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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 16.08.2013

Große Sause in der Kleinstadt

Das Rudolstädter Vogelschießen

Von Matthias Biskupek

Karusselfahren (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Karusselfahren (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Schon zu Goethes und Schillers Lebzeiten gab es den Schießwettbewerb, bei dem mit einer Armbrust auf einen hölzernen Vogel geschossen wurde. Schiller mochte es zwar nicht. Trotzdem ist daraus mittlerweile eine Kirmes geworden, die zu den beliebtesten Volksfesten in Deutschland gehört.

"Es ist gewaltig, es ist gigantisch, es ist 55 Meter hoch, einzigartig ..."

Wir stecken mitten in einem von Geschichte gesättigten Landstrich. Thüringen. Weimar ist nicht weit; nah sind die Unvermeidlichen: Goethe, Schiller. Als diese hier herumspazierten, war das Rudolstädter Vogelschießen vergleichsweise jung. Keine hundert Jahre hatte es auf dem Buckel. Die Chronistin:

"Den 19. August nahm das Vogelschießen seinen Anfang. Nach Tafel wurde auf den Anger gefahren, wo die gnädigen Damen in einer sehr schönen großen Hütte die Herrschaften empfingen. Das heutige Vogelschießen war wohl unstreitig das solenneste, das ich noch je erlebt habe."

Schillers Frau war eine Eingeborene. In einem Brief bemitleidet sie ihren Mann, den Vogelschieß-Muffel.

"Ich weiß noch gar gut, wie wir verstimmt waren durch das Herumgehen in der Gesellschaft auf dem Vogelschießen, wie ichs doppelt fühlte, weil sie Dir zur Last war."

Hexe: "Ich merke schon, wir sind hier in Rudolstadt, da kommt hier der ländliche Geschmack doch schon mal durch."

Nicht so harsch wie in heutigen Festzelten ging Schiller damals mit den Leuten ins Gericht.

"Hier habe ich Bekanntschaft gemacht, aber nichts Interessantes, doch drückt mich die hiesige Menschenart nicht."

Uns drückt sie ohnehin nicht. Wir sprechen deshalb im Pluralis Majestatis, weil’s ums Volk geht. WIR – sind das Volksfest! Hier gibt’s Liebesgeschichten und Platzmeistergeschichten.

Auf Augenhöhe mit Oktoberfest und Hamburger Dom

Abgebrochene Studiengeschichten und Abgeschossene Vogelgeschichten. Und Musikgeschichte des letzten Jahrhunderts.

Henkel: "Vogelschießen muss sein. Ich geh jetzt 50 Jahre lang jedes Jahr zum Vogelschießen und wenn ich mirs recht bedenke tu ich‘s aus Sentimentalität, weil man sich eben immer noch auf bestimmten Karussellen vor 30, 40 Jahren stehen sieht, den Mmmääädels zugeschaut."

Nun mag der Besucher knapp über Fünfzig sein, aber als echter Rudolstädter hat man sich ja schon im Kinderwagen über den Platz fahren lassen.

Peupel:"Auto-Skooter mussten wir jetzt fahren und wurden zehnmal angeeckt aber das war nicht schlimm, eher schön, und man fühlt sich so bisschen an die Kindheit versetzt. Das fand ich toll."

Sind auch Fachleute, also Aussteller begeistert? Manfred Löwenthal, Rummellegende aus Delmenhorst:

"Das ist keine Übertreibung, das können auch meine Kollegen hören in München: Man kann dieses Rudolstadt in eine Reihe stellen in Punkto Volksfeste gleich, sprich Cannstädter Volksfest, Hamburger Dom, Bremer Freimarkt, Münchner Oktoberfest."

Und wenn das ein bayerischer Kollege gehört hat? Zum Beispiel Lorenz Kalb aus Nürnberg, der mit Käpt‘n Raikas Erlebnisreise für Kinder, auf dem Platz steht.

"Meine Meinung zu diesem Fest und zur Besucherstruktur ist: Dass es also eine wunderbare ausgewogene Mischung auf dem Festplatz ist, und gerade das macht das Flair des Festes aus, dass also die Familiengeschäfte neben den Attraktionen stehen, dass, nicht wie in Cannstadt Riesenbierhallen sind, wo die Leute über Stunden festgehalten werden und nur noch so Alkohol eingeflößt wird.

