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Länderreport | Beitrag vom 25.02.2016

Guben und GubinEine Stadt in zwei Ländern

Von Vanja Budde

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Fussgängerbrücke zwischen Guben und Gubin   (imago / Rainer Weisflog)
Guben und Gubin wachsen zusammen - auch mithilfe einer Fußgängerbrücke über die Neiße. (imago / Rainer Weisflog)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine einst blühende Industriestadt geteilt: auf der deutschen Seite der Neiße Guben, auf der polnischen Gubin. Nun wachsen die Städte wieder zusammen - trotz der Sprachbarriere und des wirtschaftlichen Gefälles.

Fußballtraining beim 1.FC Guben. Zwei Tage bevor das erste Spiel nach der Winterpause in der Landesliga ansteht. Mehrere Spieler sind zum Training über die Neiße gekommen, sie leben in der polnischen Nachbarstadt Gubin. Nicht alle sprechen fließend Deutsch, aber das ist beim Fußball kein großes Problem, meint Trainer Roland Hammer.

"Die neu immer mal wieder kommen - sicherlich muss man da immer wieder bei Null anfangen. Aber die merken dann auch: Je schneller die das kennen und besser können, desto besser werden sie auch integriert, fußballerisch. Und das klappt eigentlich ganz gut, da helfen die polnischen Spieler sich untereinander …, damit man auch wirklich im Spiel, im sportlichen Bereich miteinander besser harmonieren können."

Günter Quiel: "Ich behaupte, die Gubener Mannschaften, wenn die nicht drei, vier solche guten polnischen Spieler hätten, würden die gar nicht in der Klasse spielen."

Der 73-jährige Günter Quiel ist ein Gubener Original. Er engagiert sich im Förderverein zum Wiederaufbau der Stadt- und Hauptkirche in Gubin. Und er ist ein glühender Verfechter grenzüberschreitender Zusammenarbeit.

Wir müssen uns zusammentun

"Der Grundgedanke ist der, dass wir an vielen Stellen erkannt haben: Guben und Gubin ist eine Stadt in zwei Ländern. Und wenn wir hier in dieser Stadt weiterkommen wollen und wenn wir wirklich Ziele erreichen wollen, die können wir nur gemeinsam erreichen. Wir müssen alles zusammentun. Das können Sie aber nur tun, wenn Sie Vertrauen schaffen, weil die Völker durch den Zweiten Weltkrieg bedingt sich sehr, sehr wehgetan haben. Gerade wir Deutschen müssen Vertrauen zu unserem Nachbarn aufbauen … zum Nutzen beider."

Mit am Tisch in den Vereinsräumen der Kirchenfreunde sitzt Janusz Gajda, der Leiter des Kulturhauses im benachbarten Gubin.

"Das ist verschieden."

Antwortet der 38-Jährige auf die Frage, ob denn hier alle so begeistert sind vom Zusammenwachsen der beiden Geschwisterstädte.

"Manche Leute aus Deutschland sind böse auf Polen, weil jemand aus Polen ein Fahrrad geklaut hat. Manche Leute sind super zufrieden, weil die nach Gubin kommen und schöne und billige Einkäufe machen können. Also das hängt von den Leuten ab."

Viele Gubiner arbeiten auf der deutschen Seite, erzählt Gajda. Viele Kinder gehen in Guben zur Schule, weil die Eltern wollen, dass sie zweisprachig aufwachsen.

"Die wollen lieber manchmal nach Cottbus oder Berlin fahren als Zielona Góra oder nach Breslau, Poznań. Aber es gibt auch die Leute, die niemals in Berlin oder überhaupt in Deutschland waren, weil sie vielleicht Sprachbarrieren haben, andere Barrieren wie Mentalitätsbarrieren. Also das ist verschieden." 

Die Zusammenarbeit funktioniert gut

Unaufgeregte Kooperationen im Alltag - so beschreibt Gubins junger smarter Bürgermeister die aktuelle Lage in den beiden Städten. Als konkretes Beispiel nennt er die gemeinsame Kläranlage.

Bartlomiej Bartzak ist ein echtes Grenzgewächs. In Gubin aufgewachsen, am Europa-Gymnasium in Guben Abitur gemacht und an der deutsch-polnischen Europauniversität Viadrina in Frankfurt/Oder Jura studiert.

