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Politisches Feuilleton

AfrikaSchwarze Elite will nicht bemuttert werden
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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 21.08.2012

Harte Schule des Alltags

Jeder Tag zwingt uns, Konflikte zu entschärfen

Von Clément Matweta

Jeder, der uns begegnet, kann sowohl ein Gegner als auch ein Partner sein, meint Clément Matweta. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Jeder, der uns begegnet, kann sowohl ein Gegner als auch ein Partner sein, meint Clément Matweta. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Der Ingenieur und Sozialarbeiter Clément Matweta ist in der Demokratischen Republik Kongo geboren und lebt seit 1996 in Deutschland. Oft spürt er, dass er als fremd angesehen wird. Aus dieser Erfahrung empfiehlt er, alltäglich zu üben, kleine Konflikte geschickt zu entschärfen.

Die Geschichte, die ich Ihnen erzählen werde, ist mir in Brüssel passiert. Sie hatte das Potenzial für einen handfesten Streit. Mir aber gelang es, ihn zu vermeiden. Dies habe ich gelernt in der harten Schule des Alltags, die jeden prägt, der anders als seine Mitmenschen aussieht.

Ich stieg in die 1. Klasse des ICE, in meinem Abteil saß eine Dame und sagte zu mir: "Entschuldigung mein Herr, Sie befinden sich in der 1. Klasse."
"Ja, ich habe es gemerkt", antwortete ich, "warum sagen Sie mir das?"
Die Dame: "Weil einer Ihrer Kollegen sich vertan hatte und von dem Zugbegleiter in die 2. Klasse geschickt wurde."
"Ich habe keinen Kollegen, ich reise allein!"
Darauf die Dame: "Ja gut, ich meine einen dunkelhäutigen Mann."
Weshalb ich sie fragte: "Liebe Frau, sind alle hellhäutigen Menschen Ihre Kollegen?"
Und die Dame: "Nein, aber ... "
Da unterbrach ich sie: "Also, zu Ihrer Information: Ich habe eine Fahrkarte 1. Klasse und fahre mit diesem ICE von Brüssel nach Köln."

Zufälligerweise war der Platz neben der Dame für mich reserviert. Das heißt, wir würden zwei Stunden lang als Nachbarn fahren. Und ich fragte mich, was nun passieren werde? Um die Situation zu entschärfen, habe ich mich freundlich vorgestellt, sie sich bei mir auch. Wir waren begeistert, was jeder von uns macht. Sie hat sich bei mir entschuldigt und ich mich bei ihr.
Diese Geschichte hat mir gezeigt, dass wir die Energie, die wir in Konflikte stecken, um sie zu steigern, auch nutzen können, um sie zu entschärfen. Am Anfang fand ich in jeder Aussage der Dame ein Wort, an das ich anknüpfen konnte, um mich in Rage zu reden, weil ich mich angegriffen fühlte.

Um abzukühlen, um der Begegnung ein positives Ende zu ermöglichen, habe ich versucht herauszufinden, was wir gemeinsam haben und worüber wir ein neutrales Gespräch führen können. Wir saßen nebeneinander in der 1. Klasse, fuhren die gleiche Strecke - und sprachen beide deutsch und französisch.

Ich habe dadurch eine Gemeinsamkeit gefunden, einen Schnittpunkt, um eine neue Atmosphäre zu schaffen, die mir erlaubt, nunmehr meine "Gegnerin" als "Gesprächspartnerin" zu betrachten. So ist es mir gelungen, die "negative" Energie in "positive" umzuwandeln. Der Streit provozierte mich, forderte mich heraus, doch statt ihn zu eskalieren, ließ ich mir etwas einfallen, handelte produktiv, um den Konflikt zu beenden.

Jeder, der uns begegnet, kann sowohl ein Gegner als auch ein Partner sein. Dies ist meine Erfahrung. Ich lebe als Ausländer aus dem Kongo in diesem Land und arbeite beruflich mit Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammen. Dabei habe ich gelernt, eine Situation nicht nur aus meiner Sicht zu betrachten, sondern als Ganzes zu erfassen.

Das muss man trainieren. Denn die Methode setzt zweierlei voraus, dass man interkulturelle Kompetenz erworben hat, einfach gesagt, sich in fremde Menschen hineindenken kann und sie richtig anzusprechen vermag. Und es setzt außerdem voraus, die Grenzen der eigenen Toleranz zu kennen – und damit umgehen zu können.

Ich weiß, dass es nicht einfach ist. Aber wenn wir es versuchen, entschärfen wir alltägliche Konflikte, die überwiegend nur aus Missverständnissen entstehen.

Clément Matweta, Ingenieur und Sozialarbeiter (Alphonsine Bakabamba)Clément Matweta (Alphonsine Bakabamba)Mabwab Clément Matweta, Ingenieur und Sozialarbeiter, geboren in der Demokratischen Republik Kongo, lebt seit 1996 in Deutschland. Er studierte Ingenieurwesen mit dem Fachgebiet Elektronik und arbeitet freiberuflich als Sozialarbeiter, Sprach- und Kulturmittler sowie als AIDS-HIV-Präventionskraft in Essen. Er gründete einen Sozialdienst Afrikanischer Migranten, der sich für die Ausbildung und Erziehung der Kinder afrikanischer Herkunft einsetzt. Außerdem engagiert er sich in der Hilfe für Flüchtlinge aus Afrika.