Seit 14:30 Uhr Vollbild
 
Samstag, 28. Mai 2016MESZ15:44 Uhr

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 11.08.2014

"Gutmenschen"Eben mal die Welt retten!

Warum "Gutmenschen" so verhasst sind

Von Ulrike Köppchen

Claudia Roth, stellvertretende Parlamentspräsidentin des Bundestages  (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Die Zuschreibung als "Gutmensch" ärgert die ehemalige Grünen-Parteivorsitzende Claudia Roth unglaublich. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Ob Lichterkette gegen Ausländerhass, Klimaschutz oder Fahrrad-Demo: Sie wollen die Welt besser machen - und werden dafür als "Gutmenschen" abgestempelt. Ihre Kritiker sind einfach nur genervt und wehren sich dagegen, fremde Moralvorstellungen oktroyiert zu bekommen.

Österreicherin:"Ein Gutmensch ist für mich jemand, der eigentlich seine eigenen Moralvorstellungen geschaffen hat und die der Welt aufoktroyiert. Vordringliches Beispiel: Ökologie-Gutmenschen, die Grünen. Das sind Faschos. Nicht alle Grünen, natürlich nicht, aber spezielle Menschen, die dann glauben, anderer Menschen Lebensweise dominieren zu wollen."

Margot Käßmann: "Ich finde es ärgerlich, dass das zu einem so diffamierenden Begriff geworden ist mit Blick auf Menschen, die glauben, sie könnten die Welt verbessern. Ich finde, wir brauchen solche Menschen."

Berliner: "Ich zähle mich nicht zu den Gutmenschen, und ich möchte auch nicht als Gutmensch bezeichnet werden, auf keinen Fall, weil ich denke, diese Leute sind ziemlich extrem und sind meistens auch ziemliche Heuchler."

Claudia Roth: "Seit ich Politik mache, habe ich ja diese Zuschreibung. Und das ärgert mich wirklich unglaublich, dass die, die Gutmenschen verächtlich machen, eigentlich diejenigen sind, die für schlimme Zustände verantwortlich sind. Ist es Gutmenschentum, wenn du sagst, ich will nicht in einem Europa leben, wo Flüchtlinge im Mittelmeer, Tausende ums Leben kommen, ertrinken?"

Eben mal die Welt retten. Warum Gutmenschen so verhasst sind. Eine Sendung von Ulrike Köppchen.

Sprachhygiene und Lustfeindlichkeit

Norbert Bolz: "Gutmenschen sind Leute, die eine Rhetorik pflegen, die auch einen eigenen Namen in den letzten Jahrzehnten bekommen hat, nämlich political correctness. Und diese political correctness kann man sehr gut beschreiben und damit ja eigentlich auch den Gutmenschen: Sie setzt sich zusammen aus politischem Moralismus, aus einer Art Sprachhygiene, in einer Menge von Sprachtabus und darüber hinaus auch durchaus eine Art puritanischer lustfeindlicher Haltung."

Der Philosoph und Medienwissenschaftler Norbert Bolz, Professor an der TU Berlin und einer der profiliertesten Kritiker der sogenannten Gutmenschen, unter deren Knute wir seit Jahrzehnten stehen oder jedenfalls angeblich stehen. Gutmenschen zwingen uns, Unisex-Toiletten für Menschen zu bauen, die sich nicht für ein Geschlecht entscheiden können oder wollen; sie wollen das Ponyreiten auf Jahrmärkten verbieten, weil das keine artgerechte Tierhaltung darstellt.

Wenn ein Ausländer eine Straftat begangen hat, darf man das auch nicht mehr erwähnen, damit keine fremdenfeindlichen Ressentiments geschürt werden. Und wer es wagt, all das zu kritisieren, wird sofort als Rassist, Reaktionär oder gar Nazi abgestempelt. So oder jedenfalls so ähnlich grummelt es im Volk. Der Unmut über die selbst ernannten Tugendwächter, Minderheitenschützer und Volkserzieher richtet sich vor allem gegen die Grünen, die all das zu verkörpern scheinen.  

