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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 14.08.2012

Graswurzelarbeit statt Motor City

Ist Detroit die neue Modellstadt der USA?

Von Lu Yen Roloff

Das Hauptsitz von General Motors  ist in Detroit. (AP)
Das Hauptsitz von General Motors ist in Detroit. (AP)

Detroit war in den Fünfzigerjahren das Zentrum der florierenden Autowirtschaft. Doch mit der Autokrise kam die Krise der Stadt - mit einer hohen Arbeitslosenquote. Doch nun gründen Studenten, Unternehmer und NGOs verschiedene Sozialunternehmen, Initiativen und kleine Geschäfte. Wird Detroit nun das Silicon Valley für Sozialunternehmer?

Die ausgebrannte Ruine eines Hauses im Norden Detroits. Zwischen den verkohlten Wänden liegt Müll. Links und rechts davon Brachen, überwuchert von kniehohem Gras.
Jirmere Moses, 40 Jahre, muskelbepackt, blickt melancholisch auf die Straße seiner Kindheit. Viele der übrig gebliebenen Häuser sind mit Sperrholz verrammelt, auch sein Elternhaus, in dem die Scheiben fehlen.

Jirmere Moses: "Dieser Block war früher voll mit Häusern, es war eine schöne, lebendige Nachbarschaft, alle hatten Arbeit und ein gutes Leben. Als die Jobs in der Autoindustrie verloren gingen, stieg die Kriminalität an, Drogen haben sich ausgebreitet. Viele Familien haben damals die Stadt verlassen und gesagt: Wir versuchen unser Glück woanders. Überall in Detroit ist das so, das hier ist nur ein Beispiel."

Fast 40 Prozent der Stadtfläche steht inzwischen leer. Von den ehemals zwei Millionen Bewohnern leben heute nur noch 700.000 im Zentrum - darunter viele Familien wie die von Moses, die kein Geld für einen Umzug hatten. Die allermeisten sind Afroamerikaner, darunter viele Arbeitslose und Schulabbrecher ohne Auto und Geld. Ein Drittel lebt von staatlichen Lebensmittelmarken, kämpft mit Drogen, Armut und alltäglichen Gewaltverbrechen.

Auch die Segregation zwischen schwarz und weiß ist höher als in jeder anderen amerikanischen Stadt – während die Reichen, die Weißen, die prosperierenden Unternehmen in den Speckgürtel Detroits gezogen sind, müssen Bewohner wie Jirmere Moses zusehen, wie die Stadt um sie herum immer weiter verfällt.

Jirmere Moses: "Viele dieser Häuser hier sind ausgebrannt, die Leute machen das absichtlich, sie sind wütend, gelangweilt. Und die Ruinen bleiben stehen, weil die Stadt es nicht mehr schafft, sie abzureißen. Sie wäre eigentlich auch zuständig, das Gras auf den Brachen zu mähen. Aber die Stadt hat zu wenig Steuereinnahmen und kann sich das nicht leisten - deswegen ist das Land hier, verlassen, unbenutzt, unbewohnt. Es ist ziemlich traurig."

Moses wirft einen Blick auf die Brache neben seinem Elternhaus, die jetzt der Stadt gehört. Das Geld fehlt nicht nur fürs Mähen. Die Stadt hat auch viele Buslinien, Psychiatrien, Grundschulen und Polizeistationen geschlossen – und überlässt viele Bürger ihrem Schicksal.

Jirmere Moses: "Es ist jetzt einzig eine Sache der Community. Die Stadt kann nur noch die Leute auffordern, sich selbst um die Parks zu kümmern, auf die Kinder aufzupassen, die Normalität aufrecht zu erhalten. Jede Nachbarschaft in Detroit hat die gleichen Probleme – Arbeitslosigkeit, Leerstand, Kriminalität. Aber jede Nachbarschaft hat ihre eigene Methode, wie sie damit umgeht, jede hat einen anderen Plan. Und was in der einen Nachbarschaft funktioniert, kann auch in der anderen funktionieren."

