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Hass ist stärker als Liebe

Arnon Grünberg: "Mitgenommen", Diogenes Verlag, Zürich 2010, 742 Seiten

Soldat aus Ecuador in der Nähe der Grenze zu Kolumbien
Soldat aus Ecuador in der Nähe der Grenze zu Kolumbien (AP)

Der Niederländer Arnon Grünberg zeigt Menschen, die ihr Mitempfinden, ihr Mitgefühl, die Fähigkeit des Mitleids verloren haben. Sein Roman ist ein erschreckender Blick in die Abgründe der menschlichen Seele - und ein Meisterwerk.

Eingegliedert in die holländische Armee hat Arnon Grünberg mehrere Wochen lang den Krieg in Afghanistan miterlebt. Er war im Irak und in Guantanamo Bay. Ohne diese Erfahrungen, auch wenn sie mit keinem Wort erwähnt werden, wäre ihm wohl kaum solch ein beklemmendes Porträt eines Soldaten gelungen, der seinen Auftrag nie hinterfragt, sich unterordnet, auch wenn er anderer Meinung ist, seine Pflichterfüllung als höchstes Gut ansieht.

Major Anthony dient seinem Staat, einem namenlosen lateinamerikanischen Land, indem er Terroristen verhaftet. Ob sie wirklich welche sind, darüber haben andere zu entscheiden. Als bei einer Festnahme einer seiner Untergebenen das verdächtige Ehepaar erschießt, bleibt deren achtjährige Tochter zurück. Eigentlich müsste Major Anthony sie den Behörden übergeben, doch stattdessen nimmt er sie mit nach Hause. Lina soll die Tochter sein, die er nie bekommen konnte, weil er zum großen Leid seiner jungen Frau unfruchtbar ist.

Er kann überhaupt nicht begreifen, dass sich weder seine Frau noch das Mädchen darüber freuen. Er glaubt, Glück kann man anordnen. Eine völlig absurde Situation. Selbst als er in die Hände der Rebellen fällt, versteht er überhaupt nicht, was man ihm vorwirft. Er hat doch nur seine Pflicht erfüllt. Arnon Grünberg zeichnet das Bild eines Militärs, für den Mitgefühl ein Fremdwort ist, der seinen ganzen Halt in absurden militärischen Sinnsprüchen findet.

Das überlebende Mädchen Lina ist nicht weniger verstört als der Major. Es hat alle Gefühle in sich abgetötet, passt sich, innerlich erkaltet, an die Verhältnisse an, weigert sich allerdings zu akzeptieren, dass die Eltern tot sind. Die Hoffnung allein hält es aufrecht. Als der Major von einem Einsatz nicht zurückkommt, flieht es. Der Widerstand nimmt sich Linas an. Sie verschwindet in einem abgelegenen Bergdorf, wird Minenarbeiterin, dann Kindergärtnerin, bis sie der Führer der Rebellen entdeckt, vergewaltigt und dann mit in die Stadt nimmt. Sie wird von ihm schwanger, gebiert einen Jungen.

In ihre Geschichte eingewoben erzählt Arnon Grünberg, wie aus einem jungen Immigrantensohn der charismatische Führer des Aufstandes wird, skrupellos, eiskalt, hasserfüllt, denn "Hass ist stärker als Liebe, stärker als alle Schönheit. Im Hass liegt Wahrheit, aus Verzweiflung und Hass nährt sich Hoffnung."

Dreimal setzt Arnon Grünberg an, um Menschen zu zeigen, die einen wichtigen Teil ihres Menschseins verloren haben: ihr Mitempfinden, ihr Mitgefühl, die Fähigkeit des Mitleids. Es ist ein erschreckender Blick in die Abgründe der menschlichen Seele. Die Sprache in ihrer kühlen Lakonie verstört ebenso wie sie fasziniert, gerade weil sie ausschließlich aus Sicht der Protagonisten erzählt, sich jeglicher Wertung enthält, die monströsesten Ansichten wie Selbstverständlichkeiten vorstellt. Sie nimmt den Leser als Geisel. Ein Roman, der einen nicht loslässt, Arnon Grünbergs Meisterwerk.

Besprochen von Johannes Kaiser

Arnon Grünberg: Mitgenommen
Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten
Diogenes Verlag, Zürich 2010
742 Seiten, 22,90 Euro



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