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Lesart | Beitrag vom 23.02.2016

Historiker beim FechtkampfDie schneidende Kraft des Wortes

Von Volkart Wildermuth

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Historische Nachstellung: Demonstration eines Fechtkampfs in Chemnitz. (Deutschlandradio / Volkart Wildermuth)
Historische Nachstellung: Demonstration eines Fechtkampfs in Chemnitz. (Deutschlandradio / Volkart Wildermuth)

Die reich illustrierten Fechtbücher aus dem Mittelalter sind Anleitungen für den Kampf auf Leben und Tod. Diese Bücher nur ästhetisch zu würdigen, greift zu kurz. Auf einer Tagung in Chemnitz haben Historiker selbst das Schwert in die Hand genommen.

Nach der Theorie folgt die Praxis: Erst wurde gelesen, jetzt wird nachgefochten. Und zwar die Fechtszenen in kostbaren Handschriften aus dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit. Auch der Germanist Thore Wilkens von der TU Chemnitz ist dabei.

"Diese Bücher sehen in den meisten Fällen sehr edel aus, also die Zeichnungen hier sind zum Beispiel von Lucas Cranach; da haben sie wirklich Geld in der Hand, sage ich mal. Und gerade wenn sie die Prunkhandschriften von Paulus Hector Mair sehen, die in Dresden liegen: Die Farben leuchten, da ist mit Goldstaub gemalt worden und ähnlichem. Das ist unbeschreiblich. Das ist eins sehr schönes und erhebendes Gefühl."

Diese Pracht hatte Fechtmeister Mair allerdings mit unterschlagenem Geld aus der Stadtkasse Augsburg finanziert. 1579 wurde er deshalb als Dieb gehängt. Seine Darstellung der Kampftechniken ist äußerst akkurat.

"Es ist faszinierend zu sehen, dass diese Bilder unglaublich präzise gezeichnet sind, teilweise bis auf die Daumenhaltung."

Das findet man aber nur heraus, wenn man die Fechtbücher nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Arm liest. Oder wie der Fechtmeister Joachim Meyer 1600 schrieb: "Diese ritterliche Kunst wird mit der Faust ergriffen." Die praktische Interpretation der historischen Werke führt zu einem ganz eigenen Kampfstil, der wenig mit dem Hau Drauf in Mittelalterfilmen zu tun hat.

Ein Band aus Stahl

"Das sind Schaukämpfe, das sind Filmkämpfe, die müssen einer Dramaturgie folgen. Wenn sie einen tatsächlichen realistischen Kampf darstellen wollen, dauert der Kampf ungefähr 30 Sekunden, maximal."

In Chemnitz demonstriert Germanist Thore Wilkens den Kampf mit dem Schwert zusammen mit dem Arabisten Cornelius Berthold. Der sucht mit seinem Schwert ständig den Kontakt zur Waffe seines Gegners. Über dieses Band aus Stahl kommunizieren die Kämpfer. In der Fechthalle verzichtet Berthold dabei sogar auf die Schutzkleidung.

"Um dieses Gefahrenbewusstsein zu bekommen, um zu merken, ok, ich bewege mich plötzlich sehr viel besser oder mehr von der gegnerischen Waffe weg, wenn ich keine Maske dazwischen hab, um halt irgendwie endgültig zu verstehen, wie diese Techniken funktionieren, die da niedergeschrieben sind."

Ein Mönch erklärt den Kampf

Das älteste erhaltene Fechtbuch wurde um das Jahr 1300 verfasst. In kurzen Texten und vielen Bildern demonstriert der Mönch Luitger den Kampf mit Schwert und Buckler, einem kleinen Faustschild. Seine Gegner sind andere Mönche und manchmal auch eine Frau namens Walpurgis. Die Bewegungsfolgen werden Bild für Bild dargestellt, fast wie bei einem Comic.

Die Zeichnungen wirken dabei harmlos. Erst bei der praktischen Umsetzung zeige sich, so Thore Wilkens, wie effektiv dieses historische Kampfsystem wirklich ist.

"Wenn Sie zwei Leute zum Beispiel sehen, die sich so schnell beharken, dass Sie kaum noch die Klingen sehen können, sondern nur noch Stahlschemen, die aufeinander knallen, dann bekommen Sie mit einem mal eine realistische Einschätzung davon, wie so ein mittelalterlicher Kampf ausgesehen haben könnte. Und auch erst dann können Sie meiner Auffassung nach verstehen, was die Leistung dieser Texte ist."

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