20 Autominuten entfernt im Stadtteil Corktown. Vor den Fenstern im ersten Stock eines freistehenden Industriegebäudes stehen hintereinander mehrere Tische mit Nähmaschinen. Drei Frauen beugen sich über weißrotgesteppte Schnittteile. Die 22-jährige Veronica Scott läuft die Reihen entlang, begutachtet fertige Mäntel und stapelt sie in einer Ecke.

Veronica Scott: "Es gibt so viele Probleme und wir sind sehr frustriert. Auf der anderen Seite hat diese Frustration viele Menschen inspiriert, soziale Unternehmen zu gründen. Sie haben gesehen, dass es großen Bedarf an Lösungen gibt - und anstatt auf jemand anderen zu warten, haben sie gesagt: Dann muss ich es wohl selbst machen."

Veronica Scott hat einen Plan entwickelt, wie man den geschätzten 36.000 Obdachlosen Detroits helfen kann. Obwohl die halbe Stadt leer steht, quellen die Obdachlosenheime über, stoßen Hilfsorganisationen an ihre Grenzen. Scotts Non-Profit-Firma Empowerment Plan setzt deswegen auf Hilfe zur Selbsthilfe.

Veronica Scott: "Wir suchen Frauen in Obdachlosenheimen, die sich bereits im Griff haben, die unbedingt raus wollen und nur noch eine Chance brauchen. Wir bringen ihnen das Nähen bei. Denn wir glauben, dass Detroit als Ganzes nur davon profitieren kann, wenn die Leute hier wieder verschiedenste Dinge tun, anstatt wie früher nur von einer Industrie abhängig zu sein. Und es ist erstaunlich, wozu die Frauen fähig sind, wenn sie eine Chance bekommen."

So wie die 60-jährige Annis Maxwell. Sie sitzt gemütlich in T-Shirt und kurzen Hosen gekleidet an der ersten Nähmaschine und schiebt bedächtig den Stoff unter der Nadel durch.

Annis Maxwell: "Ich bin vorbestraft, und deswegen ist es schwer, einen Job und eine Wohnung zu bekommen. Dieser Job ist für Frauen, die obdachlos, straffällig oder drogenabhängig waren – für uns ist das ein Weg zurück in die Welt."

Auch das Produkt von Empowerment Plan hat einen sozialen Zweck – es sind Wintermäntel für Obdachlose. Der Clou: Mit wenigen Handgriffen lassen sie sich zu einem Schlafsack umbauen. Die Firma, die momentan noch von Spenden lebt, verteilt die Schlafsäcke dann an Hilfsorganisationen. Und sie unterstützt ihre Angestellten dabei, ein eigenes Dach über dem Kopf zu bekommen. Sodass diese wieder Pläne schmieden können.

Annis Maxwell: "Ich bin glücklich, wieder ein Haus zu haben. Ich kann mit meiner Enkelin und meinem Sohn zusammen sein und mein Leben weiterleben. Der nächste Schritt ist jetzt, wieder zur Schule zu gehen und dafür brauche ich ein Auto."

Veronica Scott und ihre Firma Empowerment Plan sind Mieter in dem sozialen Inkubator Ponyride – so lautet der Name des 3000 Quadratmeter großen Gebäudes. Wer hier einziehen will, muss sich für die Stadt und ihre Bewohner engagieren. Das ist die Bedingung, die Investor Philipp Cooley beim Einzug stellt – der 34-Jährige kaufte das Gebäude nach der Immobilienkrise für 100.000 Dollar und baute es mit Hilfe von vielen Freiwilligen um.

"Ponyride ist für Detroiter, wir sind ein Ort für Kollaboration. Jeder hier hat eine subventionierte Miete, es ist unglaublich billig, ein Fünftel bis ein Zehntel des normalen Marktpreises. Teil des Deals ist, dass Du Dein Handwerk oder Deine Leidenschaft unterrichtest. So kommen auch andere Detroiter hierher und können von uns lernen."