"Ich glaube schon, dass die Leute sagen: Wir lassen uns doch nicht vorschreiben, wie wir zu leben haben. Und genau in so ein Bild sind wir gerückt worden."

Claudia Roth, langjährige Parteivorsitzende der Grünen und heute Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.

Endgültig voll war das Maß am 5. August dieses Jahres, als die "Bild"-Zeitung titelte "Grüne wollen uns das Fleisch verbieten"; daneben ein Foto, auf dem eine verkniffen dreinschauende Renate Künast dem Leser einen kargen Apfel entgegenstreckt. Der Anlass war simpel: Die "Bild" hatte eine drei Jahre alte Forderung der Grünen nach einem vegetarischen Donnerstag in öffentlichen Kantinen ausgegraben, die sich auch im Wahlprogramm der Partei für die Bundestagswahl 2013 wiederfand. Der "Veggie Day" war eigentlich gut gemeint,  betont Claudia Roth.

"Eigentlich war die Idee, zu sagen: Mensch, liebe Leute, lasst uns doch mal gemeinsam nachdenken, was hängt eigentlich dran an der ganzen Ernährung? Was bedeutet der übermäßige Fleischverbrauch fürs Klima, was bedeutet er für die Böden, was bedeutet er für Entwicklungsländer, was bedeutet es für die Gesundheit? Muss man das überhaupt, oder ist es nicht eine Möglichkeit, auch mal bewusst darauf zu verzichten, um auch ein Statement abzugeben?"

Stänkern gegen den Tugendterror der Grünen

Dennoch brach ein wahrer Sturm der Empörung los. Nicht nur bei den politischen Gegnern CDU und FDP, die mitten im Wahlkampf nur zu bereitwillig auf den Entrüstungszug aufsprangen, auch in den Social Media Twitter und Facebook wurde gewaltig gegen den Tugendterror der Grünen gestänkert. Und selbst die sonst so verständnisvolle "Zeit" wünschte sich statt "Veggie Day" einen "zero day": einen Tag  "ohne Weltverbesserungsvorschläge und Erziehungsmaßnahmen der Grünen".

Roth: "Man sollte daraus lernen, dass wir tunlichst alles dafür tun müssen, dass grüne Politik eben keine Spaßbremse ist, dass es ein unglaublicher Lustgewinn ist, auch mal sich bewusst zu ernähren oder auch mal bewusst Strom oder Energie einzusparen und dass wir Rahmenbedingungen brauchen, wenn wir nicht die Augen vor dem verschließen, was morgen ist."

Lustgewinn durch Verzicht und dann noch auf Fleisch – das ist für viele schwer nachvollziehbar:   

"Man hat manchmal in Deutschland den Eindruck, dass man den Deutschen nicht ihre Wurst nehmen sollte."

Der Journalist Alessandro Alviani, Korrespondent der italienischen Tageszeitung "La Stampa" in Berlin.

"Es war erwartbar, dass das schlecht ankommt, dass das im Grunde genommen eine Trotzreaktion verursacht und das ist das, was passiert ist. Wenn man das nüchtern betrachtet, dann macht das natürlich Sinn. Persönlich hätte ich vorgezogen, hätte jemand vielleicht gesagt: Man muss nicht jeden Tag Fleisch essen, aber wenn, dann versuchen Sie, auf Qualität zu setzen!"

Ist Egoismus nötig, um glücklich zu werden?

"Ich denke, Gutmenschen sind wichtig für die Gesellschaft. Das sind so Leute, die die Summe des Glücks vergrößern wollen, aber für sich selbst sind die eher nicht so gut. Also ich glaube, Egoismus ist ne ganz wichtige Eigenschaft, wenn man glücklich werden will im Leben."

