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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.07.2015

Hiroshima und NagasakiAls die Atombomben fielen, lag Japan schon am Boden

Klaus Scherer im Gespräch mit Nana Brink

Eine Luftaufnahme (schwarz-weiß) vom 6. August 1945 zeigt einen Atompilz über Hiroshima. (picture-alliance/ dpa- HIROSHIMA PEACE MEMORIAL MUSEUM)
Atombomben-Angriff auf Japan (im Bild der Abwurf auf Hiroshima am 6. August 1945): Strategisch nicht notwendig und moralisch verwerflich (picture-alliance/ dpa- HIROSHIMA PEACE MEMORIAL MUSEUM)

Am 6. und 9. August jähren sich die Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zum 70. Mal. Nach offizieller amerikanischer Lesart waren der Einsatz der Bomben nötig, um den Krieg gegen Japan zu beenden. Der Journalist Klaus Scherer widerspricht.

Unmittelbar nach Kriegsende hätten hohe US-Militärs darüber geklagt, dass die Atombomben strategisch nicht notwendig und moralisch nicht gerechtfertigt gewesen seien, sagte der ARD-Reporter Klaus Scherer im Deutschlandradio Kultur. In der Wochenschau hieß es 1945, dass Japan "am Boden" gewesen sei, und zwar "lange bevor die Atombomben fielen". "Ein Jahr danach, in der gleichen Wochenschau, dann die gegenteilige These: Das Land war hochgerüstet, kampfentschlossen, die erste Bombe brachte es zum Nachdenken, die zweite zur Kapitulation. Das war die verklärte Variante, mit der man sich wohler fühlte."

Scherer hat über die Atombombe auf Nagasaki einen Film gedreht und seine Recherchen zudem in einem Buch festgehalten. "Mein Ursprungsfrage war: Warum gab es eigentlich eine zweite Bombe, hätte nicht eine gereicht?" Die Antwort habe sich schnell ergeben, so Scherer: "Es gab zwei, weil es zwei Rohstoffe dafür gab, Uran und Plutonium. Deswegen sollten auch beide fallen. Aber nötig waren sie nicht."


 

 

Das Gespräch im Wortlaut:

Nana Brink: Es sind Bilder, die man nicht vergisst, keiner, der sich mit dieser Geschichte schon einmal beschäftigt hat, sie gehören sozusagen für unsere Generation zu unserer historischen DNA: der riesige Bombenpilz der ersten Atombomben über Hiroshima und Nagasaki, die Mondlandschaft ohne Menschen oder das, was die Überlebenden sehen mussten.

Vor 70 Jahren, am 6. und 9. August 1945, warfen die USA die ersten und bislang einzigen nuklearen Waffen der Kriegsgeschichte über einem Land ab, nämlich dem Gegner Japan, mit dem erklärten Ziel, den Krieg zu beenden.

Über 200.000 Menschen starben sofort oder in den folgenden Monaten, und nicht erst seit gestern mehren sich die Zweifel, ob dieser Einsatz der beiden Atombomben – und das kann man wirklich nur in Anführungszeichen sprechen – "nötig" war. Der Fernsehreporter Klaus Scherer hat einen Film und auch ein Buch darüber geschrieben: "Nagasaki: Der Mythos der entscheidenden Bombe". Es erscheint heute. Guten Morgen, Herr Scherer!

Klaus Scherer: Guten Morgen!

Brink: Was ist denn dran an dieser These, diesem Mythos, muss man vielleicht sagen, die Atombomben hätten den Krieg beendet?

Hohe US-Militärs betrachtet den Bombenabwurf als unnötig

Scherer: Also was auffällt, ist, dass unmittelbar nach Kriegsende zum Teil sogar Leute aus der Militärführung – Generäle, Admiräle, die ja zum Teil auch nicht informiert waren, so geheim war das Projekt –, dass die beklagten und sagten, die war militärisch nicht nötig, strategisch nicht nötig, Japan war am Boden, und sie war auch moralisch nicht gerechtfertigt.

Und es gibt Wochenschauen unmittelbar nach dem Kriegsende aus Amerika, in denen der Satz fällt, im O-Ton, über das zerbombte Japan, über die ersten Bilder, dass Japan am Boden war, lange bevor die Atombomben fielen. Ein Jahr danach in der gleichen Wochenschau dann die gegenteilige These: Das Land war hoch gerüstet, kampfentschlossen, die erste Bombe brachte es zum Nachdenken, die zweite zur Kapitulation. Das war die verklärte Variante, mit der man sich wohler fühlte.

