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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.08.2012

Höchststrafe für Pussy Riot wäre "ziemlich dumm von Putin"

Musikerin Bernadette La Hengst vor der Urteilsverkündung gegen die Pussy-Riot-Aktivistinnen

Bernadette La Hengst im Gespräch mit Frank Meyer

Moskauer Punkband Pussy Riot während ihrer Aktion in der Erlöser-Kathedrale.
Moskauer Punkband Pussy Riot während ihrer Aktion in der Erlöser-Kathedrale. (picture alliance / dpa)

Die Aussagen der heutigen Feministinnen-Bewegung wie Pussy Riot oder Femen seien politischer als die der Riot-Girl-Bewegung der 90er, sagt die Musikerin Bernadette La Hangst. Mit rein frauenpolitischen Themen "würde sich wahrscheinlich keiner drum scheren".

Frank Meyer: "Heilige Maria, vertreibe Putin", das Pussy-Riot-Gebet, das drei Frauen dieser Band die Verhaftung und den Prozess eingebracht hat, der morgen wahrscheinlich mit der Urteilsverkündung zu Ende gehen wird. Die Auftritte der russischen Aktionsgruppe Pussy Riot, die erinnern an die Riot-Girls-Bewegung der 90er-Jahre, an den feministischen Popprotest dieser Zeit - so heißt es jedenfalls immer. Die deutsche Musikerin Bernadette La Hengst kommt selbst aus dieser Bewegung, sie hat die Band Die Braut haut aufs Auge ...

Bernadette La Hengst: Nein, ins Auge! Ganz wichtig!

Meyer: Die Braut haut ins Auge mit gegründet, und bis heute ist sie aktiv bei feministisch-künstlerischen Projekten, jetzt hier im Studio. Herzlich willkommen erst mal!

La Hengst: Ja, danke schön, hallo!

Meyer: Wenn Sie an diese Urteilsverkündung denken morgen in Moskau, was geht Ihnen da durch den Kopf dabei?

La Hengst: Also ich bin natürlich stocksauer, es ist eine totale Frechheit, was da passiert, und ich glaube aber ehrlich gesagt, dass es nicht so hart ausgehen wird, wie wir jetzt befürchten, weil das wäre ziemlich dumm von Putin.

Meyer: Drei Jahre sind ja jetzt gefordert von der Staatsanwaltschaft.

La Hengst: Genau. Und er hat ja sogar schon öffentlich gesagt, dass das Urteil nicht zu hart ausfallen soll, also es wird ja überall auch vermutet, dass quasi er das Ende des Prozesses entscheidet. Und es ist jetzt so dermaßen durch die Welt gegangen und durch die Medien, dass ich glaube, es wäre extrem dumm von ihm, da jetzt eine Höchststrafe zu fordern.

Meyer: Wir wollen ja heute ein bisschen schauen mit Ihnen zusammen auf die Hintergründe, die möglichen Hintergründe dessen, was Pussy Riot da tun in Russland. Ist das für Sie auch so, dass Sie diese Gruppe praktisch als Nachfolgerin sehen oder in der Tradition sehen dieser Riot-Girls-Bewegung der 90er-Jahre?

La Hengst: Es ist halt schwierig zu sagen. Also wenn ich es mir musikalisch anhöre, natürlich schon irgendwie, also ich meine, es ist in der Tradition von Punkrock und dann auch wieder gebrochener Punkrock, also da sind jetzt Gesangselemente drin, die waren so irgendwie in den 70er-Jahren nicht zu hören, aber vielleicht Anfang der 90er gab es da schon so Postpunkeinflüsse. Na ja, dann die Kostümierung und die Attitüde, ganz klar, also Do it yourself! und Selbstermächtigung.

Meyer: Kostümierungen sind zum Beispiel diese Strickmasken auf dem Kopf.

La Hengst: Genau, Strickmasken, obwohl die natürlich durch eher die Zapatisten irgendwie inspiriert sind, wo es ja auch darum geht, nicht ein hierarchisches Bandsystem zu zeigen, hier ist der Bandchef und da sind die Backgroundmusiker, sondern wir sind eine große Bewegung, und jeder, der sich so eine Maske aufsetzt, kann quasi Teil der Pussy-Riot-Bewegung werden - so das ist die Idee davon. Und das überschneidet sich auch mit den Anfängen der Riot-Girl-Bewegung in Amerika, wo es auch darum ging, in unhierarchischen Strukturen und Netzwerken Musik zu machen, Fan Scenes zu gründen, Festivals zu organisieren und so weiter. Und insofern hat das schon natürlich einen Ursprung in dieser Riot-Girl-Bewegung, aber nicht nur.

Meyer: Es gibt ja auch in der Ukraine diese Femen-Gruppe, die oft halb entblößt auftreten, mit nackten Brüsten - gehören die für Sie auch in diesen Kontext?

