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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 13.07.2013

Gülle, Mist und Kunstdünger

Darf‘s auch ein bisschen weniger Mineralstoffe sein?

Von Udo Pollmer

Ein Landwirt in NRW bringt Liquidkunstdünger auf ein Getreidefeld auf. (picture alliance / dpa-Zentralbild Foto: Matthias Tödt)
Ein Landwirt in NRW bringt Liquidkunstdünger auf ein Getreidefeld auf. (picture alliance / dpa-Zentralbild Foto: Matthias Tödt)

Wir haben alle gelernt: Mineralstoffe und Spurenelemente sind lebenswichtig. Allerdings kann es auch manchmal zu viel des Guten sein. Gerade die intensive Landwirtschaft steht wegen des Einsatzes von Mineralien in der Kritik. Unser Lebensmittelchemiker zu den Folgen allgemeiner Überdüngung.

Da, wo die Not am größten, wächst das Rettende, sagt der Dichter. Und wo ist sie am größten? Natürlich bei Tisch. Derzeit beginnt die Not schon auf dem Acker. Die Böden werden vom Kunstdünger "verseucht" und damit alles was, darauf gedeiht. Es kommt noch schlimmer: Durch die industrielle Landwirtschaft leiden die Nahrungspflanzen zudem unter "ausgelaugten Böden". Damit fehlen ihnen die nötigen Mineralstoffe und Spurenelemente. Doch es naht die Rettung - in Form von Mineralstoffpillen.

Nicht jedem fällt die Schizophrenie sofort ins Auge. Denn die Mineralstoffe und Spurenelemente im Boden entstammen gewöhnlich dem Dünger, egal ob Gülle, Mist oder Kunstdünger. Aus diesen Quellen kommen all die wertvollen Mineralien im Gemüse. Deshalb heißt der Kunstdünger ja auch Mineraldünger oder Spurenelementdünger – je nachdem. Es sind prinzipiell die gleichen Mineralstoffe, egal ob aus dem Pillendöschen von der Apotheke oder dem Düngersack vom Landhandel.

Dabei ist die Kritik am Kunstdünger nicht immer aus der Luft gegriffen. In den achtziger Jahren wurde mit Düngemitteln ohne Sinn und Verstand herumgesaut. Das sorgte nicht nur für mineralstoffreiches Gemüse sondern hatte auch erhebliche Folgen für die Umwelt, namentlich für die Gewässer. Das sollte uns eigentlich eine Lehre sein. Denn so wie eine Überdüngung für Böden und Fische schädlich sein kann, so ist das auch beim Menschen, wenn er sich mit Mineralstoffpillen überdüngt.

Der legendärste Mineralstoff ist wohl das Calcium. Es soll ja die Knochen stärken und auch sonst nur Gutes bewirken. Dummerweise hat das Mineral die vielen Gesundheitssendungen im TV verpasst und weiß auch nicht, was Onkel Doktor seinen Kundinnen erzählt. Es weiß nicht, dass es sich nach Einnahme flugs in die Knochen zu begeben habe. Stattdessen geht es schnurstracks in die Blutgefäße. Das Ergebnis: Calciumtabletten, egal ob aus Übermut eingenommen oder aus Angst vor Mangel, fördern Verkalkung und Herzinfarkt.

Calcium Vitamin D - amerikanisches Präparat (picture alliance / dpa / AP / Foto: Bebeto Matthews)"Mit viel Calcium gibt's mehr Nierensteine." (picture alliance / dpa / AP / Foto: Bebeto Matthews)Wie passt dieses Ergebnis zu älteren Befunden, denen zufolge bei hartem Trinkwasser, also kalkreichem Wasser, Herzinfarkte etwas seltener waren als bei weichem Wasser? Das hing mit den Leitungen zusammen. Damals gab es noch viele Bleileitungen, und eine erhöhte Bleibelastung begünstigte den Herzinfarkt. Das Calcium wiederum ist der Gegenspieler – es sorgt dafür, dass das Blei nicht vom Körper aufgenommen wird. In diesem System war das Calcium im Trinkwasser von Vorteil.

