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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 17.08.2011

High-Tech oder Hellas Bier

Erfolgsgeschichten im Land der Depression

Von Wolfgang Landmesser

Bereits mehrmals benötigte Griechenland internationale Hilfe. (picture alliance / dpa)
Bereits mehrmals benötigte Griechenland internationale Hilfe. (picture alliance / dpa)

Die griechische Wirtschaft liegt am Boden. In den klassischen Branchen kämpfen die meisten Firmen ums Überleben oder sind, wie in der Textilindustrie, zu großen Teilen abgewandert. Aber in Griechenland lebt auch der Phoenix.

Da stehen sie neben einem ihrer ersten Produkte - die jungen griechischen Ingenieure Efstratios Kehayas und Leontios Stampoulidis. Für den Laien wirkt der in einer Vitrine ausgestellte Verstärker eher unscheinbar. Viel Technik eben. Doch darin steckt ihre Innovation, erklärt Efstratios.

"Das ist einer unserer Prototypen, ein optischer Glasfaserverstärker; er kann Licht verstärken. Grob ausgedrückt: sie speisen Licht ein und es kommt verstärkt wieder heraus. Das Alleinstellungsmerkmal des Produkts: Es hat eine hohe Leistung im Vergleich zu den Kosten. Wir können bis zu vier Verstärker-Systeme integrieren. Dadurch können wir vier Verstärker zum Preis von einem anbieten."

Mit ihrer Firma Constelex beliefern sie Forschungsabteilungen großer Unternehmen und Universitätslabore in aller Welt.

Constelex ist nur ein Beispiel von vielen im Showroom des Technologiezentrums Corallia. Hier im Norden Athens können sich junge Wissenschaftler mit Geschäftsideen im Bereich Mikroelektronik ansiedeln – direkt von der Universität aus. Schon beim ersten Besuch Ende letzten Jahres war Efstratios klar: Hier stimmt die Atmosphäre.

Efstratios: "”Wir fühlten uns hier gleich zu Hause. Da waren Leute, mit denen wir diskutieren konnten, die sofort wussten, wovon wir reden. Die alle hier zusammenzubringen, ist wirklich der Meilenstein für unsere Firma.""

Eine High-Tech-Firma brauche einfach eine High-Tech-Umgebung, ergänzt sein Kompagnon Leontios – und das gebe es hier einfach.

Deswegen auch der Name Corallia. Die jungen Firmen aus dem Bereich Mikroelektronik sollen sich ergänzen – wie die Bewohner eines Korallenriffs, sagt Vassilios Makios, emeritierter Professor für Elektrotechnik und Direktor des Technologiezentrums.

"Wir wollen die jungen Leute hier eine Vision bringen in diesen schweren Zeiten. Und die Vision ist: Wir brauchen junge Leute in der Hochtechnologie, die Produkte für den internationalen Markt zu produzieren und auch die sollen ein bisschen die Idee entwickeln, dass wir können das machen."

Corallia ist auch in nackten Zahlen eine Erfolgsgeschichte: Vor fünf Jahren startete das Projekt mit zwölf Unternehmen, inzwischen sind es 80, die Zahl der Beschäftigten wächst jährlich um 90 Prozent. Die Fördermittel aus den EU-Strukturfonds haben inzwischen ein Vielfaches eingespielt. Im September öffnet im westgriechischen Patras ein zweites Technologie-Cluster nach Corallia-Vorbild.

Die jungen Firmen könnten sich auch deshalb so schnell entwickeln, weil ihnen Corallia viel Organisatorisches abnehme. Bei der überbordenden Bürokratie in Griechenland ein wichtiger Pluspunkt, sagt der Geschäftsführer Jorge Sanchez-Papaspilíou.

"Das größte Problem für die Wirtschaft in Griechenland ist, dass es so viel Bürokratie gibt. Mit einer Stelle, die all das übernimmt, mit den Dienstleistungen, die wir anbieten, haben wir in diesem Sektor sehr vorteilhafte Bedingungen für die Unternehmer. Sie können sich auf die Entwicklung ihrer Produkte konzentrieren und deren weltweiten Vertrieb."

