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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 27.10.2010

Hippie und Hightech

Von der analogen zur digitalen Bohème

Von Arne Reul

Das Internet spielt beim Aufbau der eigenen Existenz eine immer bedeutendere Rolle
Das Internet spielt beim Aufbau der eigenen Existenz eine immer bedeutendere Rolle (AP)

"Wir Krisenkinder" titelte der "Spiegel" in einer Juni-Ausgabe. Gemeint sind junge Leute zwischen 20 und 35 Jahren, die landläufig auch unter "Generation Praktikum" subsumiert werden. Gerade junge Akademiker sind es aber inzwischen leid, für minimale Löhne von einem Praktikum zum nächsten zu wandern, ohne die Aussicht auf eine Festanstellung.

Viele wagten daher den Sprung in die Selbstständigkeit und nutzten dafür das Internet als neues Medium für den Aufbau der eigenen Existenz. So entstehen neue Arbeitsfelder, die dem Sektor der Kreativwirtschaft zugeordnet werden. Damit verbunden sind auch neue Lebenskonzepte, die mit einem geregelten Arbeitstag kaum noch etwas zu tun haben. Zum Teil vollzieht sich mit diesem Phänomen die Anbindung an subkulturelle Strömungen, wie sie sich bereits im 19. Jahrhundert im Umfeld der Bohème ausgebildet haben.

Johannes : " »Es geht natürlich auch nur so lange, wie ich damit klar komme. Also ich habe eine relativ günstige Wohnung, ich habe kein Auto, ich habe relativ wenige Fixkosten und würde ich jetzt andere Standards in meinem Leben als wichtig sehen, dann müsste ich da auch mein Arbeitsverhalten ändern, weil eigentlich reicht es gerade so und mehr aber auch nicht.""

Johannes aus Berlin ist in der Musikbranche tätig. Media-Bound, die Firma für die er arbeitet, sitzt in Chicago. Media-Bound ist ein Dienstleister für Musikanbieter wie Napster, i-Tunes oder Musicload, bei denen man gegen Gebühr Musiktitel über das Internet herunterladen kann. Johannes strukturiert diese riesigen Dateien und schreibt Empfehlungen sowie Orientierungshilfen für die Kunden: "Wenn sie sich für Kraftwerk interessieren gefällt ihnen bestimmt auch Kruder und Dorfmeister, "Depeche Mode" oder "Tangerine Dream".

Die prekäre Lebenssituation des studierten Medienwissenschaftlers könnte man als exemplarisch für junge Akademiker von heute ansehen. Zum Überleben reicht es gerade so, man wurstelt sich durch und profitiert von den günstigen Lebenshaltungskosten in Berlin. "Wir Krisenkinder" titelte der Spiegel vor einigen Wochen und vertritt die Ansicht, dass die junge Generation heute kaum noch Chancen auf gutbezahlte, qualifizierte Jobs hat. Auf Johannes trifft dies sicherlich zu, gleichzeitig gehört er durch seine freiberufliche Tätigkeit am Computer zur sogenannten "digitalen Bohème". Der Begriff ist nicht schlecht gewählt, denn ein selbstbestimmtes Leben im künstlerischen Umfeld, das sich gleichzeitig am Rande des Existenzminimums bewegt, zeichnete auch die Bohème vergangener Zeiten aus.

Der Begriff Boheme fand seine größte Verbreitung sicherlich durch Henry Murgers Roman "Scenes de la vie de Bohème", der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden ist und in der Pariser Welt der Künstler- und Schriftsteller dieser Zeit spielt. Die Protagonisten haben bei Murger nichts mit dem geregelten Alltag des Bürgertums zu tun. Meistens hat man kein Geld, man schlägt sich mit irgendwelchen Aufträgen durchs Leben, hat Liebschaften und versucht mit Humor und Ironie das Beste aus der Situation zu machen. Murgers Bild der Bohème als jugendliches Durchgangsstadium einer literarisch-künstlerischen Intelligenz
griff 1895 Giacomo Puccini für seine Oper "La Bohème" auf. Er verschaffte diesem Milieu damit schlagartig ein weltweites Interesse.

