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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.08.2009

Historiker: Horst Wessel als "Marke" der NSDAP

Ein Buch erzählt vom Nazikult und seinen Nachwirkungen

Daniel Siemens im Gespräch mit Frank Meyer

Siemens: Horst Wessel als Folie, mit der man ein ritualisiertes Gedenken betrieb.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Siemens: Horst Wessel als Folie, mit der man ein ritualisiertes Gedenken betrieb. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Daniel Siemens hat mit "Horst Wessel: Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten" ein Buch über den von den Nazis als Märtyrer aufgebauten Pfarrerssohn geschrieben. Der Historiker hat dafür neues Material recherchiert.

Frank Meyer: "Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen", so beginnt das Lied, das Horst Wessel für die SA geschrieben hat. Die Nationalsozialisten haben das Horst-Wessel-Lied zuerst zur offiziellen Hymne der NSDAP gemacht und ab 1933 zur zweiten Nationalhymne. Horst Wessel selbst wurde im Dritten Reich kultisch verehrt. Dieser Kult wird bis heute von deutschen Rechtsextremen weiter betrieben. Mit dem Horst-Wessel-Kult und der Figur Horst Wessel selbst setzt sich ein neues Buch des Historikers Daniel Siemens auseinander, und der ist jetzt hier bei uns im Studio. Herr Siemens – Horst Wessel ist 1930 gestorben an den Folgen einer Schussverletzung, und dazu gibt es nun ganz verschiedene Darstellungen. Kommunistische Zeitungen haben damals geschrieben, der Zuhälter Horst Wessel sei bei einer Auseinandersetzung im Milieu angeschossen worden, und die Nationalsozialisten auf der anderen Seite haben behauptet, Wessel sei als aktivster SA-Mann in Berlin sozusagen planmäßig von den Kommunisten ermordet worden. Warum wurde denn tatsächlich auf Horst Wessel geschossen?

Daniel Siemens: Tja, wenn man das wüsste. Beide Versionen, die Sie genannt haben, die gibt es sozusagen seit diesem Überfall, gleich am nächsten Tag wurden die verbreitet und weitertransportiert bis heute. Und obwohl ich es also geschafft habe, die Original-Ermittlungsakten von 1930 einzusehen, würde ich auch sozusagen mir nicht ein absolutes Urteil anmaßen, aber es ist relativ klar, dass das auch keine Gegensätze sind, so wie man meinen könnte, sondern der Haupttäter ist eben sowohl Kommunist als auch ein Zuhälter und kann durchaus mehrere Motive gehabt haben, die dann letztendlich zu diesem tödlichen Schuss geführt haben.

Meyer: Und wenn wir uns die Rolle, die Horst Wessel damals tatsächlich in der Berliner SA gespielt hat, genauer anschauen: Was für eine Rolle war das?

Siemens: Er war nicht sehr bedeutend in dieser Zeit, aber die ganze Partei war noch relativ unbedeutend. Erst 1930, im Herbst, hat sie den ersten großen Wahlerfolg und wird dann auch reichsweit populär. Vorher ist das eine ziemlich esoterische Splittergruppierung und insofern sind auch sehr wenig Zeugnisse von diesem Wessel eigentlich auch nur überliefert. Es ist allerdings so, dass er nicht ganz unbedeutend auch ist und offensichtlich im Jahr 1929 als sehr aktiver Redner von sich reden macht und man wird annehmen können, dass er in Kreisen sozusagen der NSDAP in Berlin und Brandenburg auch relativ bekannt ist. Man kennt vielleicht den Namen, aber die Person weiter ist nicht bedeutend und wird dann sozusagen erst später in diesem Kult groß herausgestellt.

Meyer: Ein Zeugnis von Horst Wessel haben Sie wieder aufgetrieben, nämlich eine politische Autobiografie, die er geschrieben hat, die bis heute überraschenderweise noch nicht wirklich ausgewertet war von Historikern. Das haben Sie jetzt getan als Erster. Versteht man denn durch dieses Dokument, warum dieser Pfarrerssohn Horst Wessel, in Bielefeld geboren, wie der zu seiner nationalsozialistischen Gesinnung kam?