Inzwischen haben auch mehrere internationale Unternehmen an Corallia angedockt. Weil sie hier die richtigen Experten fänden, sagt Sanchez-Papaspilíou. Als Beispiel nennt er die amerikanische Firma Byte Mobile, deren Software Datenströme an Handy-Displays anpasst – und so Platz in den Mobilfunknetzen schafft.

"Dieses Unternehmen ist zuerst in Indien expandiert, außerdem haben sie sich entschlossen in Griechenland zu investieren. Angefangen haben sie mit zehn Angestellten. Dann stellten sie fest, dass sie hier dasselbe Ergebnis erzielten wie mit 100 Arbeitskräften in Indien. Also schlossen sie den Standort in Bangalore und weiteten das Unternehmen in Patras aus. Dort sind 80 Jobs entstanden; geplant ist, die Zahl im kommenden Jahr zu verdoppeln."

Ausländische Direktinvestitionen, steigende Exporte – in Corallia ist von der Krise keine Spur. Aber das Mikroelektronik-Cluster ist noch eine Nische. Insgesamt liegt die griechische Wirtschaft am Boden. In den klassischen Branchen kämpfen die Firmen ums Überleben.

Das muss Martin Knapp täglich beobachten. Griechenland verfüge über keine nennenswerte Industrie, sagt der Geschäftsführer der deutsch-griechischen Industrie- und Handelskammer – einmal abgesehen vom nach wie vor florierenden Schiffsbau- und Reedereisektor. Die traditionelle Produktion – etwa in der Textilindustrie – sei größtenteils abgewandert.

"Es muss wieder produziert werden. Das ist nicht nur Griechenland, das ist auch ein Land wie Portugal, wo den letzten 20 Jahren keine produktiven Investitionen mehr stattgefunden haben. Das ist ja alles in die ehemals kommunistischen Länder gegangen, weil da die Arbeitskosten so niedrig waren. Mit diesen Ländern, wo die Leute 200, 300 Euro verdienen, da können die traditionellen Mittelmeerländer nicht konkurrieren."

Das bedeutet: Griechenland muss neu anfangen. Martin Knapp, der seit Jahrzehnten hier lebt, beobachtet, dass eine High-Tech-Branche entsteht – noch auf einem niedrigen Niveau.

"Es ist eigentlich alles da, aber eben nur in Ansätzen, Es gibt auch den Verband der griechischen Halbleiterindustrie. Das sind 50 Mitglieder. Ich glaube, bei einer entsprechenden Förderung haben doch sicher zehn oder 20 von denen die Chance, auch groß zu werden."

Entsprechende Förderung bedeutet: Gelder aus den europäischen Strukturfonds müssten schneller in vielversprechende Projekte fließen. 20 Milliarden Euro sind zwischen 2007 und 2013 für Griechenland reserviert, doch konkret abgerufen wurden erst fünf Milliarden.

Auch der Vizepräsident der deutsch-griechischen Handelskammer hat Ideen, wofür sich das Geld sinnvoll verwenden ließe. Zum Beispiel, um die griechische Nahrungsmittelindustrie international wettbewerbsfähig zu machen, sagt Brauerei-Direktor Athanassios Syrianos.

"Beispielsweise das Öl, das wir herstellen, fließt erst mal nach Italien, und von da aus wird verarbeitet und exportiert. Also es fehlt an der Basis, an den Kenntnissen, wie man dieses Produkt zu einem Weltprodukt machen kann. Es fehlt an den zusätzlichen Leistungen im Bereich Marketing, Verpackung, Markenentwicklung im europäischen, weltweiten Rahmen."

Und der griechische Tourismus brauche nicht immer neue Hotels, sondern moderne Konzepte, wie die Ferienanlagen auch außerhalb der Sommermonate Gäste anlocken könnten – durch Messen oder Kulturfestivals etwa. Doch bis sich die Strukturen wirklich verändert haben, könnte es für viele Unternehmen schon zu spät sein.

