, Plexiglas und Klebeband den Bau konstruiert haben, der bis Mitte September Anwohner und Besucher gleichermaßen amüsieren und anregen soll.

Myrna: "It’s like when I go in there, it’s like I’m not here, I’m not in this area, I’m like in a new area."

Myrna gehört zur Küchencrew und beliefert die Gramsci-Bar mit ihren selbstgebackenen Fleischkrapfen. Sie fühlt sich im Gramsci-Monument an einen anderen Ort versetzt.

"For every room there is something there to do. It’s interesting, I like the way they decorated it in and out and I enjoy it."

Thomas Hirschhorn (dpa / picture alliance / Justin Lane)Thomas Hirschhorn (dpa / picture alliance / Justin Lane)In jedem Raum gebe es etwas zu tun, und ihr gefällt die Gestaltung innen und außen. Es gibt eine Bibliothek mit Büchern von und über Antonio Gramsci und Vitrinen mit den Pantoffeln und dem Essgeschirr, die Gramsci benutzte, als man ihn unter Mussolini ins Gefängnis steckte. Es gibt eine Radiostation mit DJ und einen Hausphilosophen, der täglich um 17 Uhr einen Vortrag hält, über Ludwig Wittgenstein zum Beispiel oder über ontologischen Narzissmus.

Marcella: "I think of it as art, as the community getting together, as history that explains different things about art, because we have a lot of people that express themselves on art."

Marcella hält das Gramsci-Monument für Kunst, weil die Leute zusammenfinden und etwas über Geschichte und Kunst lernen. Sie betreut die Bibliothek zusammen mit ihrem langjährigen Nachbarn Freddy, der ihr beipflichtet:

Freddy: "I’m not doing nothing for nobody. And by them inspiring me, they made me come out to do this. And look with my neighbor I sit here. For so many years to do something together."

Er tue nichts für niemanden, sagt Freddy. Aber dieses Projekt hat ihn derart inspiriert, dass er nun sogar Auszüge aus Antonio Gramscis Schriften ins Spanische übersetzt.

So sorgt das Gramsci-Monument fürs leibliche und fürs geistige Wohl der Anwohner, fürs Renommee des Künstlers, und Gästen aus ferneren Gegenden bietet sich damit eine erbauliche Alternative zum Bronx-Zoo. Es ist Kunst als Beschäftigungs- und Spaßprogramm für Minderbemittelte, die dabei als Handlanger, Ausstellungsobjekt und Publikum zugleich dienen. Böse Zungen könnten das als gutmenschliche Ausbeutung im Tutu des Kunstmessianismus bezeichnen. Aber diese Mäuler werden mit Hotdogs von der Gramsci-Bar gestopft.

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