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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.09.2016

Hendrik Otremba: "Über uns der Schaum"Eingesogen in eine düstere Welt

Von Claudia Gerth

Mann späht mit Feldstecher durch eine Jalousie ( imago/Jochen Tack)
Ein Detektiv ist der Protagonist im Roman von Hendrik Otremba ( imago/Jochen Tack)

Hendrik Otremba ist Sänger der deutschen Rockband Messer. Doch er singt nicht nur, er schreibt auch: "Über uns der Schaum" ist eine düstere Kriminal- und Detektivgeschichte, die im kommenden Frühjahr erscheinen wird.

Romanauszug: "Trotz allem spüre ich etwas. Nicht nur, dass ich sie gefunden habe, auch dass sie aufgestanden ist, dass sie sich an mir festhält. Alles. Die Sonne ist fast untergegangen und wir erreichen die Straße. Mein Herz schlägt wie verrückt."

Mit diesen Worten entlässt uns der Detektiv Joseph Weynberg, Protagonist des Roman von Hendrik Otremba, in die Berliner Nacht. Vollkommen eingesogen war man als Zuhörer bis dahin in die düstere Welt des Detektivs. Vor Spannung nahezu paralysiert, versunken in den roten Sesseln eines stuckverzierten Kiez-Kinos, erfuhr man, dass Joseph Weynberg nicht nur seine Geliebte Hedy, sondern auch sich selbst an eine heroin-gleiche Droge verliert. Seine detektivischen Aufträge führen ihn ins Rotlichtmilieu, wo er dann selbst zur Figur eines perfiden Spiels mit einer Frau namens Maude wird, die seiner Freundin Hedy wie ein Klon gleicht.

Kein reiner Kriminalroman

Doch Otrembas Buch will kein reiner Kriminalroman sein. Es erinnert eher an die schauerromantischen Texte von Nick Cave - ebenfalls ein Musiker und Romanautor. Dass diese Mischung ungewöhnliche Abende erzeugt, erfährt man auch bei der Präsentation dieses noch unveröffentlichten Buches. Dynamisch wie ein Schauspieler trägt Hendrik Otremba seinen Text vor und wird dabei vom Musikerkollegen Raune begleitet. Dieser zeigt sich auf der Bühne als konzentrierter Soundarchitekt und unterstützt mit seinen teils markerschütternden Klängen die Dramaturgie des Textes.

Otremba: "Ich hatte das Gefühl beim Schreiben so einen Sound im Ohr zu haben und die Musik von Raune entspricht irgendwie für mich diesem Sound. Dann habe ich ihn gefragt, ob wir das zusammen machen."

Romanauszug: "Es war ein grauer, nasser Morgen. Nichts passierte und für zwei Stunden saß ich einfach nur da und dachte nach. Keiner meiner Gedanken festigte sich so, dass ich ihn wirklich hätte greifen können. […] Die Flasche kippte um und wird durch den Druck des ausströmenden Gases gegen den Wohnwagen geworfen. Ich schieße nochmal und das austretende Gas entzündet sich, versenkt das tote Gras. Der Wohnwagen fängt Feuer, die Tür springt auf, der Junge rennt heraus und schreit. Läuft auf den Wald zu."

Album und Buch sollen auch allein stehen können

Es geht Otremba in seiner Geschichte weniger um die Lösung eines kniffligen Falls, als vielmehr um die Atmosphäre, die Detektivgeschichten auszeichnen. Einige besonders metaphorisch und psychologisch aufgeladenen Selbstbetrachtungen seiner Hauptfigur erinnern dann auch an die Texte von seinem Band "Messer". Und auf deren aktuellen Album gibt es ein Stück, das wahrscheinlich nicht gerade zufällig "Detektive" heißt. Dennoch sind für den Künstler Album und Buch keineswegs gleichzusetzen:

Otremba: "Die letzten zwei oder drei Jahre haben wir am aktuellen Album gearbeitet mit 'Messer'. 'Jalousie' heißt das und das hat eine ähnliche Motivwelt. Ich glaube, so ist das auch, wenn man sich in einer bestimmten Zeit mit einer Ästhetik auseinandersetzt, mit bestimmten Fragestellungen, mit bestimmten Gefühlswelten. Das Album und der Roman sind also schon in einer Welt entstanden zum Teil. Und mir ist aber wichtig, dass das Buch und die Platte auch getrennt voneinander funktionieren und auch wahrgenommen werden. Weil es nicht um ein Handbuch zur Platte oder einen Soundtrack zum Buch geht."

Auf jeden Fall geht Henrik Otremba auch in Zukunft seiner Doppelbegabung nach. Neben Konzertterminen und Buchpräsentationen findet der Maler, Sänger und Dozent bereits schon wieder Zeit, an seinem nächsten Roman-Projekt zu tüfteln.

Hendrik Otremba: "Über uns der Schaum"
Ab Frühjahr 2017 im Verbrecher-Verlag

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(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 01.09.2016)

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