Seit 19:05 Uhr Oper
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 19:05 Uhr Oper
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 21.12.2010

Grünen-Politiker fordert bessere Informationssysteme im Winterchaos

Winfried Hermann: Niveau wie in den 50er Jahren

Winfried Hermann im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Winfried Hermann, Grüne (winnehermann.de)
Winfried Hermann, Grüne (winnehermann.de)

Der Grünen-Verkehrspolitiker Winfried Hermann hat Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) aufgefordert, angesichts des Winterchaos seine Koordinationsfunktion stärker wahrzunehmen. Es sei eine nationale Aufgabe, das Informationssystem für alle Verkehrsteilnehmer zu verbessern.

Jan-Christoph Kitzler: Was für Lehren müssen wir in Deutschland aus dem Winterwetter ziehen, wie es nun mal ist, vor allem im Verkehr? Oder muss man das einfach so hinnehmen? Darüber spreche ich jetzt mit Winfried Hermann, Bundestagsabgeordneter der Grünen und dort Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Guten Morgen!

Winfried Hermann: Guten Morgen!

Kitzler: Bei solchen Schneemassen und solcher Kälte wie in den letzten Wochen, kann man da denn eigentlich erwarten, dass im Verkehr alles normal funktioniert?

Hermann: Nein, das kann eigentlich wirklich nicht sein, und ich finde, manchmal hat man den Eindruck, dass die Menschen wirklich vergessen, dass es eben halt auch Unbilden der Natur gibt und dass man sich im Winter darauf einstellen muss, dass nicht alles perfekt funktioniert wie an einem strahlenden Sommertag. Also die Haltung, dass man sozusagen die Natur perfekt besiegen könnte, ist glaube ich die falsche. Was uns sozusagen das Schneetreiben oder auch mal ein starker Regenfall immer wieder lehren, das ist, unsere Verkehrssysteme und unser Verkehrsverhalten sind so auf Kante genäht, also alles ist auf knappe, enge Zeitrhythmen eingestellt, dass, wenn da eine Kleinigkeit nicht funktioniert, dass dann die Kette in sich zusammenbricht. Und da muss man vielleicht auch mal drüber nachdenken, ob das Sinn macht, dass man das alles so ganz knapp organisiert, wie das bei uns üblich ist. Da haben wir glaube ich in den letzten Jahren zu sehr auf Effizienz und pannenfreies Zusammenwirken gesetzt.

Kitzler: Auf die Organisation wollte ich gleich noch mal zu sprechen kommen. Erst noch mal zum Einzelnen: Müssen wir einfach unser Mobilitätsverhalten, die Art, wie wir bei diesem Wetter von A nach B kommen, ganz grundsätzlich ändern, darauf einstellen?

Hermann: Ich glaube schon auch. Also das habe ich an mir selber gemerkt, ich gehöre zu den Menschen, die extrem viel unterwegs sind, die unglaublich viel Zug fahren müssen, auch fliegen müssen und mit der S-Bahn fahren und mit Autos und so weiter. Und man merkt halt, irgendwie setzt man immer voraus, dass alles klappt. Und ich merke dann, wenn mir dann Leute begegnen, die sozusagen über 500 Kilometer Ehen und Familien aufrechterhalten, also wir haben natürlich auch Lebensformen etabliert, die auf der Grundlage von permanentem, gut funktionierendem Verkehr aufgebaut sind. Und das rächt sich dann an solchen Stellen, wo man dann halt sagen muss, dann kannst du halt nicht. Also im Moment habe ich für mich zum Beispiel entschieden, dass ich jetzt nicht mehr noch zwei Tage in den Wahlkreis fahre, weil das verkehrstechnisch einfach für mich und für alle eine Zumutung wäre, und es dann sein hab lassen.

Kitzler: Kommen wir noch mal zur Lage in Deutschland, da herrscht ja das Chaos, zumindest in der Wahrnehmung von vielen Menschen. Andere Länder können es anders, Österreich haben wir vorhin gerade gehört, das Beispiel, auch Skandinavien hat sich besser auf das Wetter eingestellt nach allem, was man so liest. Was machen die denn anders als wir?

Hermann: Also ich glaube tatsächlich, dass sowohl die Organisationen sich darauf einstellen, also die Kommunen und die Räumdienste, weil man eben weiß, es kommt sicher der Winter. Bei uns war halt in den letzten Jahren mal Winter, mal nicht Winter, und irgendwie hat man sich dann gemütlich darauf eingerichtet, dass er schon nicht kommen wird. Und das finde ich schon etwas merkwürdig, wie sozusagen Menschen und ihre Organisationen jeden Winter erneut überrascht sind, dass Winter ist. Also da muss man doch sagen, hoppla, knock on wood, vielleicht mal etwas nachdenken, muss ich mich nicht besser vorbereiten bei der Bereifung des Autos, muss ich mich nicht besser vorbereiten bei den Räumdiensten, muss ich nicht selber auch irgendwie andere Zeiten einplanen, ist es nicht auch meine Verantwortung zu sagen, dann kannst du halt nicht die letzte Bahn nehmen, sondern musst einen Puffer einbauen und so weiter.

