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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 10.04.2014

Grenzüberschreitendes ArbeitenRüber nach "Duitsland"

Immer mehr Holländer suchen Arbeit in Westfalen

Von Michael Frantzen

Ein Stethoskop wird vor ein Schild mit der Aufschrift "Bonds Republiek Duitsland" gehalten. (picture-alliance/ dpa / Harry Melchert / Friso Gentsch)
Die Arbeitslosigkeit in den Niederlanden ist teilweise doppelt so hoch wie in Deutschland. (picture-alliance/ dpa / Harry Melchert / Friso Gentsch)

Sie sind gut ausgebildet, kommunikativ und sprechen gut Deutsch: Arbeitskräfte zieht es angesichts der niederländischen Wirtschaftskrise verstärkt nach Westfalen. Fraglich aber ist, wie lange die Grenzgänger dort bleiben, denn für etliche ist "Duitsland" nur eine Notlösung.

"Hallo!
"Wollen Sie rein?"
"Ja!"
"Kommen se rein."

Stau am Fahrstuhl: Das hat jetzt gerade noch gefehlt. Doch Vuca Ivanovic kennt das schon. Die Assistenzärztin am Sankt Antonius Hospital im westfälischen Gronau hebt die Hände. Ist häufiger so. Besonders, wenn sie es eilig hat. So wie an diesem regnerischen Morgen.

"So. Jetzt sind wir auf unsere Station. Hier sind wir in die Schwesterzimmer."

Vuca Ivanovic läuft, so schnell es in ihrem Zustand geht, über den Gang der allgemeinen Chirurgie. Sie ist im siebten Monat schwanger. Deshalb auch der Aufzug. In einer halben Stunde fängt die morgendliche Visite an, bis dahin will sich die Frau mit dem schwarzen Haar und herzhaften Lachen im Schwesternzimmer auf den neusten Stand bringen.

"Weißt du schon vielleicht Laborwerte von Zimmer 3, 1. Bett?"
"Können wir einmal nachschauen."
"Wir sehen jetzt die Laborwerte in unsere Computer. Ein Teil ist gut, ein Teil ist nicht so gut. Das muss ich jetzt mit diesem Patient besprechen."

Für Vuca Ivanovic sind die Visiten Routine. Seit mehr als einem Jahr arbeitet die temperamentvolle 31-Jährige am Gronauer Krankenhaus - als eine von insgesamt neunzig Ärzten. An sich nichts besonderes, wenn da nicht ihr besonderer Hintergrund wäre.

"Ich bin ein niederländischer Arzt in Deutschland."
"Ehrlich?"
"Ja."
"Aber: Näh! Das geht wohl. Näh, Markus?"
"Kann man so sagen. Positiver kann's nicht laufen."

Opfer der Wirtschaftskrise

Mit der holländischen Verstärkung, im Krankenhaus am Rande der Stadt. Dass sie einmal in "Duitsland" - beim deutschen Nachbarn jenseits der Grenze - anfangen würde, hätte sich Vuca Ivanovic vor fünf Jahren nicht träumen lassen - nach ihrem Medizinstudium in Amsterdam, ihrer Heimatstadt. Hier ist sie geboren und aufgewachsen - als Tochter serbischer Einwanderer. Weg wollte sie eigentlich nie. Die sonst so fröhlich wirkende Frau verzieht für einen kurzen Augenblick unmerklich das Gesicht - ehe sie sich wieder fängt. Wenn man so will, ist Ivanovic ein Opfer der niederländischen Wirtschaftskrise. Überall wird gespart - auch im staatlichen Gesundheitsbereich; sind die Jobs rar geworden an niederländischen Krankenhäusern - noch dazu, wenn man sich wie Ivanovic auf den Fachbereich Orthopädie spezialisiert, in dem pro Jahr nur 30 Neuzugänge zugelassen werden.