Und wie sieht‘s bei Mineralwässern aus? Manche enthalten Mineralstoffmengen, als gelte es den Trinker zu düngen, damit er schneller grüne Triebe bildet. Hier ist natürlich kein Blei enthalten, deshalb bringt das Calcium keinen Vorteil. Hohe Calciumgehalte in den Wässern werden glücklicherweise durch das gleichzeitig anwesende Magnesium neutralisiert. Denn Magnesium ist der Gegenspieler vom Calcium, es schützt das Herz vor den schädlichen Folgen des angeblich so wichtigen Elements.

Dabei soll das Calcium doch die Knochen erstarken lassen? Vielleicht steht dem Risiko ja wie so oft ein Nutzen gegenüber? Der wurde offenbar überschätzt. Der Schutz vor Osteoporose und damit vor Knochenbrüchen fällt in den Studien immer geringer aus – sofern es überhaupt einen gibt. Inzwischen warnen Mediziner in der Fachpresse ihre Kollegen davor, Calcium zu verschreiben. Denn mit der Calciumeinnahme steigt nach einer aktuellen Studie auch die Sterblichkeit insgesamt!

Manche Mineralien werden im Körper wieder zu dem, was sie ursprünglich waren: zu Stein. Mit viel Calcium gibt’s mehr Nierensteine. Die meisten bestehen aus Calciumoxalat. Das Oxalat liefern vor allem Rhabarber, Mangold und Bitterschokolade. Natürlich besteht kein Risiko, wenn jemand mal einen Rhabarberkuchen speist, sondern nur dann, wenn die Produkte der "Gesundheit zuliebe" in größerer Menge genossen werden. Und nicht vergessen: Auch Vitamin C wird zu Oxalsäure abgebaut. Natürliche Vitamin C-Gehalte sind bedeutungslos, aber die regelmäßige Einnahme einer Extraportion ist wie jede andere Überdüngung auch von Schaden. Mahlzeit!

Literatur:
- Wiener S: Ich will meinen Körper nicht zum Endlager machen. Die Welt 27.5.2013

- Bertelsmann Stiftung: Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine in der Gesundheitsvorsorge. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 1998

- Reid IR, Bolland MJ: Calcium supplements: bad fort he heart? Heart 2012; 98: 895-896

- Grandi NC et al: Calcium, phosphate and the risk of cardiovascular events and all-cause mortality in a population with stable coronary heart disease. Heart 2012; 98: 926-933

- Michaelsson K et al: Long term calcium intake and rates of all cause and cardiovascular mortality: community based prospective longitudinal cohort study. BMJ 2013; 346: f228

- Bolland MJ et al: Calcium supplements with or without vitamin D and risk of cardiovascular events: reanalysis of the Women's Health Initiative limited access dataset and meta-analysis. BMJ 2011; 342: d2040

- Xiao Q et al: Dietary and supplemental calcium intake and cardiovascular disease mortality: the National Institutes of Health-AARP diet and health study. JAMA Internal Medicine 2013; 173: 639-946

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- Wang L et al: Calcium intake and risk of cardiovascular disease: a review of prospective studies and randomized clinical trials. American Journal of Cardiovascular Drugs 2012; 12: 105-116

- Monarca S et al: Drinking water hardness und cardiovascular disease. European Journal of Cardiovascular Prevention & Rehabilitation 2009; 16 735-736

- Kritchevsky D: Nutrition and heart disease. Food Technology 1979; Dec: 39-42

- Schön D et al: Die "Härte" des Trinkwassers und die Mortalität an Krankheiten des Kreislaufsystems in drei Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland. Bundesgesundheitsblatt 1982; 25: 17-25

- Lake IR et al: Effect of water hardness on cardiovascular mortality: an ecological time series approach. Journal of Public Health 2009; 32: 479-487

- Blake KCH et al: Effect of dietary constituents on the gastrointestinal absorption of 203Pb in Man. Environmental Research 1983; 30: 182-187

- Elwood PC et al: Hardness of domestic water and blood lead levels.Human Toxicology 1983; 2: 645-648

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- Zhang W et al: Associations magnesium intake with mortality from cardiovascular disease: the JACC

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