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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 17.06.2012

Heiß oder kalt?

Die Temperatur unserer Speisen

Von Udo Pollmer

Das Nationalgetränk in Marokko, ein heißer Pfefferminztee im Glas.
Das Nationalgetränk in Marokko, ein heißer Pfefferminztee im Glas. (picture alliance / dpa / Lars Halbauer)

Es wird heiß draußen und die Lust auf Kaltes steigt. In heißen Ländern trinkt man an heißen Tagen heißen Tee. Nun mangelt es nicht an Experten, die warnen: Vor zu heißem und vor zu kaltem Essen. Von ärztlicher Seite wird gar gefordert, alle Speisen bei 37 Grad zu verzehren.

Immer neue Ernährungstipps halten das Gewerbe der Ratschläger am Laufen. Wir essen inzwischen nicht nur zu viel, zu hastig und zu salzig sondern auch noch zu heiß. Ein Universitätsprofessor der Medizin warnte in ungelenkem Deutsch: "Zu hastiges Essen zu heißer Nahrung steht am Ursprung zahlreicher Krankheiten". Einer seiner Kollegen ergänzt, zu den bisherigen Risikofaktoren, wie Rauchen, Harnsäure und Diabetes - diese Aufzählung stammt wirklich aus der Feder eines Facharztes - käme nun "ein neuer Risikofaktor dazu, den es häufiger gibt als jeden bisher bekannten: Nahrung mit mehr als 37 Grad Celsius." Wow, da wird der Kochtopf zum Gefahrenherd!

Mediziner haben auch schon die Einsparungen für‘s Gesundheitssystem ermittelt: Bei Verzehr wohltemperierter Mahlzeiten seien zehn Milliarden Euro allein in Deutschland drin. Von heißen Pellkartoffeln oder habituellem Kaffeekonsum entstehen nämlich Schnupfen, Multiple Sklerose, Erkältungen, Influenza, Krebs, Allergien, Schuppenflechte, Kinderkrankheiten, Arteriosklerose und vermutlich sogar Diabetes. Ja, so steht es in unserer medizinischen Fachpresse. Es klingt ja auch so logisch: Der Diabetes käme daher, dass die heißen Speisen durch die Magenwand hindurch die Bauchspeicheldrüse überhitzen. Die ginge dann kaputt.

Wenn eine Gefahr durch Hitze besteht, dann in der Küche bei der Zubereitung! Da kann man sich mit heißem Wasser verbrühen, oder es werden durch unzureichende Erhitzung Krankheit erregende Keime verbreitet. Das Argument, dass Lebensmittel aus hygienischen Gründen gegart werden und deshalb auch in der Krankenhausküche bis zur Essensausgabe heiß gehalten werden sollten, ist den Ärzten zwar bekannt, kann aber nicht alle überzeugen. Denn: "Dies geht ... zulasten der Verbrauchergesundheit, welche eigentlich geschützt werden soll. Das Propagieren hoher Heißhaltetemperaturen führt bei gleichzeitiger Unkenntnis der schädlichen Auswirkungen ... dazu, dass Speisen und Getränke ... ohne ausreichende Abkühlung konsumiert werden." Gemeint ist auf möglichst 37 Grad.

Apropos Abkühlung: Eine andere medizinische Richtung warnt vehement vor zu kalten Speisen. Eiscreme verdirbt bekanntlich den Magen. Das hat man früher uns Kindern erzählt, damit wir im Freibad nicht ständig um ein Eis betteln. Neu ist die Aussage, die Kälte schwäche den Körper und das könne vielfältige Leiden verursachen. Egal ob Erdbeereis oder Eiskaffee - immer schön lauwarm. Sonst erfriert noch Ihr Dünndarm. Aber die Ratgeber wissen auch diesmal Abhilfe: Schließlich "gibt ein warmes Essen oder ein Heißgetränk doch ein besseres, wohliges Gefühl". Ja, gewusst wie!

Es stimmt schon: Beim Essen kann man sich den Mund verbrennen. Und selbst bei Eiscreme gibt es Menschen, die davon Kopfweh bekommen, den Kältekopfschmerz. Wirklich notwendig ist die Kontrolle der Verzehrstemperatur lediglich bei kleinen Kindern - und bei pflegebedürftigen Personen, die gefüttert werden müssen. Alle anderen Menschen brauchen bei Tisch kein Thermometer, sondern vor allem eins: einen gesegneten Appetit.

Lassen Sie es sich schmecken - egal ob eine ofenheiße Pizza oder einen kalten Braten. Mahlzeit!

Literatur:
Lütgendorff-Gyllenstorm H, Riedl R: Unsere Nahrung ist viel zu heiß. Ärzte Woche 2011; 43
Riedl R, Lütgendorff-Gyllenstorm H: Zu heißes Essen und Trinken - die unbeachtete Gefahr. Deutsche Lebensmittel-Rundschau 2011; 107: 71-83B
Bankhofer H: Sanfte Medizin. Goldmann, München 2006
Lütgendorff-Gyllenstorm H: Risikofaktor Nahrung mit mehr als 37 Grad Ceslsius. Wir essen und trinken zu heiß. Maudrich, Wien 1994

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