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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 19.07.2007

Hitlers Kampf gegen die Moderne

Vor 70 Jahren wurde die Münchner Ausstellung "Entartete Kunst" eröffnet

Von Michael Langer

Hitler im Kreise seiner Kunstverantwortlichen: Joseph Goebbels und Leni Riefenstahl. (AP Archiv)
Hitler im Kreise seiner Kunstverantwortlichen: Joseph Goebbels und Leni Riefenstahl. (AP Archiv)

"Entartete Kunst" - das war die Überschrift, unter der die Nazis ihren ideologischen Kampf gegen die künstlerische Avantgarde ihrer Zeit führten. Verfemt waren Werke, die nicht in das sogenannte völkische Weltbild passten. Verfolgt wurden ihre Urheber als missratene Künstler. Am 19. Juli 1937 wurde die zu Propagandazwecken konzipierte Wanderausstellung "Entartete Kunst" in München eröffnet.

"Das ganze Kunst- und Kulturgestotter von Kubisten, Futuristen, Dadaisten u.s.w. ist weder rassisch begründet noch volklich erträglich - es ist höchstens als Ausdruck einer Weltanschauung zu werten, die von sich selbst zugibt, daß die Auflösung aller bestehenden Begriffe, aller Völker und Rassen, ihre Vermischung und Verpanschung, höchstes Ziel ihrer intellektuellen Urheber und ihrer Führergilde ist."

Hitler, der verhinderte Maler aus Braunau, teilte sein Kunstverständnis seinerzeit leider mit Millionen von Deutschen. Alles, was bunt war - Kubismus, Fauvismus oder etwa der Expressionismus -, erregte nicht bloß den "Führer", sondern auch das sogenannte "gesunde Volksempfinden" der empörten Massen.

"Wenn der Nationalsozialismus auf gewissen Lebensgebieten so schnell zu erfolgreichen Resultaten kommen konnte, dann deshalb, weil es verhältnismäßig leicht war, den verschiedenen Kraftströmen im Körper unseres Volkes nachzuspüren, sie zu ordnen und wirksam werden zu lassen."

Kunst hatte allgemein verständlich zu sein, und was Kunst war, bestimmte die Reichskulturkammer unter Vorsitz ihres berüchtigten Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda. Was mit arischem, rassischem, völkischem oder schlicht treudeutschem Weltbild nicht zu vereinbaren war, galt als "entartet" - und wurde verboten.

"Und das muss eindeutig und klar ausgesprochen werden: Nicht nur die politische, sondern auch die kulturelle Entwicklung des Dritten Reiches bestimmen die, die es geschaffen haben."

Seit der "Machtergreifung” der Nazis im Januar 1933 waren - wie alle Lebensbereiche - auch Literatur, Film, Theater und Musik, kurz: sämtliche Schönen Künste, der Gleichschaltung unterworfen und ihre aus der Reihe tanzenden Schöpfer und Interpreten der Verfolgung ausgesetzt. Seit 1933 gab es für deutsche Museen ein Ankaufsverbot von Werken nicht-arischer Künstler, seit 1936 ein generelles Verbot moderner Kunst , und 1937 erreichten Indoktrination und Propaganda einen weiteren Höhepunkt mit der Ausstellung "Entartete Kunst".

Am 30. Juni 1937, dem NS-"Tag der deutschen Kunst" (für dessen Fanfare eine entstellte Dur-Version des Hauptthemas aus Anton Bruckners 3. Symphonie herhalten musste) wurde der Maler und neue Reichskunstkammerpräsident Adolf Ziegler von Goebbels und Hitler ermächtigt, die "im deutschen Reichs-, Länder- und Kommunalbesitz befindlichen Werke deutscher Verfallskunst (sic!) seit 1910 auf dem Gebiete der Malerei und der Bildhauerei zum Zwecke einer Ausstellung auszuwählen und sicherzustellen."

Keine drei Wochen später waren genügend Kunstschätze konfisziert. Am 19. Juli 1937 eröffnete die Ausstellung "Entartete Kunst" im Galeriegebäude der Münchener Hofgarten-Arkaden und präsentierte, neben Zeichnungen und Fotografien von geistig und körperlichen Behinderten ,etwa 600 bis 700 Werke von 112 Künstlern, darunter Arbeiten etwa von Lyonel Feininger, Paul Klee oder Otto Dix. Pathologisierte Kunst und gebrechliche Menschen wurden dem Spott preisgegeben.

"Wie tief die Abneigung des Volkes gegenüber einer durch solche Produkte zugemuteten Bereicherung seiner Kunst ist, mögen alle ersehen aus den Eindrücken, die die Besichtigung der Ausstellung "Entartete Kunst" bei den Beschauern hinterläßt."

Tags zuvor hatte Hitler das Münchner "Haus der Kunst" eröffnet, wo das Volk seine wahre Kunst finden sollte: Darstellungen muskelbepackter Burschen im Gebirglerkleid, Ölschinken stillender Mütter (haben die Mütter die gemalt?), Heroen der Scholle und Helden im Krieg. Ganz in der Nähe in den Hofgarten-Arkaden aber hingen die Barlachs und Beckmanns, die Chagalls und die Kandinskys. Das ist jetzt 70 Jahre her, doch die Folgen jener barbarischen Kulturpolitik wirken bis heute. Insgesamt 16 000 Kunstwerke wurden im Rahmen der Säuberungen deutscher Sammlungen und Galerien beschlagnahmt, verwertet, zerstört oder ins Ausland verkauft. Die Museen und Gerichte, die noch immer mit den entsprechenden Fragen der Restitution (und den Forderungen der Erben) beschäftigt sind, können ein Lied davon singen.

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