"Mittlerweile läuft das von alleine, die Stadtverwaltungen müssen nicht mehr viel tun in dieser Angelegenheit. Die Vereine arbeiten zusammen, die Stiftungen, die Kindergärten, Schulen, aber auch private Personen. Also inzwischen ist das wirklich wie eine Stadt und es hat sich so entwickelt, dass das für die Leute kein Wunder mehr ist, dass die Zusammenarbeit so gut ist."

Es gibt bereits etwa 250 Ehen zwischen deutschen und polnischen Partnern. Und nein, sagt Bartzak, von der neuen, national-konservativen Regierung der PiS-Partei im fernen Warschau verspüre er keinerlei Druck, die enge Zusammenarbeit mit der deutschen Stadt zu lockern.

"Überhaupt nicht. Es gibt auch viele, die es umgekehrt möchten. Der Wirtschaftsminister zum Beispiel. Man muss es unterscheiden. Es gibt politische Interessen einzelner Personen, vielleicht einzelner Parteien, aber es gibt auch noch das normale Zusammenleben. Und wieso sollten deutsche Firmen woanders investieren, wenn Polen sich so gut entwickelt?"

In Guben (Brandenburg) gehen die polnische Polizistin Monika Mojsiejonek und der deutsche Polizeihauptkommissar Ingo Barzik gemeinsam auf Streife. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)Polnische Polizistin und deutscher Kollege sind gemeinsam auf Streife. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Das Gubiner Bürgermeisteramt liegt in der Ulica Piastowka 24. Die Straße ist gesäumt mit den sanierten Villen früherer Firmenbosse, die vom einstmaligem wirtschaftlichen Wohlstand zeugen. Als Guben noch eins war, hatte sich hier viel Textilindustrie angesiedelt. Im 20. Jahrhundert kam jeder siebte weltweit getragene Hut aus Guben.

Nur 15 Minuten zu Fuß von Bürgermeister Bartzaks Büro entfernt sitzt dessen deutscher Amtskollege Fred Mahro im Rathaus von Guben. Die beiden arbeiten gut zusammen, sie duzen sich und schreiben sich fast täglich SMS oder telefonieren.

"Man muss noch mal deutlich sagen: Das sind natürlich zwei Städte in zwei Ländern. Das fängt bei der Währung an: Wir haben den Euro, auf der polnischen Seite ist noch der Złoty. Wir haben natürlich auch noch Unterschiede in den Lebensverhältnissen, das muss man ganz einfach eingestehen. Aber ich glaube, dass wir hier entlang der Grenze eine deutliche Angleichung der Lebensverhältnisse haben. Wenn man über die Neiße hier geht, dann bekommt man das im ersten Moment nur an den Schildern mit, wenn es dort auf polnischer Sprache geschrieben steht, ansonsten hat sich die Infrastruktur deutlich verbessert. Ich denke, da hat die polnische Seite viel getan, um aufzuholen."

Guben - die sterbende Stadt

Fred Mahro verwaltet eine sterbende Stadt. Guben hat seit der Wende die Hälfte seiner Einwohner verloren, die jungen Leute gehen in Hamburg oder Stuttgart auf Arbeitssuche, bald wird Guben die älteste Stadt der Bundesrepublik sein. In Gubin dagegen sieht man viele junge Familien mit Kindern. Entsprechend froh ist Mahro, dass immer mehr von ihnen auch auf die deutsche Seite ziehen.

"Ich kenne viele, viele Beispiele, wo polnische Bürgerinnen und Bürger bei uns wohnen und weiter nach Gubin oder nach Zielona Góra arbeiten gehen. Also wir haben über 400 polnische Staatsbürger bei uns hier in der Stadt bei 18.000 Einwohnern. Die Tendenz ist ja seit dem letztem Jahr steigend, also der Einfluss nimmt hier zu und sie sind auf alle Fälle in unserem städtischen Gefüge spürbar."

Gubin wächst

Die polnische Wirtschaft wächst. Mittlerweile sind Firmen so stark, dass sie auch auf deutscher Seite expandieren. So hat die Groupa Azoty als erstes polnisches Unternehmen im Gewerbegebiet von Guben für den Erhalt von 60 Arbeitsplätzen gesorgt, als sie den Kunststoff-Verarbeiter ATT Polymers übernahm, erzählt Betriebsleiter Robert Bednarek.