Brink: Wie konnten Sie diese These aufstellen, die Sie uns gerade erzählt haben, welche Quellen konnten Sie auswerten?

Scherer: Ich bin kein Historiker, ich bin Reporter, aber wir haben mit Zeitzeugen und vor allen Dingen mit namhaften Historikern sowohl in Japan als auch in Amerika gesprochen, die auch russische Archive miteinbezogen haben in ihre Recherchen. Und die sind sehr eindeutig am formulieren, dass sie sagen, mindestens die Nagasaki-Bombe war ein Feldtest, ein Menschenversuch sozusagen, wenn nicht beide Bomben unnötig waren. Meine Ursprungsfrage war, warum gab es eigentlich eine zweite, hätte nicht eine gereicht, und die Antwort war relativ schnell: Es gab zwei, weil es zwei Rohstoffe dafür gab, Uran und Plutonium, deswegen sollten auch beide fallen – aber nötig waren sie nicht.

Brink: Waren die Amerikaner von dieser Wunderwaffe, die sie entwickelt hatten, so geblendet?

Scherer: Na ja, es gab schon eine Eigendynamik. Die hat viel Geld gekostet, selbst nach heutigen Maßstäben – Milliardensummen. Sie war fertig und sie bot Präsident Truman die Gelegenheit, wie er glaubte, den Krieg zu beenden, ohne dass Russland noch eintritt. Das hatte er vorher gewollt, um Japan in die Knie zu zwingen. Er wusste, Japan wird kapitulieren, wenn Russland den Krieg erklärt.

Das wollte er dann nicht mehr, sobald klar war, er hat die Bombe. Insofern gab es da tatsächlich Triebkräfte, die Bombe dann auch einzusetzen. Man hatte Sorge, wenn es weitere Tote gibt, auch auf amerikanischer Seite, die Öffentlichkeit erfährt, es gab eine Bombe, aber sie würde nicht eingesetzt, davor hatten Ratgeber Trumans Angst. Es gab aber auch andere, die sagten vorher schon, gib Japan das Signal, dass sie den Kaiser behalten können, dann kapitulieren sie. Das hat er bewusst aus dem Entwurf der Kapitulationsforderung streichen lassen.

Brink: Sie haben ja in Ihrem Buch wenig Fotos, vor allem wenige, die das wirkliche Ausmaß dieser Katastrophe zeigen, aber Sie haben mit Zeitzeugen in Japan gesprochen, die als Kinder diesen Abwurf der Bomben überlebt haben, das nimmt einen sehr breiten Raum ein in Ihrem Buch. Wie haben Sie denn diese Treffen erlebt?

Die Überlebenden verdienen Respekt - man sollte ihr Schicksal kennen

Scherer: Nun, das gehört dazu, diese Menschen verdienen den Respekt, dass man ihre Geschichte kennt. Sie sind jetzt 70, 80 Jahre alt, und man wird nicht lange mehr mit ihnen reden können.

Ich habe sie sehr aufgeräumt erlebt, sogar mit sehr viel Augenmaß. Ich hatte erwartet, dass gerade die sagen, die Amerikaner haben uns als Versuchskaninchen missbraucht, trotzdem kommt gerade aus der Ecke der beiden Städte und der Opfer der Satz: Wir fühlen uns als Opfer zweier Nationen, unserer eigenen Kriegsregierung damals, die den unsinnigen Krieg begonnen hat und auch versäumt hat, ihn früher zu beenden, und der Amerikaner, die uns nutzten, um ihre beiden Waffen zu testen.

Brink: Ich muss aber ganz ehrlich sagen, als ich diese Kapitel gelesen habe in Ihrem Buch, das fällt ja schon schwer, das auszuhalten, und ich stelle mir jetzt vor, Sie sind diesen Menschen gegenüber gesessen.

Scherer: Ich mache seit 20 Jahren Interviews als Reporter, mir ging noch nie etwas so nahe wie diese Gespräche, das stimmt. Ich kannte die Fakten – Bomben, Zerstörung, es gab Überlebende, die Kinder haben mit viel Glück in Schutzhöhlen überlebt –, aber was danach kam, hatte ich mir nie ausgemalt. Die Stunden danach, die Tage, die Nächte danach, wen haben die gesehen, als sie nach draußen kamen, wie haben die Angehörige gefunden, wer hat ihnen überhaupt geholfen, war überhaupt jemand da, gab es Hilfe. Und ich hab gelernt, das ging wirklich noch jahrelang so weiter. Man muss wirklich alle Hochachtung haben vor dem Überlebenswillen dieser zwei, drei, vier Leute, die wir getroffen haben.

