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Buchkritik | Beitrag vom 22.12.2015

Götter- und HeldensagenLebendiges Mythenmuseum

Von Edelgard Abenstein

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Die Marmorstatuen-Gruppe "Herkules und Nessus" (um 1600) des flämisch-italienischen Bildhauers Jean de Boulogne (1529-1608), genannt "Giambologna", steht in der Galerie der Uffizien in Florenz. Sie stellt eine Szene aus der griechischen Mythologie dar, in der Herkules den Zentauren Nessus schlägt. (picture alliance / dpa / Maurizio Degl' Innocenti)
Marmorstatuen-Gruppe "Herkules und Nessus" (um 1600) des flämisch-italienischen Bildhauers Jean de Boulogne (1529-1608), genannt "Giambologna", stellt eine Szene aus der griechischen Mythologie dar. (picture alliance / dpa / Maurizio Degl' Innocenti)

Was hatte es nochmal genau auf sich mit Herkules, Ödipus, Siegfried oder Medea? Das erklären Reiner Tetzner und Uwe Wittmeyer in "Griechische und Germanische Götter- und Heldensagen" anschaulich und strukturiert. Auch Star-Wars-Regisseur George Lucas wäre das Buch sicher nützlich gewesen.

Angeblich knirschte es vor 40 Jahren gewaltig, bevor es zur Produktion des berühmtesten Science-Fiction-Films aller Zeiten kam. George Lucas war zwar ein glühender Technikfan, er konnte aber keine Drehbücher schreiben. Die ersten Entwürfe für "Star Wars - Krieg der Sterne", so heißt es, waren nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Action-Momenten, ein Multiplot ohne roten Faden - bis der künftige Blockbuster-Regisseur den Dreh in der Mythologie suchte. Dort, wo man die besten Geschichten seit jeher nach einem probaten Grundmuster erzählt: Bevor aus einem jungen Mann etwas wird, hat er sich in der Fremde zu bewähren, er muss Abenteuer erleben, Ungeheuer töten, in Kriegen bestehen, um schließlich geläutert nach Hause zurückzukehren.

Also machte es Luke Skywalker, der Starwars-Held, wie Theseus, der athenische Königssohn, der auf Kreta den grässlichen, mädchenverschlingenden Minotaurus bezwang, ehe er seiner Heimatstadt Frieden, Recht und Ordnung brachte. Oder wie Herkules, Ödipus, Siegfried und die vielen anderen Götter, Halbgötter oder irdischen Helden, von denen allerdings nicht jeder das Glück hatte, wohlbehalten am heimischen Herd anzukommen.

Wie ein ausführliches Lexikon

Was sie erlebten, als sie den Menschen das Feuer brachten, weshalb Apollon ein gefallener Siegertyp ist, wie Achills Groll sich vor den Toren Trojas in einem apokalyptischen Gemetzel entlud , warum Siegfried niemals Brünnhilde gewählt hätte und wie Dietrich von Bern am Ende sein Reich zusammenzimmert, das erzählen die Autoren Reiner Tetzner und Uwe Wittmeyer anschaulich nach.

In zwei getrennten Bänden werden einmal die aus der Edda überlieferten Sagen um Loki, Odin, Thor wiedererweckt, zum anderen die auf Homer und den griechischen Tragödiendichtern basierenden Mythen. Die verwirrende Vielfalt der Akteure, die man oft nur halb oder dem Namen nach kennt, ordnen die Autoren, und sie bringen die schwer zu durchschauenden Verwandtschaftsverhältnisse in eine logische Abfolge. Dabei verweisen sie auch auf andere Kulturkreise, vergleichen mit indischen, orientalischen oder aztekischen Legenden.

So tut sich eine Art lebendiges Mythenmuseum auf. Man kann es auch wie ein ausführliches Lexikon gebrauchen, wenn man noch einmal wissen will, warum Medea von Jason tödlich enttäuscht wurde oder warum sich Philemon und Baucis im Alter bis aufs Haar gleichen.

In einer handlichen Kassette zusammengefasst

Auch wenn der Sprachfluss, vor allem bei den griechischen Göttersagen manchmalzäh ist, bieten die Neuerzählungen doch eine Alternative zu Robert Ranke-Graves oder Karl Kerényis Mythologien, deren Schwerpunkt auf dem Akademischen, auf philologischer Akkuratesse liegt. Erst recht zu dem durchaus reizvollen Jugendbuchklassiker Gustav Schwabs, der ja das Anstößige, vor allem das Grausame und Erotische aus seiner Nachschöpfung tilgte.

Die vor einigen Jahren schon einmal getrennt erschienenen Geschichten aus dem germanischen und griechischen Sagenkreis sind nun in einer handlichen Kassette zusammengefasst. Die hat ungefähr das Gewicht eines Kindles, ist also für den Rucksack ebenso tauglich wie fürs Bett. Auch wenn nicht alles Sagenhafte immer eine gute Nachtruhe garantiert. 

Reiner Tetzner, Uwe Wittmeyer: Griechische und Germanische Götter- und Heldensagen 
Reclam Verlag, Stuttgart 2015
849 Seiten, 19,95 Euro
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