"Ich habe auch mit Orthopäden in Nederland gesprochen darüber: Was ist noch eine Möglichkeit? Und die haben mir auch gesagt: Deutschland ist auch eine gute Möglichkeit, weil man schneller in die Ausbildung kommt. Bei uns ist natürlich noch Belgien und England auch ein Möglichkeit. Aber das ist so: In England sind natürlich viele Leute von Pakistan, von India, die auch schon lange warten. Das kann auch vier Jahre dauern bis du tatsächlich anfangst. Dann hab ich mich entschieden vor Deutschland."

"Du" oder "Sie"?

Bereut hat Vuca Ivanovic ihren Entschluss nicht. Das Sankt Antonius Hospital - Luftlinie keine fünf Kilometer von der deutsch-niederländischen Grenze entfernt - ist ein vergleichsweise kleines Krankenhaus: Auf 90 Ärzte kommen jährlich rund 13.000 Patienten. Alles ist überschaubar, kein Vergleich zu den riesigen Universitätskrankenhäusern, die Ivanovic aus den Niederlanden kennt. Schon mal ein Pluspunkt. Genau wie die Tatsache, dass es nicht so viele Assistenzärzte gibt, sie ergo häufiger selbst operieren kann. Wieder ein Pluspunkt. Das mit der Sprache sei auch relativ einfach gewesen, meint sie: Deutsch konnte sie schon aus Gymnasialzeiten, nach einem Intensivkurs hatte sie auch die Fachbegriffe drauf, die sie im Krankenhaus braucht. Nur mit den Umgangsformen in deutschen Landen hat sie sich anfangs schwer getan.

"Weil ich war das tatsächlich gewohnt, dass man sehr schnell Du sagt. Ja natürlich, wenn man eine ganze alte Patient hat, dann sagt man natürlich immer Sie. Aber mit Kollegen oder Schwester. Hier muss man tatsächlich erst sagen: Oh, wir können uns duzen. Das ist natürlich für Nederlander komisch."

Mit Markus Löbberling - einem der Pfleger hier - hat sich Vuca Ivanovic sofort geduzt. Aber der würde mit seiner lockeren Art ja auch als halber Holländer durchgehen, meint sie schmunzelnd - und schaut zu dem hochgewachsenen blonden Mann rüber. Gibt schlimmere Komplimente, erwidert der trocken - ehe beide anfangen zu lachen. Die deutsch-niederländische Zusammenarbeit - im Gronauer Krankenhaus scheint sie grenzenlos zu funktionieren.

"Macht ja auch Sinn. Da wir auch immer mehr niederländische Patienten haben; bezüglich der Kommunikation das auch hilfreich is. Ich würde mal sagen, insgesamt sind die niederländischen Patienten doch etwas lockerer, etwas entkrampfter. Ja, das muss ich schon wirklich sagen."
"Ja, näh ..."
"Is schon auffällig."
"Ja."
"Ne lockere Art. Nich so verbissen, verkrampft wie die Deutschen dann teilweise das an den Tag legen."
"Ich glaube, dass ist mehr eine Mentalität. Das ist, was ich gesagt hab, auch mit das Duzen und das Siezen. Dass man mehr die Arzt sieht: Oh! Der kommt von oben, der weiß alles. Und in Nederland: Wir gucken auf Internet, wir kommen mit einem Zettel: Ich habe das und das, ich will das!"

Dass sich immer mehr niederländische Patienten im Sankt Antonius Hospital behandeln lassen, kann Personalleiter Gert Dreihus nur Recht sein. Schließlich sorgen die Patienten von der anderen Seite der Grenze dafür, dass sein Krankenhaus ausgelastet ist.

"Wir sind sehr nah aneinander, das muss man wirklich sagen."

Konstatiert Dreihus, der sich seit mehr als zehn Jahren darum kümmert, passendes Personal für sein Krankenhaus zu finden. Schon in seiner Anfangszeit, erinnert er sich, gab es am Sankt Antonius Hospital den einen oder anderen niederländischen Facharzt. Doch das währte nie lange.

"Die Fachärzte sind nach Holland zurückgegangen, weil sie da mehr verdienen können. Und die Arbeitszeiten sind dort nen bisschen angenehmer als hier."