Hier ist es so, dass das Publikum von Ausschankstelle zu Ausschankstelle wandert, auch mal am Platz flanieren kann, es gibt auch viel Sitzgelegenheiten im Freien, was auch für das Publikum sehr gut ist und das ist die Ausnahmeerscheinung hier in Rudolstadt. Eine perfekte Organisation mit einer gut ausgewogenen Mischung."

…den Vogel abschießen kann man nur einmal in diesen zehn Rummel-Tagen. Zur Wahl des Schützenkönigs seit 291 Jahren. Mit ein paar Ausnahme-Jahren von 1945 bis etwa 1975. Eine Rudolstädterin kann noch aus Vorkriegszeiten erzählen.

"Das war ja sehr interessant, wie die Schützen sich alle sich hingestellt haben und ham uff den Bobbvochel (Pappvogel) nu oobm geschossen haben, den haben sie mit Fäädern geschmückt und da sagt auch ich noch: Das ist ja blöde, ein Pappvogel mit Federn und da hat meine Schwester gesagt: Das ist symbolisch, bloß so gedacht, damit Du siehst, es is’n Vogel.""

Uschi Mächtig, jahrzehntelang guter Geist am hiesigen Stadttheater, erzählt: Just wie zu Schillers und Goethes Zeiten wurde nach dem "Bobbvohchel", wie "uff gut Rudlschdäädsch" der Papp- oder Holzvogel heißt, geschossen.

Die jungen Kerle interessierte nur das Vogelschießen

Ansonsten durchlebte auch die Ex-Residenzstadt vor achtzig Jahren markige Zeiten.

""Das war die Zeit, wo die jungen Kerle alle eingezogen wurden. Wenn die Urlaub gekriegt haben, da war für die nur Vogelschießen, was anders interessierte die Kerle alle nicht. Da warn auch Zigeuner mit drinne, da war eine ehemalige, die hieß Wenig. Die hatte schöne schwarze Locken, die ham Se mit auf son Zirkuswagen eingesperrt, die haben sie mitgenomm, und mir als Kegel sind hinterher gerannt und ham geplägt. Da kam ein Polizist, mir wussten gar nicht, dasses eener war. Die wollten sie mitnehme, die sollte tanze."

Zirkus, Zigeuner, Polizei - was passt noch in diese Reihung deutscher Geschichte, vom Rummel neben dem "Behördenhaus"?

"Und jedenfalls das Behördenhaus, da haben nur die Kaufleute von Rudolstadt, (leiser) da hatten wir, da warn ja noch Juden da – da war der Haller und der Goldmann, die hatten alle - also itz weeß ich nicht, war der Haller das EK II erster oder zwooter Klasse, oder der Goldmann? – das weeß ich jetzte nich mehr …"

Immerhin durften Juden in den Dreißigern beim deutschen Schützenfest noch mitschießen. Gewann ein Jude, war Kompromiss angesagt.

"Mit zwee Schüssen war der Vogel unten und hat er gesagt: Na komm her, Du kriegst die Federn, den Pappding behalte ich. Aber bei zwee Schuß hatte der den Vogel unten gehabt und da haben wir alle geklatscht – und dann fing das ja an, daß die alle rausmussten ..."

Schaustellerlegende Manfred Löwenthal erlebte dieses Kapitel deutscher Geschichte ebenfalls. Als Betroffener.

"Da kam denn die Machtübernahme von Adolf Hitler, das alles hier reinzubringen würde ein abendfüllendes Programm sein, der Name sagt Ihnen einiges. Überspringen wir mal diese Dinge und gehen wir denn ans Kriegsende 1945, da haben wir natürlich gleich begonnen wiederum mit Buden. Und sogenannten Fettpakete. Das war eine Eierplattform, wie man sie heute noch kennt, da war drauf: 2 Stück Butter, eine Mettwurst, zwei Käse, ein halbes Pfund Kaffee und das haben die Leute - die Leute haben darauf gespielt wie verrückt."

Schon sind wir im Nachkrieg. Geteiltes Deutschland. Das Vogelschießen muss einen neuen Platz finden. Der Anger ist zu klein. Anstelle des "Behördenhauses" gibt es jetzt die Polizeidienststelle. Und Schausteller kommen nicht mehr aus dem Rheinland, sondern aus dem Westen.

