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Religionen / Archiv | Beitrag vom 28.07.2012

Gott im Plattenbau

Ein christlicher Hauskreis in Chemnitz

Von Josefine Janert

In Sachsen existierten vor 1989 deutlich mehr Hauskreise als etwa an der Küste.
In Sachsen existierten vor 1989 deutlich mehr Hauskreise als etwa an der Küste. (AP)

Einmal im Monat trifft sich in Chemnitz ein christlicher Hauskreis. Hauskreise gab und gibt es seit vielen Jahren fast überall in Deutschland. In Sachsen fühlten sich die Menschen der evangelischen Kirche jedoch auch in der DDR-Zeit stark verbunden.

Mittwoch kurz nach 19:00 Uhr. Wolfgang Weidemann bereitet sich darauf vor, in seiner winzigen Wohnung ein Dutzend Besucher zu empfangen. Der 58-Jährige stellt in seinem Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer Getränke bereit.

Der Lagerwirtschaftler gehört zum Hauskreis der evangelischen Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in Chemnitz. Einmal im Monat trifft sich dieser jeweils bei einem anderen Teilnehmer:

"Ich wollte, weil ich ja alleinstehend bin, mit Leuten Kontakt haben, die in meinem Alter sind, und die eben außerhalb kirchlicher Veranstaltungen sich zu verschiedenen Themen treffen."

Hauskreise gab und gibt es seit vielen Jahren fast überall in Deutschland. In Sachsen fühlten sich die Menschen der evangelischen Kirche auch in der DDR-Zeit stark verbunden. Deshalb existierten dort vor 1989 deutlich mehr Hauskreise als etwa an der Küste. Dieser Chemnitzer Hauskreis entstand 1979 im Fritz-Heckert-Gebiet, einem riesigen Neubauviertel. Viele junge Familien zogen dorthin. Wolfgang Weidemann kam 1980:

"Die Anonymität ist natürlich gegeben, wenn man sich vorstellt, dass so ein Wohnblock mit acht Eingängen bis zu 520 Parteien, also Familieneinheiten hat. Deswegen haben die Hauskreise sich gefunden, um diese Anonymität auch aufzubrechen, um zu wissen: Da wohnt einer, der denkt wie ich oder der hat einen christlichen Hintergrund oder der hat die und die Interessen, die mir auch angenehm sind."


Das hat Wolfgang Weidemann von Nachbarn erfahren, die von Anfang an mit dabei waren. Er selbst wurde erst vor fünf Jahren von ihnen in den Hauskreis eingeladen.

Zur Gründergeneration gehören Sigrid und Olaf Knutzen. Die Ingenieurin und der Mathematiker, heute beide Rentner, sind seit 33 Jahren Mitglieder des Hauskreises. Ende der siebziger Jahre hatten sie in Chemnitz, das während der DDR-Zeit Karl-Marx-Stadt heiß, zunächst selbst einen Hauskreis gründen wollen, erinnert sich Olaf Knutzen:

"Das ist aber gescheitert, weil die Leute sich nur berieseln lassen wollten und wollten nicht aktiv selber da sein. Und da sind wir dann zu dem Hauskreis Wohngebiet 4 / 5 gekommen. Na, zum Beispiel haben wir die Reformatoren behandelt von Luther über Müntzer. Oder eben andere historische Themen, die Frage der Hexen oder die Frage der Kreuzzüge ... DDR-kritische Themen durchaus auch."

Welche es genau waren, daran kann sich das Ehepaar nicht mehr erinnern. Jedenfalls müssen die Themen so brisant gewesen sein, dass ihnen die Staatsmacht eines Tages offenbar einen Spitzel in den Hauskreis schickte:

"Ja, das hat uns der Pfarrer mitgeteilt. Er hatte da irgendwie einen Verdacht. Und die Person kam. Wir haben entsprechend uns zusammengenommen und haben eben nur das gesagt, was eben möglich war. Der Spitzel, es war wohl eine Dame, die ist also dann nicht wiedergekommen."

Sigrid Knutzen: "Die hat doch ihren Sohn mitgebracht. Das war also ganz unauffällig."

In dem Hauskreis waren und sind alle Bevölkerungsschichten vertreten - vom Facharbeiter über Mitarbeiterinnen des Gesundheitswesens bis hin zu Akademikern. Hauskreise trafen und treffen sich auch in anderen Gemeinden der Stadt. Hiltrud Anacker, Pfarrerin in der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde und Moderatorin dieses Hauskreises, erinnert sich an die achtziger Jahre. Damals war sie Mitglied in einem Hauskreis für Jugendliche:

"Die Gemeinde an sich war ja DDR-kritisch, weil, wer Christ war, war automatisch schon mindestens - naja, in der Opposition ist vielleicht übertrieben - aber hat zumindest drüber nachgedacht und nicht gleich zu jedem Ja und Amen gesagt und musste dann natürlich auch damit rechnen, Nachteile einstecken zu müssen."

So bekamen manche Schüler in der DDR, die sich zu ihrem Glauben bekannten, nicht den gewünschten Studienplatz. Sich zu einem Hauskreis in einer Privatwohnung zu treffen, bot für die Menschen in der DDR viele Vorteile: Zum Beispiel wollten manche lieber nicht in der Kirche gesehen werden - aus Angst vor Repressalien.

In einem Hauskreis konnten sie sich mit Personen, die ihnen vertraut waren, über Themen austauschen, die von den DDR-Medien totgeschwiegen wurden: über Umweltprobleme etwa oder über die Zensur der Presse. Olaf Knutzen empfand die Gespräche in seinem Hauskreis als große Bereicherung. Im Herbst 1989 zögerte er nicht, sich an den friedlichen Demonstrationen zu beteiligen:

"Die eine Dame, die auch mit zum Hauskreis gehört, mit der bin ich oft von der Lutherkirche bis in die Stadt reingelaufen. Im Prinzip ging's uns ja damals nicht darum, die DDR abzuschaffen, sondern es ging uns darum, eine DDR zu schaffen, die eben die Grundrechte für jeden Menschen entsprechend verwirklicht. Und dazugehört natürlich auch das Grundrecht, einem Glauben nachzugehen und in aller Öffentlichkeit auch darüber reden zu können."

Obwohl sie dieses Grundrecht nun genießen, profitieren die Mitglieder des Chemnitzer Hauskreises bis heute von der Intimität ihrer kleinen Runde.

Und so reden sie - über biblische Themen, über Politik und Gesellschaft. Manchmal bringt jemand auch seine Urlaubsfotos mit und erzählt, wie es in Nepal oder einem anderen Land gewesen ist. In ihrer Moderation lässt Pfarrerin Hiltrud Anacker stets einen Bezug zum christlichen Glauben einfließen. Und sie beendet den Hauskreis mit einem Vaterunser. Sie sagt:

"Das ist ja das, was man eigentlich in einer Gemeinde möchte: Selbstbewusste Leute, die wissen, was sie wollen, die ihre Ideen einbringen, sich auch nicht abwimmeln lassen, wenn man grade mal was völlig anderes im Kopf hat. Und genau solche Leute braucht die Gemeinde, und davon lebt auch der Hauskreis."

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