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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.06.2013

Historische Tiefenbohrungen

Jan Bürger: "Der Neckar. Eine literarische Reise", C.H. Beck, München 2013, 286 Seiten

Der Neckar bei Heidelberg (picture alliance / dpa Foto: Uwe Gerig)
Der Neckar bei Heidelberg (picture alliance / dpa Foto: Uwe Gerig)

Zwölf Monate ist Jan Bürger entlang des Neckars gereist. Dabei zeigt er eine Vorliebe für noch nicht oft erzählte Geschichten. So ist Heidelberg Schauplatz der seltsamen Begegnung des Dichters Stefan George mit dem Soziologen Max Weber. "Der Neckar" - ein anekdotenreiches Buch, das zu einer literarischen Entdeckungsreise wird.

Der Neckarraum zwischen Heilbronn und Plochingen ist vor allem als Industriegebiet bekannt. Der Fluss, dessen aus dem Keltischen stammender Name "wildes Wasser" bedeutet, ist längst gezähmt, kanalisiert und schiffbar gemacht, so dass von der ursprünglichen Auenlandschaft nur wenig übrig geblieben ist. Zugleich ist der Neckar zwischen den altehrwürdigen Universitätsstädten Tübingen und Heidelberg aber auch ein imposanter Kulturraum. Diesen Neckar hat Jan Bürger, Mitarbeiter im Marbacher Literaturarchiv und also selbst ein Neckaranwohner, mit einer "literarischen Reise" erkundet. Hölderlin, Mörike, Uhland, Lenau oder aus dem 20. Jahrhundert Hilde Domin und Hermann Lenz sind nur einige der Namen, die bei dieser Besichtigung eine wichtige Rolle spielen.

In zwölf Stationen über zwölf Monate - zwischen März 2011 und März 2012 - nähert sich Bürger dem Fluss und seiner Geschichte an. Beginnend mit Wilhelm Waiblingers Freundschaft zu Hölderlin in Tübingen, kommt er allmählich bis zur Mündung in Mannheim voran, um von dort aus an die Quelle bei Schwenningen und schließlich über die von so vielen Dichtern besungene Wurmlinger Kapelle nach Tübingen zurückzukehren. So biegt er den Fluss zum Kreis eines Jahres und setzt schon mit diesem zyklischen Modell der auf Fortschritt und Wachstum getrimmten Industriegeschichte einen anderen Ansatz entgegen. Literaturgeschichte ist schließlich nichts, was zielstrebig in eine Richtung fließt, sondern was immer wieder, und immer wieder neu durchmessen werden sollte.

Deshalb geht Bürger von Ortsbesichtigungen in der Gegenwart mit all ihren zufälligen Begegnungen und Eindrücken aus und treibt von dort aus seine historischen Tiefenbohrungen voran. Dabei stößt er nicht immer gleich auf das Nächstliegende, sondern zeigt eine besondere Vorliebe für noch nicht so oft erzählte Geschichten. Hölderlin etwa wird durch die Brille Mörikes und Waiblingers betrachtet. Die Geschichte der "Deutschen Verlagsanstalt" in Stuttgart wird anhand der kurzen, wenig glücklichen Zusammenarbeit mit Paul Celan eher gestreift als ausgebreitet.

Der Eisenbahntunnel zwischen Besigheim und Lauffen bietet Gelegenheit, die Reisenden Heimito von Doderer und Mark Twain in der Region zu begrüßen. Heidelberg ist Schauplatz der seltsamen Begegnung des Dichters Stefan George mit dem Soziologen Max Weber. Weinsberg ist zwar Ort der Legende der treuen Frauen der "Weibertreu", die ihre Männer auf dem Rücken aus der belagerten Stadt trugen. Doch vor allem ist es der Ort, an dem der gebürtige Ludwigsburger Justinus Kerner als Dichter, Arzt und Spiritist wirkte.

Vielleicht ist Kerner mit diesem Dreiklang aus Wissenschaft, Poesie und Mystizismus und alles grundiert vom reichlichen Genuss des Neckarweines tatsächlich der typische Repräsentant der Region neben Hölderlin, der Jahrzehnte im Wahn in seinen Tübinger Turm verbrachte. Der Figur des gschaftelhuberischen Schwabens als Tüftler wäre dann die des egozentrischen Sonderlings an die Seite zu stellen, der, wie Kerner, seine Besucher einmal stumm auf dem Boden liegend empfing, weil er gerade das Totsein übte und wissen wollte, wie es ist, bewegungslos im Grab zu liegen. Solche Anekdoten bereichern Bürgers Buch und lassen die literarische Reise tatsächlich zu einer Entdeckungsreise werden. Das gilt sogar für die, die den Neckar schon sehr gut kennen.

Besprochen von Jörg Magenau

Jan Bürger: Der Neckar. Eine literarische Reise
C.H. Beck, München 2013
286 Seiten, 19,95 Euro

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