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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 02.12.2012

HÖRE!

Zu den Erfahrungen von Kolpingkundschaftern aus Bonn

Von Ralf Birkner, Bonn

Denkmal für Adolph Kolping in Köln
Denkmal für Adolph Kolping in Köln (picture alliance / dpa - Horst Galuschka)

Eine Kolpingsfamilie geht auf die Suche nach einer alltagstauglichen Spiritualität in der Nachfolge des Seligen Adolph Kolping. Eine besondere Bedeutung hat dabei das erste Wort der Regel des Heiligen Benedikt und vieler geistlicher Schriften: HÖRE!

Schon das Volk Israel hörte immer wieder den Ruf Gottes: Höre Israel! Hören auf das Wort Gottes, hören auf Glaubensgeschichten, Hören auf das Wirken des Heiligen Geistes in den Zeichen der Zeit. Nach einem einjährigen Weg des Hörens auf der Suche nach Gott berichten Mitglieder der Kolpingsfamilie "Bonn Zentral" von ihren Erfahrungen:

Vor einigen Jahren habe ich für die Kolpingfamilie Bonn Zentral das Amt des "Pastoralen Begleiters" übernommen. Es gibt nicht mehr für jede Kolpingfamilie einen Priester oder Diakon als Präses. Sie können diese Aufgabe nicht mehr ausfüllen, weil sie immer mehr Gemeinden betreuen müssen. Deshalb wurde die Möglichkeit für Laien geschaffen, die geistliche Begleitung einer Kolpingfamilie zu übernehmen. Die Aufgabe besteht darin, für theologische und spirituelle Programmpunkte im Jahresprogramm zu sorgen. Das sind überwiegend Vortragsabende zu kirchlichen Themen oder geistliche Besinnungsabende, Meditationen und das Organisieren von Gottesdiensten. Im Prinzip läuft das mit einer Versorgungsmentalität im Hintergrund. "Wir müssen mal wieder was Geistliches machen", hört man dann manchmal bei der Erstellung des Programms.

Im vergangenen Jahr habe ich mich entschlossen, dieses Prinzip zu durchbrechen. Statt ein oder zweimal im Jahr mal "was Geistliches zu machen" habe ich die Kolpingfamilie eingeladen, mit mir auf die Suche nach unserem Glauben im Alltag zu gehen, Kundschafter des Glaubens zu werden. Kein Sonn- oder Feiertagsglaube mit punktuellen Gelegenheiten, mal was für danach, wie man heute auf den Glauben zu tun, sondern die Suche nach Gott im Alltag. Gemeinsame Suche nach dem eigenen Glauben und nach dem Auftrag, den die Kolpingfamilie als Sozialverband von Gott her in ihrer Stadt und in dieser Gesellschaft hat. Das war vielen bodenständigen Kolpingleuten erst mal viel zu wenig konkret. Das einzige, was am Anfang für alle handfest war, ist das gemeinsame Gebet der Kolping-Kundschafter, das jeder regelmäßig beten soll mit der Bitte an Gott, er möge uns Zeichen seiner Gegenwart im eigenen Leben und im Leben der Kolpingfamilie entdecken lassen.

So sind wir in unserer Kolpingfamilie seit einem Jahr auf der Suche nach einer alltagstauglichen Spiritualität in der Nachfolge des Seligen Gesellenvaters Adolph Kolping. Adolph Kolping wurde 8. Dezember 1813 in Kerpen bei Köln geboren und starb am 4. Dezember 1865 in Köln. Er war ein katholischer Priester, der sich besonders intensiv mit der Sozialen Frage auseinandersetzte, und der Begründer des Kolpingwerkes. Am 6. Mai 1849 gründete Kolping als Domvikar in Köln mit sieben Gesellen den Kölner Gesellenverein; am 1. Januar 1850 hatte der Verein bereits 550 Mitglieder. Wie in Köln entstanden schnell auch in anderen Städten Gesellenvereine; bis zu Kolpings Tod waren es 418 mit 24.000 Mitgliedern. Im Herbst 1850 schloss Kolping die Vereine Elberfeld, Köln und Düsseldorf zum "Rheinischen Gesellenbund" zusammen, der sich ab 1851 "Katholischer Gesellenverein" nannte, um über die rheinischen Grenzen hinaus offen zu sein. Dieser Zusammenschluss war die Keimzelle des heutigen internationalen Kolpingwerkes mit Kolpingfamilien in mehr als 55 Ländern. Am 8. Dezember 2013 feiert das Kolpingwerk den 200. Geburtstag seines Gründers und ruft dazu das Jahr 2013 zum Kolpingjahr aus.