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch das hilft niederländischen Ärzten wie Vuca Ivanovic in Krisenzeiten nur wenig. Zwischen 2008 und 2013 ist in den Niederlanden jeder zehnte Job verschwunden. In Deutschland dagegen stieg im selben Zeitraum die Beschäftigungsquote um 9,5 Prozent. Verschieben sich schon mal die Gewichte. Zwar arbeiten mit rund 24.000 Deutschen immer noch doppelt so viele Pendler in den Niederlanden wie umgekehrt: Doch in keiner deutschen Region wächst die Zahl der ausländischen Pendler so stark wie im deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Das Gronauer Krankenhaus ist dafür ein gutes Beispiel: Neben der jungen Orthopädin arbeiten hier fünf weitere niederländische Assistenzärzte.

"Wir sind froh darüber, ja! Wir suchen Ärzte. Es gibt einen gewissen Ärztemangel in Deutschland. Und die in Deutschland ausgebildeten Ärzte kommen nicht unbedingt nach Gronau. Wir liegen nun mal ein wenig ab von den Zentren. Von Münster, von der Universität aus, sind's 50 Kilometer entfernt. Und die dort ausgebildeten Ärzte bleiben dann eher in Münster oder ziehen dann in andere Metropolen. Wir in Gronau liegen nun mal direkt an der Grenze, nah an Enschede, der nächsten Großstadt hier. Und insofern liegt es für uns nahe, dann hier die Niederländer zu nutzen, die dann bei uns eben arbeiten können."

Der Platz vor dem Rock'n' Pop-Museum in Gronau trägt Udo Lindenbergs Namen. Der Sänger wurde in Gronau geboren. (Frank Schürmann)Der Platz vor dem Rock'n' Pop-Museum in Gronau trägt Udo Lindenbergs Namen. Der Sänger wurde in Gronau geboren. (Frank Schürmann)

Fließende Grenzen

"So. Wollen wir?"
"Hi!"
"Hi! Haben Sie den Reisepass dabei?"

Einen Reisepass braucht man schon lange nicht mehr, wenn man von Gronau nach Enschede will. Hermann Lammers muss man das nicht zwei Mal sagen. War auch nur ein Scherz. Der Holländer ist ein Grenzgänger wie aus dem EU-Bilderbuch: Der joviale Mittfünfziger lebt in Holland - und arbeitet in Deutschland, passenderweise keine 50 Meter von der Grenze entfernt. Hier hat die Euregio-Geschäftsstelle in Gronau ihren Sitz - und der Bürgerberater sein Büro. Euregio - das steht für die älteste grenzübergreifende Organisation in Europa auf regionaler Ebene. 1958 wurde der deutsch-niederländische Zusammenschluss aus der Taufe gehoben, inzwischen gehören ihm 129 Städte, Gemeinden und Kreise in den Niederlanden, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen an. Für jemanden wie Lammers sind die Grenzen längst fließend.

"Dann gehen wir jetzt in unsere Tagungsraum. Das ist auf die andere Seite der Grenze. Das ist eine alte Herberge. Das Schöne daran ist, dass es auch eigentlich schon immer Euregional genutzt wurde. Denn früher kamen die Postboten aus den Niederlanden und Deutschland und die haben da die Post ausgewechselt. Und dann natürlich mit nem Kleinen dazu - zum Trinken."

Lammers hat viel zu tun. Fünf Mal die Woche berät er in der Geschäftsstelle - einem roten Klinkerbau mit diversen Anbauten - Interessierte. Sind immer mehr geworden, mit der Zeit.

"Wir beraten die Leute: Niederländer und Deutsche, die über die Grenze arbeiten und wohnen. Beide Seiten und in zwei Sprachen. So 2008/2009 waren es vor allen sehr viele Deutsche, die in den Niederlanden arbeiten gingen. Das waren ganz große Mengen. Da ging es um Zehntausende. Was wir jetzt sehen, ist, dass viele Niederländer nach Deutschland ziehen zum Arbeiten. Das hat natürlich mit die finanzielle Krise in den Niederlanden zu tun; die Wirtschaftskrise."

