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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.09.2016

Historikerin über TerrorismusTerror braucht die Medien

Carola Dietze im Gespräch mit Ute Welty

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Ein Mann fotografiert am 09.08.2016 in New York eine Rose, die im Denkmal für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 steckt. Am 11.09.2016 jährt sich der Terroranschlag auf das World Trade Center in New York zum 15 Mal.
World Trade Center-Gedenkstätte. Ein Mann fotografiert in New York eine Rose, die im Denkmal für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 steckt. Knapp 3000 Menschen starben in den Trümmern der Zwillingstürme in New York.

Bekennerschreiben, mediale Befeuerung: Alle Kennzeichen von Terrorismus finden sich bereits vor 150 Jahren, erklärt die Historikerin Carola Dietze. Sie nennt fünf "Erfinder“ dieser Form von Gewalt.

Autobombe, Messer, Schusswaffe – auf unterschiedlichste Art und Weise bedrohen Terroristen das Leben anderer Menschen. Allein dieser September zählt mindestens zehn Anschläge weltweit, in New York, Kandahar oder Mombasa.

Aber wie funktioniert Terrorismus genau, was unterscheidet dieses Verbrechen von anderen Verbrechen, und gab es die eine Person, die den ersten terroristischen Anschlag verübt hat?  Mit diesen Fragen hat sich die Historikerin Carola Dietze beschäftigt und sie hat ein Buch darüber geschrieben: "Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858-1866".

Die Terrorismusforscherin kennzeichnete im Deutschlandradio Kultur Terrorismus als Form der Gewalt, die ohne eine Medienöffentlichkeit nicht denkbar wäre.   

"Wobei die politischen Gegner Angst und Schrecken erfahren sollen und die politischen Freunde Sympathie." Entsprechend eng sei Terrorismus mit der Entwicklung von Massenmedien im 19. Jahrhundert verknüpft: "So eng, dass die Grundüberlegung ist, dass es Terrorismus nicht gegeben haben kann, bevor es Massenmedien und eine Massenöffentlichkeit gab."

Bereits vor 150 Jahren zielten Bekennerschreiben oder Interviews der Täter ganz klar auf die Öffentlichkeit und nutzen die entstehende Massenmedien, erlärte die Historikerin am Lehrstuhl für neuere Geschichte der Universität Gießen .

Psychologische Effekte durch mediale Verstärkung

Bereits der Amerikaner John Brown, der von Dietze als einer von fünf "Erfindern" des Terrorismus identifiziert wird, habe versucht, nach seinem Anschlag auf ein Waffenarsenal des US-Heeres im Ort Harpers Ferry im Jahr 1859 ein Bekennerschreiben zu formulieren und sein Anliegen letztlich durch ein Interview verbreiten können. Dieses Anliegen, die Tat einer großen Öffentlichkeit zu erklären, um dort einen bestimmten psychologischen Effekt zu erreichen, wurde dann von Browns Nachfolgern rezipiert und weiterentwickelt. 

Im Falle Browns, der im Kampf gegen die Sklaverei einen Aufstand initiieren wollte, habe die mediale Verstärkung bereits funktioniert: Für die Sympathisanten im Kampf gegen die Sklaverei in den Nordstaaten sei er "tatsächlich ein Heiliger, ein Märtyrer" geworden, in den Südstaaten "ein Dämon." Brown biete damit ein besonders gutes Beispiel für die Polarisierung der öffentlichen Meinung, die Terrorismus erzeugen wolle.

Wie umgehen mit medialer Befeuerung?

Nichtberichterstattung über terroristische Taten, um den Tätern die gewünschte Plattform vorzuenthalten, hält Dietze angesichts neuer Mediennutzung für nicht mehr praktikabel. Eine freiwillige Nachrichtensperre habe zwar bei der Schleyer-Entführung 1977 relativ gut funktioniert, doch "heute, wo jeder mit dem Handy Videos drehen und ins Internet stellen kann, ist das vermutlich nicht mehr machbar," sagte Dietze. Für gelungen hält sie allerdings eine ruhige, überlegte Berichterstattung, wie sie nach dem Attentat in München in der ARD stattgefunden habe: "Ohne die Sache groß aufzubauschen und weiter zu skandalisieren."  

Carola Dietze: Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858-1866
Verlag hamburger Edition, 700 Seiten, 42 Euro


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Autobombe, Messer, Schusswaffe – auf unterschiedlichste Art und Weise bedrohen Terroristen das Leben anderer Menschen. Allein dieser September zählt mindestens zehn Anschläge weltweit, in New York, Kandahar und Mombasa, und jeder erinnert sich wohl, wie und wo er 9/11 erlebt hat oder das Attentat während der Olympischen Spiele in München. Aber wie funktioniert Terrorismus genau, was unterscheidet dieses Verbrechen von anderen Verbrechen, und gab es die eine Person, die den ersten terroristischen Anschlag verübt hat. Mit diesen Fragen hat sich die Historikerin Carola Dietze beschäftigt, die in Gießen lehrt und forscht, und sie hat ein Buch darüber geschrieben: "Die Erfindung des Terrorismus". Guten Morgen, Frau Dietze!

Carola Dietze: Guten Morgen!