Einige Mitglieder der Kolpingfamilie "Bonn Zentral" erzählen in dieser Sendung von ihren Erfahrungen mit dem Projekt Kolping-Kundschafter. Unsere Vorbilder sind zahlreiche Kundschafter der Bibel auf der Suche nach Gott, nach sichtbaren Zeichen seiner Gegenwart, seiner Liebe und seiner Gerechtigkeit in dieser Welt.

Die Kundschaftergeschichte im Biblischen Buch Numeri erzählt davon, wie Gott dem Volk Israel ein Land vorschlägt als gelobtes Land, in dem Milch und Honig fließen sollen. Mose entsendet Kundschafter, die das von Gott versprochen Land erkunden sollen:

"Der Herr sprach zu Mose: Schick einige Männer aus, die das Land Kanaan erkunden, das ich den Israeliten geben will. Aus jedem Väterstamm sollt ihr einen Mann aussenden, und zwar jeweils einen der führenden Männer. Da schickte Mose von der Wüste Paran die Männer aus, wie es der Herr befohlen hatte.

Als Mose sie ausschickte, um Kanaan erkunden zu lassen, sagte er zu ihnen: Zieht von hier durch den Negeb und steigt hinauf ins Gebirge! Seht, wie das Land beschaffen ist und ob das Volk, das darin wohnt, stark oder schwach ist, ob es klein oder groß ist; seht, wie das Land beschaffen ist, in dem das Volk wohnt, ob es gut ist oder schlecht und wie die Städte angelegt sind, in denen es wohnt, ob sie offen oder befestigt sind und ob das Land fett oder mager ist, ob es dort Bäume gibt oder nicht. Habt Mut und bringt Früchte des Landes mit! Es war gerade die Zeit der ersten Trauben.

Da zogen die Männer hinauf und erkundeten das Land. Dort schnitten sie eine Rebe mit einer Weintraube ab und trugen sie zu zweit auf einer Stange, dazu auch einige Granatäpfel und Feigen. Den Ort nannte man später Traubental wegen der Traube, die die Israeliten dort abgeschnitten hatten. Vierzig Tage, nachdem man sie zur Erkundung des Landes ausgeschickt hatte, machten sie sich auf den Rückweg.

Sie kamen zu Mose und Aaron und zu der ganzen Gemeinde der Israeliten in die Wüste Paran nach Kadesch. Sie berichteten ihnen und der ganzen Gemeinde und zeigten ihnen die Früchte des Landes. Sie erzählten Mose: Wir kamen in das Land, in das du uns geschickt hast: Es ist wirklich ein Land, in dem Milch und Honig fließen; das hier sind seine Früchte. Aber das Volk, das im Land wohnt, ist stark und die Städte sind befestigt und sehr groß. Auch haben wir die Söhne des Anak dort gesehen. Und sie verbreiteten bei den Israeliten falsche Gerüchte über das Land, das sie erkundet hatten, und sagten: Das Land, das wir durchwandert und erkundet haben, ist ein Land, das seine Bewohner auffrisst; alle Leute, die wir dort gesehen haben, sind hochgewachsen. Sogar die Riesen haben wir dort gesehen - die Anakiter gehören nämlich zu den Riesen. Wir kamen uns selbst klein wie Heuschrecken vor und auch ihnen erschienen wir so.

Da erhob die ganze Gemeinde ein lautes Geschrei und das Volk weinte die ganze Nacht. Alle Israeliten murrten über Mose und Aaron und die ganze Gemeinde sagte zu ihnen: Wären wir doch in Ägypten oder wenigstens hier in der Wüste gestorben! Warum nur will uns der Herr in jenes Land bringen? Etwa damit wir durch das Schwert umkommen und unsere Frauen und Kinder eine Beute der Feinde werden? Wäre es für uns nicht besser, nach Ägypten zurückzukehren? Und sie sagten zueinander: Wir wollen einen neuen Anführer wählen und nach Ägypten zurückkehren. Da warfen sich Mose und Aaron vor der ganzen Gemeindever-sammlung der Israeliten auf ihr Gesicht nieder.