Siemens: Das kann man ziemlich gut nachvollziehen, obwohl man natürlich sich auch davor hüten muss, sozusagen diese Selbststilisierung, die Wessel in seiner Autobiografie vornimmt, eins zu eins für bare Münze zu nehmen. Aber es ist schon deutlich, dass der Erste Weltkrieg, die Prägung in der Schule, im Elternhaus und dann auch eine Vorgeschichte in rechtsradikalen Jugendbünden, die ihn dann letztendlich zu den Nazis führen, dass die sozusagen für die Formung eines Weltbildes – und er ist ja noch sehr jung, mit 22 gestorben – eine sehr entscheidende Rolle spielen und dass er eigentlich die ganze Zeit über in einem sehr nationalen Milieu sich bewegt und die Radikalisierung dieses Milieus im Verlauf der 20er-Jahre auch mitmacht.

Meyer: Nach dem Tod von Horst Wessel nun, im Februar 1930 – wann begann da diese Stilisierung zum Märtyrer der nationalsozialistischen Bewegung?

Siemens: Die beginnt streng genommen eigentlich schon, als er noch lebt. Also, nachdem er angeschossen wurde, ist er noch ungefähr fünf Wochen schwer verletzt im Krankenhaus in Friedrichshain, und für Goebbels ist sofort klar: Das könnte sozusagen meine Märtyrerfigur werden, die Goebbels schon lange gesucht hat, jemand, der paradigmatisch das Schicksal der Bewegung verkörpern soll, ein jugendlicher Held. Insofern ist das sofort da und der Beerdigungszug am 1. März 1930 wird dann auch gleich zu einer Wahlkampfkundgebung, Parteiveranstaltung genutzt.

Meyer: Und in welche Richtung wurde dieser Kult getrieben um Horst Wessel? Was wollten die Nationalsozialisten mobilisieren mit dieser Figur?

Siemens: Na ja, sie haben erst mal darauf gezielt natürlich – Wessel war letztendlich ein Bürgerlicher –, in dieses Milieu auch reinzugreifen, sich als respektable Kraft im nationalen Lager darzustellen. Da ging das über die Figur Horst Wessel ganz gut. Dann war er natürlich sehr jung, es war ein Akademiker, also auch jemand, der einige Semester an der Berliner Universität studiert hatte und der auch in seiner politischen Autobiografie sich selbst zu einem sehr typischen Vertreter des jungen Nationalsozialisten stilisiert hat. Und der Kult lief dann eigentlich auch so, dass Wessel als besonders einsatzkräftig, fähig, strategisch begabt und auch mutiger, junger Nationalsozialist aufgebaut wurde, nach seinem Tod allerdings. Und ihm wurde besonders von den Nationalsozialisten hoch angerechnet, dass er eben in die klassischen Arbeiterviertel gegangen ist, um dort für den Nationalsozialismus zu werben, und das war ja auch ein Milieu, was die Nazis sich recht mühsam erst erschließen mussten.

Meyer: Er wurde auch als Arbeiter stilisiert, obwohl er das nie war, von den Nationalsozialisten.

Siemens: Genau, die Parteipropaganda behauptet, dass dieser Wessel nach seinem Studienabbruch dann unter die Arbeiter gegangen sei und dort also gepredigt habe für seine neue Weltanschauung. Das würde ich aber ins Reich der Legenden verweisen, aber nichtsdestotrotz hat das sozusagen im Kult dann eine wichtige Rolle gespielt.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir sprechen über die kultische Verehrung von Horst Wessel im Nationalsozialismus mit dem Historiker Daniel Siemens, der ein Buch über Horst Wessel und den Kult um ihn geschrieben hat. Interessanterweise gibt es in Ihrem Buch auch eine Passage, in der Sie schreiben, es hätte nicht nur diese von oben verordnete Horst-Wessel-Verehrung gegeben, sondern auch eine gewissermaßen volkstümliche Horst-Wessel-Bewegung. Woran hat die sich gezeigt?