Mächtig: "Es waren auch viele, viele Schausteller immer da, die driem vom Westen nachher mit hier rieber kamen, die ne Genehmigung gekriegt haben und auch mal ne Einreise gekriegt. Das weiß ich auch noch ganz genau. Und die hamm ooch immer gesagt: Das ist hier ein Publikum, das finden wir bei uns da drüben nicht. Zwar, wir sind im Rheinland auch lustig und fidel, aber die rennen und arbeiten für uns mit, das haben wir nie gesehen."

Der Stand von Monika Schleinitz ist dicht umlagert. Ein Vogelschießen ohne den "Glückskönig", die große Losbude, ist kein richtiges Vogelschießen.

Rummelplatz statt Medizinstudium

Und die Geschichte der Besitzerin hat mit diesem Volksfest zu tun, mit Thüringen, mit alteingesessenen Schaustellergeschäften und deutschdemokratischen Bildungsprinzipien.

Schleinitz: "Ich bin in der Schaustellerfamilie groß geworden, meine Eltern hatten Fahrgeschäfte und wie das dann so war in der DDR: Es hieß: Lern was Ordentliches, Kind! Wir haben alle was gelernt, hab angefangen mit dem Medizinstudium, hab das Grundstudium noch fertig gemacht und dann hab ich meinen Mann kennen gelernt, also wir kannten uns schon, aber ich bin dann doch wieder auf die Reise gekommen, wir haben uns selbstständig gemacht.

Siebenundsiebzig. Da waren wir schon die ersten Jahre, also wir zwei selbständig hier in Rudolstadt. Mit einem Hoppla, Pingpong, Wünschdirwas, Sekt ist Trumpf. Wurde gut angenommen von der Bevölkerung, Sekt war halt was. Wir mußten ja Sachen ranholen, die es sonst nicht gab.

Wir hatten dann bisschen Probleme mit der Staatssicherheit in Berlin, zum Weihnachtsmarkt sind wir abgeholt worden und wenn man dann einmal Probleme hat, ergibt sich’s dann zwangsläufig. Die Schwiegereltern waren in Nürnberg, mein Mann ist nach Nürnberg, ab 82 waren wir dann in Nürnberg. Und da noch mal richtig anzufangen, das war eine richtige Erfahrung. Achtundachtzig haben wir uns den Glückskönig gekauft. Dadurch sind wir eben wieder reingekommen."

Autor: ""Und hier in Rudolstadt kamen Sie ihrem Mann näher?"

"Das waren unsere Ferienzeiten, das waren Saalfeld, Rudolstadt, Weimar, wo wir uns also nähergekommen sind. Hier hat das alles bisschen was Persönliches, ob das nun Brömel ist, die jeder kennt oder die Pörze. Schon von den Betrieben her auch so von den Schaustellern, es ist halt eine größere Familie. Die Leute mögen keine Marktschreier dieses Gewinnegewinne, da schalten die ab. Wenn man sie innem persönlichen Kontakt auch mal anschaut, das ist dann der Erfolg, das versuche ich meinen Leuten beizubringen, dass das freundliche Wort nichts kostet, das wir für die Leute da sind."

Wie aber kommt man vom Medizinstudium zur Schaustellerin, Anreißerin...

"Es war so, ich hab mein Grundstudium abgeschlossen, auch mit gut. Und dann hatte ich einen schweren Autounfall. Schädelbasisbruch, war ein halbes Jahr raus – und da hab ich mich dann entschieden: Ende! Ich muss dazu sagen, ich habe auch ein Praktikum gemacht, in Dresden, in der Kinderklinik, war da auf einer Frühgeburtenstation und ich muss sagen, ich war da nicht hart genug, also was da grade in der DDR gelaufen ist, die Entscheidung die man da als Arzt treffen muß, um Menschenleben, wo es manchmal nur Kleinigkeiten geht – das, muss ich dazu sagen, hat mich sehr beeinflusst, und dann, muss ich doch sagen: Die Schaustellerei liegt doch im Blut Es kann jemand, der einen festen Job hat, nicht nachfühlen. Ich könnte mir nicht vorstellen, immer an einem festen Ort zu sein. Jeden Tag ins Büro gehen, das wär der Horror."

40 Güterwaggons für den Transport der Wasserbahn

Wir schlendern weiter. Und stehen vor der Wildwasserbahn. Einem der großen und teuren Fahrgeschäfte. Rentiert sich so was hier? Fragen wir die Besitzerin Marlies Löwenthal:

"Als ich 97 hierherkam, gab‘s damals noch den Güterbahnhof hier in Rudolstadt, da konnten wir direkt in Rudolstadt ausladen, mein Geschäft ist auf 40 Bundesbahnwaggons verladen, damit fahre ich also durch Deutschland, damals gab es noch diese Güteranbindung, da ist der komplette Sonderzug hier angekommen und wurde entladen. Als ich dann zwei Jahre später kam, hatte man den Rudolstädter Güterbahnhof schon zugemacht, musst ich in Saalfeld ausladen. Was ich als ausgesprochen positiv empfunden habe, war die Kollegialität der Schausteller, die auf dieser Veranstaltung gestanden haben.

Ich kam also Donnerstag morgen an, wussten die auch alle, ich musste in Saalfeld ausladen. Als ich Donnerstag morgen hier ankam, standen also sämtliche ostdeutschen Kollegen mit ihren Zugmaschinen am Bahnhof und hamm gesagt: Wo kann ich anhängen, wo können wir dich jetzt ganz schnell ... also das fand ich sehr, das hab ich noch nirgendwo erlebt."

Da ist schon der nächste Schausteller, der gebürtige Nordhäuser Hans-Joachim Blume, dessen Familie mit Bierzelt und Grüner Hölle, mit Wellenflieger und italienischem Speisewagen auf Volksfesten präsent ist. Und mit dem wichtigsten Thüringer Volksfestrequisit:

"Ich habe hier so‘n Rudolstädter Fleischer-Beziehung der mich regelmäßig beliefert, auch privat, mit Fleisch- und Wurstwaren, seit zehn Jahren vertreibe ich die Rudolstädter Bratwurst in Berlin und Umgebung."

Was fehlt noch? Hexen! Und eine Wahrsagerin. Die besten Hexen werden bei der Hexenwahl im Cafezelt Brömel gewählt. Der Moderator auf der Bühne hat auch mal klein angefangen.

Moni: "Ein junger Mann, der war mal bei uns auf der Bude, als Recommandeur, der ist heute Schauspieler geworden, spielt auch jetzt viel im Fernsehen, da haben wir damals die Begabung bei dem erkannt, das er am Mikrofon und vor Publikum eben ganz gut war."

Heute spielt er nicht im Fernsehen, heute ist er zurückgekommen zum Vogelschießen und versucht die Hexenwahl über die Bühne zu bringen.

"Den Applaus müssemer noch üben – Ihr Kerle, klatscht mit, hier unten ..., Lied ‚Give me fever‘, "Madame Gundula, ziehn Se sich was an, ist ja nich zu fassen, Schuhe liegen noch ... Wir kommen zum Preis Nummer vier. – Kommt seid nicht so faul – Mönsch. Du darfst nach Hermsdorf zum Rock am Kreuz. Wir kommen zum Platz Numero drei – gewonnen hat unsere Hexe Cindy.
Familienfrühstück für bis zu zehn Personen. Platz Numero zwei für Madame Gundula. Und unsre originellste Rummelhexe 2002 hier auf dem Rudolstädter Vogelschießen. Für dich gibt es ersten Preis, für die Love Parade – Madame Gundula, was hätten Sie auf der Love–Parade gemacht … überblenden auf 'La Cucaracha'."

Wahrsagerin will Rudolstädter verzaubern

Wahrsagerin MEDUSA, aus der Zirkusfamilie Traber stammend, hat ihren Wagen gleich am Beginn des großen Rundgangs. Sie ist zum Verzaubern der Leute nach Rudolstadt gekommen.

"Weil meine Schwester sagte: Du musst dahin fahren, da sind Menschen, die lieben diese Wahrsagerei, sind alles romantische Menschen und die brauchen das einfach und ich komme auch gerne hierher. Meine Mutter ist nicht weit von hier geboren, die ist in Veilsdorf, in Thüringen geboren, bei Coburg, auf der Reise. Ich bin sicher, dass meine Eltern auch hier in Rudolstadt mit ihrem kleinen Zirkus waren. Wahrsagen war für meinen Vater nicht das Ideale, denn, wenn man einen kleinen Zirkus oder seine Hochseilartistik aufgebaut hat, da war Wahrsagen ein bisschen verpönt – aber – ich konnte das ganz einfach."

Wie jede ehrliche Wahrsagerin hat MEDUSA auch in Rudolstadt Glück gebracht:

"Ein oder zwei Jahre zurück, da hatte ich auch eine Dame, die hatte --- Probleme in ihrer Ehe. Und die hat gedacht: ich trenne mich. Ich hab’ gesagt: Nein! Machen Sie’s nicht! Denn: Sie lieben ihren Mann, - ja, liebe ich. Versuchen Sie’s. Sie haben sich nur ein bisschen auseinandergelebt. Sagt sie: Na ja gut, dann haben wir keine Kinder ... Sag ich: Kinder kriegen Sie auch – Hin und her – dieses Jahr kam sie her, hat mir Blumen gebracht, ihr Kind gezeigt, ein einjähriges Mädchen – sagt sie: Das ist Ihre Schuld, sagt sie: Sie haben uns glücklich gemacht."

Autor: "Weiß die Wahrsagerin auch über sich wahrzusagen?"

Medusa: "Wenn ich wieder auf die Welt komme, dann werde ich immer wieder ein Zirkuspferd."

Bevor der Rummel jeden Nachmittag wieder beginnt, fließt das Wasser durch Schläuche in Wohnwagen, vergurgelt Seifenlauge in Gullis. Monika Schleinitz, MEDUSA, der Ausrufer vom Turm – "55 Meter, Leuteleuteleute", die Wildwasserbahnfahrer, Lorenz Kalb von Käpt‘n Raika - alle genießen die Sonne und die Ruhe. Verschnaufzeit.

Wir sind am Vormittag, bevor es wieder anhebt. Das Rummeln. Das fahrende Volk putzt sich die Zähne, putzt Möhren, macht Kaffee und Wischwasser heiß, steckt Wäsche in den Trockner oder knüpft sie nach guter alter Sitte zwischen den Wagen auf. Schaustellerlegende Manfred Löwenthal spricht über den Volksfestchef:

"Rudolstadt hat ja nun das große Glück, durch einen Initiator wie Herrn Grünert, der nicht nur Telefon, sondern der setzt sich in Zug, der fährt nach München, der fährt nach Bremen, der fährt nach Hamburg, der fährt nach Stuttgart und guckt sich die Dinge alle an. Denn Papier ist geduldig. Und somit weiß er nachher: Jetzt hat sich beworben Löwenthal, Meier, Müller, Aha, ja das kann ich nehmen. Und so berät er sich. Und dann kommt er zum Abschluss der einzelnen Verträge mit den Schaustellern."

Platzmeister Frank Grünert ist Veranstaltungsreferent im Ort und Chef der Amateur-Bühne "theater-spiel-laden. Und nach welchem Rezept braut man ein Vogelschießen zusammen?

Grünert: "Für mich ist die Gestaltung dieses Festes ähnlich wie die Inszenierung eines Theaterstücks, weil, ich gehe davon aus, dem Besucher wird eine Illusion geboten, der Besucher soll auf dem Festplatz in eine andere Welt geführt werden, der soll abgelenkt werden, in diesem konkreten Fall sich vergnügen und beteiligt sein an dem, was da passiert."

Autor: Woher kommt dieses Engagement für einen Rummel, eine biedere Volksbelustigung, ein Bierfest mit paar Attraktionen?

"Als wir von Blankenstein nach Rudolstadt gezogen sind, haben wir direkt gegenüber der Bleichwiese gewohnt, das heißt, die Rummelzeit hab ich unmittelbar erlebt. Ich war jeden Tag als Kind dort auf dem Festplatz, hab mit Sicherheit sehr viel Geld, was ich vom Opa oder den Eltern bekommen habe, ausgegeben. Mich hat schon immer diese Rummelwelt fasziniert, zumal es in dieser Zeit noch Dinge gab, die es jetzt leider nicht mehr gibt.

Es gab zum Beispiel ein Varietetheater auf dem Rummel, es gab ein Hundetheater, ich hab sehr, sehr oft in einem solchen Hundetheater in der Vorstellung gesessen und kann mich noch an kleine Szenen erinnern, zum Beispiel, als so ein Hund auf die Toilette ging und plötzlich das Schild BESETZT heruntergelassen wurde, es gab ein richtig großes Kasperletheater, wo die Besucher immer mit in das Spiel einbezogen wurden.

Das waren alles Dinge, die mich ungeheuer fasziniert haben, bis hin zu einer Schaubude, wo ich als Kind nicht rein durfte, man durfte erst ab 16 Jahren rein, das hat mich elend gegrämt..."

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