Josua, der Sohn Nuns, und Kaleb, der Sohn Jefunnes, zwei von denen, die das Land erkundet hatten, zerrissen ihre Kleider und sagten zu der ganzen Gemeinde der Israeliten: Das Land, das wir durchwandert und erkundet haben, dieses Land ist überaus schön. Wenn der Herr uns wohlgesinnt ist und uns in dieses Land bringt, dann schenkt er uns ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Lehnt euch nur nicht gegen den Herrn auf! Habt keine Angst vor den Leuten in jenem Land; sie werden unsere Beute. Ihr schützender Schatten ist von ihnen gewichen, denn der Herr ist mit uns. Habt keine Angst vor ihnen!"


In der biblischen Geschichte wagen es zwei Männer, den Zweiflern und Zauderern zu widersprechen. Josua und Kaleb zerreißen ihre Kleider und be-schwören, dass die Verheißung Gottes wahr ist. Das von Gott versprochene Land birgt Gefahren, aber mit Gottes Hilfe lassen die sich überwinden. Ich habe der Kolpingfamilie Bonn Zentral vor einem Jahr das Kundschafter Projekt vor-geschlagen. Ich glaube, dass es auch heute zu viele Warner, Zweifler und Zauderer gibt, die die Risiken und Gefahren eines Lebens mit Gott beschwören. Um sich wie Josua und Kaleb mutig den Warnern und Zweifelnden entgegen stellen und sich Suchenden unterstützend anbieten zu können, braucht man eigene Erfahrungen mit Gott. Gemeinsam haben wir angefangen Gott in der Nachfolge Adolph Kolpings um diese kleinen Zeichen seiner Gegenwart zu bitten, um in unserem je eigenen alltäglichen Leben aber auch in unserer Arbeit als Kolpingfamilie in unserer Stadt, mutige Zeugen seiner Gegenwart sein zu können. Diese Suchbewegung begann im Advent letzten Jahres, der großen Zeit des Suchens nach Gott. Die Sehnsucht nach Gott bestimmt die Lieder und Ge-bete dieser Zeit des Erwartens und Hoffens, die wir an diesem heutigen Ersten Advents-Sonntag wieder neu beginnen. Einige Mitglieder der Kolpingfamilie haben sich bereit erklärt, von ihren Erfahrungen zu erzählen.

Kundschafterin Katja: "Hallo, ich bin Katja. Kolpingkundschafterin zu sein bedeutet für mich, das Leben zu erkunden. Ich möchte im Sinne Adolph Kolpings mit offenen Augen durch die Welt gehen. Ich möchte immer wieder mit anderen Menschen auf-brechen, die Kunde von der Hoffnung und das Gute in der Welt entdecken. Dabei vertraue ich auf ein Zitat von Adolph Kolping: Soweit Gottes Arm reicht ist der Mensch nie ganz fremd und verlassen und Gottes Arm reicht weiter als Menschen denken können."

Kundschafterin Uschi: "Ich finde die Suche ziemlich schwierig. Vielleicht auch deshalb, weil wir Menschen in unserer hektischen Zeit, immer aktiv sein wollen (sollen) und Hören und Sehen eher passive Eigenschaften sind. Und manchmal vergeht mir das Hören und Sehen auch, weil einfach zu viel auf mich einstürmt und die Informationen, mit denen wir von den einzelnen Medien zugeschüttet werden, die leisen Hinweise vielleicht übertönen. Es fällt nicht leicht, die Geduld aufzu-bringen, zu warten, und das Ziel, unsere Spiritualität und Aufgabe zu finden, dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Oft denke ich, das wir in unseren Gedanken, Vorstellungen und Möglichkeiten zu begrenzt sind oder vielleicht auch zu abgelenkt in unserem Alltag.

Dies fällt mir besonders auf, wenn ich die Kundschafterbriefe bekomme, von denen nun die, die mich besonders berührt haben, als "Denkzettel" in meinem Kalender sind, damit ich sie immer griffbereit habe und nachlesen kann. Das Gebet und die Impulse in den Briefen helfen mir, den Blick auf die wesentlichen und wichtigen Dinge zu richten und achtsamer zu sein. Das sind dann die Momente, in denen ich beginne meine Umwelt und die Menschen um mich herum mit anderen Augen zu sehen, also anders wahrzunehmen. Und dann bin ich mir ziemlich sicher, dass wir unseren Weg finden werden, auch wenn es vielleicht noch ein wenig dauert."

