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Thema / Archiv | Beitrag vom 28.06.2013

Heutige Vampire sind "etwas verweichlicht"

Direktor des Filmmuseums Düsseldorf über einen Charakter im Wandel

Bernd Desinger im Gespräch mit Ulrike Timm

Vampire gibt es seit der Geburtsstunde des Films (AP-Archiv)
Vampire gibt es seit der Geburtsstunde des Films (AP-Archiv)

Der Vampirfilm ist eines der ältesten Genres der Filmgeschichte, dem in Düsseldorf nun eine Ausstellung gewidmet wird. Im Laufe der Zeit haben die Charaktere sich verändert, sagt Co-Kurator Bernd Desinger. Heutige Vampire aus Serien wie "Twilight" seien ihm "zu waschlappenmäßig drauf".

Ulrike Timm: Spitze Zähne, oft große Verführungskraft und unstillbarer Blutdurst: Vampire bevölkern die Kinofilme. Der Vampirfilm ist einer der Klassiker der Kinokunst, und unter dem Motto "Fürsten der Finsternis" können sich Besucher im Filmmuseum Düsseldorf nun Vampire auch in einer Ausstellung anschauen. Bevor wir darüber sprechen: Gerd Brendel mit einem Rundumschlag in Sachen Kinovampire.

Beitrag: Vom Monster zum sensiblen Teenie - Vampire im Film (DKultur)

Und ob er das genau so sieht, auch das können wir jetzt Bernd Desinger fragen. Er ist Direktor des Filmmuseums in Düsseldorf, und dort gibt es ab heute eine große Ausstellung Fürsten der Finsternis über die Vampire im Kino, und diese Ausstellung wird noch bis Mitte Oktober zu sehen sein. Erst mal schönen guten Tag, Herr Desinger!

Bernd Desinger: Ja, schönen guten Morgen!

Timm: Was war denn Ihre erste eigene vampirische Filmerfahrung?

Desinger: Die erste eigene war Christopher Lee. Ich habe mich rückwärts rangetastet, muss ich sagen, und habe dann den Murnau gesehen von '22, und ich glaube, etwa zeitgleich den "Dracula" mit Bela Lugosi in der Regie Tod Browning aus dem Jahre '31, und der hat mich damals schon so in den Bann geschlagen, dass mich das bis heute verfolgt hat. Und ich bin immer noch, obwohl es viele hervorragende Darsteller des dunklen Fürsten gibt, von Bela Lugosis Auftritt nach wie vor völlig begeistert.

Timm: Nun müssen ja auch Vampire mit der Zeit gehen. Wie haben sie sich denn verändert?

Desinger: Ja, 1922, bei Murnau, haben wir den Nosferatu, gespielt von Max Schreck, ganz wunderbar - da ist es aber noch ein richtiges Schreckgespenst im wahrsten Sinne des Wortes: eine mythische Gestalt, ein wirklich furchteinflößendes Monster. Dann knapp zehn Jahre später eben, Bela Lugosi führt den Gentleman-Vampir ein. Da kommt jemand mit aristokratischem Hintergrund, mit Manieren, er ist gebildet, und da entsteht auch zum ersten Mal diese spannende Ambivalenz: eine Schreckgestalt, jemand, der Furcht einflößt, aber der auf der anderen Seite ein sehr attraktiver Mann ist, erotisch, ja, sexuell aufgeladen, das hat man auch in den 30er-Jahren schon genau so gesehen und beschrieben. Das heißt, die Opfer werden zwar von ihm genommen, aber sie geben sich ihm auch ein Stück weit freiwillig, unterliegen seiner ungeheuren Attraktivität.

Ja, dann Christopher Lee Ende der 50er ist brachialer, animalischer, er schlägt durch, er greift sich die Frauen, da bleiben diese Manieren ein Stück weit auf der Strecke, es wird auch blutiger, die Zensur ist sehr viel lockerer geworden in der westlichen Welt, da kann man auch zeigen, wie der Pfahl reinschlägt, das Blut spritzt, und man richtig die Löcher im Hals hat.

Dann '92 für mich ein sehr großer Sprung noch mal, Francis Ford Coppola mit der wunderbaren Verfilmung mit Gary Oldman in der Hauptrolle, da sehen wir eine ganz andere Interpretation, da ist es praktisch eine Art gefallener Engel, kann man vielleicht nicht direkt sagen. Es hat ja Elemente von Vlad Tepes, der ja sehr blutrünstig war, seine Feinde folterte, pfählte eben – Vlad der Pfähler ja auch genannt –, das ist in ihm drin. Aber durch den Selbstmord seiner Frau, den die Priester interpretieren als 'sie ist jetzt von Gott aufgegeben, verloren', sieht er sich als vorheriger Verteidiger der Christenheit an der Grenze zum Osmanischen Reich von allen guten Geistern verlassen und fällt dadurch von Gott ab, praktisch ein gefallener Engel, der dann zum Antichristen wird.