Siemens: Na, das hat sich gezeigt, dass es sich irgendwie verselbstständigt hat und diese Figur natürlich auch über das Lied, das Horst-Wessel-Lied, immer als Name präsent war. Es gab eine Reihe von Kinderbüchern, die also für verschiedene Altersklassen das Thema aufbereitet haben, und offensichtlich wurde dieser Mythos – obwohl er eben sehr konstruiert war einerseits – sehr gut angenommen von Teilen der Bevölkerung und man hat dann in diese Figur Dinge hineinprojiziert, die im Propagandaministerium argwöhnisch betrachtet wurden. Hinzu kam, dass es recht bald Streit gab zwischen einerseits Goebbels und der NSDAP und andererseits der Familie Wessel. Es war vor allem die Mutter und die Schwester, die noch lebten, und das war dann auch für den Fortgang nicht besonders hilfreich.

Meyer: Wenn Sie sagen, in diesen Mythos Horst Wessel wurden Ideen von der Bevölkerung hineinprojiziert – was für Ideen waren das?

Siemens: Ja, das ist im Einzelfall schwer zu sagen. Ich habe ein ganz absurdes Beispiel eigentlich, wie er als Fruchtbarkeitsgott verehrt wird und irgendwelche BDM-Mädchen ihn also anrufen, damit er sie zu guten Müttern machen werde. Das sind natürlich sozusagen irgendwie skurrile Fälle, aber da mischen sich dann ältere Mythen von Heldentum, von jugendlicher Kraft, die nicht unbedingt Nationalsozialisten gelegen waren, denn Wessel war so was wie eine Marke, also eine NS-Marke, und die Partei hat auch sehr stark darauf geachtet, dass mit dieser Person und mit dem Kult, dass sie sozusagen stets die Oberhoheit hatte und hatte auch ja fast eine sakrale Bedeutung.

Meyer: Und trotz dieser Bedeutung, schreiben Sie, gab es einen Höhepunkt dieser Horst-Wessel-Verehrung, 1933/'34, also sehr früh in der Nazizeit, und danach ging die Verehrung doch deutlich zurück. Woran lag das?

Siemens: Einerseits zu dem schon von mir angesprochenen Streit mit der Familie, da ging es auch um, wer eigentlich die Rechte an diesem Lied halt und letztendlich um Geld. Aber es spielt natürlich auch eine Rolle, dass Horst Wessel eine Heldengestalt der sogenannten Kampfzeit ist, also der Zeit vor 1933, wird verbunden mit Straßenkampf, mit körperlichen Auseinandersetzungen. Das ist natürlich wenig respektabel, wenn man dann erst mal an die Macht gekommen ist. Andererseits konnte man den Kult auch nicht einfach beerdigen, denn erstens lief er ganz gut, zweitens war das Lied da. Und auch sozusagen nach dem sogenannten Röhm-Putsch '34, wo die SA an Bedeutung massiv verlor, war dieses Lied ja da, und man musste also irgendwie dann damit weiter umgehen. Und das führte dazu, dass man sehr schnell abstrahierte von der realen Person Horst Wessel, die auch im Übrigen nie sehr bedeutend gewesen war, und dann sehr schnell, ja, so eine Folie einfach nur hatte und dann damit ein recht ritualisiertes Gedenken betrieb.

Meyer: Wenn man sich heute umschaut, wer verehrt eigentlich heute Horst Wessel, dann ist man relativ rasch bei den jungen Nationaldemokraten der Jugendorganisation der NPD. Da findet man Berichte, wie nach Märschen abends am Lagerfeuer dann der Mythos Horst Wessel beschworen wird. Was denken Sie, warum interessieren sich heute junge Rechtsextreme gerade für diese Figur?