In Deutschland wird der Boheme-Begriff durch Puccini so populär, dass sich zahlreiche Schriftsteller damit auseinandersetzen und identifizieren. Vielen gelingt es dabei ihrem eigenen Leben eine gewisse Exotik zu verleihen. Als angebliche Bohèmiens verklären sie ihre Jugend, wie zum Beispiel 1908 der Schriftsteller Otto Flake:

"Ein ausschweifendes Verhältnis mit dem Leben führen zu können, ist daher die tiefste Lockung, die von den Ideen des Künstlerdaseins ausgeht, einmal war man dem Ideal vom Leben (und zugleich von der Kunst) einen möglichst intensiven Geschmack zu erhalten, so nahe, wie es Menschen sein können – damals, in den Jahren der Bohème."

Ganz anders hörte sich dies noch im 18. und frühen 19. Jahrhundert an. Menschen, die keinen geregelten Beruf nach gingen, bekamen durch entsprechende Beschimpfungen ihr Fett weg.

"Arge Lumpen, Vagabunden, "Cultur-Frazen", Bruder Leichtfuss, Landstreicher, Zigeuner."

Als "Bohèmiens" wurden übrigens bereits im 15. Jahrhundert in Frankreich die wirklichen Zigeuner bezeichnet, bevor Zigeuner später zum allgemeinen Ausdruck für Menschen mit liederlichen und unordentlichen Sitten wurde – zumindest aus Sicht des Bürgertums. Auf der anderen Seite wurden die späteren Künstler-Bohèmiens aufgrund ihrer ungebundenen Lebensweise häufig malerisch verklärt. Ein solches Ideal findet sich z.B. auch in Eichendorfs Roman "Aus dem Leben eines Taugenichts" von 1822. Die völlige Unvoreingenommenheit von Eichendorfs Taugenichts gegenüber der Welt, wie auch seine angeblich gesellschaftliche Nutzlosigkeit, führt ihn schließlich zum Glück.

Auch Thomas Mann beschäftigt sich mit dem Phänomen einer Lebensweise, die dem Ideal der Bohème entspricht. Sicherlich denkt er an seinen der Boheme zugeneigten Sohn Klaus, wenn er zu dem Schluss kommt:

"Bohème, psychologisch gesehen, ist ja nichts anderes als soziale Unordentlichkeit, das in Leichtsinn, Humor, und Selbstironie aufgelöste schlechte Gewissen im Verhältnis zur bürgerlichen Gesellschaft und ihren Anforderungen. Der Bohème-Zustand des Künstlers, den er gänzlich niemals verlässt, wäre jedoch nicht vollständig bestimmt, wenn man ihm nicht einen Einschlag von geistigem und selbst moralischem Überlegenheitsgefühl über die zürnende bürgerliche Gesellschaft zuspräche."

Johannes: " »... ich kann tatsächlich sagen: morgen also am Mittwoch, da habe ich überhaupt keine Lust irgendwie, das mache ich am Donnerstag - und das Gefühl unabhängig zu sein, von solchen Alltagsstrukturen, das befreit mich einerseits, aber man muss natürlich auch der Typ dafür sein.""

Frauke: "”Also sich selber einen Beruf zu schaffen, der im Idealfall auch noch die Berufung ist, ja, weil dann braucht man keinen Urlaub mehr. Allein diese Vorstellungskraft: ich kann was anderes machen als Arzt, Rechtsanwalt oder Krankenschwester. Und da merke ich, da kommt dann auch so meine eigene Motivation; eigentlich alles das was ich heute beruflich mache, das habe ich weder an der Schule noch an der Uni gelernt.""

Frauke erging es wie vielen jungen Akademikern. Nach etlichen schlechtbezahlten Praktika bekam sie schließlich eine Stelle in Amsterdam. Drei Jahre hielt sie es dort aus, dann entschloss sie sich der geregelten Arbeitszeit und den monoton werdenden Alltagsstrukturen den Rücken zu kehren. Jetzt wagt sie den Sprung in die Freiberuflichkeit, baut im Internet eigene Netzwerke zu ihren Arbeitsschwerpunkten auf und propagiert über digitale Plattformen ihre Konzepte. Dabei machte sie die Erfahrung, dass man mit Mut und Ideenreichtum so einiges bewegen kann.

