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Tonart | Beitrag vom 22.03.2016

H2O-Orchester aus ParaguayMusizieren auf Wasserflaschen und Klobrillen

Von Rebecca Friedmann

Mitglieder eines der paraguayanischen H2O-Orchesters spielen auf aus Wasserkanistern hergestellten Streichinstrumenten. (picture alliance / dpa / Andres Cristaldo)
Mitglieder eines der paraguayanischen H2O-Orchesters mit aus Recyclingmaterial hergestellten Instrumenten (picture alliance / dpa / Andres Cristaldo)

Die "H2O-Orchester" aus Paraguay spielen ausschließlich auf Instrumenten aus Gegenständen, die etwas mit Wasser zu tun haben. Damit wollen sie auf den hohen Wasserverbrauch aufmerksam machen und für Umweltschutz werben. Dieses Anliegen hat auch der Weltwassertag am heutigen Dienstag, an dem weltweit Aktionen zum Thema stattfinden.

Noelia Riveros: "Dieser Kontrabass ist ein bisschen schwieriger zu spielen, als ein normaler. Er ist nämlich kleiner und der Abstand zwischen Saiten und Griffbrett ist ziemlich groß. Da muss man ganz schön fest drücken, um einen ordentlichen Klang rauszubekommen."

Der aus Treibholz geschnitzte Kontrabasshals reicht Noelia Riveros bis über den Kopf. Trotzdem wirkt das Instrument eher zierlich: Der Körper ist aus zwei schlanken Plastikkanistern gebaut, die man sonst nur von Wasserspendern kennt. Im Tageslicht schimmern sie hellblau.

"Wir wollen den Menschen mit diesen Instrumenten zeigen, was man alles mit den Dingen machen kann, die wir oft wegschmeißen. Wasser ist das Wichtigste was wir haben, und wir können daraus Musik machen – aus den Gegenständen, die mit unserem täglichen Wassergebrauch zu tun haben. Durch die Musik kann jemand, der uns spielen hört sehen 'Ah, die sagen mir, dass ich nicht auf's Wasser aufpasse – aber sie sagen das nicht auf eine negative Art, sondern mit Musik.' Das kann helfen, bewusster mit Wasser umzugehen."

Die 22-jährige Kontrabassistin kommt aus dem Ort Caaguazú im Osten von Paraguay, eines der wasserreichsten Länder des Kontinents. Mit 13 hat sie dort in dem sozialen Musikprojekt "Sonidos de la Tierra" angefangen, Musik zu lernen. Aber das Projekt gibt Kindern und Jugendlichen aus allen Schichten der Gesellschaft mehr als nur Musikunterricht. Es soll vor allem auch soziale Kompetenzen fördern – dazu gehört ein Bewusstsein für Gesellschaft und Umwelt. Warum aber in einem Land, das riesige Wasservorräte hat, ausgerechnet für den Erhalt von Wasser auf die Bühne gehen?

Gustavo Barrientos: "Alles hat mit einer Umweltkatastrophe angefangen: das Wasser des Ypacaraí-Sees ist gekippt. Unserer wichtigster See in Paraguay war so verschmutzt, dass die Situation für Mensch und Tier gefährlich wurde. Die Leute haben sich nicht darum geschert und einfach ihren Müll hineingeworfen, und das an einem See, der für uns ein Wahrzeichen ist. Normalerweise wird er 'der blaue See von Ypacaraí' genannt – sehr blau ist er jetzt nicht mehr."

Inzwischen rund 50 H2O-Ensembles in Paraguay 

Gustavo Barrientos ist Geiger und spielt sonst als Konzertmeister und Solist mit dem Sinfonieorchester von Asunción, der Hauptstadt Paraguays. Er engagiert sich aber auch als begeisterter Musiker und Lehrer bei "Sonidos de la Tierra".  

"Wir haben überlegt, wie wir als Musiker etwas gegen diese Situation tun könnten und sind auf die Idee gekommen, diese Instrumente zu bauen: aus Wasserflaschen, Kanistern, Schläuchen und Eimern. Lauter Gegenstände, die etwas mit Wasser zu tun haben. Und dann haben wir unser erstes Konzert in der Stadt am See gegeben, an deren Ufer die Verschmutzung am schlimmsten war."

Der Anklang war so groß, dass es mittlerweile rund 50 Ensembles mit sogenannten H2O-Instrumenten im ganzen Land gibt. Alle werden in den Projekt-eigenen Werkstätten gebaut – mancher Instrumentenbau ist schon Routine, bei anderen wird noch herumexperimentiert.

"Wir haben eine Trompete aus Wasserschläuchen und einem Wassertrichter aus Aluminium, die fantastisch klingt. Bis jetzt haben wir es noch nicht geschafft, eine nachzubauen, die ähnlich gut klingt. Also müssen wir darauf aufpassen, wie auf einen Goldschatz."

Konzertreisen in die USA und nach Deutschland

Bei den Konzerten gehen die Musiker nicht mit dem Zeigefinger sondern mit Humor auf ihr Publikum ein. Dazu trägt auch das Repertoire bei. Das ist zwar durch die Bauart der klassischen Instrumente etwas eingeschränkt. Durch eingebaute Tonabnehmer entstehen aber auch neue Möglichkeiten – zum Beispiel das Zusammenspiel mit E-Gitarren aus Klobrillen.  

"Wir spielen hauptsächlich populäre Stücke, die den Leuten Spaß machen. Aus der Klassik können wir wegen der Stimmung der Instrumente nicht zu komplizierte Stücke spielen, also zum Beispiel keine Sinfonien."

Die Cellistin Anna Rivas weiß, dass es darauf auch gar nicht ankommt. Die Menschen, die sie bis jetzt bei den Konzerten im Publikum erlebt hat, waren durchgehend begeistert und überrascht, dass man überhaupt auf Wasserflaschen spielen kann. Ihre Freundin, die Bratscherin Dulce Acosta freut sich auch, dass sie durch dieses Projekt viele neue Bereiche kennenlernt:

"Wir kommen plötzlich in Kontakt mit Menschen und Berufsgruppen, die sonst nichts mit Musik zu tun haben, aber die sich für unser Projekt interessieren, weil sie Interesse an Umweltschutz und Recycling haben. Da arbeiten wir nicht – wie davor – nur mit Musikern zusammen, sondern auch mit Ingeneuren, Umweltspezialisten und Ärzten. Ich finde das sehr spannend."

Und auch im Ausland ist man schon auf die erfinderischen Musiker aufmerksam geworden: Bis nach Los Angeles, New York, Zürich und München sind sie mit ihren Instrumenten schon gereist – auf Einladung verschiedener Organisationen.

Gustavo Barrientos: "Unsere Instrumente haben ja auch einen internationalen Namen: H2O, das heißt überall auf der Welt das gleiche. Und Wasser muss auch auf der ganzen Welt geschützt werden, nicht nur in Paraguay."

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