La Hengst: Absolut - nur jetzt, da kommen wir halt zu dem feinen Unterschied: Was auffällig ist, ist, dass ja sowohl die Femen-Aktivistinnen als auch Pussy Riot als Bandkollektiv ja nicht nur feministische Themen nach außen tragen, also vielleicht auch ist es ein Teil davon, also von den Femen-Aktivistinnen auf jeden Fall, und sie benutzen natürlich auf eine Art ihre Weiblichkeit als Waffe und bei den Femen-Aktivistinnen ihren nackten Körper als Waffe, um damit zu provozieren und mehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, aber letztlich, die Grundaussagen sind allgemein politischer, die sind Gender-übergreifend.

Und das finde ich sehr auffällig jetzt bei Pussy Riot, dass man da ... dass es gar nicht darum geht, die Stellung der Frau in Russland darzustellen, sondern tatsächlich Putin vom Thron zu stürzen und eine ganz klare, große politische Aussage zu treffen. Und deswegen tut es ja auch so weh. Wenn Sie nur frauenpolitische Themen aufs Tablett bringen würden, dann würde sich wahrscheinlich keiner drum scheren.

Meyer: Ist das auch der große Unterschied zur Riot-Girl-Bewegung der 90er-Jahre, weil die mehr auf feministische Themen orientiert war?

La Hengst: Ja, glaube ich auch. Ich meine, obwohl natürlich ging das bei Riot-Girl-Bewegung und bei Feministinnen allgemein geht's auch immer um mehr, es geht natürlich immer um das Eingebundensein in eine kapitalistische Gesellschaft, nur in dieser Gesellschaft - nach Meinung der meisten Feministinnen - gibt es überhaupt diese Hierarchie zwischen den Geschlechtern. Aber dennoch haben die Frauen Anfang der 90er noch mehr für so eine Art eigenen Freiraum gekämpft, also abseits der hierarchischen männlichen Strukturen, gerade in der Popindustrie - ging mir auch damals so.

Wir haben ja ... mit Die Braut haut ins Auge standen wir auch allein auf weiter Flur, es gab außer uns eine Handvoll Frauenbands, vielleicht die Einzigen, die man außer uns noch kannte, waren die Lassie Singers aus Berlin. Aber es war halt so, dass die meisten Frauen damals sich so extrem auch abgekapselt haben von der männlichen Musikszene, dass sie dadurch nicht die Popularität bekommen haben, die Männer bekommen haben, mit den gleichen Themen vielleicht - antikapitalistisch, also anarchistisch und einen eigenen Ausdruck zu suchen. Und ja, dadurch wurden sie nicht so extrem wahrgenommen. Und Pussy Riot machen das anders, machen das klüger, finde ich.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, Bernadette La Hengst ist bei uns. Wir reden über die Riot Girls, die Geschichte dieser Bewegung und über die russische Pussy-Riot-Gruppe. Wenn man sich mal vorstellt, wir haben ja ganz viel Solidarität jetzt im Westen bis hinauf in die Politik für Pussy Riot, wenn man sich aber vorstellt, dass so eine Aktion, wie sie da in Moskau gelaufen ist, bei uns stattfinden würde, also wenn man sich mal ausmalt, der Kölner Dom wird gestürmt von so einer Frauenpunkband und vor den Augen von Kardinal Meissner wird da vor dem Altar gespielt, was meinen Sie, was dann passieren würde?

La Hengst: Na ja, es gab ja jetzt so ein paar Artikel in deutschen Feuilletons von irgendwelchen Philosophen, ich kannte den gar nicht, zwei verschiedene Artikel waren da, wo gefordert wurde, dass auch hier in Deutschland härtere Strafen gegen Religionskritiker ausgeübt werden sollten - also fand ich jetzt schon sehr, sehr fragwürdig.

Es hat natürlich auch was damit zu tun, dass man jetzt anfängt zu vergleichen, wie ist das in der russisch-orthodoxen Kirche, gibt es da überhaupt eine ... also die Trennung von Kirche und Staat, wie ist das in der islamischen Welt, da geht es natürlich noch mal ganz anders zu. Dadurch nimmt sich Putin ja auch das Recht raus, sie anzuklagen der Religionsfeindlichkeit oder der Beschmutzung der Religion, weil er sagt, in arabischen Ländern werden die Menschen viel härter bestraft, da wird gleich die Hand abgeschlagen oder sie werden gleich für 20 Jahre in den Knast gesteckt. Und damit rechtfertigt er das ja auch.

Meyer: Es gibt ja oft/auch bei Künstlern ganz viel Solidarität. Wie erklären Sie sich das, warum entzündet das die Künstler bei uns so, warum regt die das so an und so auf und warum gibt es - das gibt es bei Schriftstellern, bei vielen Musikern, es gibt Solidaritätskonzerte - warum schlägt das hier so ein?