Athanassios Syrianos betreibt eine Brauerei vor den Toren Athens. Zum Glück habe er nicht vor der Krise groß investiert und müsse deswegen keine langfristigen Kredite zurückzahlen. Aber auch das laufende Geschäft zu finanzieren, fällt derzeit schwer. In Griechenland gibt es sehr lange Zahlungsfristen, die Unternehmen mit Bankkrediten überbrücken müssen. Doch Kredite gibt es kaum noch, erzählt der Produzent der Biermarke "Hellas-Pils".

"Also noch so ein Jahr können wir nicht mehr durchstehen, denn wir haben aus der Reserve gelebt. Wir wissen ja nicht, wie viele von unseren Kunden tatsächlich auch zahlungsfähig sein werden, um das was sie uns versprochen zu zahlen. Wir haben ja drei, vier Kunden, große Hotels, eine Supermarktkette letztes Jahr, wo mehrere zehntausend Euro auf der Strecke geblieben sind."

Über zugeknöpfte Banken klagt auch Jungunternehmer Kostas Anastiassiadis. Das sei im Moment das Hauptproblem für griechische Unternehmen.

Der 40-Jährige ist Chef einer Textilfabrik in Albanien. Design und Vertrieb seiner Kollektion sitzen in Athen. Er sei so etwas wie der griechische Gerry Weber, sagt Kostas. Die Mode für Frauen ab 35 liefert er an Boutiquen überall in Griechenland und er hat sogenannte Corner in einem Kaufhaus.

Am Ende eines heißen Tages – mit Temperaturen um die 40 Grad – sitzen wir auf seiner Dachterrasse im Athener Stadtteil Pankrati, bei Dorade vom Grill und einem griechischen Weißwein. Die beleuchtete Akropolis ist von hier gut zu sehen und der Bergkegel des Lykabettos. Ein Idyll in der Athener Betonwüste. Aber für Kostas ist nur ein Moment des Innehaltens, am nächsten Morgen hat er wieder einen Termin bei einer Bank.

"Wir haben eine Menge Geld verloren. Praktisch alle Kunden konnten nicht mehr zahlen, sie gingen pleite. Dadurch haben wir in 18 Monaten fast 400.000 Euro verloren. Die Verkäufe gingen 2010 zurück, 2011 stiegen meine Umsätze wieder um 24 Prozent, weil: Wenn die Konkurrenten Bankrott machen, bekomme ich mehr Marktanteile. Wir haben also eine aggressive Politik gefahren, sind ein großes Risiko gegangen und haben unsere Produktion erhöht."

Gewinne seien derzeit kein Thema. In der Krise gehe es nur darum, irgendwie zu überleben. Und da zu sein, wenn die griechische Wirtschaft wieder anspringt, sagt Kostas der die Prinzipien der Marktwirtschaft als Student in Chicago gelernt hat.

Gegenüber den neoklassizistischen Gebäuden der Athener Universität stehen die Zentralen der größten griechischen Banken. Davor sitzen Bettler und ein rumänischer Santouri-Spieler.

Ganz ruhig und kühl ist es im Großraumbüro der Alphabank. Michael Massourakis ist deren Chefökonom. Bei der Frage nach der mangelhaften Kreditvergabe der griechischen Banken macht er keine langen Umschweife.

Auch für den Finanzsektor seien die Geldquellen quasi versiegt: Bei der Europäischen Zentralbank bekommen die Kreditinstitute viel weniger Liquidität für die griechischen Staatspapiere, die sie dort hinterlegen; die Geschäftsbanken in anderen europäischen Ländern leihen den griechischen Kollegen auch kein Geld mehr.

Nur durch zurückgezahlte Kredite komme noch etwas in die Kasse. Deswegen könne die Bank nur noch wenige Projekte finanzieren, so Leid es ihr auch tue.

"Es fällt uns sehr schwer, die Kreditlinien der Unternehmen zu kürzen, die mit uns seit ihrem Bestehen zusammen arbeiten. Wir strukturieren die Kredite etwas um, ändern die Kreditbedingungen für Firmen, die sich in Schwierigkeiten befinden. Wir versuchen zu helfen, wo immer wir können. Aber es gibt Grenzen."

Eine Investitionsoffensive aus anderen europäischen Ländern könnte dazu beitragen, die Stimmung wieder aufzuhellen. Noch wichtiger seien aber die Strukturreformen der griechischen Regierung.

Viele Berufe, die Jahrzehnte lang abgeschottet waren, würden nun für den Wettbewerb geöffnet; der aufgeblasene Staatsapparat bekomme eine Schrumpfkur verpasst; altmodische Regeln für den Arbeitsmarkt würden abgeschafft. Das alles brauche Zeit, aber irgendwann werde sich das Blatt wenden, sagt der Bankökonom.

"Es ändert sich sehr viel im Moment. Und diese Veränderungen werden sich irgendwann sehr deutlich auswirken. Wenn die Wirtschaft am Tiefpunkt angekommen ist, und gleichzeitig wurde sie neu strukturiert und wettbewerbsfähiger gemacht, werden wir irgendwann ein stark beschleunigtes Wachstum erleben."

Wenn es darauf ankommt, seien die Griechen bereit zur Veränderung, sagt Michael Massourakis. Eine Erfahrung, die auch John Pandazopoulos gemacht hat.

John Pandazopoulos ist Labourabgeordneter im australischen Abgeordnetenhaus. Einmal im Jahr treffen sich die griechischstämmigen Parlamentarier aus aller Welt zu einem Kongress in Athen. Er habe eine neue Generation von griechischen Abgeordneten erlebt, die auch bereit seien, von Anderen zu lernen, sagt der Präsident der auslandsgriechischen parlamentarischen Vereinigung, im Schatten eines Baumes vor dem griechischen Parlament.

"Vor fünf Jahren hätte es nicht diesen offenen Meinungsaustausch gegeben. Zum ersten Mal kann ich den Wunsch spüren, von unseren Erfahrungen zu lernen."

Pandazopoulos’ Eltern flüchteten 1947 vor dem griechischen Bürgerkrieg. Er wurde in Australien geboren und machte Karriere in der Politik. Mit den Erfahrungen aus ihren Ländern wollen die Auslandsgriechen helfen – jetzt, in der größten griechischen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Vor 20 Jahren habe Australien eine ähnliche Krise erlebt wie Griechenland: Banken brachen zusammen, die Arbeitslosigkeit stieg auf zehn Prozent, der Exportsektor war schwach, die Tourismusindustrie quasi nicht existent. Doch sein Land sei aus der Krise gestärkt hervor gegangen. Die Erfahrungen von damals will John jetzt weiter geben. Dabei müsse sich Griechenland auf seine Stärken besinnen.

"Griechenland kann viel besser werden beim Export von Nahrungsmitteln. Es kann sich daran orientieren, was Italien, Spanien und Frankreich erreicht haben: mediterrane Produkte weltweit zu vermarkten, nicht nur in Europa. Auch die Tourismusindustrie kann noch stärker werden, indem sie ihre Qualitätsstandards und den Service verbessert."

Zurück im Technologiezentrum Corallia. Griechen mit langjähriger Auslandserfahrung sind auch für die jungen Mikroelektronikfirmen wichtig. Oft helfen auslandgriechische Geschäftsleute auch mit Kapital aus. So lasse sich das derzeit ausgetrocknete Bankensystem umgehen, sagt Corallia-Direktor Sanchez-Papaspilíou.

Diese griechische Diaspora wird eine Schlüsselrolle spielen bei der Expansion, die wir anstreben. Viele der griechischen Kapitalgeber haben im Silicon Valley gearbeitet. Erfahrene Wissenschaftler und Manager, die im Ausland leben, beginnen, sich an unseren Aktivitäten hier zu beteiligen.

Inzwischen entwickelten die Firmen nicht nur Know-how, immer mehr Produkte würden auch in Griechenland hergestellt.

"Weil wir die kritische Masse erreicht haben. Es gibt die Logistik und niedrigere Kosten. Deswegen wird mehr und mehr hier produziert, die Produktion wandert nicht mehr ins Ausland ab."

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