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Tonart | Beitrag vom 22.01.2016

Heinz Ratz' neues Album "Reykjavik" Kapitalismuskritik eines sanften Anarchisten

Von Carsten Rochow

Heinz Ratz, Liedermacher, aufgenommen am 01.02.2008 während der Aufzeichnung des ZDF-Wissenschaftstalk "Nachtstudio" in schwarzem Pullover vor gelb-rotem Hintergrund. (picture alliance / ZB / Karlheinz Schindler)
Heinz Ratz, Liedermacher und politischer Aktivist (picture alliance / ZB / Karlheinz Schindler)

Auf dem Doppelalbum "Reykjavik" - aufgenommen in Hamburg und der isländischen Hauptstadt Reykjavik - beschäftigt sich der Musiker Heinz Ratz mit dem Zustand Europas. Dafür hat er sich entzückende Unterstützung geholt.

"Ich bin, glaub' ich, zu einem sehr hohen Prozentsatz antibürgerlich. Die bürgerlichen Werte, die mochte ich noch nie, schon als Kind nicht eigentlich. Ich würde mich künstlerisch eigentlich als Märchenerzähler beschreiben, also, ich bin jemand, der unglaublich gerne das Leben durch sich durchströmen lässt, und dann mit Fantasie anreichert, und dann in einer schillernderen oder spektakuläreren Art und Weise dann gerne noch weitergibt. Und ich bin so was wie ein sanfter Anarchist."

Es bedarf durchaus dieser Selbstreflexion, um Heinz Ratz und seine Arbeit zu verstehen. Sein vielschichtiger Charakter und seine Persönlichkeit spiegeln sich stark in der Musik von Strom & Wasser wider - die Band, mit der er seit gut zwölf Jahren musiziert. Immer unkonventionell, überraschend, vielseitig, sanft und kantig, politisch und poetisch, und ja, bisweilen anarchisch. Seine Musik ist aber auch dadurch geprägt, dass Ratz - ein selbsterklärter Autodidakt - in vielen Bereichen gewisse Mängel habe.

"Diese Mängel bewirken aber auch, dass ich den Musikern, mit denen ich arbeite, größere Freiräume lasse, als ich's machen würde, wenn ich alles selber könnte, und Dinge geschehen lasse und gerne mit dem Zufall arbeite. Und so wirken sich eigentlich meine nicht so hohe Bildung und mein Anarchismus irgendwie ganz positiv aus."

Auch wenn sich Heinz Ratz bescheiden gibt - er ist ein Macher, der sehr aktiv verfolgt, was ihm auf dem Herzen brennt. Aktivist sei er, weil sonst kein anderer diese Arbeit mache. Wo es nötig sei, mische er sich ein.

Was ist noch übrig vom europäischen Gedanken? 

Jetzt widmet sich der Liedermacher also Europa, auf das er durch intensive Begegnungen mit Flüchtlingen einen neuen Blick erlangen konnte - und er stellt sich eine zentrale Frage: Was ist noch übrig vom europäischen Gedanken und vom Humanismus?

Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage - Flüchtlingsstrom, Rechtstruck, Schuldenkrise - kommt das neue Album "Reykjavik" allerdings weitgehend ohne explizite Kritik an Wirtschaft und Politik aus. Island und seine Natur hätten Ratz beeindruckt, verzaubert und ihn trotz politischer Verzweiflung gelassener gemacht. Seine Ansichten wurden erst mal zweitrangig. Er nennt es eine ideale Ausgangssituation für dieses auf zehn Jahre anberaumte Großprojekt, dessen Ziel es ist, den Blick verstärkt auf den kulturellen Reichtum Europas zu lenken.

"Es sind ja auch diese ganzen humanistischen, demokratischen, tiefkulturellen Werte in Europa. Und dieses Album soll der Anfang sein, sie ein bisschen zu stärken, und überhaupt das Bewusstsein darauf zu bringen, dass es wichtig ist, die kulturellen Werte jetzt wieder zu stützen."

Also ging Heinz Ratz ganz unbedarft nach Island, hat die Schönheit der Landschaft in sich aufgesaugt und auf der Suche nach Musikern für sein Projekt etliche Konzerte kleiner und großer Bands sowie etablierter und eher unbekannter Künstler besucht. Eine glückliche Zeit, wie er sagt, denn wer selbst viel live spielt, komme kaum in den Genuss anderer Konzerte. Er fühlte sich wieder wie 18, 19 - und er wurde fündig, landete gewissermaßen einen Glückstreffer: Ragga Gröndal, eine mehrfach preisgekrönte Sängerin mit einer bezaubernden Stimme.

"Sie ist schon so eine Extraklasse, find' ich. Die hat eine tolle Art, also zwischen feenhaft und auf der anderen Seite auch sehr offen für Experimente bewegt sie sich unglaublich zielsicher."

Ragga Gröndal prägt auch den Sound des Albums, denn nichts ist auffälliger als der Kontrast zwischen ihren federleichten, engelsgleich gesungenen Melodien und Ratz' Reibeisenstimme und diesem hier und da etwas gewöhnungsbedürftigen Sprechgesang.

Isländisch klingt verdammt erotisch

Die Stücke des Albums sind auf zwei CDs verteilt – eine mit den Hamburg-Sessions, die andere mit den Reykjavik-Sessions. Und ganz ohne Kapitalismuskritik geht es dann doch nicht. Der Album-Opener "Capitalism" ist inspiriert von der Stadt Reykjavik, die sich durch den Tourismus zu immer neuen Einnahmequellen hinreißen lässt und dadurch ein Stück weit ihre Identität verliert.

"Auf dem Land in Island kann man umsonst immer Kaffee trinken. In Reykjavik selber kostet das mittlerweile was, weil man entdeckt hat, naja, damit kriegt man ja eigentlich auch noch das Geld von den Touristen."

Ob jetzt eine überzogene Kauflaune tatsächlich eines der Probleme Europas ist, darf bezweifelt werden. Aber im Kern geht es auf "Reykjavik" auch nicht darum. Hier steht das Geschichten erzählen im Vordergrund, das Fantasieren über geheimnisvolle Trolle, brodelnde Vulkane und mythische Gestalten. "Reykjavik" handelt aber auch vom Dialog zweier europäischer Kulturen, vom Selbstverständnis des gemeinsamen Musizierens und des Sich-aufeinander-Einlassens. Und noch etwas macht das Album deutlich: dass Isländisch verdammt erotisch klingt, erst recht, wenn es direkt neben dem Deutschen erscheint.

Wer bereit ist, sich auf diesen Gegensatz einzulassen, der musikalisch zwischen Folk-Pop und Pogo-Punk seine Parallelen hat, der wird an dem Album "Reykjavik" vom sanften Anarchisten Heinz Ratz und seiner Band Strom & Wasser viel Freude haben.

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Heinz Ratz - Wie kann man den Stimmlosen eine Stimme geben?
(Deutschlandradio Kultur, Im Gespräch, 27.08.2014)

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