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Fazit | Beitrag vom 22.01.2016

herman de vries: "Sculptures Trouvées"Ein Archiv für Formen, Farben und Gerüche

Von Annette Schneider

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Ein Teil der Ausstellung "to be all ways to be" des niederländischen Künstlers Herman de Vries ist im holländischen Pavillon am 10.05.2015 in Venedig (Italien) auf der Biennale zu sehen. (dpa / picture alliance / Felix Hörhager)
Im vergangenen Jahr bestückte herman de vries den holländischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. (dpa / picture alliance / Felix Hörhager)

herman de vries ist ein außergewöhnlicher Künstler: Er verweigert sich konsequent dem Erschaffen, stattdessen sammelt er, was er in der Natur findet und arrangiert die Fundstücke auf seine eigene Art. In Hamburg eröffnet nun seine Ausstellung "Gefundene Skulpturen".

Eine Reihe schmaler Baumstämme hängt an einer Wand: exakt auf die gleiche Länge gebracht schimmert ihre Rinde mal weiß, mal silbern, ist sie mal fein, mal porös.

Etwas weiter liegen drei gewaltige, verkohlte Baumstämme auf dem Boden. Und an einer anderen Wand reihen sich kleine Glaskästen aneinander, gefüllt mit hunderten fein säuberlich angeordneter Kieselsteine aus aller Welt.

Das Barlach-Haus gleicht einem Naturalienkabinett. Dabei erweist sich die klare Architektur des Museums als idealer Ort für die von Kurator Karsten Müller ebenso klar und sachlich präsentierten Fundstücke, die herman de vries über Jahrzehnte hinweg sammelte.

"Diesen Sammler macht zum Künstler eine besondere konzeptuelle Klarheit. Er hat sehr früh angefangen nach unpersönlicheren Möglichkeiten zu suchen, Dinge zu strukturieren, zu ordnen. Ich glaube, sein Antrieb ist immer, Dinge für sich sprechen zu lassen und immer wieder zu zeigen, dass nach dem, was nach Masse und Uniformität aussieht, unzählige individuelle Aspekte stecken."

Natürlich weiß man, dass kein Blatt dem anderen gleicht, jeder Stein anders aussieht. Doch es so konsequent vor Augen geführt zu bekommen, wie jetzt im Barlach Haus, ist etwas ganz anderes. Berückend schön ist eine große weiße Wand, an der 68 gleichlange Rosenstöcke hängen. Die Dornen verleihen der Reihung etwas unerwartet Zartes, Filigranes. Und man erkennt, dass alle Pflanzen sich in Form, Farbe und Abstand der Dornen unterscheiden.

herman de vries, der 1931 in Holland geboren wurde, arbeitete erst als Biologe und Wissenschaftler. In den 50er Jahren entschied er sich für die Kunst - und begann zu Sammeln: Erden aus aller Welt, Samenkapseln, Blätter, Äste, Hasenködel.

"Er war auch einer der Pioniere der ZERO-Bewegung, also eine bestimmte Reduktion, eine Bescheidenheit gegenüber den Dingen in der Welt, eine Zurücknahme des Egos. Eine bestimmte kontemplative Haltung zur Welt, als deren Teil er sich immer sieht. Also zwischen Subjet und Objekt zum Beispiel würde er nicht unbedingt unterscheiden wollen. All das steht im Hintergrund für seine Art des Dinge Findens."

Über 1400 Fundstücke sind in Hamburg zu sehen

Seit 1970 lebt de vries im unterfränkischen Steigerwald. Noch heute stromert der inzwischen 84-Jährige dort durchs Unterholz. Ein kleiner Film, der eigens für die Ausstellung entstand, zeigt den weißbärtigen Künstler, wie er auf einer dieser Touren plötzlich vor einem geschwärzten Stück Holz stehen bleibt:

herman de vries: "Ja, eine neue Skulptur habe ich gefunden. Die nehm ich mit. Ich habe das Holzstück aufgenommen, weil ich es gesehen habe. Und weil es eine schöne Form hat. Was ist schön? Man hat gesagt, das ist ein Wort für Ästhetik. Man vergisst oft dabei, dass das Wort Ästhetik aus dem Griechischen kommt. Und es hat zu tun mit 'wahr-nehmen'. So habe ich das Stück Holz aufgenommen, wegen seiner 'Wahrheit'."

Das Werk des eigenwilligen Künstlers gleicht stetig wachsenden Archiven für Formen, Farben und Gerüche. Es gleicht Wissensspeichern über Nutz- und Heilkräutern oder landwirtschaftliches Gerät, wie etwa Sicheln. 

Wie das Fundament seines Werks wirkt die früheste Arbeit der Ausstellung: "What is rubbish" steht da auf einem kleinen Stück Papier, das de vries 1956 von einer Pariser Brandmauer zupfte und auf Karton klebte.

"'Was ist Abfall, was nicht?', 'Was steht hoch, was ist niedrig?', 'Was ist schön, was ist hässlich?' Das war, glaube ich, grundsätzlich für ihn, für eine bestimmte Haltung, die auch mit dem Wunsch zu tun hat, dass Kunst etwas ist, was Denkmodelle aufbrechen kann, was Freiheitsgewinn ermöglichen kann, was auch über bestimmte Strukturen, in denen man üblicherweise denkt, ohne sie zu überdenken, ausbrechen kann."

Schon die über 1400 Fundstücke, die jetzt im Barlach-Haus zu sehen sind, eröffnen eine Schatzkammer, die die Vielfalt der Natur bewusst macht - und feiert. Frei von jeder Esoterik, wahrgenommen und mit Witz vorgeführt von einem Künstler, der sich dem Schöpferischen bewusst verweigert, weil er die Dinge, die schon da sind, für Wert genug erachtet.

"Das hat eine Klarheit und eine Konsequenz, und es hat durchaus eine anarchische, rebellische Untertönung. Gerade in einer nach wie vor kunstmarktblasengesättigten Ego-Trip-Kunst ist das eine durchaus radikale und vielleicht auch manchem Besucher heute auch noch provozierende Haltung! Wir zeigen nichts Geschöpftes, Gemachtes, Gemaltes. Es sind gefundene Werke!"

 

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