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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 13.12.2009

Gott verhüte: Stevia

Von Udo Pollmer

Wie ein Wundermittel wird es angepriesen. Was bisher nur unter der Hand und auf dem Schwarzmarkt unter Decknahmen wie "Badesalz" gehandelt wurde, wird allmählich legal: Es ist der Süßstoff Steviosid. Was sich dahinter verbirgt, versucht unser Lebensmittelchemiker zu klären.

Hinter Stevia verbirgt sich die Hoffnung auf Umsätze von mehreren 100 Millionen Dollar pro Jahr. Deshalb ist das Internet auch voll gutgemachter, aufwendiger Websites, die allesamt lautstark die Zulassung von Stevia fordern. Ende letzten Jahres konnte die Lobby einen Erfolg verbuchen. Sie erhielt in den USA ihre ersten Einzelzulassungen. Dann folgte im Mai 2009 die Schweiz mit einer Ausnahmegenehmigung, dann Frankreich und nun wartet alles auf eine EU-Zulassung im kommenden Jahr für Steviosid.

Aber zunächst: Was ist Steviosid überhaupt? Es ist ein Inhaltsstoff einer südamerikanischen Pflanze namens Stevia, die wie Unkraut aussieht und bis zu 80 Zentimeter groß werden kann. Der fragliche Süßstoff schmeckt etwa 200 mal süßer als echter Zucker. Außerdem wirkt er in manchen Produkten als Geschmacksverstärker. Man will damit vor allem in den Limos Orangenaroma einsparen.

Stevia genießt den Nimbus eines natürlichen Süßstoffes, der eine lange Tradition bei den indigenen Völkern Südamerikas hat. Angeblich, um damit ihren Mate-Tee zu süßen. Aber was bringt das? Einen kalorienfreien Süßstoff, um davon schlank zu werden, interessiert kein Indio. Der Grund ist ein anderer und er ist hinreichend belegt: Die Männer haben sich Stevia zur Empfängnisverhütung in den Matetee getan. (1-3) Und wenn der Tee dann auch noch süß schmeckt, umso besser. Auch Tierversuche bestätigen eine contrazeptive Wirkung. (4,5)

Die Lobby bemüht sich sehr, diese offenkundige Eigenschaft in Abrede zu stellen. Sie verweist auf Versuche mit Hamstern, bei denen man nichts gefunden hat – um daraus messerscharf zu schließen, dass es dann ja für den Menschen harmlos sein müsse. (6) Dem wissenschaftlichen Lebensmittelausschuss der EU, der Stevia zu bewerten hatte, war das natürlich nicht verborgen geblieben. Dazu kamen weitere unerfreuliche Ergebnisse im Tierversuch, insbesondere Nierenschäden. (7-9) Die EU forderte die Antragsteller auf zu prüfen, woher die Effekte kämen.

Die Steviapflanze enthält nämlich eine ganze Palette von süß schmeckenden Substanzen. Eine Generation von Chemikern hat an diesen Stoffen herumgeschraubt, sie verändert und optimiert, um die Süßkraft zu erhöhen, den Nachgeschmack zu kontrollieren, bis hin zur Entwicklung von Bitterstoffen aus Stevia. (10) Deshalb hat ja auch nicht Stevia eine Zulassung erhalten sondern ein genau definierter Süßstoff. Das erhöht die Sicherheit für den Verbraucher. Denn das Steviosid hat eben nicht die gleichen Nebenwirkungen wie das Kraut.

Die heute angebaute Pflanze hat sich schon sehr von der Wildform entfernt, sie ist das Ergebnis einer gezielten Züchtung auf eine hohe Süßstoffausbeute. Und weil das immer noch zu aufwendig ist, bietet sich eine gentechnische Gewinnung an. Eine Methode dazwischen ist die Sproßkultur. Sie wird gerade an der TU Berlin erprobt. Als Sproßkultur lässt sich die Pflanze im Labor gleich zehn mal pro Jahr ernten. Aus Sicht der Wissenschaftler hat das noch einen Vorteil: Die sterile Pflanzenmasse im Glaskolben braucht keine Pestizide. Die Fachleute sind stolz auf ihre umweltschonende Methode.

Allerdings kommt in die Nährlösung einiges an Zucker. Dieser nahrhafte Stoff wird dann im Glaskolben in kalorienfreie Süße umgewandelt. 11) Offenbar glauben unsere Biotechnologen, dass Anbau und Gewinnung von Zucker die Umwelt nicht belastet. Schließlich kaufen sie ihn im Supermarkt. Dort gibt es den Zucker übrigens in vielen leckeren Varianten, die sich gerade in der Adventszeit großer Beliebtheit erfreuen. Er ist ein traditionelles Süßungsmittel der indigenen Völker Mitteleuropas. Mahlzeit!


Literatur:
Leung AY, Foster S: Encyclopedia of Common Natural Ingredients. Wiley, New York 1996
Larre Perez MI: Plantas utilizadas en la medicina tradicional en Mexico como abortivas y anticonceptivas. Universidad Autonoma Metropolitana Unidad Iztapalapa, 2003
Arenas P et al: Plants used as means of abortion, contraception, sterilization and fecundation by Paraguayan indigenous people. Economic Botany 1977; 31: 302-306
Planas GM et al: Contraceptive properties of Stevia rebaudiana. Science 1968; 162: 1007
Melis MS: Effects of chronic administration of Stevia rebaudiana on fertility in rats. Journal of Ethnopharmacology 1999; 67: 157-161
Yodyingyuad V et al: Effect of stevioside on growth and reproduction. Human Reproduction 1991; 6: 158-165
Toskulkao C et al: Nephrotoxic effects of stevioside and steviol in rat renal cortical slices. Journal of Clinical Biochemistry and Nutrition 1994; 16: 123-131
Melis MS: Chronic administration of aqueous extract of Stevia rebaudiana in rats: renal effects. Journal of Ethnopharmacology 1995; 47: 129-134
Nunes APM et al: Analysis of genotoxic potentiality of stevioside by comet assay. Food & Chemical Toxicology 2007; 45: 662-666
Kim SH et al: Natural high potency sweeteners. In: Marie S et al (Eds): Handbook of Sweeteners. Blackie, Glasgow 1991; S.116-185
Zerges KR: TUB: Stevia – Süße Sachen, die nicht dick machen. Informationsdienst Wissenschaft 9. Nov. 2009