Cooley bringt gerade im Erdgeschoss Latten an den Wänden des Tanzstudios an. Die Tanz- und Fechtgruppen wünschen sich Spiegel, das benachbarte Musikstudio eine Dämmung. Zu den 25 Mietern von Ponyride gehört auch eine Designfirma, die nur Holz verarbeitet, das ehemalige Sträflinge aus den abgerissenen Häusern Detroits ausgebaut haben. Es gibt ein Großraumbüro und eine Werkstatt – von hier aus organisieren Musiker, Filmemacher und Künstler Jugendprojekte, die Lücken im ausgebluteten Schulsystem der Stadt füllen.

Phil Cooley: "Wenn man nur von außen auf die Stadt schaut, sieht man den wirtschaftlichen Niedergang. Aber wer sich hier auskennt, sieht eine Menge Hoffnung und Innovation. Jeder von uns hat seine einzigartige Geschichte und wir fangen an, sie miteinander zu teilen und in anderen Nachbarschaften umzusetzen."

Es herrscht eine spürbare Gründerstimmung in Detroit – eine, die sich eher durch Gespräche erfahren lässt als durch eine Autofahrt vorbei an massiven Infrastrukturprojekten. In der Vergangenheit versuchte die Stadt, durch Kasinos, ein neues Baseballstadion oder die pompöse Weltzentrale für General Motors die Stadt zu revitalisieren. Die erhoffte Wirkung blieb aus. So machen sich die Detroiter lieber mit kleinen Firmen selbstständig und nutzen bestehende Ressourcen neu, sagt Veronica Scott.

Veronica Scott: "Wir gründen Unternehmen, die Non-Profit sind, es gibt hunderte, die das machen und jeder kennt jeden. Wir sind dieser wilde Westen der Kreativität. Wir nehmen uns die verfallenden Gebäude und das vernachlässigte Land und machen es zu dem, was wir wollen."

Mit viel Fantasie füllen die Detroiter die Lücken, die in der staatlichen Versorgung klaffen. Seit diesem Sommer fährt Detroits erste private Buslinie, die Arme umsonst transportiert und Geld von den Touristen nimmt. Andere haben eine Recycling-Station eröffnet, jüngst kam der passende Abholservice dazu. Detroiter eröffnen Fahrradshops mit angeschlossenen Werkstätten und genossenschaftlich betriebene Restaurants. Sie gründen Obdachlosenzeitungen, Sport- und Gesundheitsinitiativen, Crowdfundingplattformen und Mikrokreditprogramme.

Phil Cooley: "Der Wandel kommt von den Leuten, den Bürgern, es ist eine Graswurzelbewegung. Und die ist sehr stark in Detroit. Wenn wir aus dieser 60 Jahre andauernden Krise rauskommen wollen, haben wir keine andere Wahl. Wir müssen es selbst machen und weil wir nur sehr knappe Ressourcen haben, müssen wir es gemeinsam tun."

Diese Bewegung strahlt auch über die Stadtgrenzen hinaus. Zum ersten Mal seit 60 Jahren ziehen wieder weiße College-Absolventen in die Innenstadt. Kreative kommen aus Metropolen wie Los Angeles, New York oder San Francisco her - angelockt vom Gründergeist der Stadt und den günstigen Häusern, die es schon ab 5000 Dollar zu kaufen gibt. Detroit, dessen Ruinen zum Symbol des postindustriellen, krisengeschüttelten Amerika wurden, wird von den Ersten als Modellstadt für einen Weg ins 21. Jahrhundert gehandelt.

Cooley: "Ich habe in Paris, Milan, London und New York gelebt – all diese Städte hatten eine eher vertikale Struktur, wo man die Karriereleiter hochklettern muss. Detroit ist eher eine horizontale Ebene, auf der die Leute zusammen arbeiten. Und ich glaube, nur so finden wir Lösungen für die kommende Periode. Ich denke, diese Stadt wird es endlich richtig machen. Gemeinsam entwickeln wir eine Wirtschaft, die sowohl ökonomisch wie sozial und nachhaltig ist."

