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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.03.2014

Hebammen unter DruckSPD-Politikerin warnt vor Versorgungsengpässen in der Geburtshilfe

Die schleswig-holsteinische Gesundheitsministerin Kristin Alheit will Hebammen helfen

Kristin Alheit im Gespräch mit Christopher Ricke

Eine Frau hat ein Schild an ihrem Kinderwagen mit der Aufschrift "Rettet unsere Hebammen" befestigt.  (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
Hebammen protestieren gegen die Erhöhung der Versicherungsprämie (picture alliance / dpa / Axel Heimken)

Ein steuerfinanzierter Haftungsfonds soll die freiberuflichen Hebammen absichern, fordert die SPD-Politikerin Kristin Alheit. Der Berufsstand der Hebammen ist in Gefahr, weil sich viele von ihnen die extrem hohen Haftpflichtprämien nicht mehr leisten können.

Christopher Ricke: Ein ganzer Berufsstand ist bedroht. Es geht um die freiberuflichen Hebammen, die immer weniger Versicherer zu vernünftigen Versicherungstarifen absichern wollen. Es ist einfach das Risiko zu groß, argumentieren die Versicherungen. Aber ohne Versicherungsschutz kann man als freiberufliche Hebamme nicht mehr arbeiten. Ein Problemaufriss von Tim Schauenberg.

Zum Schutz der Hebammen in Deutschland vor zu teuren Versicherungen wird in Bund und Ländern über eine Begrenzung dieser Kostenrisiken diskutiert, und darüber spreche ich jetzt mit Kristin Alheit. Die SPD-Politikerin ist Gesundheitsministerin in Schleswig-Holstein. Sie hat schon eine Bundesratsinitiative zur Absicherung der Geburtshilfe angekündigt. Guten Morgen, Frau Alheit!

Kristin Alheit: Guten Morgen, Herr Ricke!

Ricke: Haben Sie denn schon alle anderen Gesundheitsminister mit im Hebammenrettungsboot?

Alheit: Ja, wir stimmen uns gerade ab, weil ich gerne am 14. März jetzt in den Bundesrat möchte, weil mir schon wichtig ist, dass wir ganz klar und deutlich machen, dass es ein Problem ist, das schnell angegangen werden muss, damit wir den Hebammen eine Perspektive geben können.

Ricke: Wo sehen Sie denn die Schuldigen? Sind die bei den Versicherungen, die kalkulieren müssen oder sind die möglicherweise bei den Krankenhäusern, die aus Kostengründen, wie wir auch gerade gehört haben, gerne auf eine festangestellte Hebamme verzichten, für die man dann auch die Verantwortung für deren Behandlungsfehler hat, verzichten, und stattdessen sich eine Beleghebamme in die Klinik holen?

Alheit: Nein. Es ist nicht so, dass es jetzt darum geht, einen Schuldigen zu suchen, sondern die Strukturen verändern sich einfach. Das ist eben im Beitrag ja auch deutlich geworden. Die Versicherungsprämien steigen ja, weil sich die Medizin auch verändert hat, weil sich die Perspektive Gott sei Dank für Neugeborene verändert hat, die da eine Schädigung erlangt haben. Die leben eben sehr lange und können mit guten Unterstützungen eben auch ein gutes Leben führen. Das ist aber eben sehr teuer, und darauf müssen die Versicherer auch reagieren.

Das, gleichzeitig, spiegelt sich eben nicht im Vergütungssystem der Hebammen wieder, und daran müssen wir etwas ändern, aber die Strukturen sind eben auch so kompliziert, dass man nicht sagen kann, macht mal eins zu eins einfach das. Deswegen geht es mir auch in der Bundesratsinitiative vor allem darum, deutlich zu machen: Der jetzt anstehende Preisanstieg bei den Versicherungen, das hat Frau Loss ja auch eben deutlich gemacht, es geht eben jetzt auf über 5000 Euro, und im nächsten Jahr ist die Perspektive nicht klar. Das führt zu einer großen Verunsicherung bei den Hebammen und dazu, dass noch mehr Hebammen aufgeben. Und in den ländlichen Bereichen, und in Schleswig-Holstein gibt es in der Fläche eben dann Versorgungsprobleme, denen möchte ich vorbeugen. Das ist mir ganz wichtig.