Rainer Erlinger: "Gutmensch hat ja bei uns im allgemeinen Sprachgebrauch so einen negativen Beigeschmack so in Richtung, das ist jemand, der sich gut verhält und sich damit über die anderen Menschen erhebt, weil er sich für besser hält; also eigentlich wird Gutmensch im Sinne von Sich-besser-halten-Mensch verwendet im allgemeinen Sprachgebrauch."

"Gutmenschen sind Menschen, die denken, dass die Welt gut ist, dass man den anderen Leuten helfen soll und sie haben naive Vorstellungen davon, was die anderen Menschen auf der Welt so wollen."

"Ein guter Mensch der schlimmsten Sorte"

Norbert Bolz: "Die schönste Definition des Gutmenschen. Von Mark Twain: Der Gutmensch ist ein guter Mensch von der schlimmsten Sorte."

Nicht nur von Mark Twain schüttete gern Häme und Spott über "gute Menschen" aus. Dem amerikanischen Schriftsteller Charles Bukowski wird folgender Satz zugeschrieben:

"Für den Sieg des Bösen reicht es schon, wenn die guten Menschen ihr Bestes tun."

Und für den Philosophen Friedrich Nietzsche war der "gute Mensch" schlicht ein "Mucker":

"Vielleicht gab es bisher keine gefährlichere Ideologie, keinen größeren Unfug in psychologicis als diesen Willen zum Guten: Man zog den widerlichsten Typus, den unfreien Menschen groß, den Mucker."

Durch und durch mit sich selbst zufrieden

Norbert Bolz: "Nietzsche hat eine sehr schöne Theorie vom letzten Menschen, wie er diesen Menschen nannte. Das ist ein Begriff, den man im Zarathustra findet, in seinem Hauptwerk, und dieser letzte Mensch ist eigentlich der Mensch unserer eigenen Gegenwart. Es ist jemand, dem es sehr gut geht, der in einer Wohlstandsgesellschaft lebt, der seinen Genuss am Tag und seinen Genuss in der Nacht findet, der seine kleinen Drogen und Betäubungen kennt und zu schätzen weiß, also ein Mensch, der durch und durch zufrieden ist mit sich selbst und jemand, der allerdings auch keinerlei Vorstellung von Transzendenz hat."

Nietzsche mit seiner Theorie vom Übermenschen gilt vielen als der geistige Vater der Kritik am Gutmenschentum, ohne dass Nietzsche diesen Begriff jemals benutzt hätte.

Naiver Weltverbesserer. Der gilt zwar vielen als peinlich und uncool, aber ist doch im Grunde harmlos, auch wenn er mit seinem Missionieren für die gute Sache nervt und gleichzeitig weniger moralischen Zeitgenossen ein schlechtes Gewissen bereitet. Rainer Erlinger, Arzt, Jurist und Autor von Büchern und Kolumnen zu Fragen der Alltagsmoral: 

"Für mich ist das klassische Beispiel der Vegetarier. Ich selbst lebe auch vegetarisch, und man erlebt es oft, wenn man sagt, ich lebe vegetarisch, dass man plötzlich großen Angriffen ausgesetzt ist. Ich hab überhaupt nicht gesagt, ob man vegetarisch leben soll oder nicht, sondern nur: Ich lebe so oder ich möchte halt kein Fleisch essen, wie man's auch sagen will, aber sehr viele Leute haben in dem Moment ein schlechtes Gewissen auf der einen Seite, weil sie das Gefühl haben, ich sollte es auch nicht tun, auf der anderen Seite haben viele davon die Erfahrung gemacht, dass sie von Vegetariern, von so missionarischen, böse angegriffen wurden und haben dann eben so einen negativen Beigeschmack dabei, ich glaube, das ist dieses Problem."

"Das erlebe ich öfter: Ja, was bildet sich denn Frau Käßmann ein, dass sie die Welt verbessern könnte."

Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende und Hannoveraner Bischöfin, Margot Käßmann.

