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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.02.2016

Hannah Fry: "Die Mathematik der Liebe"Formeln für Dating-Erfolge und stabile Ehen

Von Volkart Wildermuth

Eine Herzgeste wird von einem Teilnehmer an der Wahlparty der Feministische Initiative in Stockholm, Schweden mit Händen gebildet. (imago)
Eine Herzgeste: Helfen Algorithmen, den Partner fürs Leben zu finden? (imago)

Die Berechenbarkeit des großen Gefühls verspricht Hanna Fry in "Mathematik der Liebe". In ihrem unterhaltsamen Buch rät die Londoner Mathematikerin dazu, ruhig offensiv zu flirten und erklärt, warum zu viel Attraktivität in Online-Portalen wenig hilfreich ist.

Eins und eins, das macht zwei. Weiter als an das Lied von Hildegard Knef denken wohl die wenigsten, wenn es um die Mathematik der Liebe geht. Dabei gibt es Formeln für den Erfolg beim online-Dating, für den richtigen Zeitpunkt zum Heiraten und am Ende sogar für eine stabile Ehe. Hanna Fry hat jetzt diese Formeln unterhaltsam aufgearbeitet. Normalerweise beschäftigt sich die Londoner Mathematikerin mit Fragen nach dem Zusammenhang von Straßennetz und Kriminalität, Trends zu IRA Attentaten und mit der Mathematik von Infektionsausbreitungen. Wichtige Probleme, allerdings können Frys Fachartikeln oft nur Spezialisten folgen. Anders ist da ihr neues Buch.

Um ihre Liebe zur Mathematik anderen nahezu bringen, hat sich Hanna Fry deshalb mit der Liebe selbst beschäftigt. Dabei greift sie spielerisch auf die Arbeiten vieler anderer Forscher zurück. Etwa auf den Artikel "Warum ich keine Freundin habe" des Ökonomen Peter Backus, in dem er eine Liste mit seinen Ansprüchen formuliert, also dass die Zukünftige in seiner Nähe wohnen, gebildet und attraktiv sein soll. Anschließend jonglierte er mit Wahrscheinlichkeiten. Dabei ging Backus davon aus, dass fünf Prozent aller Frauen ihn attraktiv finden. Am Ende berechnet er dann, dass es in England gerade mal 24 potenzielle Partnerinnen für ihn gäbe. Ein deprimierendes Ergebnis, das aber vielversprechender aussehen könnte, so Hanna Fry. Etwa dann wenn Backus bereit wäre, auch etwas weniger attraktive Frauen in Betracht zu ziehen.

Errechenbar: der richtige Zeitpunkt, um zu heiraten

Wie aber findet man nun den oder die richtige? Hier hilft der Gale-Shapley-Algorithmus, mit dem normalerweise Studenten auf Universitäten oder Ärztinnen an Krankenhäuser verteilt werden. Demnach fahren die in einer Kneipe besser, die andere von sich aus ansprechen. Denn obwohl sie ab und an eine Abfuhr einstecken müssen, landen sie letztendlich bei den attraktiveren Partnern. Das gilt für Frauen wie für Männer. Nun ist die Kneipe zum Anbaggern nicht mehr in, viele Paare treffen sich Online. Hier belegt die mathematische Analyse von Dating-Profilen, dass zu viel Attraktivität wenig hilfreich ist. Denn sobald sich alle User einig sind, dass ein Bewerber oder eine Bewerberin scharf oder göttlich ist, bekommen die auch weniger Zuschriften. Erfolgreicher sind hingegen Profile, die unterschiedliche Reaktionen auslösen, wohl weil die potenziell Interessierten sich weniger vor der Konkurrenz fürchten.

Konkret bedeutet das: Das eigene Bild nicht mit Hilfe von Photoshop verbessern. Der kleine Bauchansatz ermutigt die Richtigen und schreckt nur die Falschen ab. Und wann ist es Zeit, sich für den Partner fürs Leben zu entscheiden? Genau nach 37 Prozent der Zeitspanne zwischen dem ersten Date in der Schule und dem gewünschten Hochzeitstermin. Dieser Wert lässt sich mathematisch exakt beweisen. Allerdings gesteht auch Hanna Fry zu, dass diese Formel keinen "Mister Perfekt" garantiert, aber in jedem Fall einen der eher besseren auf dem Markt. Als ihr Buch in den Druck ging, war Hanny Fry selbst Single und auch dafür kennt sie eine mathematische Begründung…

Ihr Buch entstand aus einem Vortrag für die TED-Konferenzen, bei denen Forscher ihre Frage einem breiten Publikum kurz und knackig erklären. Entsprechend unterhaltsam liest sich das Buch, die Formeln schrecken nicht ab, weil Hanny Fry gekonnt nur auf die Ergebnisse der Mathematik zurückgreift, ohne mit ihrer Ableitung zu langweilen. Dazu kommen einige bunte Illustrationen, die leider eher in die Kategorie gut gemeint fallen. Trotzdem macht der schmale Band Spaß – um sich mathematisch optimal auf die nächste Verabredung einzustellen.  

Hannah Fry: Die Mathematik der Liebe. Von der Berechenbarkeit eines großen Gefühls
Übersetzt von Irmengard Gabler
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016
144 Seiten, 9,99 Euro

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