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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.07.2009

Hitlers "Mein Kampf" - Soll eine Edition freigegeben werden?

Von Ernst Piper

Die Schutzfrist der Werke Adolf Hitlers läuft im Jahr 2015 ab. (AP-Archiv)
Die Schutzfrist der Werke Adolf Hitlers läuft im Jahr 2015 ab. (AP-Archiv)

Am 31. Dezember 2015 endet nach dem deutschen Urheberrecht die gesetzliche Schutzfrist für die Werke des Autors Adolf Hitler. Danach kann jedermann ohne Erlaubnis die Hasstiraden dieses Menschheitsverbrechers nachdrucken.

Schon heute sind in einer 14-bändigen, sorgfältig kommentierten wissenschaftlichen Ausgabe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte fast alle Schriften Hitlers lieferbar. Nur "Mein Kampf", das mit Abstand bekannteste Werk, fehlt in dieser Ausgabe. Der Grund dafür ist die Angst, eine solche Neuausgabe der fatalen Kampfschrift würde vor allem im Ausland als falsches Signal wahrgenommen.

"Mein Kampf" ist nicht verboten, auch wenn Neonazis das immer wieder behaupten, um die Bundesrepublik als undemokratischen Zensurstaat zu brandmarken. Tatsächlich kann man das Buch antiquarisch kaufen. Von den etwa zehn Millionen Exemplaren, die bis 1945 erschienen, sind noch etliche im Umlauf. Auch bei eBay kann man das Buch für wenige Euros ersteigern. Eine von Christian Zentner kommentierte Auswahl, über deren Qualität man streiten kann, ist seit 35 Jahren lieferbar. Auch eine englische Übersetzung ist erhältlich, neu kostet sie bei Amazon 22 Dollar, gebraucht noch weniger. Und wer gerne am Bildschirm liest, kann "Mein Kampf" ohne große Mühe im Internet finden. Das ist dann allerdings illegal, so wie jeder unautorisierte Download von urheberrechtlich geschütztem Material.

Das einzige, was fehlt, ist das, was nahezu alle Fachleute seit vielen Jahren fordern: eine sorgfältig edierte und mit einem umfassenden Kommentar versehene wissenschaftliche Neuausgabe. Sie wäre nicht nur als Quellentext für das Geschichtsstudium wichtig, denn welcher Text wäre besser geeignet, die Primitivität, Brutalität und Menschenverachtung der nationalsozialistischen Weltanschauung aufzuzeigen als "Mein Kampf".

Aber auch weit über den Bezirk der historischen Forschung hinaus wäre eine solche Ausgabe ein wichtiger Baustein für die politische Bildung und für die Auseinandersetzung mit dem Neonazismus. Schon unser erster Bundespräsident Theodor Heuß hat das betont. Aber der Freistaat Bayern stellt sich quer und er ist Inhaber aller Verlagsrechte des ehemaligen Zentralverlags der NSDAP Franz Eher Nachfahren, wo auch "Mein Kampf" erschienen ist.

Bis heute verhindert die bayerische Staatsregierung eine wissenschaftliche Edition von Hitlers Buch, weil sie jede Neuausgabe strikt untersagt. Sie bedroht sogar Hochschullehrer, die "Mein Kampf" im Unterricht behandeln, bei nicht ausreichender Beachtung dieser Entscheidung mit empfindlichen Strafen.

Die Bayern sollten bald ein Einsehen haben. Es bleiben nur noch sechseinhalb Jahre bis zum Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist für das Werk. Das ist nicht sehr viel Zeit für die Erarbeitung einer überzeugenden wissenschaftliche Edition. Und die sollte unbedingt erscheinen, bevor ab 2016 unkommentierte Nachdrucke auf den Markt drängen.

Noch hat der Freistaat Bayern die Chance, seinem Bildungsauftrag nachzukommen. Und mit dem 1949 gegründeten Institut für Zeitgeschichte hat er das ideale Instrument dafür an der Hand. Das Institut hat sich mit Hitlers "Reden Schriften Anordnungen", den Tagebüchern von Joseph Goebbels und vielen anderen Editionsprojekten große Verdienste erworben. Es wäre gewiss auch in der Lage, eine Edition von "Mein Kampf" vorzulegen, die die Befürchtungen der Gegner einer solchen Neuausgabe widerlegt.


Der Historiker und Publizist Ernst Piper (Foto: Cordula Giese /Copyright: Ernst Piper)Der Historiker und Publizist Ernst Piper (Foto: Cordula Giese /Copyright: Ernst Piper)Ernst Piper, Historiker, 1952 in München geboren. Er hat Geschichte, Philosophie und Germanistik studiert und lebt heute mit seiner Familie in Berlin. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, unter anderem eine "Kurze Geschichte des Nationalsozialismus" (Hamburg 2007). Piper ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam.

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