"Die haben im Prinzip den Betrieb hier aus der Insolvenz gerettet, also 2010, Ende 2009 gekauft, und seit 2010 gehören wir dann auch mit zur Gruppe. Wir haben einen regen Kontakt und auch viel, was wir zusammen erarbeiten, sei es jetzt Produktentwicklung, sei es Verkauf, dass versucht wird, das zusammenzulegen."

Der Controller ist Pole, der Rest der Belegschaft sind Deutsche. Robert Bednarek ist 32 Jahre alt, hat an der BTU Cottbus Verfahrenstechnik studiert. Für ihn ist es ganz normal, polnische Vorgesetzte zu haben.

"Also Bedenken hatte ich da überhaupt nicht. Ich bin frisch vom Studium gekommen und war im Prinzip offen für alles Mögliche. Ich bin hier in Guben geboren und habe halt geguckt, ob es hier in der Region noch Arbeit gibt für mich, da bin ich dann zufällig auf diese Firma gestoßen." 

In Deutschland leben, in Polen arbeiten?

Robert Bednarek könnte sich im Prinzip auch vorstellen, auf polnischer Seite zu arbeiten, zumal vor den Toren von Gubin ein großer Braunkohletagebau geplant ist, mitsamt Kraftwerk. Doch dafür müssten sich die Lebensverhältnisse noch mehr angleichen.

"Weil die Durchschnittslöhne doch wesentlich niedriger sind als bei uns hier in der Region. Ich glaube, teilweise ist es so, dass die gleiche Summe gezahlt wird, nur halt die Währung anders ist. Und bei einem Umrechnungskurs von 1:4 bleibt dann am Ende nicht mehr viel übrig."

Diebstähle, Einbrüche, Überfälle

Gubens Bürgermeister Fred Mahro glaubt, dass die beiden von der Weltgeschichte geteilten Städte in Zukunft immer weiter zusammenwachsen werden. Konflikte gebe es dabei keine, sagt der CDU-Politiker. Obwohl Guben im vergangenen Jahr immer wieder Ziel von Räubern, Dieben und Einbrechern aus Osteuropa war, die über die Neiße kamen. Darunter nicht nur Weißrussen und kriminelle Banden aus der Ukraine, sondern auch polnische Staatsbürger. Da könnten seine Gubener aber differenzieren, betont Mahro.

"Also es gab überhaupt keine Probleme, wenn dort ein kleines Häuschen gebaut wurde und dann urplötzlich der polnische Nachbar da war. Sicherlich muss man hier sagen, dass die Sprache nach wie vor uneingeschränkt die größte Barriere ist. Aber ich glaube, dass ich hier hinsichtlich der Akzeptanz von polnischen Männern und Frauen und Familien, die sich bei uns ansiedeln, überhaupt keine Probleme sehe."

Wegen der vielen Überfälle und Einbrüche in Guben hatte Mahro 2015 öffentlichkeitswirksam um Hilfe gerufen. So lange, bis der Innenminister in Potsdam reagierte und mehr Polizisten an die Grenze schickte. Seitdem hat sich die Lage beruhigt. Auch, weil ein neues deutsch-polnisches Polizeiabkommen die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Gesetzeshüter erleichtert. Bislang spüre man hier an der Grenze zwar nicht, dass der Wind in Warschau sich gedreht hat, sagt Mahro. Dennoch macht sich der Bürgermeister Sorgen wegen der neuen polnischen Regierung.

"Wichtig für uns ist natürlich auch in dem Zusammenhang, dass es nicht zum Personal-Harakiri kommt, das darf nicht passieren. Die Verbesserung der Situation, die wir jetzt zweifelsfrei zu verzeichnen haben, ist auch auf eine verbesserte Kommunikation zwischen der deutschen und der polnischen Seite, zum Beispiel auf der Ebene der Sicherheitsbehörden, also Land, Bund, Zoll, zu verspüren. Und da wäre es natürlich schlimm, wenn diese gute Kommunikation, die sich hier entwickelt hat und entwickeln musste, um einfach den Verbrechern hier auch eine entsprechende Struktur dagegen zu stellen, hier durch Veränderungen wieder leiden würde."

Mehr zum Thema:

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