Frauke: "So in Januar 2008 kam dann diese Idee "Zukunft als Unterrichtsfach". - Habe mich hier mit Lehrern unterhalten aber auch Leuten aus der Wirtschaft, die da sehr von begeistert sind die dann sagen: Ja, Geschichte kennen wir irgendwie alle, das Fach. Aber die dann eben auch leuchtende Augen bekamen: Ja, Zukunft das hätten sie auch mal gerne als Unterrichtsfach gehabt. So - und dann dadurch bestätigt, habe ich bei einem Wettbewerb teilgenommen der BMW-Stiftung Herbert Quandt ... und habe dann eine Anschubfinanzierung bekommen, das war in November 2008."

Sollte in absehbarer Zeit das Unterrichtsfach "Zukunft" auf den Lehrplänen mancher Bundesländer erscheinen, dann wird dies wesentlich der Initiative von Frauke Godat zu verdanken sein. Selbstvertrauen und eine gewisse Beharrlichkeit zeichnet auch das Projekt von Martin Hönle aus. Hönle reist durch halb Europa, um Interessenten für seine Vision einer Verbindung von nachhaltigem Wirtschaften und Design zu gewinnen. Eine eigene Internetplattform hierzu gibt es bereits.

Martin: "”Die Website heißt: "The Quiet Riot dot com". Es geht um Design, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Design und die Waren, die wir heute benutzen schreien nach Ressourcen. Da ist sehr viel Energie drin, sehr viel Material, ob es Aluminium ist, Papier, alles kommt aus irgendwelchen Rohstoffen, muss verarbeitet werden und endet zum Großteil immer noch auf der Müllhalde. Ich denke Design sollte in der Schaffung einer nachhaltigen Gesellschaft eine sehr viel größere Rolle spielen, das was es im Moment nicht tut.""

Viele, die erst einmal ein eigenes Projekt gefunden haben, sind bereit, sehr viel Arbeit und Engagement in die Umsetzung ihrer Ideen zu investieren - auch wenn man sich von Strukturen der normalen Erwerbstätigkeit verabschiedet hat oder erst gar nichts damit zu tun haben möchte. Von einer Arbeitswoche, die nur 40 Stunden hat, können solche Freiberufler nur träumen. Was treibt sie also an?

Martin: "Der Reiz ist erst mal die Ideen, die man selber hat auszutesten und dann auch zu implementieren. Also wirklich dann auch kreativ arbeiten zu können ... Und dann ist da natürlich auch ein Stück Abenteuer dabei, was sehr interessant ist. Dieses Nicht-Wissen hat natürlich auch seinen Reiz – man muss sich jeden Tag neu orientieren."

Wie vielfältig die Arbeitsbereiche solcher Unternehmer in eigener Sache sind, zeigt auch das Beispiel von Dennis Hoenig-Ohnsorg. Er ist der Leiter der Ashoka Jugendinitiative in Deutschland. Ashoka ist eine Organisation, die Frauen und Männer auf der ganzen Welt darin unterstützt, ihre Ideen für soziale Projekte auch umsetzten zu können. Bei der Jugendinitiative von Ashoka finden Jugendliche eine Plattform für Veränderungen von Dingen, die sie stören, wie Mobbing, Rassismus oder Umweltverschmutzung.

Das von Jugendlichen initiierte Projekt "DeuKische Generation" z. B. kümmert sich darum, das Image türkischer Jugendlicher zu verbessern. Die Schüler wurden von Angela Merkel zum Integrationsgipfel eingeladen.