Ricke: Wenn das Risiko so hoch ist, wenn die Versicherungen so teuer sind, ist es denn dann wirklich ein Weg, dass der Staat einspringt, oder ist das eine Aufgabe für die Krankenkassen?

"Jetzt können wir noch handeln, und ich fordere auch alle auf, das zu tun"

Alheit: Das muss man sich genau angucken, wer – einspringen gefällt mir als Wort nicht so gut. Mir ist wichtig, dass weiter natürlich Hebammen für ihre Fehler auch haften müssen. Das heißt, sie werden aus der Haftungsverantwortung nicht herausgelassen, aber die Tatsache, dass das nach oben im Moment offen ist, ist für die Versicherung etwas, was für sie unkalkulierbar ist. Deswegen steigen sie aus dem Markt aus, und wir haben keinen funktionierenden Versicherungsmarkt mehr.

Die Idee, die ich mit einbringe in der Bundesratsinitiative, ist eine Festsetzung einer fallbezogenen Haftungshöchstgrenze, die – und da haben Sie dann recht – für die darüber hinaus gehenden Fälle durch einen steuerfinanzierten Haftungsfonds dann abgefangen werden müssten. Ich glaube aber schon, dass da auch eine gesellschaftliche Aufgabe drin liegt, diese Aufgabe von Hebammen weiter möglich zu machen. Und deswegen könnte das ein Weg sein. Es können aber auch andere Sachen gegangen werden.

Wichtig ist nur, dass wir sie jetzt angehen und nicht erst, wenn nächstes Jahr im Juli vielleicht gar kein Versicherer mehr zur Verfügung steht. Denn dann ist die Situation noch dramatischer als jetzt. Jetzt können wir noch handeln, und ich fordere auch alle auf, das zu tun.

Ricke: Wenn es nicht so schnell geht, wie Sie sich das vorstellen, was passiert dann? Muss dann jede Frau zur Geburt in die nächste Klinik in der Hoffnung, dort auf eine festangestellte Hebamme zu treffen?

Alheit: Ja, also Hebammen begleiten ja grundsätzlich die Geburt, in Kliniken eben durch Beleghebammen, die freiberuflich sind oder durch angestellte Hebammen. Da ist es ein Unterschied eben, in großen Kliniken sind sie meistens angestellt. Wobei, auch da muss man genau hingucken. Da greift dann ja im Zweifel die Haftpflichtversicherung des Krankenhauses, die aber in der Regel auch nicht die hohen Summen haben, die Hebammen eben brauchen. Da muss man auch genau hingucken, ob die Hebammen - auch die angestellten Hebammen - da nicht in den Schutz eines möglichen Versicherungsfonds müssen.

Aber für kleinere Häuser, die doch häufig mit Beleghebammen arbeiten – bei uns in Schleswig-Holstein ist das eben so, dass relativ viele Krankenhäuser angestellte und Beleghebammen oder auch nur Beleghebammen haben, mit denen sie arbeiten. Da ist es tatsächlich eine Frage der Struktur, die man aufrechterhalten kann, wenn es nachher keine freiberuflichen Hebammen geben sollte, die auch Geburtshilfe machen.

Ricke: Besteht also das Risiko, dass Hebammen sich in Zukunft nur noch um Vor- und Nachsorge kümmern und das Kerngeschäft, so nenne ich es mal, die Geburt, aus der Hand geben müssen?

Alheit: Das wäre eine sicherlich sehr bedauerliche Entwicklung. Also Vor- und Nachsorge werden nur von Hebammen angeboten, da werden die Strukturen auch sicherlich bleiben, aber in Gesprächen mit Hebammen merkt man ja, dass ihnen das Kerngeschäft der Geburt auch wichtig ist und dass es mit dazu gehört, und dass es eben auch das ist, wofür sie ihren Beruf eigentlich angenommen haben. Deswegen denke ich schon, dass wir uns sehr genau darüber Gedanken machen müssen, wie können wir verantwortungsvolle Strukturen aufrechterhalten, die den Hebammen den Beruf so möglich machen, wie er gedacht ist, als Geburtshilfe und als Vor- und Nachsorge, eben wirklich als Paket für die Familie.

Ricke: Kristin Alheit – sie ist die Gesundheitsministerin in Schleswig-Holstein. Ich danke Ihnen, Frau Ahlheit!

Alheit: Sehr gern, Herr Ricke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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