Brink: Wie überlebt man so was?

Scherer: Na ja, sie hatten Glück. Sie waren nicht im Zentrum dieser Explosion, wo ja alles binnen einen Wimpernschlages wirklich nur verdampft ist, da blieb von Menschen auch nur der Schatten auf dem Boden übrig. Sie waren in einem Schutzraum geblieben, obwohl es Entwarnung gab.

Die Luftabwehr hat diese einzelnen Flieger gar nicht als Angreifer gedeutet, zumindest nicht als Bomber. Und deswegen sind sie in der Höhle geblieben und sind nicht verbrannt und haben danach auch zwar ihre Krebsraten und so weiter gehabt, aber sie sind die wenigen, von denen es jetzt vielleicht noch ein, zwei Dutzend gibt, die so alt werden durften.

Brink: Sie haben – und wir wechseln jetzt die Seiten – auch den letzten Überlebenden der amerikanischen Bomberbesatzung getroffen, der die Bombe tatsächlich abgeworfen hat. Was hat der Ihnen erzählt?

Scherer: Der hatte etwas Mühe, sich mit uns zu verabreden. Er ist 94, er ist krank, er war auch nicht sehr offen, aber er erzählt natürlich seine Geschichte. Er war Wehrpflichtiger, er wurde eingezogen, er war ein junger Kerl, er war natürlich gerne bei der Luftwaffe – das war toll, diese Flugzeuge zu fliegen –, und er war Radarspezialist. Er sagte, wir wussten, das ist eine neue Art Bombe, die Flugzeuge wurden extra umgebaut, aber was es war, wussten wir nicht.

Er lebt natürlich wie viele mit der Legende: Ich bin stolz darauf, dass wir den Krieg beendet haben, dass wir durch den Abwurf der Bombe verhindert haben, dass noch mehr Menschen sterben. Das ist die offizielle Variante, die muss man einem 94-Jährigen auch nicht mehr ausreden, wenn er nicht willig ist dafür, aber es zeigt, wie zurechtgelegt und wie erfolgreich diese These 70 Jahre lang war.

Brink: Wie beschäftigt man sich denn in Japan und in den USA mit diesem, wie Sie sagen, offensichtlichen Mythos, also mal abgesehen von der offiziellen Version, diese Bomben seien wirklich zur Beendigung des Krieges eingesetzt worden? Gibt es da irgendwie einen Denkprozess, eine Veränderung der Wahrnehmung?

In Japan ist die Kriegsschuld noch immer ein Tabuthema

Scherer: Ich hoffe, es dreht sich noch mal. Anfangs war es ja im Grunde näher an der Wahrheit als später, als die verklärte Variante anfing. Es gibt Historiker – diejenigen, die wir befragt haben, allemal –, die in Amerika auch veröffentlichen und sehr an der These rütteln.

In Japan ist es andersrum: Seit Kriegsende ist sowohl der Krieg als auch die Kriegsschuld und vor allen Dingen der Kaiser Tabuthema. Das beklagen die japanischen Professoren, die wir befragt haben, und natürlich: Es kam dem Kaiser und der damaligen Regierung auch gelegen, zu sagen, na ja, den Krieg konnte man ja nicht mehr gewinnen gegen die Atombombe. Das war einfach auch da die opportunistisch gesehen bessere Variante.

Ansonsten hätte man den Leuten sagen müssen, ja, wir haben euch ins Verderben geführt, das Land hungert, die Wirtschaft ist darnieder, die Städte sind zerstört, tut uns leid. Das war natürlich die bessere Ausrede, um davonzukommen, um auch sich diese Diskussion zu ersparen.

Brink: Vielen Dank, Klaus Scherer, und sein Buch "Nagasaki: Der Mythos der entscheidenden Bombe", es erscheint heute, wenn Sie mehr darüber erfahren wollen. Danke, Klaus Scherer, für das Gespräch!

Scherer: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Klaus Scherer: Nagasaki - Der Mythos der entscheidenden Bombe
Hanser Verlag, Berlin 2015
272 Seiten, 19,90 Euro

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