Doch so schön die Initiative der jungen Akademiker, der zugezogenen Unternehmer ist: Detroit wird nur auf die Beine kommen, wenn die Bewohner der angeschlagenen Nachbarschaften selbst aktiv werden. Hier zeigt die urbane Landwirtschaft erste Erfolge.

Mittagszeit in der Kapuziner-Suppenküche in Ostdetroit. 150 Menschen, die meisten Afroamerikaner, sitzen mit Plastiktabletts voll Essen an runden Tischen. 2000 Mahlzeiten werden hier täglich an die Nachbarn verteilt.

Linda Henderson: "70 Prozent der Leute hier arbeiten nicht, sie sitzen nur rum und trinken, es gibt viele Leute, die Drogenabhängig sind, es ist verrückt. Aber diese Farmsache wird das alles verändern, glaub’ mir."

Linda Henderson ist eine regelmäßige Besucherin der Suppenküche. So wie 500.000 andere Detroiter hatte auch Henderson keine Möglichkeit, frisches Gemüse und Obst in ihrer Nachbarschaft einzukaufen. Doch seit einigen Jahren bietet die Suppenküche den Anwohnern täglich frisches Gemüse an - und zwar aus eigenem Anbau, erzählt Programmleiter Patrick Crouch.

Patrick Crouch: "Die meisten Leute hier kommen mit uns über die Mahlzeiten in Kontakt. Für uns ist es wichtig, dass die Leute hier die Möglichkeit haben, etwas zurückzugeben und zum Mitbesitzer der Suppenküche zu werden - anstatt nur ein Almosen zu bekommen, das will keiner."

Die urbane Farm Earth Works hat überall in der Nachbarschaft Treibhäuser und Beete angelegt - und bindet über ein Freiwilligenprogramm die Menschen aus der Nachbarschaft ein.

Patrick Crouch: "Die Leute können uns bei der Gartenarbeit helfen. Wenn sie dann am Tisch sitzen und essen, können sie stolz sein - das sind Tomaten aus dem eigenen Garten. Für uns ist das ein wichtiger Weg, die Community ins Boot zu holen."

Earth Works will so dem sozialen Zerfall der Stadt etwas entgegensetzen. Die Suppenküche und die Farm haben sich zur Anlaufstelle für Nachbarn entwickelt, die hier Fahrräder leihen können, ihre Kinder in gesunder Ernährung unterrichten oder einen beruflichen Neuanfang starten. So wie die 46-jährige Dinah Brandage.

In kurzen Hosen und Kapuzenshirt steht sie breitbeinig über ein kleines Beet am Rande des Parkplatzes gebückt und lockert mit einer Schaufel die Erde rund um ihre Tomatensetzlinge auf.

Dinah Brandage: "Ich bin Praktikantin in Earthworks landwirtschaftlichem Trainingsprogramm. Bevor ich hier anfing, war ich jahrelang drogenabhängig. Für mich ist das Gärtnern ein Heilungsprozess. Ich arbeite mit der Erde, an der frischen Luft, bete dabei. Zwei Jahre bin ich jetzt schon clean. Das Programm hat mein Leben gerettet."

So wie Dinah lernen jedes Jahr zwölf Menschen aus der Nachbarschaft die Grundkenntnisse des urbanen Gärtnerns– angefangen von Pflanzenkunde über Kompostherstellung bis hin zum wirtschaftlichem Know-how, das für den Betrieb einer eigenen Farm notwendig ist - etwa, wie man Gemüse über LKWs direkt in den Stadtteilen vertreibt oder mit Restaurantbesitzern verhandelt. Im zweiten Jahr entwickeln die Praktikanten dann ein eigenes Geschäftsmodell.

Dinah Brandage: "Ich arbeite daran, ein eigenes Grundstück von der Stadt zu bekommen, auf dem ich anpflanzen kann. Dann will ich einen Markt in meiner Nachbarschaft eröffnen, der günstiger ist als ein normaler Laden, sodass jeder Zugang zu gesundem Essen bekommt. Das will ich erreichen."

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