"Nach dem Kirchentag in Dresden hatte Anne Will eine Fernsehsendung zum Thema Gutmenschen und ich bin hingegangen, weil ich dachte, ich möchte gerne diese Christinnen und Christen, die bei den Kirchentagen sind, verteidigen. Die werden ja immer ein bisschen belächelt.  In der Sendung war Herr Bolz, ein Medienphilosoph, und Martin Lindner von der FDP von der politischen Seite und die haben im Grunde gesagt, die realen Probleme sind so komplex, das verstehen doch einzelne gar nicht und das ist viel zu naiv, wie viele Leute da ran gehen."

"Ich hab dann ja ein Buch geschrieben: 'Doch, wir können die Welt verbessern', weil mich das ärgert. Wir brauchen doch zivilgesellschaftliches Engagement! Für mich ist ein ganz großes Vorbild: Martin Luther King, der gesagt hat: Ich habe einen Traum, dass eines Tages meine vier Kinder mit anderen Kindern in einer Welt ohne solchen Rassenwahn zusammensitzen können. Und Jahrzehnte später zieht ein schwarzer Präsident mit seiner schwarzen Familie in das Weiße Haus in Washington ein. Dafür braucht es Visionen und Träume."

Zum Tugendterroristen mutiert

Richtig gefährlich wird der Gutmensch in den Augen seiner Gegner aber erst, wenn sich sein Drang zur Weltverbesserung mit politischer Korrektheit verbindet. Dann mutiert er zum Tugendterroristen, zum Jakobiner, der alles verbieten will, was schädlich oder vielleicht auch einfach nur unnütz ist und dem dabei jegliches Gefühl für Verhältnismäßigkeit fehlt.

"Zehn Minuten nach sieben. Im Politischen Feuilleton von Deutschlandradio Berlin können Sie heute Bissiges hören vom Berliner Journalisten Wiglaf Droste, der sich auseinandersetzt mit dem Typus des neuen 'Gutmenschen' …"

So klang das 1995, als Deutschlandradio Kultur noch Deutschlandradio Berlin hieß und der 'Gutmensch' gerade erst im allgemeinen Sprachschatz aufgetaucht war:

Wiglaf Droste: "Kühnheit ist laut Ambrose Bierce eine der auffälligsten Eigenschaften eines Mannes, der sich in Sicherheit weiß. Beispiele, die die Treffsicherheit des Spötters Bierce belegen, finden sich derzeit reichlich, zum Beispiel in dieser Form: 'Wir bieten Schutz vor rassistischen Übergriffen!' Schwarz auf gelb gedruckt klebt der kühne Satz wie eine TÜV-Plakette von Cafés und Bars, von Brot- und Fahrradläden: 'Wir bieten Schutz vor rassistischen Übergriffen.' Bevorzugt liest man ihn allerdings in Quartieren, wo mit derlei Übergriffen praktischerweise nicht gerechnet werden muss. So richtig gut ist eine Gesinnung eben erst, wenn sie wirklich gar nichts mehr kostet."

Eine "moralisch korrekte Schaumsprache"

Erfunden hat den Begriff des "Gutmenschen" wohl der Mitherausgeber der Zeitschrift "Merkur", Kurt Scheel, selbst eher ein Linker, aber keiner, der sich irgendeiner Richtung oder Gruppierung zuordnen ließ. Wie er später in einem Interview der "taz" sagte, war ihm der Begriff nützlich, um "die eigenen Leute zu ironisieren". Auch die Herausgeber des Wörterbuchs des Gutmenschen, unter ihnen Wiglaf Droste, wollten die 'moralisch korrekte Schaumsprache' entlarven und nahmen Floskeln wie 'die Mauer im Kopf einreißen', 'ein Stück Versöhnung' oder 'mein Freund ist Ausländer' satirisch aufs Korn, die damals gerade Hochkonjunktur hatten. Es war die Zeit nach der Wiedervereinigung 1990, als die ausländerfeindlichen Anschläge von Rostock, Mölln oder Solingen Linke und Alternative, aber auch ganz normale Mittelschichtsbürger auf die Straßen brachte, um bevorzugt mit Lichterketten ihren Protest zum Ausdruck zu bringen: 

"Der Ausgangspunkt war eine Kritik, die nicht die Richtung dieser Protestformen ändern wollte, sondern die sie verfestigen wollte und verstetigen wollte und das mit Ironie und Selbstkritik versuchte."