La Hengst: Na ja, das ist natürlich die Sehnsucht, dass Pop oder Allgemeinkunst wieder subversiv sein kann und wirklich etwas bedeutet und wirklich irgendwie die Welt verändert. Also ich hab irgendwie das Gefühl, das ist so eine Art auch zeitgeistig insofern, dass auch die arabische Revolution ja auch ganz viele Frauen auf den Straßen waren - fand ich jetzt auch auffällig, das Symbol der selbst gewählten Kopftücher bei den arabischen Frauen und das Symbol der selbst gewählten Strickmasken bei den russischen Frauen. Und man wünscht sich ja, dass die Frauen selbstständig auf die Straße gehen und für ihre Rechte demonstrieren, und dann geht das sogar bei den Pussy Riots weiter, die demonstrieren für alle Rechte.

Meyer: Bei uns gab es ...

La Hengst: Es gibt halt auch so eine Sehnsucht natürlich, wenn jetzt eine Frau wie Madonna sich Pussy Riot auf den Rücken schreibt, die orientiert sich oder die vereinnahmt ja leicht Jugendkulturen, um genau diese Subversivität für sich dann zu benutzen und sich dadurch so eine Street Credibility zu verschaffen. Das ist natürlich auch ein bisschen fragwürdig.

Meyer: Und die Solidaritätsaktion für Pussy Riot bei uns sehen Sie aber nicht als Vereinnahmung?

La Hengst: Also Peaches hat ja jetzt gerade letzte Woche ein Video gedreht in Berlin - ich hab das Video noch nicht gesehen, ich glaube, es ist noch nicht fertig, find ich jetzt ein bisschen schade, wäre ja gut vor der Gerichtsverhandlung -, aber da sind natürlich ganz viele junge Mädchen, die tatsächlich ihre Solidarität zeigen. Und dieses Zeichen der Strickmasken, auf einmal sieht man 500 Mädchen auf der Straße, und jeder weiß sofort, was gemeint ist, also das Symbol hat funktioniert. Und das ist natürlich ein bisschen mehr als nur eine Modeerscheinung.

Meyer: Interessant ist ja an Pussy Riot auch die Form des Protestes, dass es eben keine wie früher üblich seriöse politische Demonstration ist, Transparente hochhalten, Sprechchöre und so weiter, sondern dass es in diese ironische Form hineingeht, ein Punkkonzert, dass da Pop und Politik im Prinzip zusammenkommen. Das ist auch bei Ihnen so, wenn man sich Songs von Ihnen anschaut, die haben oft ein sehr poppiges Outfit und dabei politische Botschaften. Für Sie ist das kein Gegensatz, politischer Inhalt, poppige Verpackung?

La Hengst: Deswegen habe ich vielleicht auch vorhin gesagt, für mich ist das fast zeitgeistig, weil es meinen Zeitgeist trifft - wahrscheinlich nicht den Zeitgeist von allen Leuten, sonst würde es nicht so provozieren. Es ist eh immer meine Methode gewesen, politische Inhalte und gesellschaftliche Beschreibungen und radikale Aussagen in zum Beispiel auch tanzbare Popmusik zu verpacken, dass die Leute über Umwege vielleicht auch erst merken, was ist eigentlich die Grundaussage, und sich auch provoziert fühlen davon, auch nicht alle nur derselben Meinung sind. Also das passiert ja auch sehr leicht durch so eine Vereinnahmung durch Popmusik.

Meyer: Sie haben uns eine Probe davon mitgebracht, von Ihrem neuen Album, "Integrier mich, Baby" heißt das neue Album ...

La Hengst: Genau.

Meyer: ... und "Ich bin drüber weg", den Song haben Sie jetzt für uns dabei. Warum gerade diesen Song?

La Hengst: Den Song habe ich ursprünglich geschrieben für ein Theaterstück, das heißt "Planet der Frauen" im Theater Freiburg, das habe ich vor ein paar Monaten gemacht, und da habe ich mit 30 Frauen zusammen auf der Bühne den Feminismus noch mal neu diskutiert. Die Frauen waren zwischen 90 und 83 (Anm. d. Onlineredaktion: Frau La Hengst meint 19), und da ging es darum, die Vielfalt und nicht den Mangel darzustellen, und ich glaube, das ist uns sehr gut gelungen. Und die Frauen hört man jetzt auch hier im Chor singen, das passt gut zu Pussy Riot.

Meyer: Bernadette La Hengst war bei uns, dank Ihnen sehr für das Gespräch. Wir haben, glaube ich, jetzt einen anderen Song auflegen, kriege ich gerade signalisiert. Also wir hören das Stück und klären dann darüber auf, was wir gerade gehört haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.