Freitag, 27. Februar 2015MEZ12:40 Uhr

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsKritiker ohne Gnade
Der Literaturkritiker Fritz J. Raddatz wurde 83 Jahre alt (imago stock&people)

Ein "Dandy", der "Verdammungsurteile" aussprechen konnte: Mit einer Offenheit, wie man sie selten in Nachrufen lesen kann, gedenken die Feuilletons dem verstorbenen Verleger und Literaturkritiker Fritz J. Raddatz.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

MuseenMehr Multikulti, bitte!
Werke des Malers Paul Klee stehen am 21.11.2003 im Sprengelmuseum Hannover. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Themen wie Migration und kulturelle Vielfalt kommen nach Ansicht des Deutschen Museumsbunds (DMB) in der Arbeit vieler Museen zu kurz. Das DMB-Projekt "Kulturelle Vielfalt" hat zum Ziel, mehr Migranten in Ausstellungen locken – und nebenbei die Sammlungspolitik revolutionieren.Mehr

weitere Beiträge

Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.07.2006

Historiker Plöckinger: Hitlers "Mein Kampf" hatte viele Leser

Moderation: Gabi Wuttke

Adolf Hitler im Jahr 1937 (AP-Archiv)
Adolf Hitler im Jahr 1937 (AP-Archiv)

In Historikerkreisen herrschte lange die Überzeugung, dass Hitlers "Mein Kampf" nur wenige Menschen tatsächlich gelesen hatten. Dem entgegnet der Historiker Othmar Plöckinger, dass das Buch nach den ersten Wahlsiegen der Nationalsozialisten auf "breiterer Basis" diskutiert worden sei als gerade in der ersten Zeit nach dem Erscheinen.

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Gespräch mit Othmar Plöckinger:

Gabi Wuttke: Wer hat "Mein Kampf" nachweisbar seit dem Erscheinungsjahr '25 bis zur Machtübernahme gelesen?

Othmar Plöckinger: Nachweisbar ist es in vielen Bereichen. Die ersten intensiven Reaktionen kamen natürlich von ideologisch sehr nahe stehenden, aber trotzdem Gegnern Hitlers aus dem rechten völkischen Lager. Dort wurde das Buch als Angriff auf die traditionelle völkische Weltanschauung empfunden, aber auch Gegner vor allem im jüdischen Bereich, die jüdischen Abwehrblätter, auch der Zentralverein hat sich in den ersten Jahren sehr intensiv mit dem Buch beschäftigt.

Wuttke: Wer befasste sich denn genau entweder gefällig oder kritisch, vielleicht auch satirisch mit "Mein Kampf"?

Plöckinger: Ja, es lässt sich nachweisen, dass etwa die Kreise um Ludendorf, also der ehemalige Kampfgefährte Hitlers, mit dem er sich nach '25 ja entzweit hat, sehr kräftig gegen das Buch gearbeitet haben, es in öffentlichen Veranstaltungen heruntergemacht haben, es in Kritiken, Besprechungen sehr massiv verrissen haben, es als Unsinn, als Dummheit beschrieben haben. Das lässt sich sehr intensiv belegen. Es hat auch Satire gegeben. Der Simplicismus in München hat sich satirisch in München beschäftigt. (…)

Wuttke: Lassen sich daraus Schlussfolgerungen ziehen, inwieweit besonders das bürgerliche Lager schon ab '25 über den Mann Adolf Hitler und seine politischen Visionen diskutierte, um später unter Umständen doch zu sagen: Wir haben von nichts gewusst.

Plöckinger: Also, ich würde hier differenzieren. Die erste Zeit nach dem Erscheinen des Buches war ein kurzes Auflodern. Hitler hatte noch den gewissen Exoten-Bonus, wenn man so will. Nach dem gescheiterten Putsch, nach seinem Prozess hat man sich noch interessiert. Die Jahre danach sind natürlich etwas abgeflaut - bis zu den ersten Wahlsiegen '29, '30. Dann ist das Buch wieder erneut in Diskussionen geraten und dann auf wesentlich breiterer Basis.


Das vollständige Gespräch mit Othmar Plöckinger können Sie für begrenzte Zeit in unserem Audio-on-Demand-Angebot hören.