Margarete Jäger, Leiterin des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung.

"Denen geht es eigentlich darum, dass diese Symbole, diese Lichterketten und dergleichen, dass diese Akte, diese Protestformen, nicht radikal genug sind, dass sie zu sehr auf so einer Oberfläche haften bleiben und dass es nicht nur darum geht zu sagen, es müsste anders sein. Man muss auch Formen und Strategien entwickeln, wie es denn auch wirklich anders werden kann."

Ausgezeichnet als "Unwort des Jahres"

Von diesem Punkt ausgehend machte der Begriff "Gutmensch" eine abenteuerliche Karriere und wurde zu einem wichtigen Kampfbegriff, mit dem Liberale und Neo-Liberale in Talkshows und Feuilletons mit Linken und Grün-Alternativen um die Deutungshoheit im politischen Diskurs kämpften. 2011 schließlich bekam der Begriff "Gutmensch" den zweiten Platz bei der Wahl zum Unwort des Jahres.  Zur Begründung hieß es:

"Mit dem Ausdruck Gutmensch wird insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des "guten Menschen" in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren. Ähnlich wie der meist ebenfalls in diffamierender Absicht gebrauchte Ausdruck Wutbürger widerspricht der abwertend verwendete Ausdruck Gutmensch Grundprinzipien der Demokratie, zu denen die notwendige Orientierung politischen Handelns an ethischen Prinzipien und das Ideal der Aushandlung gemeinsamer gesellschaftlicher Wertorientierungen in rationale Diskussionen gehören."

Bolz: "Dass das Wort 'Gutmensch' einen Spitzenplatz als Unwort des Jahres bekommen hat, ist für mich recht uninteressant, denn das eigentliche Unwort des Jahres ist jedes Jahr dasselbe, nämlich Unwort."

Norbert Bolz ist ein streitbarer Geist, der den Vorwurf der Stigmatisierung und Diffamierung durch den Begriff "Gutmensch" an die Freunde der political correctness zurückverweist. Zum Beispiel, wie diese mit dem Buch "Deutschland schafft sich ab" und dessen Autor, dem ehemaligen Berliner Finanzsenator und Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin umgegangen sind:

"Der fundamentale Respekt vor abweichenden Meinungen fehlt komplett"

Bolz: "Die Position der political correctness war die, zu sagen: Wozu die ganze Aufregung? Sarrazin konnte doch sagen und schreiben, was er wollte. Das war natürlich eine grandiose Verfälschung des realen Sachverhalts. In Wahrheit war natürlich Sarrazin zur Unperson erklärt worden und ist es bis zum heutigen Tag. Das heißt, er wird gerade nicht in seiner Meinung anerkannt und respektiert, sondern er wird marginalisiert.

Als Jean-Paul Sartre vor Jahrzehnten absurde kommunistische Theorien chinesischer Färbung in Frankreich verbreitet hat, war es niemand geringerer als der wirklich ultrakonservative Charles de Gaulle, der gesagt hat, einen Voltaire verhaftet man nicht. Und dieser fundamentale Respekt vor abweichenden Meinungen, der fehlt komplett. Das ist eine unheilvolle Entwicklung in der politischen Diskussion Deutschlands insgesamt auf vielen, vielen Themenfeldern: Wenn man eine abweichende Meinung vertritt, liegt man nicht einfach falsch, sondern ist moralisch diskreditiert. Die Vokabel Faschist oder Reaktionär klebt Menschen, die auch nur minimal vom Mainstream abweichen, sehr, sehr schnell an."