Dennis: "Wir haben insgesamt schon dreitausend Teams von jungen Menschen gefördert. Und die vernetzten wir online miteinander, um sie miteinander in Kontakt zu bringen, damit sie voneinander lernen. Weil wir im Endeffekt sagen, dass wir nicht Experten in Schulen schicken wollen, damit sie den Jugendlichen erzählen, wie ihre Welt auszusehen hat, sondern die Jugendlichen selbst entscheiden, für welches Thema sie sich engagieren und auch selbst entscheiden, wo sie ihre Hilfe holen."

Für Dennis kommt es darauf an, in seiner Arbeit völlige Gestaltungsfreiheit zu haben. Bei einer Organisation, die davon lebt, die Eigeninitiative der Menschen zu fördern, gehört dies freilich zum Konzept.

Dennis: "Und auch alle in Ashoka wissen, dass wenn ich mich nicht mehr wohlfühlen würde, dass ich dann gehen würde und das weiß ich übrigens auch von all meinen Kollegen und deswegen sind wir konsequent darauf ausgerichtet einander nicht durch Reports, durch irgendwelche Meeting-Kultur, durch irgendwelche Protokolle das Leben zu erschweren, sondern jeden seinen kreativen Freiraum zu lassen, den er haben muss. Und ich habe bis jetzt noch kein Unternehmen gefunden in dem das so gelebt wird."

Die Generation der Jüngeren, die vor allem Rechner und Internet als Kommunikationsmittel verwenden und global miteinander kommunizieren, wie Frauke, Martin oder Dennis, entwickeln, so scheint es, auch eine neu Haltung dazu, wie Arbeit gestaltet werden sollte. Der persönliche Freiraum wird dabei zu einem unveräußerlichen Gut, nicht umsonst trägt das Kultbuch von Freelancern der digitalen Boheme den schönen Titel "Wir nennen es Arbeit". Wenn Ausgangsbedingungen stimmen, erübrigt sich die Frage nach Engagement und Einsatz.

Dennis: "Die Frage ist nur, definiert man Beruf und Job darüber, dass man 15 Stunden am Tag arbeitet oder dass man die Zeit arbeitet, die man braucht, um sich das zu finanzieren, was man haben möchte - oder dass man, so wie ich das Glück habe, nicht mehr zwischen Beruf und Leben trennen zu wollen - sondern einfach für das zu leben was man tut. Und da ist mir im Endeffekt völlig egal, ob ich 20 Stunden die Woche arbeite oder 100 Stunden, weil das was ich tue, mich so sehr ausfüllt, und ich mir diese Frage nicht mehr stelle."

Die digitale Bohème: Kommunikations-Virtuosen, Virtuosen der Kommunikation: Instand Massanger, Facebook, Chatten, Twittern, E-Mail, Skype. Auf etlichen Ebenen nutzt man die Wege des digitalen Austauschs. Für diese Generation ist das so vertraut, wie deren Großeltern "Wanderers Nachtlied" von Goethe. Das muss so sein, denn die Beherrschung der Kommunikationswege ist die Grundlage dafür, dass die eigenen Projekte, wie immer sie auch aussehen, erfolgreich werden. So schaffen die digitalen Netzwerke wichtige Kontakte, verbreiten Ideen und geben den Stimulus, um Projekte am Laufen zu halten. Das höchste Gut der digitalen Bohème ist neben ihrer Kreativität Wissen und Information.

Der amerikanische Ökonom Richard Florida prägte 2002 in seinem Buch "The Rise auf the Creative Class" den Begriff der "Kreativen Klasse" und meint damit einen Großteil der Menschen, die in der Informationsgesellschaft ihr Auskommen finden. Die wachsende ökonomische Bedeutung, den die "Kreative Klasse" erwirtschaftet, hängt nach Florida von drei wesentlichen Faktoren ab.
Puchta: "”Nämlich auf dem Vorhandensein von technologischem Fortschritt, das ist in Berlin insbesondere gegeben durch diese vielen naturwissenschaftlichen Institute.""