Welty: Ich habe den Buchtitel nur zur Hälfte genannt, weil Sie in der zweiten Hälfte des Titels "Die Erfindung des Terrorismus" gleich räumlich und zeitlich einordnen: Es geht um Europa, Russland und die USA, und es geht um die Jahre zwischen 1858 und 1866. Warum ist der Zeitraum so begrenzt, während die Idee von Terrorismus sich offenbar an sehr verschiedenen Orten gleichzeitig niederschlägt?

Dietze: Der Zeitraum ist begrenzt, weil man eigentlich fünf Personen identifizieren kann, die den Terrorismus erfunden haben in einem tatsächlich sehr überschaubaren Zeitraum, weil sie voneinander gelernt haben. Orsini wurde ich als ersten Erfinder des Terrorismus bezeichnen oder von ihm nahm die Taktik den Ausgang, und seine Idee wurde rezipiert in den USA und gelangte von dort dann wieder über die Medien nach Russland und zurück nach Europa.

Welty: Also Felice Orsini haben Sie angesprochen.

Dietze: Das ist richtig.

Welty: Der eigentliche Erfinder des Terrorismus ist für Sie aber John Brown, der 1859 das Waffenarsenal der amerikanischen Armee überfiel, um Sklaven zu bewaffnen und einen Sklavenaufstand zu provozieren. Warum John Brown?

"John Brown ist der erste, der wirklich alle Teile dieser Taktik selbstständig zusammengesetzt hat"

Dietze: John Brown ist der erste, der wirklich alle Teile dieser Taktik selbstständig zusammengesetzt hat. Bei Felice Orsini war es noch so, dass er zwar das spektakuläre Attentat beging, aber im Prinzip Napoleon III., sein Opfer brauchte für die mediale Verbreitung und der Bedeutung und der Aussage, die diese Tat für ihn haben sollte. John Brown ist der erste, der beides übernahm: die Gewalttat auf der einen Seite und dann auch die Verbreitung über die Medien und für die mediale Rezeption sorgte.

Welty: Ab wann gibt es so etwas wie ein Bekennerschreiben?

Dietze: John Brown versuchte schon, ein Bekennerschreiben zu formulieren. Das tat er allerdings nicht selbst, er delegierte das. Die Person, an die er das delegierte, wurde krank, von daher gab es in seinem Fall noch nicht direkt ein Bekennerschreiben …

Welty: Aber er hat es schon versucht.

Dietze: Er hat es schon versucht. Die Funktion dieses Bekennerschreibens übernahm dann ein Interview, eines der ersten Interviews in der Geschichte, das er gab, um seine Tat zu erklären, und das wiederum haben die Nachfolgeattentäter verstanden, dass es wichtig ist, die eigene Botschaft an das Publikum zu vermitteln und haben dann tatsächlich selbstständig Bekennerschreiben geschrieben, und von daher hat man die ersten Bekennerschreiben 1861 von Oskar Becker und dann von John Wilkes Booth und Karakosow in Russland.

Welty: Wenn Sie die Taten und das Verhalten von fünf Tätern analysieren, ergibt sich daraus so etwas wie eine Checkliste, die Terrorismus von eben einem anderen Verbrechen unterscheidet?

"Man kann Terrorismus recht genau definieren als eine Gewalttat, die einen starken symbolischen Gehalt hat"

Dietze: Ja, in der Tat, man kann Terrorismus recht genau definieren als eine Gewalttat, die einen starken symbolischen Gehalt hat und über die Medien an ein Publikum vermittelt werden soll, wobei vor allen Dingen die politischen Gegner Angst und Schrecken erfahren sollen und die politischen Freunde Sympathie erleben sollen.

Welty: Wie eng sind Terrorismus und Medien miteinander verknüpft?

Dietze: Sehr eng. So eng sogar, dass die Grundüberlegung ist, dass es Terrorismus eben nicht gegeben haben kann, bevor es Massenmedien und eine Massenöffentlichkeit gab. Das gilt eigentlich für jedes Beispiel von Terrorismus, aber John Brown ist da sicherlich ein ganz besonders gutes Beispiel: ihm ging es um die Abschaffung der Sklaverei, und er versuchte, in den Nordstatten die Menschen anzusprechen, die ebenfalls für die Abschaffung der Sklaverei kämpften, und für sie wurde er tatsächlich ein Heiliger, ein Märtyrer, während in den Südstaaten, die für den Erhalt der Sklaverei eintraten, er zum Dämon wurde. Also von daher ist er ein besonders gutes Beispiel eigentlich auch für diese Polarisierung der öffentlichen Meinung.

Wie kann man dem Terrorismus den Boden entziehen?

Welty: Heißt das im Umkehrschluss, dass man dem Terrorismus den Boden entziehen könnte, wenn man nicht mehr über ihn berichtet?

Dietze: Das hat man versucht, auch mit relativem Erfolg: Helmut Schmidt darum gebeten, damals bei der Schleyer-Entführung, eine quasi freiwillige Nachrichtensperre zu verhängen, und das hat relativ gut auch geklappt. Heute, wo jeder eigentlich mit dem Handy Videos drehen und ins Internet stellen kann bei YouTube oder anderen Foren, ist das vermutlich nicht mehr machbar. Von daher muss man sich, glaube ich, von der Idee verabschieden, dass man gegen Terrorismus kämpfen kann, indem man nicht darüber berichtet.

Welty: Die Historikerin Carola Dietze über die Erfindung des Terrorismus. Ich danke für dieses Gespräch, das wir aufgezeichnet haben!

Dietze: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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