Die Moralisierung der Kommunikation wird allerdings von beiden Seiten vorangetrieben: Es ist wenig hilfreich, den politischen Gegner bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit der Gutmenschenkeule zu erschlagen oder überall linke Meinungskartelle zu wittern. Und genauso wenig führt es weiter, der Welt permanent ein trotziges "Kein Fußbreit den Faschisten!" entgegenzuschleudern, auch wenn weit und breit keine in der Nähe sind. Zumal im Namen gut gemeinter political correctness zumindest Diskussionswürdiges geschieht.

So heißt es beispielsweise im deutschen Pressekodex, Journalisten sollten in der Berichterstattung über Straftaten nur dann die Zugehörigkeit des Täters zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten erwähnen, wenn ein begründbarer Sachbezug zum Fall besteht. Insbesondere sei zu beachten, dass eine Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.Dass aber auch eine Nichterwähnung Vorurteile schüren kann, darauf hat kürzlich in der "Zeit" der Dortmunder Journalistikprofessor Horst Pöttker hingewiesen und folgenden Fall geschildert:

"Dezember 2012 in Almere bei Amsterdam: Ein Gruppe jugendlicher Fußballer prügelt und tritt nach einem Regionalspiel brutal auf den 41-jährigen Linienrichter Richard Nieuwenhuizen ein, der am nächsten Tag an den Folgen stirbt. Niederländische Medien berichten sofort, dass es sich bei den drei Jugendlichen um Marokkaner handelt. In Deutschland erfährt man dies erst einige Tage später aus rechten Blogs."

Verschweigen Medien unangenehme Wahrheiten

Während seriöse deutsche Medien die Herkunft der Totschläger verschwiegen und damit das Vorurteil reichlich genährt wird, sogenannte Gutmenschen in den Medien würden dem Volk unangenehme Wahrheiten verschweigen, die ihnen nicht ins politisch-moralische Kalkül passen.  Margarete Jäger vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung räumt ein, dass hier ein Dilemma besteht:

"Da rebelliert ja was, und da geht es nicht darum, dass Sie das verschwiegen haben, sondern es geht um seine oder um ihre Auseinandersetzung mit den Vorbehalten: Da hab ich doch jetzt wieder was, was ich gegen diese Personengruppe sagen kann, und das wird mir doch tatsächlich nicht gesagt. Also es geht um eine Reproduktion von rassistischen Vorurteilen, und ich fände es gut – ich kann jetzt keine Form nennen, wie man sich da auseinandersetzen kann – aber wenn man das dann auch thematisiert und nicht so auf dieser Schiene von 'Gutmenschen' oder von 'Polizei', Meinungsdiktat oder so abschieben lässt."

Gleichwohl findet sie die bestehende Regelung richtig. Ganz anders der Medienphilosoph Norbert Bolz:

"Ein Journalist sollte einfach seine Sorgfaltspflicht im Auge behalten und die besteht darin, über Nachrichten zu berichten in einer intelligenten, übersichtlichen und gut nachvollziehbaren Form. Keineswegs hat ein Journalist die Aufgabe, das Volk zu erziehen. Und die Unterstellung, das Volk sei so blöd, dass es mit bestimmten Nachrichten nicht umgehen könne und man müsse diese Nachrichten unterdrücken, die ist wirklich im schlimmsten Sinne paternalistisch."

