Freitag, 29. August 2014MESZ12:00 Uhr

Buchkritik

Wiener KongressMächtige Frauen im Hintergrund
Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg.

Prunkvolle Empfänge, exklusive Soiréen, informelle Gespräche. Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch stellt spannend und detailliert dar, wie gebildete und kluge Frauen vor 200 Jahren den Wiener Kongress beeinflussten.Mehr

RomanVereint in der Dunkelheit
Undatierte Aufnahme des englischen Schauspielers, Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten Charlie Chaplin als "Tramp".

Im seinem neuen Roman erfindet der großartige Erzähler Michael Köhlmeier eine Freundschaft zwischen dem Politiker Winston Churchill und dem Schauspieler Charly Chaplin. Die beiden Herren verbindet vor allem ihre Traurigkeit und Einsamkeit.Mehr

Studie über die Generation Y12 Millionen stille Weltverbesserer
Junge Leute entspannen in Berlin auf dem Tempelhofer Feld, Aufnahme vom Mai 2013

Sie wollen sich nicht einfach abrackern. Sie wollen, dass es ihnen gut geht – seelisch und körperlich. Damit setzt die Generation der heute 15- bis 30-Jährigen in der Arbeitswelt Impulse, von denen alle profitieren, meinen die Autoren Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht.Mehr

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TagebuchLiebhaber des Halbschattens
Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.10.2005

Horrorklassiker für Kinder

"Die grüne Wolke" von A. S. Neill als Hörbuch

Rezensiert von Vanja Budde

Hörbücher liegen im Trend
Hörbücher liegen im Trend (Stock.XCHNG / Simon Cataudo)

Als der britische Pädagoge A.S. Neill 1938 einer Horde von Neunjährigen eine blutrünstige Geschichte erzählte, da ahnte er nicht, dass "Die grüne Wolke" zu einem absoluten Klassiker avancieren sollte. Neill schrieb die Geschichte von der todbringenden Wolke 1970 auf - und auch deutscher Leser lasen sie immer wieder. Das war möglich, weil Harry Rowohlt das Buch ins Deutsche übersetzte. Jetzt hat er "Die grüne Wolke" auch gelesen.

"Ich habe versucht, mich dem Geschmack meiner Zuhörer anzupassen, und dabei festgestellt, dass ihnen der Sinn hauptsächlich nach Blutbädern und Donnergrollen stand. Folglich ist diese Geschichte ziemlich gewalttätig."

Das kann man wohl sagen. Die kindlichen Helden schwingen ein ganzes Arsenal von Waffen. In "die Grüne Wolke" dürfen sie ebenso rücksichtslos und grausam sein wie tapfer und heldenmütig. Als ausgerechnet dieses Buch 1971 auf Anhieb Platz eins der Spiegel-Bestseller-Liste erkletterte, sorgte das für einen mittelprächtigen Skandal.

"Komm schon Neill, fang an. - Dem fällt bestimmt nichts ein.
Ich werde euch die Geschichte vom letzten Menschen auf der Erde erzählen.
Au ja!
Sie heißt: Die grüne Wolke. "

Der Summerhill-Lehrer Neill, sein Freund, der dicke Millionär Pycraft und eine Handvoll Kinder sind in ganz Großbritannien die einzigen, die der todbringenden Wolke entgehen. Sie hatten gerade einen kleinen Ausflug in Pycrafts Luftschiff gemacht. Als sie wieder landen, sind alle Menschen zu Stein erstarrt und mausetot. Die lieben Kleinen nehmen es gelassen.

" Ich finde es ja furchtbar traurig, das die anderen so jämmerlich umgekommen sind, sagte Michael strahlend, aber es macht doch großen Spaß, allein auf der Welt zu sein. "

Starker Tobak, ganz wie das radikal antiautoritäre System von Summerhill, das heute als weitgehend gescheitert gilt: Eine Schule ohne Leistungsdruck, ohne Prüfungen und ohne Noten. Die Kinder mussten den Lehrern keinerlei Respekt entgegen bringen, auch nicht dem Schulleiter: Alexander Sutherland Neill. Der hat sich in "Die grüne Wolke" die Rolle des Feiglings und Versagers auf den Leib geschrieben – bis zum überraschenden Schluss. "Die Grüne Wolke" ist aber mehr als ein Kinderbuch: ein furioses Abenteuer, ein wilder Kampf ums Überleben inmitten zu Stein erstarrter Menschenmassen. Raubtiere sind aus den Zoos ausgebrochen. Lebensmittel werden knapp und irgendwann stellen die letzten Überlebenden fest, dass noch einige andere der Wolke entronnen sind: vier Gangster der Pirolo-Bande aus Chikago.

" Pycraft sah die Gangster zuerst. Er sprach zu ihnen durch die Flüstertüte und berichtete von der Wolke und das alle Menschen tot seien.
"Auch die Kriminaler?" rief Pirolo. "Natürlich. Warum fragen sie?" Pirolo meinte dazu er kaufe ihm den Schmus nicht ab, er lasse sich nicht klippen; die ganze Mühle wimmele von Kriminalern; wenn die Mühle zu landen versuche, würde er jeden, der es wagen sollte, ihn zu nageln, ohne Umstände ausknipsen. "

Wegen des amerikanischen Gangster-Slangs aus den vierziger Jahren galt "Die grüne Wolke" als unübersetzbar. Bis er sich mit einem Lexikon der Gaunersprache Rotwelsch und viel sprachschöpferischer Freiheit der wüsten Story annahm: Harry Rowohlt, der Sprachkünstler und Meister alle Dialekte. Er verleiht der "grünen Wolke" ihren ganz eigenen Sound.

" Entschuldigen sie bitte meine Unkenntnis ihrer Sprache, sagte Neill. Aber Sie können die Revolvergriffe ruhig loslassen. Wir sind, wie mein Kollege Robert bereits ausführte, koscher und zum Argwohn ist nicht der mindeste Grund vorhanden. Die Gangster hatten diese Rede offenbar nicht verstanden und David übersetzte: Wir stehen nicht auf Fiedel. Wir hummeln nicht in euerm Laden. fatzt den Ballermann. "

Der 60-jährige Harry Rowohlt ist zu Recht stolz darauf, dass "fatzt den Ballermann" in den Sprachgebrauch einer bestimmte Generation von Deutschen eingegangen ist. Bis dato hat der Rauschebart aus der "Lindenstraße" mehr als 120 Bücher ins Deutsche übersetzt. Die "Grüne Wolke" aber war sein allererstes. Die eigene Übersetzung zu vertonen ist natürlich ein Heimspiel. Entsprechend unangestrengt trifft Rowohlt den lakonisch-zynischen Witz der Vorlage:
Nach vielen Kämpfen mit besagten Gangstern, manövrierunfähigen Schiffen, Vitaminmangel und Amok laufenden Gorillas beißen die Beteiligten einer nach dem anderen auf blutige Art und Weise ins Gras. Alle, bis auf einen.

" Neill betrachtete die drei Leichen, verhielt kurz, durchsuchte Davids Hosentaschen und zog einen kleinen Schraubenzieher und sein, Neills, Taschenmesser hervor. Er schritt langsam und zufrieden seufzend zur Schule zurück. ‚Der allerletzte Mensch auf Erden’. stellte er mit wohligem Behagen fest, begab sich in die Speisekammer und schenkte sich einen Cognac mit drei Sternen ein. "

A. S. Neill: Die grüne Wolke
Gesprochen von Harry Rowohlt
Kein & Aber Records
4 CD, 19,90 EUR