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Profil / Archiv | Beitrag vom 08.02.2013

Großes mit kleinem Budget

Der Regisseur Athanasios Karanikolas und sein Berlinale-Film "Echolot"

Von Vanja Budde

Hagia Sophia in Thessaloniki: Heimatstadt von Athanasios Karanikolas
Hagia Sophia in Thessaloniki: Heimatstadt von Athanasios Karanikolas (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)

Den grauen Winter in Berlin kann er am besten in seiner hellen Hochauswohnung ertragen. Der griechische Regisseur Athanasios Karanikolas braucht das Licht. Doch sein aktueller Film "Echolot" ist eher düster: Eine Gruppe junger Leute trifft sich nach dem Selbstmord eines Freundes.

Athanasios Karanikolas wohnt in Berlin Mitte, aber nicht in einem gemütlichen Altbau mit Stuck und knarrenden Dielen, wie es sich für die Kreativen in Berlin gehört, sondern in einem Hochhaus an einer mehrspurigen Durchgangsstraße – im 13. Stock.

Athanasios Karanikolas: "Ich mag, wenn es urban aussieht, ich mag diesen Blick aus meinem Fenster. Ich sehe ja mein Gebäude nicht, ich wohne ja drinnen und gucke nach draußen. Und die Welt außen sieht sehr urban aus. Berlin wirkt sehr großstädtisch und sie hat sehr viel Licht, diese Wohnung, wie Sie sehen, und ist alles andere als hässlich. Also das ist wirklich ein toller Ort. Viele fragen sich, warum ich hier wohne, aber mir gefällt es."

Als Grieche sei er auf Licht angewiesen, um in den dunklen, grauen Wintern in Berlin nicht depressiv zu werden, erzählt der Filmemacher. In die Großstadt zieht es ihn schon früh: Mit 20 ist ihm seine Heimatstadt Thessaloniki zu klein und zu eng. Er ergattert ein Stipendium und geht Ende der Achtziger nach New York, um Fotografie zu studieren.

Athanasios Karanikolas: "Ich bin sehr visuell immer schon gewesen und hatte mit 17 oder 18 meinen ersten Fotoapparat geschenkt bekommen von meinen Eltern. Und da wusste ich, das ist jetzt etwas, was ich unbedingt machen möchte. Das war eine ganz tolle Voraussetzung für ein Filmstudium, überhaupt für einen Regisseur."

Ein Weisheitszahn pocht und muss gezogen werden, aber Athanasios Karanikolas war zu höflich, den Interviewtermin abzusagen. Seine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung ist penibel aufgeräumt, es gibt Tee in sehr zarten, weißen Tassen, Schokoladenkekse und Äpfel in einer hübschen Schale. Der aufmerksame Gastgeber trägt ein weißes Hemd unter grauer Strickjacke: Ein Ästhet mit akkurat gestutztem Bart und Hornbrille.

Autorin: "Sie haben als Jugendlicher freiwillig Arabisch gelernt. Was waren sie denn für ein komischer Vogel?"

Karanikolas (lacht): "Ich war ein sehr komischer Vogel. Ich wollte eine Sprache lernen, die ich poetisch fand und ich wollte eine Sprache lernen, die die Philosophen sprachen. Ich habe sehr lange überlegt, soll ich Chinesisch oder soll ich Arabisch lernen. In Thessaloniki gab‘s nur Arabisch, da hab ich das gemacht. Und das war sehr, sehr interessant. Ich liebe die arabische Sprache."

Autorin: "Sie strengen sich gern an, ne?"

Karanikolas: "Ja, ich überfordere mich selbst gerne und fordere mich gerne heraus. Ich finde, man muss das tun, um weiter zu kommen. Also im Kopf." (lacht)

Weil er nebenbei auch ein bisschen Deutsch gelernt hatte und weil ein Filmstudium in seinem geliebten New York zu teuer gewesen wäre, geht Athanasios Karanikolas zum Filmstudium an die Kunstakademie Düsseldorf und danach an die Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam. Das Regiestudium schließt er mit Auszeichnung ab.

Nach einigen Kurzfilmen, Dokumentationen und Theaterinszenierungen stellt er nun mit "Echolot" seinem ersten Spielfilm auf der Berlinale vor: Eine Gruppe junger Leute versammelt sich im melancholischen Spätherbst in einem Haus auf dem Land, um gemeinsam über den Selbstmord eines der ihren zu trauern. Stattdessen feiern sie aber eine Party, der Tote gerät in den Hintergrund. In fiktiven Interviews halten die Freunde später Rückschau auf dieses Wochenende.

Filmausschnitt "Echolot", man habe sich nicht öffnen können für die gemeinsame Trauer, sagt ein Protagonist

Nein, sagt Athanasios Karanikolas, autobiografisch sei das nicht, keiner seiner Freunde hat sich umgebracht. Aber:

"Ich beschäftige mich schon sehr lange mit dem Thema Tod und Selbstmord. Es ist aus einer theoretischen Sicht und psychoanalytischen Sicht etwas, was mich sehr interessiert. Es beängstigt mich. Das ist eine große Angst von mir. Und ich bekämpfe es, indem ich mich damit auseinandersetze."

Karanikolas kommt aus einer Arbeiterfamilie, seine Mutter in Thessaloniki arbeitet mit fast 70 immer noch als Schneiderin. Wirtschaftskrise ist bei ihm ein Dauerzustand: Jahre lang rackerte er auf Baustellen und in Bäckereien, als Kellner und Taxifahrer, um mühsam das Geld für seine Filme zusammen zu kratzen. Auch "Echolot" ist ohne Filmförderung mit ganz kleinem Budget entstanden. Wenn er seine Filme machen kann und vom Unterrichten leben, wenn auch sehr bescheiden, dann reicht ihm das, sagt Athanasios Karanikolas.

""Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, obwohl ich das Jahre lang gemacht habe, nur diesen einen Job zu haben und nur aufs Wochenende zu warten, auf die Ferien und auf die gute Mahlzeit oder die gute Zeit mit den Freunden. Und dann fängt das alles von vorne an. Mir ist es sehr wichtig, dass es darüber hinaus noch etwas gibt, als nur die materielle, die alltägliche Seite. Damit ich auf das Leben auch aus einer anderen Perspektive schauen kann."