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Reportage / Archiv | Beitrag vom 18.07.2013

Heiße Eifel

Besuch bei Deutschlands gefährlichstem Vulkan

Von Ulf Lüdeke

Abendstimmung am Laacher See bei Mendig in Rheinland-Pfalz (picture alliance / dpa / Tobias Pietsch)
Abendstimmung am Laacher See bei Mendig in Rheinland-Pfalz (picture alliance / dpa / Tobias Pietsch)

Sein jüngster Ausbruch Ende der letzten Eiszeit war wohl der heftigste der letzten 100.000 Jahre in Mitteleuropa. Es gilt als sicher, dass der Vulkan unter dem Laacher See in der Ost-Eifel nur schläft - und eines Tages wieder explodieren kann. Selbst heute fordern seine Aktivitäten immer wieder Opfer.

Niemand ist dem Laacher See näher als Ansgar Hehenkamp. Der stämmige 39-Jährige mit blondem Vollbart hat die Fischereirechte vom Kloster Maria Laach gepachtet, das Benediktiner im 11. Jahrhundert unweit des Westufers bauten. Jeden Morgen um sieben fährt er hinaus auf den zwei Kilometer breiten See und kontrolliert die Netze nach einer Delikatesse: Felchen - ein lachsartiger Süßwasserfisch.

Manchmal sucht er im dunklen Grün auch mit Schallwellen nach Beute. Auf dem Monitor sieht er neben vielen kleinen und vereinzelt dicken Sicheln, hinter denen sich mopedgroße Hechte verbergen, sonderbare Dinge im bis zu 53 Meter tiefen Gewässer:

"Was man beim Drüberfahren mit dem Echolot sieht, sind die vulkanischen Aktivitäten. Man findet Gasblasenfelder auf dem ganzen See. Da steigen vom Grund an auf dem Echolot senkrecht Stränge auf."

Sorge bereitet dem Fischer aber eher das kühle Frühjahr, das ihm die Fangsaison verregnet hat:

"Wenn's passieren soll, dann passiert's. Und ob ich dann hier sitze, auf dem See rumfahre oder zu Hause in Lahnstein sitze, wird für die Probleme, die wir dann haben, relativ gleich sein. Wenn der mal ausbricht, dann merken wir das europaweit. Dann wird der Rhein mal wieder gestaut, dann säuft Koblenz ab, wahrscheinlich bis Mainz."

Auch Förster Karl Hermann Gräf stößt bei seinen Streifzügen durch den Wald des Vulkansees, der zu 80 Prozent aus Laubbäumen besteht, immer wieder auf Spuren der Gefahr. Lange fehlte ihm dafür jedoch jede Erklärung:

"Wir stehen hier an einem Ameisenhügel, der für unsere Region eigentlich eher untypisch ist, weil Ameisen zum Bauen ihrer Hügel lieber reine Nadelwälder bevorzugen. Geologen haben herausgefunden, dass Ameisen sich besonders auf tektonischen Verwerfungen ansiedeln."

Welchen Einfluss hat der Mond?

Ein Geologe der Uni Duisburg Essen fand im erdbebenaktiven Neuwieder Becken 3000 dieser Hügel, die tektonischen Bruchstellen folgen. Warum sie das tun, ist unklar. Der Professor will nun erforschen, ob die Insekten sich als lebendes Frühwarnsystem eignen.

Für Eycke Michael, ist es sogar zur Berufung geworden, Gäste des Vulkansees auf die Gefahren hinzuweisen, die unter ihm schlummern. Der pensionierte Fotograf, ist Mitglied der Deutschen Vulkanologischen Gesellschaft und zeigt unter dichtem Laubwerk am Ostufer auf eine Stelle, wo die sogenannten Mofetten, die auch der Klosterfischer auf seinem Echolot sieht, zahlreich nach oben blubbern, vulkanische Kohlendioxidausgasungen:

"Da sehen Sie einen größeren Sprudel. Ich weiß nicht, was wir für ne Mondphase haben. Bei Neumond haben wir wenig, bei Vollmond haben wir mehr."

Über den Einfluss des Mondes auf die CO2-Ausgasungen, die hier besonders stark an Land auftreten, streiten die Wissenschaftler noch, sagt Michael. Unstrittig hingegen sind die giftigen Nebenwirkungen, vor allem im Sommer.

"Da liegen ja auch die Leut überall am Ufer. Die wachen auf und merken gar nicht, dass sie tot sind! Na - zumindest hamse Kopfschmerzen."

Im 19. Jahrhundert bauten Mönche hier ein Exerzitien-Haus. Acht von ihnen, die nachts in einer Hütte davor Wache schoben, erstickten nacheinander. Die Hütte stand direkt auf einer Stelle, wo das Kohlendioxid austritt.

An einem eisigen Februartag 1956 schluckte der Vulkansee einen weiteren Bruder, der eine Madonnenstatue übers zugefrorene Wasser ans Ostufer bringen wollte. Er brach an einer Stelle ein, wo die Mofetten die Wassertemperatur höher und das Eis stets dünn halten.

Visite im Vulkanmuseum

Wem es an Vorstellungskraft mangelt, welche Energie ein Ausbruch in der Eifel entfesseln könnte, der vor 13.000 Jahren große Landstriche unter einer dicken Lava- und Bimsschicht begrub, sollte im Vulkanmuseum im nahen Mendig vorbeischauen.

Heinz Lempertz, Sprecher der Deutschen Vulkanologischen Gesellschaft, zeigt dort gerade einen Lehrfilm über die Explosion des Seevulkans. Obgleich er am Ruhetag des Museums mit dem Reporter allein dort ist, wirkt es, als stünde er vor mehreren Grundschulklassen:

"Das muss eine schlimme Eruption gewesen sein. Man sagt heute: etwa 500 Hiroshima-Atombomben. Eine Eruptionssäule von 30, 40 Kilometern Höhe."

Zu den vielen Ausflüglern, die täglich Kloster und See besuchen, zählt oft auch ein alter Schulfreund von Lempertz, der mit seiner Frau aus Mendig zu Fuß hierher pilgert. Weder Erdbeben noch Vulkanausbruch, für den es derzeit eh keine Anzeichen gibt, können seine pfälzische Gemütlichkeit erschüttern:
"Dat könnt misch net bange machen. Der Laacher See is ja im Grunde noch gar net rischtig erkundet. Und wenn dat knallt, dann hamwa keine Zeit mehr, ausm Keller zu kommen."

Was die Entdeckung von Klassenkamerad Lempertz betrifft, der den Reporter nach seinem Vortrag im Vulkanmuseum verdutzt auf die schiefe Kirchturmspitze hinweist, rät der Wandersmann aus Mendig zur Vorsicht. Die wurde nach der Reparatur des Wetterhahns lediglich wieder schief aufgesetzt, sagt er.

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