Montag, 1. September 2014MESZ23:07 Uhr

Buchkritik

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

Wiener KongressMächtige Frauen im Hintergrund
Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg.

Prunkvolle Empfänge, exklusive Soiréen, informelle Gespräche. Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch stellt spannend und detailliert dar, wie gebildete und kluge Frauen vor 200 Jahren den Wiener Kongress beeinflussten.Mehr

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Literatur

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Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.04.2011

Haus mit Höllenschlund

Silvia Bovenschen: "Wie geht es Georg Laub?", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 285 Seiten

Ein witziges Buch mit versteckter, aber gepfefferter Kritik am Literaturbetrieb
Ein witziges Buch mit versteckter, aber gepfefferter Kritik am Literaturbetrieb (AP)

Er lief in Maßanzügen über die Buchmesse und rauchte Zigarren. Dann zog er er sich plötzlich - frei nach Dante - in die Einsamkeit zurück. Dieser witzige und federleicht verfasste Roman ist voller Anspielungen auf den aktuellen Literaturbetrieb.

Er war einer, der es geschafft hatte. Einer, der in Maßanzügen über die Buchmesse lief, dicke Zigarren rauchte, den Medienbetrieb mit Bonmots fütterte, zwischendurch gefällige Bücher produzierte und von allen hofiert wurde. Ausgerechnet dieser Schriftstellerdarsteller namens Georg Laub hat seine Vergangenheit abgestreift wie eine alte Larve.

Als der Großteil seiner Ersparnisse durch spekulative Geschäfte eines Bankberaters in dunklen Löchern verschwand, zog Laub in ein heruntergekommenes, ererbtes Berliner Häuschen. Nun fristet er inmitten von Bauschutt ein improvisiertes Dasein. Das Merkwürdige ist: Georg Laub gefällt seine "Verkargung".

Allerdings taucht bald der erste Störenfried auf, außerdem packt ihn immer öfter ein merkwürdiger Schwindel, und schließlich wird er Opfer einer obskuren Theateraktion, die ihn quer durch die Stadt in finstere Cafés, unheimliche Bankkeller und verlassene Tonstudios lockt. Sein großes Projekt bleibt dennoch das Verschwinden.

Silvia Bovenschen, Jahrgang 1946, Literaturwissenschaftlerin und Verfasserin einer Reihe glänzender Essays, legt mit "Wie geht es Georg Laub?" ihren zweiten Roman vor. Sie erzählt die Geschichte einer zeitgenössischen Jenseitsreise. Der frischgebackene Eremit, der genau wie Dantes Reisender in der "Göttlichen Komödie" die Eitelkeit irdischer Verführungen erkannt hat, befindet sich auf dem Läuterungsberg und übt sich in einer mittelalterlichen Büßerhaltung.

In der Wand seiner Behausung gibt es sogar einen veritablen Höllenschlund, ein Loch, das ein Vormieter im Furor in die Wand gehauen hat. Dann taucht auch noch eine Wiedergängerin von Dantes Beatrice auf, jener ätherischen Frauengestalt, die den geläuterten Wanderer durch die Sphären des Paradieses geleitet: eine "unstofflich" wirkende, aber umso begehrenswertere Mieterin aus dem ersten Stock, der Georg Laub sofort verfällt. Bovenschen nennt sie Stella Remota, was wortwörtlich übersetzt "längst vergangener Stern" bedeutet und zum flüchtigen Charakter dieses anziehenden Traumgespinstes passt.

Die literaturgeschichtlich gestählte Autorin arbeitet in ihrem anspielungsreichen Roman mit einer verschachtelten Erzählstruktur, die den überraschenden Gängen, Türen und Verzweigungen in Georgs verwittertem Haus nicht unähnlich ist. Es gibt einen klassischen, allwissenden Erzähler, der von Georg in der dritten Person berichtet: "Georg Laub erwachte, und die Welt war sofort bei ihm. Er wusste, wo er war, und er wusste, wer er war – so gut man das wissen kann", wird der Zustand des Helden ironisch kommentiert.

Bald darauf macht sich ein weiteres Stimmenpaar bemerkbar, das sich im Dialog über den Weltverweigerer austauscht: "Wie geht es eigentlich Georg Laub?", heißt es refrainartig immer wieder, wobei die Antworten jedes Mal lakonischer ausfallen. Schließlich ergreift auch noch Georg Laub selbst das Wort und mogelt typographisch abgesetzte Manuskriptteile in den Roman.

"Wo ist Georg Laub?" ist ein witzig-grimmiger und zugleich federleichter Roman über die Eitelkeit des Literaturbetriebs und die Abgründe des Medienzeitalters, den vor allem Kenner des Sujets und Vielleser goutieren können. Das Artifizielle von Handlung und Figuren ist Programm. Ästhetische Theorie blitzt ebenso auf wie Genreszenen aus Krimis und Agententhrillern.

Für jeden dechiffrierbar ist die gepfefferte Medienkritik: Silvia Bovenschen prangert die alberne Gegenwartsversessenheit von Zeitungen, Fernsehen und Internet an und beklagt den Verlust des Subjekts. "Jetzt stirbt das Autorentum den schleichenden Google-Tod". Im Grunde nimmt sie noch einmal Partei für das gute alte Ich, das nur ist, wenn es spricht und schreibt.

Besprochen von Maike Albath

Silvia Bovenschen: Wie geht es Georg Laub?
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011,
285 Seiten, 18,95 Euro