Prof. Dieter Pruchta, Volkswirtschaftler und Vorstandsvorsitzender der Investitionsbank Berlin …

"… Dann das nächste ist das Thema Talente. Talente sind eben dadurch vorhanden, dass extrem viele Studenten, nicht nur aus Deutschland, sondern aus der ganzen Welt, gerne nach Berlin kommen, um hier zu studieren. Einmal sind die Lebenshaltungskosten in Berlin besonders günstig, zum anderen ist es eben eine Stadt, wo man eben das heutzutage so beschreibt: Dieses ‚urbane Hip-Leben’ - das ist eben sehr anziehend.

Und das Dritte, und das scheint mir eben auch von großer Bedeutung in Berlin und im Umland zu sein: das Thema Toleranz, dass eben hier sehr viele Menschen aus vielen verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen kulturellem Hintergrund zusammen leben, dass es in Berlin wirklich sehr wenig Diskriminierung gibt, im Hinblick auf Sexualität, im Hinblick auf die Art und Weise, wie man lebt, auf das sich Kleiden. Es gibt wenig Konventionen und sehr viel Freiheit."

Es sind die lebendigen und toleranten urbanen Räume, die wie ein Magnet kreative Menschen anziehen. In Berlin ist dies nach wie vor in einzigartiger Weise gegeben. 40 Prozent der Bevölkerung sind unter 35.

Junge Menschen kommen mit ihren kreativen Potentialen in die Ballungsgebiete und sorgen für wirtschaftlichen Aufschwung. Auch für die Stadtentwicklung in den jeweiligen Bezirken ist die Ansiedlung der Kreativen ein enormer Gewinn. Die Künstler, die nach der Wiedervereinigung sich in Berlins Mitte ansiedelten und die Innenstadt damit wesentlich aufwerteten, haben diesen Bezirk für nachfolgende Investoren enorm attraktiv gemacht. Längst sind die einstigen Akteure dieser Entwicklung in andere Bezirke gezogen. Anwälte, Verwaltungsbeamte, Galleristen und Professoren zahlen die mittlerweile in die Höhe geschnellten Mietpreise und genießen das urbane Flair. Diese Entwicklung wird sich voraussichtlich in Kreuzberg wiederholen, wo sich viele Kreative heute ansiedeln. Aber welche gesamtwirtschaftliche Bedeutung hat die Kreativindustrie in einer Stadt wie Berlin? Die Zahlen sind überraschend hoch, zeigen aber auch wie sensibel dieser Wirtschaftszweig ist.

Puchta: "Es gibt in Berlin ca. 20.000 Unternehmen in der Kreativwirtschaft, d. h. ungefähr jedes siebte Unternehmen gehört dazu. Sie haben einen Gesamtumsatz pro Jahr von 7,4 Milliarden Euro - da sieht man was für eine Wirtschaftsmacht das inzwischen ist und 76 Prozent dieser 20.000 Unternehmen sind Einpersonenunternehmen. Und diese Unternehmen, zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, dass es eine große Unsicherheit im Bereich der Nachfrage gibt, sie zeichnen sich dadurch aus, dass es auch Unsicherheit über die Vertriebskanäle gibt, d. h. auf gut deutsch, alles steht und fällt mit dieser einen Person, die kreativ tätig ist. Sie ist nicht einfach durch irgend einen anderen Menschen zu ersetzen."

Der Annteil, den die Kreativwirtschaft in Berlin am Berliner Bruttoinlandsprodukt hat, ist übrigens annähernd doppelt so hoch, wie die Vergleichszahlen auf Bundesebene. Berlin kann daher getrost als "Creative City" bezeichnet werden. Dabei sind es vor allem große Schlüsselunternehmen, die ökonomisch von Bedeutung sind. Das Verlagswesen, Software- und Computerspielindustrie, Werbung, Filmindustrie sowie die Mode- und Musikbranche stehen von ihren Gesamt-Umsätzen gut da.

Aber wie verhält es sich um die Mehrzahl der sogenannten Ein-Personen-Unternehmen? Viele der Künstler, Schriftsteller, Designer und Journalisten sind bei der Künstler-Sozialkasse versichert. Für 2007 betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen der dort versicherten 11.000 Euro. Das reicht kaum zum Überleben.