Dann, um in die Jetztzeit zu gehen, "Twilight" und Co, da sind die Vampire in der Gegenwart angekommen. Sie hadern eigentlich mit ihrem Schicksal, sind nicht mehr so richtig glücklich in ihrer Rolle, sie wollen die geliebte Freundin nicht beißen, um sie nicht der ewigen Verdammnis anheimzustellen, gehen ganz normal auf die High School, aufs Gymnasium, auf die Realschule, in diesem Sinne, haben viel von ihrem Schrecken verloren, man kann sie sich so als Poster Boy übers Bett hängen. Das zeigt eigentlich die gewaltige Spannweite, in der die Figur unterschiedlich interpretiert und ausgelebt werden kann.

Timm: Wenn ich diese Spannweite mal ein bisschen zusammenfasse, dann kann ich ja eigentlich nur sagen, der Vampir steckt offenbar in der Krise und ist auch nicht mehr so richtig das, was er mal war, oder?

Desinger: Heute aus meiner Sicht ist er ein bisschen zu sehr waschlappenmäßig drauf. Wir würden von einem richtigen waschechten Vampir ein bisschen mehr erwarten, aber der Vampirfilm wiederspiegelt auch immer die aktuelle Gegenwart, Zeitprobleme, besondere Auseinandersetzungen …

Timm: Lassen Sie uns da mal drüber sprechen, das Kino ist ja auch ein geschützter Raum, da geht man rein und kann zumindest in seinem Innern mit den Bildern, die man da sieht, in die man sich auch hereinsteigert, auch so Befindlichkeiten ausleben, die man sonst nicht so ausleben kann. Insofern erzählen Vampirfilme natürlich auch immer von der Gesellschaft, die ihnen zuschaut und der sie auch entspringen. Was erfahren wir denn über die Zeit, in der sie entstanden sind, durch den Film?

Desinger: Ja, also interessant ist, wenn man noch mal auf den 31er-"Dracula" zurückgeht, …

Timm: Den ganz frühen Film?

Desinger: … ja, einen ganz frühen Film, den mit Bela Lugosi eben von Tod Browning, da haben wir eine Gesellschaft, die sich sehr gegen Lust, jedenfalls offiziell sperrt, das ist verpönt, es wird stark zensiert in Hollywood, und die Motive, die wir haben, die Annäherung des Vampirs an sein Opfer, der Biss, das sind alles erotische Momente, oder synonyme für Erotik. Da wird versucht, etwas auszuleben, was man eigentlich gar nicht darf. Und Bela Lugosi hatte scharenweise weibliche Verehrer, die sich fürchteten, aber gleichzeitig von ihm total begeistert waren. Auch eine Schauspielerin, eine junge Dame, Caroll Borland, die dann schließlich in einem anderen Film – "Mark oft he Vampire" – seine Tochter spielt, verfiel seinem Charme ihr Leben lang.

Umgekehrt gibt es ja auch viele Ab- und Nebenarten des Vampirfilmes, also auch den weiblichen Vampirfilm, auch den lesbischen Vampirfilm, wo dann die Frauen eine sehr starke Rolle bekommen. Vampirinnen sind die wenigen Protagonistinnen in der Filmgeschichte, die ihre Sexualität, ihre Erotik selbstbestimmt ausleben und stark dabei sind. Eigentlich, die Männer stehen da ein bisschen dumm am Rande, und die Beziehungen, die die Frauen selbst anstreben, sei es zu Männern, sei es zu anderen Frauen in lesbischen Beziehungen, sind die tragenderen, spannenderen, und da rücken die Männer an die Seite. Das ist so ein Seitenaspekt, den gibt es aber auch im Vampirfilm.

Der Vampirfilm erlaubt viele Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren, in verschiedenen Zeiten sich zu bewegen, und wenn Sie gerade gesagt haben, ja, wo stehen wir jetzt, ist der Vampir nicht etwas verweichlicht, ja, aber ich glaube, das kann sich auch wieder ändern. Es gibt ja jetzt schon Konzepte, Science-Fiction-Filme, in denen Vampire auftauchen, wo man sich schon überlegt, wie könnte denn ein Vampir in 50 Jahren oder in 100 Jahren aussehen.

Timm: Bernd Desinger, ganz kurz zum Schluss: Gibt es den Vampir, der kein Blut sehen kann, oder ist das nur ein dummer Spruch?

Desinger: Ich glaube, das ist ein dummer Spruch, obwohl das Genre in Parodien auch damit spielt. Nein, ich glaube, der Vampir kann Blut sehr gut sehen, schließlich lebt er ja davon, da muss er schon mit umgehen. Das ist sein Job.

Timm: Und einen großen Spaziergang durch die Kinogeschichte können Sie sich ansehen im Filmmuseum Düsseldorf noch bis Mitte Oktober, da gibt es die Ausstellung "Fürsten der Finsternis", unter anderem kuratiert vom Direktor des Filmmuseums, von Bernd Desinger. Herzlichen Dank fürs Gespräch!

Desinger: Danke schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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