Ticken (fast) wie Deutsche

Besonders düster sieht es im Osten der Niederlande aus, im niederländisch-deutschen Grenzgebiet. In Twente und Achterhoek, den beiden holländischen Euregio-Provinzen, liegt die Arbeitslosigkeit bei über zehn Prozent. Im Münsterland dagegen herrscht mancherorts Vollbeschäftigung, suchen nicht nur Krankenhäuser, sondern kleine und mittelständische Betriebe händeringend nach Personal. Holländische Fachkräfte - hat Hermann Lammers die Erfahrung gemacht - werden gerne genommen. Weil sie meist schon halbwegs Deutsch können; gut ausgebildet sind. Und auf den ersten Blick ähnlich ticken wie Deutsche.

"Eigentlich gibt's nur einen ganz großen Unterschied zwischen Deutschland und Niederlande, ganz grob allgemein: Deutsche sind Nummer Eins, wenn's geht um Maskulinität. Und wir sind Nummer Eins, wenn es geht um Femininität. Männlichkeit - das ist mehr, dass man mehr sachlich ist. Es geht mehr um Geld, mehr um Macht. Und Femininität geht es mehr um die weiche Sachen ins Leben: Wie fühlt man sich zum Beispiel? Das ist dann wieder etwas wichtiger. Da muss man mit umgehen können. Man sieht das auch im Alltag. Ein Beispiel: Man diskutiert manchmal im Büro wie eine Tätigkeit ausgeführt werden soll. Da wird durch deutsche Arbeitnehmer im Allgemeinen viel mehr diskutiert. Und da geht es hart dran. Das ist in den Niederlanden nicht üblich."

Sozio-kulturelle Unterschiede seien das - fügt Lammers hinzu - die zuweilen unterschätzt würden - hüben wie drüben. Umso wichtiger, dass er das auf dem Schirm hat - und es bei seinen Beratungsgesprächen nicht nur bei Hinweisen zum unterschiedlichen Steuer- und Arbeitsrecht belässt. Letzens erst hatte er wieder so einen Fall. Eine niederländische Firma, deren Geschäfte schlecht laufen und die deshalb Angestellte an ihre deutsche Filiale ausleihen will. Da brummt der Laden. Hat er sich also auf den Weg gemacht, der Grenzgänger - und zuerst auf deutscher Seite Station gemacht.

"Vor der Tür - da standen ganz große Audi: A6, ein ganz großer Mercedes und BMW. Und ich dachte: Na, die Geschäftsführung ist jedenfalls da. Dann habe ich diese Gespräche geführt. Und die Verabredung war eine Woche später auf die niederländische Seite. Ich kam auf die niederländische Seite bei dieser Firma und da standen nen ganz alte Renault, da stand nen alten Volkswagen. Und da hab ich hinten geguckt, hinter das Gebäude und da standen die großen Autos. Das ist nämlich der Unterschied: In Deutschland darf man zeigen, dass man Geld hat; dass man ein großes Auto hat. In den Niederlanden sollte man das nicht tun. Da darf man wohl sehr viel Geld haben, aber man zeigt es nicht."

Muss das calvinistische Erbe sein. Hermann Lammers zuckt die Schultern. Das sitzt tief - auch wenn Religion längst nicht mehr die große Rolle spielt in den Niederlanden - ähnlich auf der anderen Seite, im Münsterland, dem ehemals streng katholischen. Für den Nachbarn jenseits der Grenze interessiert sich Hermann Lammers schon sein halbes Leben. Er ist in Twente aufgewachsen, der Grenzregion, über die sich Leute aus Amsterdam und Rotterdam bisweilen lustig machen - wegen ihres "komischen" Niederländisch, das fast ein bisschen klingt wie Deutsch.

"Man muss immer im Gedanken haben, dass es Unterschiede gibt. Und man soll darauf achten. Man soll nie davon ausgehen, dass wenn ich etwas sage oder ein Witz mache zum Beispiel - dass dann der Andere genauso reagiert wie ich gewohnt bin in meine eigene Land."