Puchta: "”Immer dann wenn große strukturelle Umbrüche in der Wirtschaft zu verzeichnen waren, haben diejenige, die zuerst in den neuen Branchen tätig waren, eigentlich mit selbst-ausbeuterischen Löhnen begonnen. Und so ist das aus meiner Sicht auch jetzt wieder in der Kreativwirtschaft, dass natürlich die Löhne und Gehälter und die Einkommen, teilweise noch sehr niedrig sind, weil die Nachfrage nach deren Produkten und deren Dienstleistungen heute noch nicht so weit ist, dass es klar ist, dass eben auch kreative Leistungen entsprechend bezahlt werden müssen.""

Aus diesem Grund entwickeln die Kreativen neue Formen eines gemeinschaftlichen Arbeitens, in der Hoffnung, dadurch ihre ökonomische Situation zu verbessern. Gemeinschaftsbüros entstehen, die die Kooperation und Begegnung fördern.

Die vorgestellten Projekte "Schulfach Zukunft" und "Nachhaltigkeit und Design" wurden in solchen Büros erarbeitet. Eines dieser Büros nennt sich HUB und wurde vor wenigen Jahren in London gegründet. Solche HUB-Orte gibt es mittlerweile auf der ganzen Welt, wobei deren Mitglieder digital miteinander in Kontakt stehen. Zu den Gründerinnen des HUB-Büros in Berlin gehört Wiebke Koch.

Wiebke: "Also, es geht auch anders, wir brauchen innovativer Geschäftsmodelle, wir brauchen kreative Menschen, die ganzheitlich denken. Und das passiert hier und das passiert nicht, weil die Menschen so anders sind – vielleicht auch zum Teil – das passiert einfach, weil es Menschen hier nicht an Rahmenbedingungen mangelt, sondern sie hier einen Freiraum haben, der mit ganz unterschiedlichen Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen auch gefüllt ist. Ja, und dann kommt man sehr schnell ins Gespräch, es gibt keine abgeschlossenen Büros, es gibt zwar separate Meeting- und Konferenzräume, das Büro selbst ist sehr offen,... auch die Küche lädt immer wieder ein zu Dialog und Austausch und Miteinander. Und das Ganze wird dann noch unterstützt durch Events und andere Geschichten, um diesen Austausch auch ganz gezielt zu fördern. Und ich glaube das ist die neue Zeit."

Ein ähnliches Konzept nennt sich "Co-Working". Dabei handelt es sich um die Etablierung eines Netzwerkes, das gemeinsames Arbeiten möglichst effektiv gestalten will. Für Sebastian Sooth, der mit dem "Studio 70", dieses aus Amerika stammende Konzept in Berlin umsetzt, geht es dabei auch um eine andere Philosophie des Arbeitens.

Sebastian: "”"Co-Working Spaces ermöglichen es eigentlich, dass ich arbeiten kann als wäre ich in einem Büro, in einer Büroumgebung mit all den Vorteilen, ohne die ganzen negativen Sachen. D. h. mir sitzt nicht der Kollege gegenüber, den ich mir gar nicht ausgesucht habe, d.h. ich habe nicht einen Schreibtisch in einer Ecke, wo ich gar nicht sitzen möchte, sondern ich kann mir aussuchen, mit wem ich arbeite, wo ich arbeite und dass auch selber bestimmen. D. h. eigentlich kombinieren diese Co-Working Spaces die Vorteile aus einem Cafe, aus einem home-office, aus einem Großraumbüro und sorgen dafür, dass man einfach frei arbeiten kann und selbstbestimmt arbeiten kann und gerne arbeiten kann.""

Sebastian: "Ich finde einen Ort, wo ich hingehen kann, um zu arbeiten und ich weiß da sind Leute, die so ein bisschen so ein ähnliches Verständnis von Arbeit haben, wie ich das auch selber habe und mit denen ich mich auch austauschen kann. Woraus dann auch neue Projekte entstehen, wo ich Wissen weiter geben kann, wo ich einfach auch die Möglichkeit habe, auf eine Art zu arbeiten, die wesentlich freier und selbstorganisierter ist, als wenn ich das einfach nur als klassischen Job in einem normalen Büro mache."