Kundschafter Ansgar: "Viele getaufte Christen - Katholiken wie Protestanten - verlieren mit den Jahren den Kontakt zu ihrer Kirche und Gemeinde. Meist liegt es nicht an Glaubenszweifeln, sondern an Zeitgeist und Bequemlichkeit. Trotzdem bin ich immer wieder überrascht über die positiven Reaktionen, wenn ich über meine Mitgliedschaft und Mitarbeit in der Kolpingfamilie erzähle. Meist schließt sich dann ein kurzes oder längeres Gespräch über "Gott und die Welt" an. Ich glaube deshalb, wir sollten unseren Glauben und auch die Ideen Adolph Kolpings viel mutiger darstellen, ohne missionarischen Eifer zu entwickeln."

Kundschafterin Stephanie: "Als langjähriges Mitglied der Kolpingfamilie, habe ich mich in diesem Jahr ent-schlossen, das Angebot der "Kolping-Kundschafter" zu nutzen. Was heißt das für mich? Die Kolpingfamilie hat viele Facetten und mir ist es immer leicht gefallen bei Ausflügen, Karneval und sonstigen Angeboten "ja" zu sagen. Aber was bedeutet überhaupt Leben im Sinne Adolph Kolpings? Auch seinen christlichen Glauben leben, ihn wieder hervorholen, weil er im Laufe der Jahre durch ganz persönliche Höhen und Tiefen ein wenig eingemottet war. Und vielleicht auch Andere, denen es ähnlich erging wie mir, darauf aufmerksam zu machen, dass es den Glauben ganz umsonst gibt, man muss dafür nichts bezahlen und man kann doch so viel daraus gewinnen. Am besten hat mir an den Kundschafter-Treffen gefallen, dass nichts "Großes" erwartet wird sondern, dass wir im "Kleinen" Dinge bewegen können, wenn wir uns selbst bewegen. Und so haben wir in unserer "Laufgruppe" damit begonnen, vor jedem Jogging-Lauf ein Gebet zu sprechen, egal wo wir starten! Das haben wir sogar vor dem Start beim Halbmarathon in Bonn gemacht!

Ich hoffe, dass wir damit noch ganz viele Menschen erreichen werden und sie dazu bewegen können, sich auch auf den Weg zu machen und ihren Glauben offen zu leben!"

Kundschafter Werner: "Ich bin geschieden und mit meiner Frau eine zweite Zivilehe eingegangen. Damit bin ich als Katholik in der katholischen Kirche vom Empfang der Kommunion ausgeschlossen. Es ist zwar löblich, dass sich der Vorsitzende der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sich auch weiterhin dafür einsetzt, dass Katholiken auch nach Scheidung und Wiederheirat die Kommunion empfangen können. In einem Interview des "Kölner Stadt-Anzeigers" vom 16.05.2012 zum Auftakt des Katholikentages in Mannheim sagte er: "Wir sind an dem Thema dran, und Sie dürfen sicher sein, dass ich über das Thema mit ganz verschiedenen Stellen im Gespräch bin." Was hat das mit Kolping-Kundschafter zu tun? Nun, ich bin froh in einem katholischen Sozialverband Mitglied zu sein, der sich im Rahmen des Dialogprozesses mit anderen Räten und Verbänden dahingehend positioniert, Geschiedene nicht von der Kommunion auszuschließen. Der emeritierte münstersche Kirchenrechtler Klaus Lüdicke schreibt: "Das Urteil über die Würdigkeit zum Empfang der Kommunion steht niemand anderem zu als dem Empfänger selbst." Daher sei der Priester "nicht aus Barmherzigkeit, sondern in Erfüllung des ihm anvertrauten Dienstes" verpflichtet, den Betreffenden die Kommunion zu spenden, so der Theologe."

Kundschafterin Elisabeth: "Wir bekommen regelmäßig einen Kundschafter Brief mit geistlichen Impulsen und mitunter auch praktischen Tipps. Unter anderem gab es da die Anregung, öfter mal die Obdachlosen-Zeitschrift "Fifty/Fifty" zu kaufen. Die hatte ich bisher immer nur im Vorbeigehen aus den Augenwinkeln wahrgenommen. Menschen, die offensichtlich am Rande der Gesellschaft lebten, verkaufen sie. Es handelt sich um eine Zeitung, die vom "Verein für Gefährdetenhilfe" herausgegeben wird, und die zu ganz verschiedenen Themen Berichte enthält, unter anderem auch Situationsberichte über diese Menschen, denen es aus vielerlei Gründen nicht gelingt, ohne Hilfe im Leben zurecht zu kommen. Durch den Verkauf der Zeitung, Preis 1,80 Euro, können sich die Verkäufer einen Beitrag zu ihrem Unterhalt erarbeiten. Ich hatte sie bis dahin kaum beachtet, es war mir eher unangenehm, wieder um etwas gebeten zu werden.

