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Reportage / Archiv | Beitrag vom 17.06.2014

GriechenlandWir bleiben hier - jetzt erst recht

Junge Griechen investieren in ihr Land

Von Alkyone Karamanolis

Zu sehen ist eine Essensausgabe in Athen. Einheimische und Migranten erhalten von freiwilligen Helfern Lebensmittel. (dpa / Sandra Weller )
Essensausgabe in Athen an Migranten und Einheimische (dpa / Sandra Weller )

Griechen kommen in Scharen nach Deutschland. Für das deutsche Brutto-Inlandsprodukt ist das gut. Für Griechenland ist das eine Katastrophe, denn das Land verliert auf diese Weise seine besten Köpfe. Es gibt aber auch Griechen, die sich diesem Trend bewusst widersetzen - und erfolgreich etwas Neues aufbauen.

Bunt gestrichene Wände, Möbel aus unbehandeltem Holz, viele Zimmerpflanzen. Alex Theodoridis, dunkelblond, breites Lächeln, läuft zwischen den Büroräumen hin und her, bespricht sich hier, gibt Ratschläge dort. Der Mittdreißiger ist Mitbegründer von Boroume. Das gemeinnützige Unternehmen sorgt dafür, dass Nahrungsmittel, die in Supermärkten oder bei Konferenzen übrig bleiben, an Wohlfahrtsorganisationen weitergegeben werden.

"In 95 % der Fälle sehen wir das Essen gar nicht. Was wir machen: Wir bekommen die Information, wo Essen übrig geblieben ist und wir haben die Information, wo Essen gebraucht wird. Und was wir machen, ist: wir kreieren Brücken."

Alex Theodoridis hat in München und London studiert, er hat für die EU-Kommission in Brüssel gearbeitet, später war er Berater im griechischen Parlament. Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, Arbeit im Ausland zu finden, als die Krise ausbrach. Doch Alex wollte bleiben. Jetzt erst recht.

"Was bedeutet, ich liebe dieses Land? Das bedeutet ganz konkret, dass ich etwas dafür machen möchte, dass es besser wird. Durch Beratung in der Politik. Oder jetzt mit der Gründung einer Organisation, die täglich vielen, vielen Menschen hilft. Ich sag immer, wenn jeder gehen würde, wär's sicher noch schlimmer."

Eine Million Essensrationen verteilt

Heute hat Boroume sechs Vollzeitstellen. Seit der Gründung hat die Organisation mehr als eine Million Essensrationen an Bedürftige weitergegeben - und Alex Theodoridis deutsche Mutter fragt nicht mehr, warum er nicht fortzieht.

Am nächsten Tag, Besuch bei einer Lebensmittelausgabe in einer Athener Mittelklassegegend.

"Also bei uns bei Boroume ist die Regel, dass wir mindestens einmal die Woche eine Organisation besuchen, mit den Leuten reden, um zu sehen, wie alles abläuft."

Die Warteschlange ist lang. 400 Familien sind in der Gemeinde als bedürftig registriert, allein diese Woche sind 20 weitere hinzu gekommen. Viele haben schon eine halbe Stunde vor Öffnung auf dem Bürgersteig gewartet.

Einer nach dem anderen wird aufgerufen und nimmt seine Tüte entgegen. Reis, Nudeln, Mehl, Öl, Brot. Alex Theodoridis klärt ein paar Kleinigkeiten, dann muss er weiter, sein Zeitplan ist eng. Er weiß, dass er im Ausland für seine Arbeit ein wesentlich besseres Gehalt kassieren könnte, doch das reizt ihn nicht.

"Einige Freunde von mir arbeiten bei Microsoft oder einer Consulting-Firma. Die arbeiten sehr, sehr viel. Am Ende des Tages ist es aber nur, damit eine Firma noch mehr Einkommen hat. Am Ende meines Tages kann ich sagen, ich habe Menschen geholfen, Nahrung zu bekommen, ihr Leid etwas zu lindern. Und das macht einen sehr, sehr zufrieden. Und glücklich."

Ein Geschäft kurz vor der Aufgabe in Thessaloiniki (Andrea Mavroidis)Ein Geschäft kurz vor der Aufgabe in Thessaloiniki (Andrea Mavroidis)

Auch Konstantinos Pantazis ist zufrieden mit seiner Entscheidung. Nach einem Studium in den Niederlanden und einem Karrierestart wie aus dem Bilderbuch - er war in Rotterdam bei Stararchitekt Rem Koolhaas beschäftigt - ist der junge Architekt nach Griechenland zurück gekehrt. Heute betreibt er gemeinsam mit seiner Partnerin Marianna Rentzou in Athen sein eigenes Büro. Gerade steht er auf dem Athener Rathausplatz:

"In unserer Vorstellung könnte dieser Platz das genaue Gegenteil von dem werden, was er heute ist. Heute ist das hier eine Steinwüste, und von diesem Springbrunnen hat niemand was. Wir würden den Platz komplett begrünen, und das Wasser würden wir über die gesamte Fläche verteilen. Mit Sprinklern. Wir wollen die Leute dazu bringen, den öffentlichen Raum anders zu denken. Warum sollte der öffentliche Raum nicht weich und natürlich und einladend sein?"

Bei einer frischen Zitronenlimonade in einem Straßencafé mit Blick aufs Rathaus führt er seinen Gedanken weiter aus. Sein Anliegen, sagt er, sei im Grunde politisch.

"Eines der zentralen Probleme der griechischen Gesellschaft ist, dass wir vergessen haben, Bürger zu sein. Wir stellen unsere Eigeninteressen über das Gemeinwohl. Und das hat auch damit zu tun, dass der öffentliche Raum, in dem Gemeinschaft entstehen könnte, in unseren Städten so sträflich vernachlässigt ist. Unsere Projekte für den öffentlichen Raum sind Denkanstöße für einen gesellschaftlichen Dialog."

Gesellschaftliche Lösungen statt Kommerz

Um einen Denkanstoß in Sachen Athen geht es auch bei der Ausstellung, die Konstantinos Pantazis an diesem Abend eröffnet; "Only in Athens" stand auf der Einladung - das gibt es nur in Athen. Zu sehen sind Souvenirs der etwas anderen Art, die Konstantinos und seine Partnerin in ihrer Freizeit entworfen haben. In Eigeninitiative. Weil auch die Präsentation der Stadt einen Neuanstrich nötig habe. Bei den Souvenirs der beiden jungen Architekten ist nichts geschönt, man steht zu den Schwächen der Stadt. Ginge es nach Konstantinos, würde der Tourist der Zukunft zum Beispiel ein weißes Marmorobjekt mit nach Hause nehmen. Nein, nicht die Miniaturversion der Venus von Milo, sondern die typische Silhouette eines Athener Hochhauses.

Die Krise sei ein Anlass, das Vertraute neu zu denken, sagt Konstantinos Pantazis, bei einer kleinen Führung durch die Ausstellung. Draußen geht die Straßenbeleuchtung an. Spät, denn überall wird gespart. Dennoch ist Konstantinos zufrieden hier.

"Bei meiner Arbeit in den Niederlanden ging es mehr um Kommerz. Die Gesellschaft dort hat ihre grundlegenden Probleme gelöst. Unsere Kunden waren große Unternehmen, denen es in erster Linie darum ging, ihren Gewinn zu maximieren und zu expandieren. Hier in Griechenland dagegen können wir dazu beitragen, gesellschaftliche Lösungen zu finden."

Mehr zum Thema:

Griechenland - Eine Tragödie (Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 24.02.2014)

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