Also ich glaube, die Grundhaltung muss sich da ändern und es kann auch nicht angehen, dass man alle Verantwortung auf andere abschiebt und selbst keine wahrnimmt. Also bei den LKW-Fahrern und Speditionen fällt mir einfach auf, es ist doch verantwortungslos, dass man bei solchen Schneeverhältnissen mit schlechten Reifen auf die Autobahn geht und dann die Autobahn blockiert. Also das kann man ja nicht nur der Polizei in die Schuhe schieben, dass sie nicht kontrolliert hat.

Kitzler: Auf der anderen Seite kann man jetzt natürlich auch nicht alles den Bürgern anlasten, denn man hat schon den Eindruck, manche Probleme sind auch hausgemacht. Zum Beispiel bei der Bahn, da wurde in den letzten Jahren viel gespart, gerade in Personal und Technik. Ist das auch ein Grund dafür, dass es da so viele Probleme gibt?

Hermann: Absolut. Deswegen schweigt auch im Moment die Führung der Bahn und auch die Führung der S-Bahn hier in Berlin. Man hat in den Jahren der Vorbereitung des Börsengangs derartig an Material und Personal gespart und hat vieles outgesourct, was man heute nicht mehr einfach so zurückholen kann, auch übrigens bei den ICE-Zügen und auch bei den S-Bahnen hat man so wenig Reserve, dass man schon unter Normalbedingungen die Reserve quasi im Einsatz hat. Und wenn dann bei Winter tatsächlich Züge ausfallen, die ersetzt werden müssen, dann hat man keine Reserven mehr. Und dann geht es ans Eingemachte.

Also hier muss man wirklich sagen, die Bahn zahlt bitter für die Vorbereitung des Börsengangs und für die mangelnde Wartung des Netzes und für die zu geringe Zahl an Zügen. Und leider muss man sagen, es wird Jahre dauern, bis diese Mängel beseitigt werden, weil man nicht einfach mal schnell Ersatzzüge kaufen kann, sondern das ist ein aufwendiges Verfahren für eine Genehmigung von neuen Zügen, und es dauert lange, bis sie gebaut sind, weil da wird nichts auf Vorrat gebaut, sondern alles auf Bestellung.

Es gibt auch noch einen anderen Punkt, den ich gerne ansprechen möchte. Was auffällt, ist, dass wir eine Gesellschaft sind mit allerhand Kommunikationsmitteln; aber wenn es Schneeprobleme und Wetterprobleme gibt, dann hat man den Eindruck, man dilettiert in den 50er-Jahren rum. Die eigentlich Beteiligten, ob das bei der Bahn ist oder am Flughafen, sind nicht wirklich informiert, die Kunden werden schleppend, schlecht oder gar nicht informiert. Es gibt keine vernünftigen Systeme und manche Kunden sind auch offenbar zu wenig überlegt, wenn sie zum Flughafen fahren: Man könnte sich doch auch vorher vielleicht irgendwie mal kundig machen, ob tatsächlich Flüge fliegen, und nicht erst dahinfahren.

Kitzler: Da stellt sich natürlich auch die Frage, wer soll das Chaos in die Hand nehmen? Muss der Winter, ich sag es mal ein bisschen pathetisch, eine nationale Aufgabe werden, oder löst man die Probleme am besten vor Ort?

Hermann: Also es ist sicherlich sinnvoll, das vor Ort zu lösen, zumal die Probleme und der Schneefall total unterschiedlich sind in Deutschland, das kann man jeden Abend an der Wetterkarte glaube ich gut sehen. Aber ich rate dem Verkehrsminister, dass er da mal seine Koordinationsfunktion wahrnimmt. Denn zum Beispiel die Verbesserung des Informationssystems für alle Verkehrsbeteiligten, das finde ich ist schone eine nationale Aufgabe. Das ist auch, da braucht man dann die gleichen Techniken, man müsste man sich mal überlegen, wie kann man Passagiere rechtzeitig informieren, wie kann man das machen, wie kann man verhindern, dass Leute quasi auf Autobahnen fahren und dann wie Lemminge in den Stau reinfahren, nur weil sie vielleicht jetzt gerade nicht Autoradio gehört haben?

Die Systeme der Information sind wirklich alles andere als perfekt, und die Menschen haben sich auch noch nicht richtig eingefunden in diese Informationssysteme, also da gibt es richtig viel zu tun. Denn das, finde ich, das kann man immer wieder sehen: Die Leute können schon verstehen, dass ein Zug mal ausfällt, wenn viel Schnee da ist, aber was sie gar nicht verstehen können, das ist, wenn der Zugschaffner und der Zugbegleiter nicht wissen, ob es weitergeht oder wann es weitergeht, und ob die Verbindungen klappen oder ob überhaupt Züge kommen. Das müsste doch möglich sein, dass man das verbessert.

Kitzler: Viel Luft nach oben also noch im Kampf gegen den Winter, so sieht es Winfried Hermann, der Grünen-Politiker und Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag. Vielen Dank und einen schönen Tag!

Hermann: Ich danke auch, schönen Tag!

Interview

Kraft des LachensHumor trotz(t) Demenz?
Der ehemalige Journalist Ulrich Fey arbeitet heute als Clown in Seniorenheimen. (picture alliance / dpa / Foto: Roland Holschneider)

Humor im Umgang mit Demenz lohnt sich – für Pflegende wie Erkrankte, sagt der Gerontopsychiater Rolf-Dieter Hirsch. Peinlichkeiten oder Aggressivität lassen sich entschärfen. Und Lachen muss kein Auslachen sein.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur