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Studio 9 | Beitrag vom 31.08.2015

Hamado Dipama aus Burkina FasoKämpfer gegen den Alltagsrassismus

Von Georg Gruber

Hamado Dipama (Georg Gruber)
Hamado Dipama (Georg Gruber)

Hamado Dipama kam vor 13 Jahren aus Burkina Faso als Flüchtling nach Deutschland. Rassismus ist für ihn eine alltägliche Erfahrung. Doch er tut etwas dagegen - im Ausländerbeirat der Stadt München und im bayerischen Flüchtlingsrat.

Der bayerische Flüchtlingsrat hat sein Büro in einer kleinen ruhigen Seitenstraße im Zentrum von München, in einem ehemaligen Lebensmittelgeschäft. Immer wenn sich der Flüchtlingsrat kritisch zu Wort meldet, gehören Hassmails und Drohanrufe zur Tagesordnung. Daran sind die Mitarbeiter inzwischen gewöhnt, auch Hamado Dipama, er ist einer der Sprecher des Rates. Ein schlanker junger Mann, geboren 1974 in Burkina Faso in Westafrika, in seiner Jugend war er Leichtathlet. Er ist fast täglich im Büro, an diesem Nachmittag berät er eine Frau aus Togo, die ihren kleinen Sohn im Kinderwagen mitgebracht hat.

Es geht um ihren Aufenthaltsstatus. Hamado Dipama weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es in Deutschland ist, als Asylsuchender anerkannt zu werden und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Er spricht französisch, weil das die Amtssprache in Burkina Faso ist. Vor 13 Jahren musste er das Land verlassen. Er hatte sich während seines BWL-Studiums in der Studentenbewegung engagiert, war exmatrikuliert worden - und tauchte unter, als er von Nachbarn eines Abends davor gewarnt wurde, nach Hause zu kommen.

"Und am nächsten Tag habe ich erfahren, dass mein bester Freund - wir haben gemeinsam einige Aktionen durchgeführt und waren noch dabei, weitere Aktionen zu planen - in seinem Zimmer ermordet wurde. Da war mir klar, was auch mich in dieser Nacht erwartet hätte."

In Deutschland durfte er sein Studium nicht abschließen

Hamado Dipama floh über die Grenze nach Mali und dann per Flugzeug nach Paris. Doch in Frankreich, der ehemaligen Kolonialmacht, wollte er nicht bleiben.

"Als ich in Paris angekommen war, habe ich ein Taxi genommen, habe den Taxifahrer einfach gefragt: Zu welchem Bahnhof können Sie mich bringen, dass ich außerhalb Frankreichs fahren kann? Ich hatte auch Deutschland nicht im Kopf, mir war einfach wichtig, außerhalb Frankreichs - und der erste Zug war nach München."

Er hätte nicht gedacht, dass Asylsuchende in Deutschland so viele Hürden zu nehmen haben.

"Ich hätte gerne zum Beispiel mein Studium abschließen wollen, aber das war alles nicht möglich mit meinem Stadium als geduldeter Mensch, ich durfte nicht mal einen Deutschkurs besuchen, ich habe es mir selber beigebracht."

Trotz politischer Verfolgung wurde sein Asylantrag abgelehnt. Doch er gab nicht auf, seit November vergangenen Jahres hat er eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, weil sich die Härtefallkommission seiner Sache annahm.

Hamado Dipama ist ein Kämpfer, nicht nur in eigener Sache, sondern auch für andere, im Ausländerbeirat der Stadt München und als Sprecher des bayerischen Flüchtlingsrates. Mit einer Aktion sorgte er bundesweit für Aufsehen: Er versuchte in Münchner Diskotheken feiern zu gehen - und scheiterte an den Türstehern. Wegen seiner schwarzen Hautfarbe, davon ist er überzeugt, denn seine deutschen Freunde durften passieren. Er ging vor Gericht, gewann zwei der Prozesse, verlor einen, in drei Fällen schloss er einen Vergleich mit den Betreibern:

"In dem sie sich verpflichtet haben, gemeinsam mit uns, dem Ausländerbeirat München, Aktionen und Kampagnen gegen Rassismus und Rechtsextremismus durchzuführen; da habe ich gesagt, in dieser Richtung könnten wir gemeinsam was machen."

Deutschland ist für ihn zur zweiten Heimat geworden

Rassismus, sagt Hamado Dipama, erlebe er täglich: bei der Wohnungssuche, bei willkürlichen Polizeikontrollen, auf der Straße oder in der U-Bahn, wo er immer wieder als "Neger" beschimpft wird:

"Das ist für mich mehr als Beleidigung, das ist eine Entwürdigung."

Dass in München die Pegida-Bewegung von Anfang an nur aus wenigen Demonstranten bestand und die Gegendemonstranten stets deutlich in der Überzahl waren, sieht er zwar positiv, aber er vermisst Zivilcourage im Alltag.

"Alleine nur rauszugehen und Schilder hochzuhalten, 'München ist bunt' oder 'Nürnberg ist bunt', alleine nur durch diese Aussage, durch diese Zeichen löst man das Problem nicht."

Die politische Lage in Burkina Faso hat sich inzwischen gewandelt. Im vergangenen Herbst gelang es der Opposition, das autoritäre Regime zu stürzen, vor dem er geflohen war.

"Wir arbeiten auch viel zusammen, nach der Revolution haben wir von Deutschland aus Gelder gesammelt für die Verletzten in Burkina Faso."

Seiner Heimat ist er immer verbunden geblieben. Dennoch weiß er noch nicht, ob und wann er zurückkehren wird:

"Es kann auch sein, dass ich irgendwann die Entscheidung treffe, ich bleibe hier, das ist alles möglich."

Denn auch hier, in seiner zweiten Heimat, gibt es für ihn genug zu tun.

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