Die öffentliche Selbstfeier moralischer Überlegenheit ist ekelhaft

Ein Aspekt, der in der Gutmenschendiskussion normalerweise nur eine untergeordnete Rolle spielt, obwohl er dazu beitragen könnte, zu erklären, warum Gutmenschen so unpopulär sind, ist die Tatsache, dass 'Gutmenschen'  sich keinesfalls gleichmäßig über die Gesellschaft verteilen. Moral muss man sich leisten können, und der 'Gutmensch' als Prototyp ist eine Erscheinung der gut gebildeten, in der Regel zumindest einigermaßen gut situierten Mittelschicht. Leute, die als Paketzusteller oder Gebäudereinigerinnen mit 800 oder 1000 Euro netto nach Hause kommen, könnten einfach nicht so moralisch sein wie Lehrerinnen, Rechtsanwälte oder Unternehmensberaterinnen, hat der Kasseler Soziologe Heinz Bude kürzlich in einem Essay über den 'Gutmenschen' geschrieben. Gleichwohl sei es natürlich legitim, wenn diese in Sicherheit lebenden Mittelschichtsbürger für ihr Selbstverständnis und ihr Wohlbefinden eine Moral in Anspruch nehmen würden.

"Sie sollten bloß nicht so maßlos gerecht sein wollen und dabei über alles hinweggehen, was anderen das Leben schwer macht und woran diese möglicherweise scheitern. Die öffentliche Selbstfeier moralischer Überlegenheit ist ekelhaft und widerlich."

Erlinger: "Ich persönlich finde es wichtig, dass man über diese Dinge nachdenkt. Und wenn dann manche der Meinung sind, das etwas despektierlich zu benennen, dann stört mich das nicht weiter so, ich finde, die Moral ist wichtig und dazu stehe ich und da kann jetzt auch so ein Begriff mich nicht weiter dran erschüttern."

Große Nachfrage nach moralischer Orientierung im Alltag

Rainer Erlinger, von Hause aus Arzt und Jurist, aber eigentlich lebt er von dem Bedürfnis vieler Menschen nach einem moralisch und ethisch einwandfreien Leben. Er schreibt Bücher über Ethik und seit zwölf Jahren die Kolumne "Die Gewissensfrage" für das Magazin der "Süddeutschen Zeitung", in der Gutmenschen und andere Leser Fragen zur Alltagsmoral stellen.

Erlinger: "Der Markt ist da und er ist groß und als wir vor zwölf Jahren angefangen haben mit dieser Kolumne, waren alle vollkommen überrascht und sagten, ihr seid doch wahnsinnig, in einem Unterhaltungsmedium eine Moralkolumne zu machen. Und in den letzten Jahren ist das ja ein Riesenthema geworden. Ich bekomme so zwischen 50 und 100 Zuschriften im Monat, von denen ich auch immer nur vier veröffentlichen kann, und auch sonst die Nachfrage nach diesem Thema, nach Vorträgen, nach Diskussionen und so weiter und auch nach Büchern ist sehr, sehr groß."

"Im Supermarkt an der Kasse: Vor mir warten vier Kunden, hinter mir zwei, als eine zweite Kasse öffnet. Die beiden Frauen hinter mir hasten sofort hinüber, ich hinterher. Dieses eilige seitliche Vorbeidrängeln stört mich jedes Mal. In diesem Fall ärgerte mich besonders, dass der Einkaufswagen einer der beiden Frauen ausschließlich mit Bioprodukten gefüllt war. Sollte jemand, der sich Gedanken um die Herkunft seiner Lebensmittel macht, nicht auch rücksichtsvoll mit seinen Mitmenschen umgehen?"

Fragen dieser Art reflektiert Rainer Erlinger jede Woche im Magazin der "Süddeutschen Zeitung". Sorge um die Umwelt und gleichzeitig rücksichtsloses Verhalten gegenüber dem eigenen Umfeld – das passe leider besser zusammen als man meinen sollte, hat er in diesem Fall dem Leser geantwortet. Schuld daran ist der sogenannte licensing effect:

Erlinger: "Die Idee dieses licensing-effects ist die, dass man selbst als ein Mensch dann, wenn er etwas Gutes getan hat, auf ein inneres Konto einzahlt. Jetzt habe ich ja schon was Gutes geleistet. Und dann anschließend sich eher mal negativere Verhaltensweisen leistet und eben jetzt dazu das Gefühl hat, er hat jetzt die Lizenz dazu, ein bisschen böse zu sein, weil er ja schon vorher gut war. "

Die besseren Menschen sind Gutmenschen insofern vielleicht nicht. Aber was ist so eigentlich schlimm an deren Bedürfnis, sich gut zu verhalten, fragt Rainer Erlinger. Selbst wenn es am Ende nur dadurch motiviert ist, dass sie selber sich besser fühlen möchten.