Auf der Internet-Seite "Hallenprojekt DE" findet sich ferner ein großes von Sebastian Sooth mitkonzipiertes Netzwerk mit den Angaben von möglichen Arbeitsräumen, die sich über die ganze Stadt verteilen. Auch kann man hier herausfinden, wer gerade an welchen Projekten arbeitet, um jeweiliges Fachwissen austauschen zu können oder sich gegenseitig Impulse zu geben. Die digitalen Bohèmiens der Informationsgesellschaft haben gelernt sich optimal zu organisieren.
Welche Rückschlüsse lassen sich aus all dem ziehen? Welche Prognosen gibt es? Welche Visionen könnte man wagen? Arbeitsstrukturen, die Ökonomie und Formen des Lernens werden sich verändern.

Sebastian Sooth: "”Ja die nachwachsende Generation kommt in die Betriebe und sagt: Moment mal, ich soll jetzt hierher kommen, acht Stunden am Tag von meinen sonstigen sozialen Kontakten abgeschieden sein. Ich darf hier keine Instant-Massager aufmachen, ich darf nicht auf Facebook gehen, ich darf nicht nebenbei Chatten, weil ihr wollt, dass ich jetzt acht Stunden am Tag hier an diesem Tisch sitze - wo jeder weiß, dass kein Mensch auf der Welt acht Stunden am Tag konzentriert ist oder gar länger. Das verstehen wir nicht, das wollen wir nicht und das wollen wir anders machen - und die bringen natürlich genau diese Kommunikationskultur, wie sie sie mit ihren Freunden pflegen auch in Arbeitsprozesse rein.""

Es ist die Art, wie man arbeitet und die Einstellung zur Arbeit, die von der jungen Generation in Frage gestellt wird. Neue Impulse kommen auch durch deren technisches Know-how in die Betriebe. Galt früher, dass sich die Jungen zunächst mal von den alten Hasen anlernen lassen mussten, so können jetzt auch die Alten viel von den Jungen übernehmen. Sebastian Sooth denkt aber noch einen Schritt weiter. Für ihn könnte sich das Co-Working Konzept auch in Firmen und der Verwaltung etablieren, mit positiven Effekten.

Sebastian: "”Warum arbeitet den eigentlich nicht so eine Stadtentwicklungssenatorin nicht mal einen Tag die Woche in irgendeinen Kreativbüro? Sie kann da ihre ganz normalen Sachen machen, sie hat einen Labtop – nehme ich mal an - und sie kann sich direkt mit Leuten austauschen. Oder warum lädt sie nicht Leute ein?

Warum sagt sie nicht, wir räumen hier eine halbe Büroetage leer und ihr könnt hier arbeiten und wenn wir eine Frage haben, dann müssen wir kein großes Hearing einberufen, sondern dann gehen wir über den Flur und reden mit euch.... Und das sind natürlich Dinge, die sind wesentlich einfacher umzusetzen, als für viele Millionen Euro irgendwelche Gründerzentren auf der grünen Wiese aufzubauen.""

Für ein Aufbrechen von festgefahrenen Strukturen plädiert auch Adrienne Goehler, ehemalige Präsidentin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und ehemalige Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Berlin.
Ein wesentlicher Ausgangspunkt ihrer Überlegung ist, dass die Zeiten einer Vollbeschäftigung längst zu Ende sind. Sie fragt, warum kaum einer aus dieser Tatsache politische Konsequenzen zieht und plädiert für ein neues Gesellschaftssystem, in dem Kultur und Wissenschaft die maßgebenden Richtlinien bestimmen.

Goehler: "”Also die Kurzformel ist, Hochpreisländer ohne eigene Bodenschätze können sich ausschließlich auf den Rohstoff Kreativität letztendlich verlassen. Und wenn man mal zurückgeht in die Industriealisierung der Bundesrepublik, dann waren es ja eigentlich kleine Erfinder. Das ist das Entscheidende, dass man versteht, dass wir ohne Pflege dieses Rohstoffes Kreativität, wirtschaftlich nicht überleben können, Punkt!""