Mit interkulturellen Unterschieden kennt sich auch Hermann Lammers Kooperationspartnerin bei der Agentur für Arbeit in Gronau, Cornelia Salomon gut aus.

Niederländisch hat sich die Eures-Beraterin selbst beigebracht. Ihr war das wichtig. Erleichtert die Arbeit. Wenn sie holländischen Interessenten in ihren Sprechstunden nicht nur auf Deutsch, sondern auch in deren Muttersprache über Jobmöglichkeiten im deutschen Grenzgebiet informieren kann. Wie die arbeitslosen holländischen Erzieherinnen, die im Rahmen eines deutsch-holländischen Kooperationsprogramms im Münsterland eine neue Perspektive finden sollen. Ist manchmal kniffeliger als gedacht.

"Wir nennen das Mobilitätshemmnisse. Es sind zwei unterschiedliche soziale Länder mit unterschiedlichen sozialen Versicherungen. In den Niederlanden hat man bis zu drei Jahren Arbeitslosengeld. In Deutschland natürlich etwas weniger. Wenn jetzt ein Niederländer hier in Deutschland arbeiten geht, will er natürlich wissen: Was muss ich machen, wenn ich arbeitslos bin? Wo muss ich hin? Er muss sich in den Niederlanden arbeitslos melden. Dann kommen natürlich Fragen: Wie sieht es aus den Steuern? Wir haben das Doppelbesteuerungs-Abkommen; dass man nicht in beiden Ländern gleichzeitig Steuern bezahlt. Das ist immer sehr individuell."

Bei 3,9 Prozent liegt die Arbeitslosigkeit in Gronau und Umgebung. Abzusehen war das nicht. Die Stadt im äußersten westlichen Zipfel Deutschlands hat schwere Zeiten hinter sich. Davon künden noch die Reste der riesigen Textilfabriken gegenüber der Bundesagentur. Heute ist auf dem Gelände das Rock- und Popmuseum untergebracht, in dem Gronaus berühmtestem Sohn, Udo Lindenberg und diversen anderen Musikgrößen gehuldigt wird. Von der Textilindustrie ist fast nichts übrig geblieben. Dafür aber gibt es diverse metallverarbeitende Betriebe und Dienstleister. Salomon - die Mittvierzigerin - kennt diverse Unternehmen, in denen Stellen zurzeit nicht besetzt sind. Wenn sich keine Interessenten in Deutschland finden, dann eben Holland: Die Erkenntnis, meint die Eures-Beraterin, setze sich langsam, aber sicher auch bei den Arbeitgebern durch.

"Ich glaube, dass dieser Euregionale Arbeitsmarkt kommt. Und er wird immer mehr kommen. Ich hab durch meine Ausbildung bezüglich Eures schon ne ziemliche Bandbreite bekommen. Ich denke oft auch anders. Oder vielleicht schon über die Grenzen hinweg. Und ich denke, dass ist ein Prozess, der wird auch jetzt noch in Gang gehen."

Tank- und Einkaufstourismus

Die Niederländer kommen! Das gilt inzwischen im westfälischen Grenzgebiet nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch in den Supermärkten. Bei K&K in Ahaus-Alstätte beispielsweise - einem Nachbarort von Gronau - stammt die Hälfte der Kundschaft von drüben. Ist ja auch günstig, sprich grenznah gelegen - die Filiale samt ihrer Tankstelle, an der sich speziell am Wochenende schon mal die holländischen Autos stauen können. Benzin ist in Deutschland um einiges billiger als in den Niederlanden. Zusätzliches Geld dank Benzin-Touristen - da sagt der Filialleiter nicht Nein.

"Mein Name ist Reinhard Keupers. Wenn ich den jetzt auf Holländisch spreche, näh?! Reinhard Keupers. Weil: Keupers - das kriegen die hier ganz schlecht auf die Kette. Meine Kollegeninnen und Kollegen - die sagen dann immer Keupers."

Wir auch. Der Mann mit dem für deutsche Zungen so schwer aussprechbaren Nachnamen lacht. Gibt schlimmeres. Wenn man so will, war Reinhard Keupers seiner Zeit voraus: Der Bilderbuch-Niederländer mit den blonden Haaren und blauen Augen arbeitet schon seit einer kleinen Ewigkeit im Münsterland, die letzten 14 Jahre als Leiter der K&K-Filiale in Alstätte. Kommen gut miteinander aus - der Chef und seine 25 Angestellten.

Der lockere Chef

"Mein Führungsstil ist mit Sicherheit nen bisschen anders als wie von meinen deutschen Kollegen. Aber bis jetzt bin ich immer ganz gut damit klar gekommen. Meine Kolleginnen finden das wohl mal gar nicht so schlimm, datt die mich als Chef haben. Weil: Bei mir geht's nen bisschen lockerer zu wie bei meinen Kollegen. Nicht mehr: Ich bin der Chef und die anderen haben nix zu melden oder so."

Waren seine Angestellten anfangs perplex: Ein Chef, der geduzt werden will. Und lieber "Vorschläge" macht als Anweisungen gibt. Damit mussten einige erst einmal klarkommen. Heute alles kein Problem mehr, meint Reinhard Keupers, der Frühaufsteher. Seit kurz nach sechs ist er auf den Beinen. Zwar öffnet der Supermarkt erst um acht, doch als Filialleiter muss er schon früher da sein, meist um sieben. An das frühe Aufstehen hat er sich gewöhnt - genau wie die zehn Kilometer, die er täglich von seinem Wohnort Enschede nach Ahaus fährt. Das wird fürs erste auch so bleiben.

"Meine Tochter, die geht in Holland in die Schule. Und dann die ganze Familie hier rüber zu holen - datt wär schon nen ganz großer Aufwand. Von daher haben wir irgendwann mal beschlossen einfach in Holland zu bleiben."

In Holland geblieben ist auch der Freund von Vuca Ivanovic, der jungen niederländischen Ärztin am Gronauer Sankt Antonius Hospital. Es ist Nachmittag geworden. Eine Stunde noch, dann wird die angehende Orthopädin Feierabend haben, wird sie in ihr Wohnheim zurückkehren, in dem sie noch unter der Woche wohnt, um mit ihrem Freund zu skypen.

"Er lebt in Gouda. Oder Gouda sagt man hier. Wir haben da eine Wohnung zusammen. Das ist ungefähr 200 Kilometer entfernt. Das ist alles an die Westseite von Nederland. Er wohnt in Gouda, aber er arbeitet in Leiden, das ist etwas weiter noch. Wir müssen jetzt ein Kompromiss finden, dass ich eine Stunde kann fahren und er auch eine Stunde kann fahren. Und das haben wir dann gefunden in Apeldoorn."

Der holländischen 150.000-Einwohner-Stadt. So wird Vuca Ivanovic die nächsten vier Jahre das tun, was sie schon oft getan hat: Viel Zeit im Auto verbringen. Sie lacht. Gewöhnt man sich dran. Außerdem hat sich ja bald eine Pause. Sie streicht über ihren Bauch: Nächsten Monat geht sie in Schwangerschaftsurlaub, wenn alles nach Plan läuft, kommt ihr Kind in zwei Monaten zur Welt. Hat sie alles schon durchgeplant: Nach der Geburt will sie maximal vier Monate aussetzen.

"Was muss, das muss. Meine Idee, mein Plan für weiter, wenn ich hier fertig bin, ist natürlich hoffen, dass ich in Nederland wieder Arbeit kann finden."

Beim Nachbarn, jenseits der Grenze. Gibt auch schon einen ersten Hoffnungsschimmer: Dieses Jahr soll die niederländische Wirtschaft wieder wachsen - wenn auch nur um ein Prozent. Gut möglich, dass Vuca Ivanovics Plan ja doch noch aufgehen wird. In vier Jahren.

"Ja. OK: Tschüss."

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