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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.01.2007

Gut gemeint und schlecht geschrieben

Michael Crichton: "Next", Karl Blessing Verlag, München 2006, 539 Seiten

Michael Crichton (AP-Archiv)
Michael Crichton (AP-Archiv)

Michael Crichton hat das literarische Potenzial der Genetik früh erkannt. Bereits 1990 veröffentlichte er seinen Roman "Jurassic Park" und ließ verantwortungslose Wissenschaftler mit Hilfe einer in Bernstein eingeschlossenen DNA-Probe Dinosaurier züchten. Nach einem blutrünstigen Tyrannosaurus Rex wird man in Crichtons neuem Roman allerdings vergeblich suchen.

In "Next" beschäftigt sich der amerikanische Schriftsteller und promovierte Mediziner mit den eher realistischen Folgen der molekularbiologischen Forschung und ihrer aggressiven Vermarktung durch die angeschlossenen Industriezweige – und zeigt, dass der größte Feind des Menschen immer noch der Mensch selbst ist.

Die verhängnisvolle Vermischung von wissenschaftlichen und finanziellen Interessen führt Crichton gleich zu Beginn an einem makaberen patentrechtlichen Streit vor. Frank Burnet ist ein ehemaliger Leukämiepatient, der aufgrund bestimmter genetischer Anlagen von seiner Krankheit geheilt werden konnte: Sein Körper produziert Zytokine, also stark krebsbekämpfende Eiweiße. Die behandelnden Ärzte veräußern die wertvollen Stammzellen ihres Patienten daraufhin für viel Geld an die Firma BioGen im Süden Kaliforniens. Nicht nur, dass Burnets Klage auf einen Anteil am Verkaufserlös von einem Gericht in Los Angeles abgewiesen wird. Nachdem die Zelllinien im Labor von BioGen durch einen Sabotageakt zerstört werden, erfährt er, dass er aufgrund der Spitzfindigkeiten des "Eigentumsrechts im biologischen Kontext" nicht mehr im Besitz seines eigenen DNA-Materials ist. BioGen setzt einen Privatdetektiv auf Burnet an, um mit Hilfe einer "Stanzbiopsie" ganz legal an neue Zellen zu gelangen.

Frei erfunden ist die Geschichte nicht. Tatsächlich hat ein amerikanisches Gericht vor fünfzehn Jahren in einem vergleichbaren Verfahren entschieden, dass menschliche DNA, die den Körper verlassen hat, von Dritten zum Patent angemeldet werden darf. Crichtons Roman besteht aus einer ganzen Reihe solcher halbfiktiven Fallbeispiele, die der Schriftsteller und promovierte Mediziner lose aneinandergehängt hat: Der Chef von BioGen versucht, das Sorgerecht für sein Kind zu erstreiten, indem er seine Ex-Frau per gerichtlicher Anordnung auf Erbkrankheiten testen lässt, einer seiner Forscher probiert eine riskante Gentherapie an seinem eigenen Bruder aus, und eine Gruppe zynischer Marketingexperten entwirft eine Werbekampagne für ein "Geselligkeitsgen".

Da ist wirklich alles dabei: von der schleichenden Erosion der Grundrechte im Zeitalter der Gentechnik über die privatwirtschaftliche Vereinnahmung öffentlicher Forschungsinteressen bis hin zu den höchst umstrittenen Theorien über den Einfluss der DNA auf das menschliche Verhalten. Michael Crichton widmet sich in "Next" so ziemlich jedem Thema, das derzeit in der wissenschaftlich interessierten Öffentlichkeit unter der Überschrift "Gentechnik" diskutiert wird.

Zunächst einmal liest sich das nicht schlecht. Der Bestseller-Autor Crichton weiß, wie man schreibt: Er schneidet rasante Actionszenen gegen schlagfertige Dialoge und funkelnde Wissenschaftsprosa und verkauft seinen Lesern auf diese Art und Weise sogar relativ unwahrscheinliche Szenarien wie die Züchtung eines "transgenen Schimpansen", der aus einer Kombination menschlichen und tierischen Erbguts hervorgeht und schließlich von der Familie seines "Vaters" adoptiert wird, dem Biologen Henry Kendall. "Die modernste Familie ist nicht mehr die gleichgeschlechtliche Familie oder die Patchwork-Familie", jubeln die Medien: "Die Kendalls in La Jolla, Kalifornien, sind eine Transgen- und Interspezies-Familie."

Wer Crichtons knallharten Nanotechnik-Thriller "Beute" (dt. 2002) oder die "special effects" von "Jurassic Park" mochte, für den ist "Next" mit seinen zahllosen, nur mühsam zusammengehaltenen Handlungssträngen allerdings eine Enttäuschung. Crichton geht es weniger darum, seine Leser zu unterhalten. Stattdessen hat er eine Botschaft - genau wie in seinem letzten Roman.

In "Welt in Angst" (dt. 2005) hatte er mit geradezu missionarischem Eifer versucht, die These von der "globalen Erwärmung" als Produkt einer groß angelegten Verschwörung zu entlarven. In "Next" tritt sein ungeheures Talent, naturwissenschaftliche Zusammenhänge in packende Prosa zu übersetzen, jetzt vollends hinter seinen durchaus politischen und moralischen Ansichten zurück: Michael Crichton ist ein erklärter Gegner von Genpatenten, er hält die Nähe der universitären Genforschung zur Bioindustrie für eine große Gefahr, und er fordert die Offenlegung medizinischer Forschungsergebnisse.

Und für alle die, die das nach der Lektüre seiner parabelhaften Geschichtensammlung noch nicht begriffen haben, hat er sogar noch ein Nachwort mit seinen "Überzeugungen" zum Thema angehängt. Leider ist es auch nicht spannender als der Rest des Buches. Michael Crichton meint es eben richtig gut – und schreibt deswegen mittlerweile richtig schlecht.

Rezensiert von Kolja Mensing

Michael Crichton: Next
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Karl Blessing Verlag, München 2006
539 Seiten, 22,95 Euro

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