Im gleichen Atemzug stellt Goehler die Gegenfrage. Können die Kreativen in unserer Gesellschaft überleben? Wo finden sie ihr Auskommen? Goehler spricht sich in ihrem Buch "Verflüssigungen" für einen Gesellschaftswandel aus und entwirft das Modell einer "Kulturgesellschaft". So könnten Kreative sich zum Beispiel in Schulen einbringen und auf diese Weise neue Impulse erzeugen. Schüler bräuchten, so Goehler, mehr Anregungen und Lebensbezüge von außen, denn im Moment beschränke sich deren Weltbild fast ausschließlich auf die Einflüsse der Eltern und der Lehrer.

Goehlers Entwurf einer Kulturgesellschaft beinhaltet schließlich auch die Einführung eines Grundeinkommens, welches jedem zustehen sollte. Der Gedanke ist nicht neu. Dem Vorwurf, dass der Mensch durch ein Grundeinkommen nicht mehr arbeiten würde, entgegnet Goehler mit dem Verweis auf die bereits durchgeführten Versuche und stellt dabei fest.

Goehler: "”Dass alle sich Arbeit gesucht haben, weil nämlich der Mensch kommunizieren will, weil er sich austauschen will, weil er was bewirken will, weil er nützlich sein will, weil er gestalten will und natürlich auch geliebt werden – aber zumindest alle anderen Faktoren kann man tatsächlich, wenn man von einer nicht immer wiederkehrenden chronischen Existenzangst bedroht ist, kann man die in Angriff nehmen. Und das muss man auch ganz klar vor Augen haben, die größte Gegenspielerin der Kreativität ist die Angst!""

Es gibt viele Szenarien dafür, in welchen Bereichen sich Menschen engagieren würden, wenn sie finanziell unabhängiger würden. Vielleicht sollten wir tatsächlich wagen unsere Gesellschaft ein wenig anders zu denken. Ein angstfreies, kreatives Schaffen und Gestalten ergibt sich übrigens auch daraus, dass Menschen, die in Arbeitsprozessen stecken - von welcher Seite auch immer - mittels Grundeinkommen weniger erpressbar wären.

Aber ob mit oder ohne Grundeinkommen, die enorme gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung der Kreativen Klasse und damit auch der sogenannten digitalen Bohème, als deren Speerspitze, ist nicht mehr wegzudenken. Der bereits erwähnte Ökonom Richard Florida beschreibt die Tragweite, wenn er darauf aufmerksam macht, dass sich Industrie und Unternehmen heutzutage genau an den Orten ansiedeln, wo kreative Menschen leben. Der jahrhundertealte Grundsatz, dass es die Menschen sind, die zu den Orten wandern, wo die Industrie ist, gilt nur noch in eingeschränktem Maße.

So gewinnt man den Eindruck, dass die Kreative Klasse und damit auch die digitale Bohème, anders als ihre Vorläufer im 18. und 19. Jahrhundert, ihre zweite Chance zu nutzen weiß, verkrustete Strukturen aufzubrechen. Mit einer gehörigen Portion Spieltrieb, aber auch unermüdlicher Energie, ist die digitale Bohème dabei, Wertevorstellungen des Bürgertums umzukrempeln. Die Frage nach dem Wofür der eigenen Arbeit stellt sich nun anders. Wenn man so will, verwirklicht sich damit auch ein humanistisches Prinzip.

Puchta: "”Und ich glaube auch, dass das Thema Kreativität und Gesundheit z. B. sehr viel miteinander zu tun hat. Nämlich, das eines umfassenden Gesundheitsbegriffs, dass sich die Menschen wohl fühlen. Diese psychosoziale Gesundheit, die hat auch sehr viel damit zu tun, dass man sich künstlerisch entfalten kann, dass man kreativ sein kann. Ich glaube, eigentlich strebt ja jeder Mensch das an, dass er eigentlich einen kreativen Beruf haben möchte, wo er oder sie sich selbst verwirklichen kann.""