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Religionen | Beitrag vom 25.12.2016

Heiligenverehrung im RheinlandBiotop für fromme Tugendbolde

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

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Blick auf den Reliquienschrein mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige im Kölner Dom. (picture-alliance / dpa - Ossinger)
Der Reliquienschrein mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige im Kölner Dom. (picture-alliance / dpa - Ossinger)

Fromm, frommer, das Rheinland: Hier ist die Heiligenverehrung besonders ausgeprägt. Wer immer hier unter Kopfschmerzen, Ehepartnerlosigkeit oder auch nur unter einem unscharfen TV-Bild leidet: There is a Saint for that.

Dieser Sommer - um das Jahr 987 - brachte eine schlimme Dürre über das Rheinland. Nach wochenlanger brütender Hitze bedrohte die Trockenheit das Vieh und die Ernte… Doch dank der tatkräftigen Hilfe der Heiligen Adelheid, Äbtissin der Benediktinerinnenabtei Vilich bei Bonn, gab es trotzdem kein Problem:

Alois Döring: "…die dort im Mittelalter gewirkt hat und die zu einer Dürrezeit, ihren Äbtissinnenstab in die Erde gesteckt hat und daraufhin eine wunderbare Quelle entsprungen ist..."

Oder: Schwierigkeiten bei der Partnerwahl? Auch das soll vorkommen! Und auch hier: Problem gelöst. Und zwar völlig ohne Dating-Apps oder die kostenintensiven Dienste eines Eheanbahnungsinstituts:

"Zum Beispiel ist der Antonius der Patron für alle Heiratswilligen, die noch keinen Partner gefunden haben... Es gibt inzwischen sogar Single-Wallfahrten zum Heiligen Antonius…"

Heilige mit Migrationshintergrund

Dennoch, das macht der Bonner Volkskundler Alois Döring klar, sind die Heiligen Adelheid und Antonius - letzterer wird im Rheinland schlicht "Tünn" genannt - nur zwei winzige Mosaiksteinchen im großen Panorama der rheinischen Heiligenverehrung. Denn seit Jahrhunderten ist gerade das Rheinland ein Biotop für fromme Tugendbolde, keusche Jungfrauen und Märtyrer aller Art. Auffallend allerdings, dass viele dieser "typisch rheinischen" Heiligen keineswegs echte Rheinländer sind, sondern einen "Migrationshintergrund" haben:

"Das berühmteste Beispiel: Die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland, deren Gebeine von Mailand nach Köln gekommen sind und die große Dreikönigsverehrung im Rheinland bewirkt haben. Es gibt den Heiligen Nikolaus aus dem heutigen türkischen Gebiet, dessen Gebeine italienische Seefahrer im Mittelalter nach Bari gebracht haben. Es gibt Heilige aus Nachbarregionen: aus Frankreich wie der Heilige Martin von Tours, aus Belgien der Heilige Hubertus von Lüttich."

Und dann sind da natürlich noch die frommen Einwanderer, die irgendwann an den Ufern des Rheins auftauchten und - kaum Spuren hinterließen. Dennoch brachten es aber einige von ihnen durchaus zu einer gewissen lokalen Berühmtheit:

Alois Döring: "Da gibt es etwa einen Heiligen Salmanus von Würselen, es gibt den Heiligen Irmundus von Mündt, den keiner mehr kennt, es gibt die Heilige Lüfthildis von Lüftelberg, in der Nähe von Bonn gelegen…"

Oder den Heiligen Gezelinus von Schlebusch, der als Mitglied des Zisterzienserordens im 12. Jahrhundert aus Frankreich an den Rhein kam und dort für ein wundertätiges Wasser sorgte, das vor allem bei Augenleiden Linderung brachte. Natürlich hatten diese Heiligen eine wichtige Funktion: man konnte sie mit allen möglichen Anliegen anrufen und um Hilfe bitten. Einer dieser Angerufenen etwa hieß Antonius; jedoch handelte es sich bei ihm nicht um den berühmten Antonius von Padua, der gemeinhin für die Wiederbeschaffung von Verlorenem zuständig ist, sondern um ein ländlich-lokales Double des prominenten Italieners:

Alois Döring: "…den im Rheinland viel berühmteren hochverehrten 'Ferkes-Tünn', den 'Schweine-Antonius'. Dieser Antonius wurde sehr verehrt bei verschiedenen Seuchen, vor allem bei der Schweinepest oder beim Antoniusfeuer, was früher sehr häufig geherrscht haben mag."

Fischgräte verschluckt? Heiligen anrufen!

Die Verehrung der Heiligen stand vor allem im Spätmittelalter in voller Blüte. Sie wurde zu einer Art Theologie von unten. Und die wies bald recht pragmatisch jedem Heiligen sein ganz eigenes Betätigungsfeld zu. So half die Heilige Apollonia bei Zahnschmerzen, weil ihr bei ihrem Martyrium alle Zähne ausgeschlagen worden waren. Der Heilige Blasius dagegen wurde - nein, nicht bei Harnwegsinfektionen - sondern bei Halsschmerzen angerufen. Überdies auch beim Verschlucken einer Fischgräte! Und zuständig für Kopfschmerzen war:

Konrad Beikircher: "Nein, nicht der Heilige Aspirinus, obwohl der ja in Leverkusen sehr verehrt wird… Nein, der Heilige Pantaleon."

Aus offenkundigen Gründen, behauptet der Kabarettist Konrad Beikircher:

"Die Soldaten nagelten dem Pantaleon die Hände auf dem Kopf. Und damit ist auch klar, warum der Mann prädestiniert war für ein jenseitiges Dasein als Kopfschmerzheiliger…"

Deutlich wird: die rheinischen Heiligen sind durchaus in der Lage, ihre Aufgaben den Erfordernissen der Zeit anzupassen. Und so muss man heutzutage etwa bei Internetproblemen auch nicht mehr den Computer wutschnaubend aus dem Fenster werfen, sondern - den Heiligen Isidor von Sevilla anrufen:

Alois Döring: "Isidor von Sevilla hat die erste große Enzyklopädie geschrieben und deshalb wurde er, naheliegend, zum Internet-Heiligen… Allerdings nicht vom Vatikan bestätigt."

Auch das Fernsehen hat eine Patronin 

Eine noch abenteuerlichere Karriere, so Döring augenzwinkernd, machte die Heilige Clara, die Gefährtin des Franziskus von Assisi. Sie nämlich wurde überraschend zur Patronin des Fernsehens:

"Weil sie oft dargestellt wird mit einer Monstranz in einer viereckigen Form, die fast aussieht wie ein Fernsehmonitor. Es gibt auch eine andere Erklärung, eigentlich ein Kalauer, den mir mein Doktorvater erzählt hat: die Heilige Clara ist Fernsehpatronin; man ruft sie an, damit das Bild 'klarer' wird..."

Die Ereignisse in all diesen Heiligengeschichten seien, sagt Konrad Beikircher augenzwinkernd natürlich überwiegend fiktiv:

"Das bedeutet: Die Stories hat sich jemand ausgedacht und deswegen können so viele fantastische Dinge passieren. Das aber hat einen Grund: Die Helden dieser Geschichten konnten als absolute Vorbilder hingestellt werden. Denen konnte man nacheifern. Jedenfalls im Rahmen der eigenen Möglichkeiten."

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