So bin ich also eines Tages auf einen solchen Menschen zugegangen, habe ihn freundlich gegrüßt und um eine Zeitung gebeten. Auch er antwortete mit einem äußerst freundlichen "Guten Morgen", schien fast erleichtert, denn er meinte: "Das ist das erste Exemplar, das ich heute verkaufe." Ich antwortete "dann bin ich doch froh, dass ich mich zum Kauf entschlossen habe." Als ich mich verabschiedete, sagte er "Gott segne dich!" und das hat mich zutiefst und sehr nachhaltig berührt. Ich kaufe diese Zeitung jetzt öfter, lese den einen oder anderen Artikel, erfahre zu den verschiedensten Themen viel Neues und bin immer sehr betroffen über die geschilderten Schicksale, Lebenswege und Bemühungen, selbst im ‚normalen‘ Leben Fuß zu fassen.

Was aber viel wichtiger ist, ich habe gelernt, dass wir uns oft sehr schnell und oberflächlich ein Bild von Menschen machen und habe mir fest vorgenommen, Menschen mehr wahrzunehmen, anzusehen und zu achten. Das ist ein fester Vorsatz, ich könnte noch das eine oder andere Beispiel erzählen, zum Beispiel, wo eine Frau, leicht behindert, die ich nur flüchtig kannte und lange nicht mehr gesehen hatte, die ich freundlich gegrüßt und angesprochen, somit wahrgenommen hatte, sich so gefreut hatte und dankbar war, zum Schluss sagte: "Danke, dass sie mich angesprochen haben!" Oder aber jemand, den ich bis dahin nur am Rande wahrgenommen, auch nicht richtig gemocht habe, mich in einer für mich schwierigen Situation ganz offen und aufrichtig angesprochen und mir alles Gute gewünscht hat. Auch das hat mich berührt und mich in meinem Vorsatz bestärkt."

"Tauet, Himmel, den Gerechten, O Heiland, reiß die Himmel auf!", das ist die uralte Sehnsucht des Advent, Sehnsucht nach Gottes Gegenwart in der Welt, nach seiner Gerechtigkeit, seiner Liebe, seinem Frieden. Sie ist auch der Motor der Suche nach Gott im Alltag der Kolpingfamilie Bonn Zentral, im gemeinsamen Projekt der Kolping Kundschafter. Was aber ist mit dieser Sehnsucht? Ist sie mehr als folgenlose Sentimentalität in einer reinen Bedürfniswelt, die wesentlich vom Nützlichkeitsdenken geprägt ist?

Eins haben wir als Kundschafter in diesem einen Jahr deutlich gespürt: Die Sehnsucht des Christentums kann nicht genauso befriedigt werden, wie andere Bedürfnisse. Wir brauchen wieder Übung darin, die Sehnsucht nach Gott zu befriedigen. Dazu können wir einiges tun, aber wir können die Erfüllung dieser Sehnsucht nicht alleine bewirken. Auch das ist eine Erfahrung gerade der ungeduldigen Botschafterinnen und Botschafter der Kolpingfamilie Bonn Zentral. Wir können sie feiern in Ritualen der Hoffnung und Freude, aber auch des Klagens und Schreiens. Dann kann diese Sehnsucht in uns zu einer befreienden Unruhe werden. Sie wird uns immer wieder in alltägliche Situationen führen, die im Gegensatz zu den Regeln der reinen Bedürfniswelt stehen und uns ermöglicht, uns nicht aus den leidvollen Konflikten unseres Zusammenlebens zu verabschieden.

Es sind die wachen Augen der Sehnsucht nach Gott, die uns am Leiden der Anderen immer wieder leiden lassen. Hier entsteht in uns der Aufstand gegen sinnloses und ungerechtes Leiden. Diesen Hunger und Durst nach Gerechtigkeit teilen wir mit Adolph Kolping, dem Gründer des Kolpingwerkes und einem der Väter der Katholischen Soziallehre. Dass wir uns in dieser wachen Sehnsucht gegenseitig bestärken, das ist das adventliche Geschenk, das wir uns mit Gottes Hilfe in den kommenden Wochen der Adventszeit machen können.


Musik dieser Sendung

• CD: Tauet Himmel den Gerechten, Chor der Kirchenmusikschule Regensburg und Instrumentalensemble, Leitung Norbert Schmid, Christophorus Verlag, 1992

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.