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Buchkritik

"Anders" von Andreas SteinhöfelAmnesie als Befreiung
Der Autor Andreas Steinhöfel hält am 11.10.2013 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main bei der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2013 seine Trophäe hoch.  (picture-alliance / dpa / Arne Dedert)

Um die 20 Kinder- und Jugendbücher hat Andreas Steinhöfel geschrieben - und alle wichtigen Preise abgeräumt. Sein neuer Roman handelt von einem elfjährigen Jungen, der sein Gedächtnis verloren hat: eine gelungene Gratwanderung zwischen Magie und Alltag.Mehr

ErnährungDie Welt satt bekommen
Ein Mann schiebt sich einen Dominowürfel mit Grille (picture alliance / dpa)

Die Weltbevölkerung wird bis 2050 auf fast zehn Milliarden Menschen anwachsen. Um sie zu ernähren, müssen neue Wege der Lebensmittelproduktion gefunden werden. Gegrillte Raupen und Maden könnten daher bald auch hierzulande auf die Teller kommen.Mehr

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Literatur

"Max und Moritz" wird 150Rache tut not!
Das erste Bild der sieben Streiche von Max und Moritz, erdacht und gezeichnet von Wilhelm Busch, aufgenommen am 11.09.2014 in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen (Nordrhein-Westfalen). Die Ausstellung "Streich auf Streich" "150 Jahre deutschsprachige Comics seit Max und Moritz". (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)

Wilhelm Busch ist der "große deutsche Humorist". Seine Bildergeschichten sind zum Hausschatz von uns Deutschen geworden, allen voran "Max und Moritz". Eine Exkursion durch seinen Dschungel der Grausamkeiten in sieben Streichen. Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.10.2009

Grundverschiedene Brüder

Steffen Martus: "Die Brüder Grimm. Eine Biografie", Rowohlt Verlag, 2009, 608 Seiten

Brüder-Grimm-Denkmal in Hanau (AP)
Brüder-Grimm-Denkmal in Hanau (AP)

Die Brüder Grimm waren weit mehr als Märchensammler: Sie waren penible Wissenschaftler und wurden in den Revolutionszeiten des Vormärz zu politischen Stars, wie aus Steffen Martus' kürzlich erschienener Biografie hervorgeht.

"Der eine ist kränklich, der andere ein harter Arbeiter; der eine neigt zu Goethe, der andere zu Schiller; der eine führt seine Forschungen ruhig aus, den anderen beseelt ein fast schon faustischer Entdeckerdrang ..." – Steffen Martus macht in seiner Biografie über die Brüder Grimm vor allem eines deutlich: Die beiden waren grundverschieden.

Da ist zunächst Jacob (1785 – 1863), ein Jahr älter als Wilhelm und der intellektuellere von beiden. Er ist es, der den Ton des brüderlichen Dialogs bestimmt: eine offene und ehrliche Streitkultur. Wilhelm (1786 – 1859) beugt sich diesem Wunsch, nicht zuletzt deshalb, weil er in der Lage ist, die Vielfalt der Meinungen anzuerkennen. Er ist flexibler und beweglicher als sein Bruder - sowohl, was wissenschaftliche Meinungen als auch, was den Umgang mit anderen Menschen betrifft - und damit verschafft er seinem Bruder immer wieder die notwendige Erdung.

Trotz ihrer Polarität hängen die beiden Brüder wie Kletten aneinander. Als Jacob 1802 zum Studium nach Marburg geht, sind sie zum ersten Mal getrennt – und es fällt ihnen schwer, das auszuhalten.

Es ist die Stärke von Steffen Martus’ Biografie, dass sie hier und auch an anderen Stellen einordnet. Die große Bruderliebe, so schreibt Martus, ist eng mit der Liebe der Brüder zu den Büchern verbunden. Denn gemeinsam lassen sich Bücher einfacher sammeln. Und: Diese Liebe entspricht dem Zeitgeist – wie alle Romantiker, erklärt Martus, glauben auch die Grimms an die "innere Einigkeit der Gegensätze".

Steffen Martus liefert eine sehr ausführliche Lebensbeschreibung der Grimms. Dabei zeigt er, wie eng ihre Forschungen mit der damaligen Zeitgeschichte verknüpft waren. Wenn etwa Jacob in seiner "Geschichte der deutschen Sprache" untersucht, worin die Eigenheiten der deutschen Sprache liegen, dann sucht er im Grunde danach, was in der Zeit der Vielstaaterei die deutsche Nation ausmacht.

Kein Wunder also, dass die Grimms zu den Göttinger Sieben gehörten, eine Professorengruppe, die 1837 offen gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover protestierte und deshalb entlassen wurde. Und kein Wunder auch, dass Jacob 1848 zum Mitglied der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche gewählt wurde.

Mit einer Portion Respekt erörtert Steffen Martus, der selbst Professor für Neuere Deutsche Literatur in Kiel ist, auch die Grimm'sche Forschungshaltung, die Konservativität und Moderne verbindet. Die Grimms plädierten für historische Kontinuität – und waren sich gleichzeitig bewusst, dass ihr Wissen nicht ewig gelten würde. Als Paradebeispiel gilt Martus das Mammutprojekt des "Deutschen Wörterbuchs", das so groß war, dass der letzte der 32 Bände erst 1971 erschien. Die Grimms arbeiteten mit 600.000 Belegzetteln, die sie ständig neu ordnen und erweitern konnten. Eine durch und durch lebendige Arbeit, stellt Martus fest – lebendig wie die Sprache selbst.

Natürlich gibt es in der Biografie auch ein ausführliches Kapitel über die Hausmärchen. Es ist das spannendste Kapitel – nicht zuletzt weil Martus hier besonders pointiert formuliert. Er zeigt die Grimms als Marketing-Spezialisten, die einfach behaupteten, ihre Märchen seien mündlich überliefert – obwohl sie die meisten in verstaubten Bibliotheken gefunden und dann gehörig bearbeitet hatten; so lange, bis jener Märchen-Erzählton gefunden war, der den Leser noch heute in diese schaurig-schöne Stimmung versetzt...

Und so lässt sich sagen: Steffen Martus’ Biografie über die Grimms ersetzt einem zwar nicht den Wolf und die sieben Geißlein, aber spannend und interessant ist sie trotzdem.

Besprochen von Marcus Weber

Steffen Martus: Die Brüder Grimm. Eine Biografie.
Rowohlt Verlag, 2009
608 Seiten, 26,90 Euro