Siemens: Zum einen ist Horst Wessel gut geeignet, weil er 1930 schon tot ist und für alle Verbrechen des Nationalsozialismus nicht mehr so richtig haftbar gemacht werden kann. Und dann hat er selbst sein Leben und seinen politischen Einsatz für die NSDAP auch als fast jugendlichen Kampf oder sozusagen einen Erlebnishunger gehabt, und das ist natürlich was, mit dem man heute auch junge Leute ködern kann. Außerdem entspricht es, glaube ich, auch der Selbstwahrnehmung der Rechtsextremen heute, die sich also von den Massenmedien und von der Gesellschaft marginalisiert sehen und da werden dann Parallelen hergestellt zu den späten 20er-Jahren, wo es der NSDAP eben ähnlich ergangen sei und man schöpft natürlich auch Hoffnung daraus, dass man wieder einmal sozusagen bedeutender werden könnte.

Meyer: Neben dieser politischen Dimension hat ja der ganze Fall Horst Wessel, er war einfach auch ein Kriminalfall, natürlich eng verbunden mit der politischen Geschichte. Die Nazis haben diesen Fall auch ausgiebig propagandistisch genutzt. Wie ist man eigentlich in der Nachkriegsgeschichte umgegangen mit den Unrechtsurteilen, die die Nazis im Zusammenhang mit diesem Fall gefällt haben?

Siemens: Der erste Prozess wegen dieser Tötung Wessels fand im September 1930 statt, noch in der Weimarer Republik, der endete relativ unspektakulär mit langjährigen Haftstrafen gegen die Haupttäter wegen Totschlags. Und das war den Nazis deutlich zu niedrig, das Strafmaß, und sie haben dann ab 1933, als sie die politische Macht haben, erst versucht, einen neuen Prozess gegen die bereits Verurteilten in Gang zu setzen, das hat nicht geklappt, und dann hat man die Haupttäter auf andere Weise ums Leben gebracht, liquidiert. Und gleichzeitig wollte man aber einen Schauprozess führen und hat dann gegen Leute, die vielleicht beteiligt waren, vielleicht aber auch überhaupt nicht, noch einen zweiten Prozess geführt 1934. Der endete mit zwei Todesurteilen. Die wurden 1935 auch vollstreckt. Der ganze Komplex Horst Wessel war ab 1945 natürlich sehr stark tabuisiert, weil auch über das Lied sozusagen immer sofort der Bezug zum Nationalsozialismus da war und auch alle weiteren Verbrechen im Umfeld dieses Kultes, die begangen wurden aus Rache für Wessel, da wurde zwar ermittelt in manchen Fällen, aber es ist nie irgendwie einer der Täter auch bestraft worden.

Meyer: Gab es irgendwann später eine Art von Genugtuung für die Opfer dieser Schauprozesse?

Siemens: Nein, also, es waren insgesamt drei Verurteilte. Zwei waren dann sehr schnell tot, einer hat überlebt, hat zehn Jahre Haft, glaube ich, bekommen und dann ist er in den 60er-Jahren gestorben. Für die, zeitlebens, hat sich natürlich nichts mehr getan. Ich habe jetzt, als ich mich sehr intensiv mit der Geschichte beschäftigt habe, versucht, ein neues Gesetz zu nutzen, das sogenannte NS-Aufhebungsgesetz von 1998 und habe sozusagen einen Antrag an die Staatsanwaltschaft hier in Berlin gestellt, dieses Urteil von 1934 aufzuheben. Dem ist jetzt Anfang des Jahres 2009 auch stattgegeben worden, aber das ist natürlich für die real Beteiligten ohne Wert, aber vielleicht die Nachkommen, für die politisch Interessierten, natürlich eine irgendwie symbolpolitische Bedeutung ist schon da und es zeigt eben auch, dass die Kontinuität zwischen NS-Justiz und der heutigen Strafjustiz nicht gegeben ist beziehungsweise dass sich da auch Veränderungen gegeben haben.

Meyer: "Horst Wessel: Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten", so heißt das Buch von Daniel Siemes. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Siemens: Danke auch!

Meyer: Das Buch ist im Siedler Verlag erschienen, hat 350 Seiten und kostet 19,95 Euro.

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