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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.05.2007

Horrorgeschichten aus dem medizinischen Alltag

Werner Bartens: "Das Ärztehasserbuch", Knaur Verlag, 240 Seiten

Krankenbett in einem Hospital (Stock.XCHNG / Carin Araujo)
Krankenbett in einem Hospital (Stock.XCHNG / Carin Araujo)

Zunächst ein wichtiger Warnhinweis: Dies ist keine Lektüre fürs Krankenbett! Im "Ärztehasserbuch" schildert der Mediziner und Journalist Werner Bartens auf 240 Seiten jede nur erdenkliche Grausamkeit, die in Krankenhäuser und Arztpraxen geschehen kann. Eine schonungslose Darstellung, die Patienten die dunklen Seiten des medizinischen Alltags vorführt.

Unsensible Ärzte, die unnütze und gefährliche Therapien anwenden, falsche Diagnosen stellen, für die Patienten ein lästiges Übel auf dem Weg zum Chefsessel darstellen und die sogar vermeidbare Leiden bis hin zu Todesfällen riskieren.
Der Autor hat jahrelang als Arzt gearbeitet und viele der geschilderten Ereignisse selbst erlebt.

Auf der gynäkologischen Station eines städtischen Krankenhauses stirbt eine junge Frau wenige Stunden nach einer Kaiserschnittentbindung. Sie verblutet innerlich, weil der Arzt vergisst, eine wichtige Arterie zusammenzunähen. Dem Witwer wird von unvorhersehbaren Komplikationen berichtet, was nicht erwähnt wird, unter den Ärzten gibt es einen inoffiziellen Kaiserschnitt-Schnelligkeits-Wettbewerb. Der Operateur hatte die 20-Minuten-Marke klar getoppt, er ist damit der schnellste und jetzt auf Platz 1 der internen Kaiserschnitt-Liste.

Ein Patient mit einem gut erkennbaren, aber noch kleinen Tumor, wird vom seinem Arzt nicht sofort behandelt. Die Kollegen in der Klinik wundern sich über das Vorgehen, da die Heilungschancen für den Patienten bei einem schnellen Eingreifen sehr gut gewesen wären. Niemand sagt etwas, obwohl alle wissen, dass der Kollege häufiger Patienten unbehandelt lässt, um die Tumorentwicklung zu erforschen. Er plant eine wissenschaftliche Veröffentlichung, für die die Dokumentation des Tumorswachstums enorm wichtig ist.

Eine ältere schwerkranke Frau wird täglich von ihrem Mann besucht, der sich mit seinen Fragen an die Klinikärzte wendet. Das tägliche Nachfragen des Herrn wird ihnen lästig, die Frau wird kurzerhand auf eine andere Station verlegt. Ähnlich ergeht es einer anderen älteren Dame, die im Sterben liegt und für die Ärzte als austherapiert gilt. Um sie nicht jeden Tag sehen zu müssen, schiebt das Klinikpersonal sie in die Abstellkammer. Und dies sind nur einige der zahlreichen Beispiele, von denen Werner Bartens im "Ärztehasserbuch" berichtet. Denn, so sein Fazit: Ignoranz, Größenwahn und Pfusch ist in jeder Klinik und in vielen Praxen zu finden. "Die Götter in Weiß" agieren oft verantwortungslos und selten im Sinne ihrer Patienten.

Wer sich beschwert oder auch nur etwas genauer erfahren möchte, gilt schnell als lästiger Patienten und rennt vor Mauern.
Die Beispiele im "Ärztehasserbuch" sind alle wahr. Die Betroffenen werden allerdings namentlich nicht genannt. Bartens hat sowohl die Patienten als auch die Ärzte anonymisiert. Er nennt nur ihr Alter und die Erkrankung, beschreibt ihr Aussehen und verrät, in welcher Stadt sie leben. Die Personen sind dann zum Beispiel ein Mann über 60, übergewichtig, Kettenraucher oder die 80-jährige Patientin mit Krebs im Endstadium.

Jede der Erzählung beginnt mit einem kurzem drei- bis vierzeiligen Überblick und trägt eine provokante Überschrift. Provozieren will der Autor auch, der schon in seinem Buch die "Irrtümer der Medizin", absurde Fälle und zahlreiche bedenkliche Heilversuche beschrieben hat. Im "Ärztehasserbuch" geht Werner Bartens aber noch einen Schritt weiter, indem er am Ende seines Buches, in einem Kapitel, das sich speziell an Medizinern richtet, ein rigoroses Umdenken in der alltäglichen Praxis fordert. Mehr Einfühlungsvermögen und Respekt für Patienten, eine bessere Ausbildung für Ärzte und weniger Arroganz und Machtdenken in der Medizin.

Herausgekommen ist so ein spannendes Buch, das sich wie Krimi liest. Bei dem der Leser aber zwei Dinge nie vergessen sollte: Erstens handelt es sich hier um reale Fälle und zweitens konzentriert sich der Autor auf die negative Seiten des Gesundheitssystems. Deshalb der Hinweis, dieses Buch sollte man nur bei wirklich guter Gesundheit lesen. Denn nur in einem einzigen Kapitel schreibt Bartens auch von den anderen Ärzten, den guten Ärzten, die es nämlich trotz aller Horrorgeschichten auch gibt. Ärzte, die sich engagieren, die ihre Patienten anhören und sich um sie kümmern.

Etwas irritierend sind die ironischen Anspielungen des Autors zu Beginn und am Ende des Buches. Bartens schreibt in einem zynischen Tonfall eine Art Beipackzettel als Leseanleitung für sein Buch und witzelt über ambitionierte Ärzte und ihre Vorhaben. Vielleicht brauchte der Autor dieses Stilmittel, um sich während des Schreibens von den vielen Schauergeschichten zu distanzieren. Für den Leser allerdings ist diese Art der Ironie unpassend, denn sie untergräbt die klare Struktur und Erzählweise der geschilderten Fälle und verdreht die sonst eindeutige Haltung des Autors, die da lautet: Der Patient muss im Mittelpunkt guter Medizin stehen, erst dann ist sie menschlich.

Rezensiert von Susanne Nessler

Werner Bartens: Das Ärztehasserbuch. Ein Insider packt aus
Knaur Verlag
240 Seiten, 7,95 Euro

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