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Profil / Archiv | Beitrag vom 21.09.2005

Grand Dame der Atemtherapie

Die Berlinerin Ilse Middendorf wird 95

Von Jürgen Bräunlein

Ilse Middendorf ist die Grand Dame der Atemtherapie. Der von ihr entwickelte "erfahrbare Atem" wird nicht nur in ganz Europa gelehrt, sondern auch in San Francisco, wo einer ihrer Schüler ein Institut gegründet hat. Heute feiert die Berlinerin ihren 95. Geburtstag.

Middendorf: "Es kam in mein Dasein. Es hat mich verändert und ich bin es. Ich bin Atem, ich habe nicht nur Atem, ich bin Atem, und das lehre ich auch."

Middendorf: ... (sie atmet hörbar)... Schuft! (sie atmet)... Luft! (lacht)

Ilse Middendorf ist die Grand Dame der Atemtherapie. Der von ihr entwickelte "erfahrbare Atem" wird nicht nur in ganz Europa gelehrt, sondern auch in San Francisco, wo einer ihrer Schüler ein Institut gegründet hat.

Middendorf: "Jeder Mensch ist eine Individualität und der Atem ist genauso individuell wie zum Beispiel Ihr Gesicht und Ihre Gliedmaßen. So wie Sie erscheinen."

Gerade Körperhaltung. Langsame, aber energische Bewegungen. Ein Lächeln. Ilse Middendorf wirkt 20 Jahre jünger als sie ist. Die zierliche Dame mit dem rosafarbenen Pullover und der Perlenkette wird am 21. September 95 Jahre alt. Und erinnert sich...

Middendorf: "Ich stand im Garten meiner Eltern, sollte jäten und arbeiten und der Himmel war blau und die Sonne schien herrlich. Und ich streckte meine Arme nach oben und eine Stimme sagte mir: Du musst atmen. Ich war wirklich erschrocken. Weil es eine Stimme war, die ich nicht kannte... Natürlich war ich’s selber."

1910 in Frankenberg bei Chemnitz geboren - der Vater: Textilfabrikant, die Mutter: Modeschöpferin - nimmt die junge Ilse schnell Reißaus. Gegen den Willen der Eltern lässt sie sich zur Gymnastiklehrerin ausbilden und geht ans "Institut für Atem- und Nervenpflege" nach Baden-Baden. Sie nimmt Unterricht bei dem holländischen Atemtherapeuten Cornelis Veening und eröffnet in Berlin Lichterfelde eine Praxis, die während des Kriegs zerstört wird. Sie und ihr Sohn Helge werden evakuiert, ihr erster Ehemann fällt in Litauen. Ins Nachkriegsberlin zurückgekehrt findet die alleinerziehende Mutter Unterkunft bei einer Bekannten.

Middendorf: "Als ich da einzog, kam eine Nachbarin. Und die fragte: Was machen Sie? Und ich erzählte ein bisschen. Und sie sagte: Wissen Sie, ich hab soviel Kopfschmerzen. Können Sie mir nicht helfen? Am nächsten Tag hatte ich die erste Behandlung bei ihr. Und am übernächsten hatte ich zwei neue Leute. Und wieder acht Tage später hatte ich eine kleine Gruppe..."

Ilse Middendorf therapiert Kinder und Erwachsene, hält Vorträge und entwickelt - meistens in den frühen Morgenstunden - ihr Konzept vom "erfahrbaren Atem", heute einer der wichtigsten Atemtherapien. "Der erfahrbare Atem" ist eine ganzheitliche Heilmethode. Freies Atmen lässt Körper, Seele und Geist durchlässig werden und gesunden.

Middendorf: "Wir sind gelassener dadurch. Denn wir lassen ja ununterbrochen jeden Atemzug zu. Ich lasse meinen Atem kommen, ich lasse ihn gehen und warte, bis er von selber wieder kommt. Wenn man das wirklich tut, hat man einen guten Zugang, und einen Führer nach innen und hat nicht immer den Willen aus dem Ego: Ich will das, ich begehre das, ich möchte das. Sondern ich richte mich danach, was ich tun sollte, von Innen heraus..."

1965 gründet Ilse Middendorf am Viktoria Luise Platz ihr eigenes Institut. In den repräsentativen Räumen mit den edlen Stuckdecken residierte einst Prinzessin Viktoria Luise. Heute wird hier unter professioneller Anleitung geatmet. Gut 450 Atemtherapeuten hat Ilse Middendorf ausgebildet. Hiltrud Lampe, heute selbst Lehrerein am Institut, ist eine davon.

Lampe: "Sie ist so hingewandt zu demjenigen, dem sie ihre Arbeit vermittelt. Sie ist anwesend in ihrer Arbeit und das verkörpert sie. Sie sieht eine Gruppe als Ganzes und hat nie vorher einen Bauplan, was sie heute ganz genau machen will, sondern nimmt alles, was in der Gruppe mitschwingt, mit hinein in ihr Unterrichten. Und das Besondere ist natürlich auch, dass Frau Middendorf ihre Arbeit immer weiter entwickelt..."

Middenddorf: "...ehhhhhhhhh, und dann atmet man das e aus und das ruft eine ganze bestimmte Atembewegung hervor und zwar höher: ehhhhhhhhhhhhh…"

Middendorf: "Das Schöne ist ja, dass der erfahrbaren Atem, wenn er richtig gelehrt wird, überhaupt nicht gefährlich ist. Den Mensch, den ich unterrichte, nimmt immer nur das an, was er verarbeiten kann. Das sehe ich auch, ich kann nie zu viel von ihm von verlangen. Weil er’s einfach nicht kann."

Wir trinken Tee in Ilse Middendorfs Privatwohnung, sie liegt - wie eine Wachstation - direkt über dem Institut, das heute von ihrem Sohn geleitet wird, ebenso wie die Zweigstelle in Beerfelden im Odenwald. Der vitalen 94-Jährgen fällt es nicht leicht, los zu lassen. Vor einem Jahr schon hat sich die Frau mit dem langem Atem offiziell verabschiedet, hält aber immer noch Vorträge und gibt Einzelunterricht.

Middendorf: "Man spürt, dass das Leben zurückgeht, und man sich dazu entwickeln muss: ja sagen zu können. Das ist kein Geschenk. Das muss man erarbeiten."

Middendorf: (macht Atemübung) "Wenn ich ein o nehme, ooooooooooooooo, oder ein i ihhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh oder ein u, uuuuuuuuuuuuuuuuuuu..."

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