Ist Gutes tun der reine Egoismus?

"In der Wissenschaft nennt man das den psychologischen Egoismus. Um es hart auszudrücken: Mutter Teresa würde sich schlechter fühlen, wenn sie nicht hilft. Also könnte man sagen, sie macht das aus egoistischen Motiven, weil sie sich besser fühlt. Ich glaube, das ist einfach die Natur des menschlichen Wesens, dass man im Endeffekt etwas macht aus einer inneren Überzeugung heraus. Dass man das tun möchte oder das Gefühl hat, das ist richtig. Und wenn man sagt, das Richtige zu tun, das Gute, ist richtig und ich mache das deshalb, weil ich das Richtige tun möchte, dann kann man das nicht vorwerfen und sagen, das ist egoistisch."

Obwohl Rainer Erlinger in seinen Kolumnen fast ausschließlich Alltagskonflikte  behandelt, stehen hinter diesen doch die großen Fragen, die nach Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Selbstbestimmung und danach, wie sehr man andere zu ihrem Glück zwingen und ihnen die Entscheidung darüber abnehmen darf, was richtig und was falsch ist.  Auch zu Weihnachten:

"Das eine ist, ob man, um diesen Wahnsinn vor Weihnachten und den Stress und das Einkaufen sich sparen zu können, dann lieber spenden darf und denjenigen, denen man eigentlich was schenken möchte, dann sagt, ich habe statt deines Geschenks dann an die Organisation so und so gespendet. Oder ob man damit ja eigentlich dem Empfänger das nimmt, was er bekommen sollte und er gar keine Chance hat darüber zu entscheiden."

"Wir alle sollten weniger Kraft dafür aufwenden, andere zu erziehen"

Rainer Erlinger fand eine echte "Gutmenschen"-Antwort:

"Im Prinzip schon, aber man muss zugeben, dass abgesehen von Kindern und Menschen, die wirklich etwas brauchen, wir ja in einer grässlichen Überflussgesellschaft leben und die meisten Geschenke, die zu Weihnachten gekauft werden, oft so Verlegenheitsgeschenke sind oder komplett überflüssige. Und im Endeffekt muss man sagen, da ist mit dem Spenden mehr gedient und wenn man die Idee verfolgt, dass man mit dem Geschenk zeigen will, dass man sich Gedanken gemacht hat und dem anderen etwas zuwenden möchte, dann kann man ja auch die Organisation nach Vorlieben des Beschenkten aussuchen, ob man die jetzt genau trifft oder nicht. Aber wenn man zum Beispiel so was zeigt, finde ich das wunderschön."

Ein anderer Leser wollte wissen, ob es legitim sei, auf der Straße gefundenes Geld nicht dem Eigentümer zurückzugeben, sondern einem Bedürftigen zu spenden, wenn der eigentliche Eigentümer den Eindruck mache, er könne den Verlust verschmerzen oder würde diesen gar nicht bemerken. Dieser Leser bekam den Rat, sich die Sache einmal umgekehrt vorzustellen: Fände er es in Ordnung, wenn ihm jemand verlorenes Geld nicht zurückgeben, sondern an einen Bedürftigen weitergeben würde? Und selbst wenn er diese Frage mit "Ja" beantworte, schreibt Erlinger: "Wir alle sollten weniger Kraft dafür aufwenden, andere zu erziehen".

Zeitfragen

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj