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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.10.2008

Große Formate, große Perspektiven

In Krefeld eröffnet der Fotograf Andreas Gursky seine Retrospektive

Von Jochen Stöckmann

Gurskys Bilder sehen oft aus wie  1:1 fotografiert, sind aber meist digitale Bearbeitungen der Wirklichkeit. (Stock.XCHNG / Ben Gribbin)
Gurskys Bilder sehen oft aus wie 1:1 fotografiert, sind aber meist digitale Bearbeitungen der Wirklichkeit. (Stock.XCHNG / Ben Gribbin)

Große Häuser, große Stadien, riesige Fabrikhallen, breite Flüsse: Andreas Gursky ist der Fotograf der großen Formate - und der großen Perspektiven, in denen die Menschen plötzlich so klein erscheinen. An diesem Wochenende bekam Gursky den renommierten Kaiserring von Goslar. Dort und in Krefeld eröffnete er seine Retrospektive mit Werken aus fast 30 Jahren Schaffenszeit.

Das ist tatsächlich Andreas Gursky, der da drahtig und mit dem typischen Bürstenhaarschnitt auf dem Holzboden der leeren Bühne sitzt. In den Händen hält er prüfend zwei jener futuristisch geformten Module, aus denen die Akustikwand hinter ihm zusammengesetzt ist. Zum ersten Mal taucht der Fotograf selbst in einem seiner Bilder auf, das wandfüllende Farbtableau im Krefelder Haus Esters ist eine Premiere.

"Ohne Titel XVI" nennt Gursky seine jüngste Arbeit. Die Nummer "XVI" hat er für eine kleinformatige Aufnahme vergeben, auf der allein die metallisch glänzende Akustikwand zu sehen ist. Und weil der rastlose Bilderfinder bekanntermaßen Ordnung hält, darf man folgern: Zuerst war da die virtuell nachempfundene Bühne aus dem Techno-Club "Cocoon" - dann erst hat der Fotograf sich selbst in Szene gesetzt, die Bauteile dieser synthetischen Welt in den Händen. Schöne Ironie, denn "handgemacht" spielt bei Gursky, dem Pionier der künstlerischen Digitalfotos, schon lange keine Rolle mehr:

"Ich habe zirka zehn, zwölf Jahre, oder sogar 15 Jahre, analog gearbeitet und fand mich immer in Abhängigkeit von den Orten, die ich vorgefunden habe. Und merkte irgendwann, dass ich da in eine Sackgasse gerate. Und als die Technologie soweit war, habe ich die Möglichkeit natürlich ergriffen."

Wohlgemerkt "Möglichkeit", nicht "Manipulationen": Eine digitale Bildbearbeitung wie Photoshop, Schreckvokabel vieler Lichtbildpuristen, bedeutete für Gursky künstlerische, quasi "malerische" Freiheit, ohne auf nüchtern-sachliche Präzision, auf die legendäre Schärfe der Düsseldorfer "Becher"-Schule verzichten zu müssen.

So musste der Fotograf hinter seiner Großformat-Stativkamera nicht mehr auf jenen Moment lauern, in dem Licht, Wetter oder auch der oft störende Auto- und Publikumsverkehr seinen Vorstellungen entsprach. Im Atelier, am Computer, ließen sich mehrere, aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommene Fotografien zu einer einzigen Gesamtkomposition verdichten.

Viel mehr noch als zuvor entsteht die Fotografie damit aus der Vorstellung - ist künstlerische Imagination, gepaart mit eigenen visuellen Erfahrungen, etwa dem Blick auf den Formel-1-Rennkurs von Bahrain als Labyrinth aus schwarzen Asphaltschlangen im gelben Wüstensand:

"Das einzige, was ich verändert habe: Ich habe das nach bildhaften, kompositorischen Gesichtspunkten korrigiert. Aber diese Verrücktheit der Strecke, das ist eine einzige große Betonplatte, in die Wüste gegossen, und die Straßen werden auf die Betonplatte gemalt, deshalb wirkt das auf den ersten Blick so surreal."

Solche Erlebnisse garantiert die Gursky-Retrospektive in Krefeld am laufenden Band: Ausschließlich kleine Abzüge sind im Haus Lange, einer Bauhaus-Villa von Mies van der Rohe, zum durchlaufenden Bilderfries aneinandergereiht, schlängeln sich durch die kleinen Kabinette.

"Ich habe mich schon seit etlichen Jahren immer mit kleinen Formaten umgeben, in meinen privaten Räumen, und bemerkt, dass die kleinen Bilder sich auch behaupten. Und vor etlichen Jahren habe ich schon überlegt, mein gesamtes Oeuvre mal als einen Block zu zeigen."

Ob die Fotos aus dem Börsensaal, vom Madonna-Konzert oder mitten aus einer Massenveranstaltung zu Lob und Preis von Nordkoreas Diktator Kim-Il Sung nun tatsächlich "vor Ort" aufgenommen oder erst im Atelier zusammengefügt wurden, das sollte in der Betrachtung von Gursky Bildschöpfungen keine Rolle spielen. Soweit die Theorie. Aber wenn der Fotograf dann doch einmal aus der Praxis plaudert, zeigt sich: Es kommt mehr denn je auf den Standort an, vor allem beim Fotografen:

"Wo ich letztendlich fotografieren durfte, nämlich von einem Altar zu Ehren von Kim-Il Sung, das ist freigeräumt worden für mich. Das war eine Erfahrung, die mich wahnsinnig beeindruckt hat. Ich fühlte mich da total aufgehoben und die Leute waren extrem hilfsbereit."

Im Rückblick allerdings scheint Andreas Gursky ein wenig an einem Erfolg zu zweifeln, der ihm neben millionenschweren Kunstverkäufen auch nahezu unbeschränkten Zugang rund um den Globus verschaffte. Rechnet man nämlich die totale Verfügbarkeit einer digitalisierten Bilderwelt hinzu, wächst - sozusagen "antizyklisch" - der Reiz der alten Kameratechnik:

"Ich vermute, dass ich auch mal wieder zur analogen Fotografie komme. Die Vorteile der digitalen Fotografie, da hat man sich daran gewöhnt. Und dann sucht man sich Orte natürlich auch unter ganz anderen Gesichtspunkten, weil man weiß, man braucht ja nur dieses Detail oder Fragmente."

Gursky aber geht es ums Ganze, um das Zusammenfügen von Bild- und Motivsplittern, die er auf seinen Erkundungsfahrten durch die tägliche Bilderflut herausgefischt hat. Etwa die Aufnahme einer vietnamesischen Fabrikhalle, in der nacktem Betonfußboden in Handarbeit Rattan-Möbel produziert werden:

"In diesem Fall war es nämlich so, dass ein 'Stern'-Fotograf einen Bericht über Ikea fotografiert hat. Und dann haben wir den gefragt, wo das aufgenommen ist und ob er uns dabei behilflich sein kann. Und er hat mir dann sogar eingestanden, dass er bei der Aufnahme an meine Arbeit gedacht hat - und dass das ein 'typisches Gursky-Motiv' ist."

Spätestens in diesem Moment dürfte dem Künstlerfotografen klar geworden sein, dass viele seiner aufwendig erarbeiteten Bilderfindungen sich im Handumdrehen kopieren lassen. Und Gursky reagiert prompt - bei der ebenfalls mit einer Retrospektive verbundenen Verleihung des Kaiserrings in Goslar:

"Ich bin wahrscheinlich gerade an so einem Schnittpunkt in meiner Entwicklung, wo ich auch versuche aus diesem typischen Gursky-Blick auszuscheren."

Welche Richtung der Künstler einschlägt, wie er seine Entscheidungen fällt, das blieb bislang im elektronischen Speicher verborgen. Arbeitsschritte sichtbar zu machen, wie etwa mit den zahlreichen "Zwischenzuständen" bei Radierungen oder auch mit Skizzen für Ölgemälde, nicht zuletzt mit den Kontaktabzügen von Fotonegativen - solch eine Spurensicherung war für das digitale Oeuvre von Andreas Gursky bislang nicht möglich. Aber auch das wird sich ändern:

"Ich habe das auch vernichtet, weil ich solch ein ordnungsliebender Mensch bin, immer mit 'clean the desk' und so. Aber mein Galerist aus New York hat mich jetzt ermahnt, ich solle das alles aufheben."

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