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Religionen / Archiv | Beitrag vom 08.09.2012

Hamburg und die Muslime

Der hanseatische Weg beim Religionsunterricht

Von Michael Hollenbach

Hamburg macht, was im Bund nicht klappt: ein Vertrag mit den muslimischen Verbänden. (picture alliance / dpa / Roos Koole)
Hamburg macht, was im Bund nicht klappt: ein Vertrag mit den muslimischen Verbänden. (picture alliance / dpa / Roos Koole)

Hamburg hat eine kleine Revolution gewagt. Ähnlich wie mit den christlichen Kirchen sollen auch mit den muslimischen Verbänden Rechte und Pflichten geregelt werden. Konsequenzen hat der Vertrag auch für den Religionsunterricht, dessen Hamburger Weg bundesweit einmalig ist.

Der Hamburger Religionsunterricht für alle, der in den 70er-Jahren konzipiert wurde, sieht keinen bekenntnisorientierten Unterricht, keine konfessionelle Unterweisung vor, wie dies sonst in allen westdeutschen Bundesländern - außer Bremen - üblich ist. Dieses Konzept eines interreligiösen Unterrichts, das vor allem Wissen über die Religionen vermitteln will, wurde bislang allein von der evangelischen Kirche verantwortet. Die Muslime waren nur inoffiziell an dem Religionsunterricht beteiligt, sagt Mustafa Yoldas, Vorsitzender der Schura, des Rates der islamischen Gemeinschaften in Hamburg. Mit dem neuen Vertrag zwischen der Hansestadt und den muslimischen Gemeinschaften muss auch der Religionsunterricht für alle neu justiert werden.

"Mit dem Staatsvertrag würden wir formal auch das Mandat bekommen, dass wir den Religionsunterricht gemeinsam mit anderen Religionsgemeinschaften in erster Linie mit der Nordkirche hier gestalten können."

Die evangelische Kirche hat sich bereit erklärt, mit den muslimischen Verbänden beim gemeinsamen Religionsunterricht zu kooperieren. Propst Karl-Heinrich Melzer ist in Hamburg zuständig für die Schulpolitik der evangelischen Kirche. Er ist ein Verfechter des Religionsunterrichts für alle:

"Wir sind der Überzeugung, dass genau dieses am besten im Dialog geschieht, das Kennenlernen, aber auch das Wertschätzen lernen des jeweils anderen und damit auch ein hohes Maß an Toleranz und Verständigung unter den Religionen möglich ist."

Der evangelische Theologe betont, dass in der Hansestadt mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler keiner Konfession angehört; dennoch würde sich nur rund ein Prozent der Schüler vom Religionsunterricht für alle, der nicht verpflichtend ist, abmelden. Oder sie besuchen den katholischen Religionsunterricht. Denn die katholische Kirche lehnt das Hamburger Konzept ab:

"Weil die katholische Kirche möchte, dass katholische Kinder von katholischen Lehrkräften unterrichtet werden. Das bezieht sich auf die Trias: Lehrkraft katholisch, Lehre katholisch, Schüler katholisch."

Sigrid Kessens ist im Erzbistum Hamburg für Schulfragen zuständig. Die Katholiken befürchten eine Vermischung der Religionen und Konfessionen, solange die Schülerinnen und Schüler noch zu wenig über ihre eigene religiöse Herkunft wissen:

"Wir wollen mit unserem Unterricht in die Konfession einführen, weil wir heute auch ganz nüchtern konstatieren müssen, dass die wenigsten Kinder heute religiös sozialisiert werden. Und es geht darum, dass sie aus diesem Vertrautmachen mit ihrer eigenen Konfession auch einen Standpunkt entwickeln können. Von diesem Standpunkt aus, wenn ich weiß, wo ich stehe, kann ich mit anderen Religionen, Konfessionen, Weltanschauungen, überhaupt, ich meine, verantwortlich in Dialog treten."

Doch den Katholiken geht es auch um einen Bekenntnisunterricht, der nicht nur Wissen über die Religion vermittelt, sondern ebenso in Riten und Rituale einführt. Dem hält Wolfram Weiße, Direktor der Hamburger Akademie der Weltreligionen, entgegen:

"In der Familie, da soll in die Religion hinein erzogen werden, in der Gemeinde soll man zusammen beten und singen, aber warum soll die Schule dasselbe machen, wie Familie und Gemeinde. Schule hat aufklärerischen Charakter, muss Dinge durchdringen, und wenn man dann Glauben leben will, dann muss man das außerhalb der Schule machen."

Ein Standpunkt, den auch Mustafa Yoldas von der Hamburger Schura vertritt. Damit setzt sich Yoldas aber vom Mainstream der muslimischen Theologen in Deutschland ab, die eher für einen bekenntnisorientierten Islamunterricht votieren.

"Wir werden zwar von anderen muslimischen wie christlichen Gemeinschaften aus anderen Bundesländern oder auf Bundesebene getadelt für unseren Sonderweg in Hamburg, aber wir sind stolz darauf, dass der gut funktioniert. Denn im konfessionellen Religionsunterricht werden die Kinder getrennt, jeder wächst für sich auf, aber man lernt nichts voneinander. Ich wüsste nicht, in welchem Fach es uns möglich sein könnte, noch besser aufeinander zuzugehen als im Fach Religionsunterricht, wo ja Unterschiede da sind."

Offen ist aber noch, wie der Religionsunterricht in Hamburg künftig organisiert werden soll. Bislang unterrichten evangelische Theologen bereits über den Propheten Mohammed, die Sunna und den Ramadan; ob künftig auch muslimische Lehrerinnen - mit oder ohne Kopftuch - über Jesus, den Heiligen Geist und die Dreieinigkeit lehren, ist noch nicht geklärt. Der evangelische Propst Karl-Heinrich Melzer:

"Es gibt im Moment so zwei Denkbewegungen, die möglich sind: einerseits wäre es so, dass der ganze Unterricht von einer Lehrerin gewährleistet wird; das andere ist eine so genannte Fensterlösung, dass jeweils dann verschiedene Religionslehrer für ihre Teile im Unterricht dann eintreten."

In Hamburg dürfen weder Pastoren noch Imame unterrichten. Voraussetzung ist, dass alle Religionslehrer eine abgeschlossene, pädagogische Ausbildung haben. Und das wird bei den muslimischen Pädagogen noch einige Jahre dauern, da die universitären Angebote erst gerade aufgebaut werden.

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