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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 20.05.2012

Go West!

Vor 150 Jahren unterzeichnet US-Präsident Abraham Lincoln den "Homestead Act"

Von Ralf Geißler

Sitting Bull (l.) und Buffalo Bill 1885: So einträchtig war das Verhältnis zwischen Siedlern und Natives nach dem Homestead Act selten
Sitting Bull (l.) und Buffalo Bill 1885: So einträchtig war das Verhältnis zwischen Siedlern und Natives nach dem Homestead Act selten (US Library of Congress)

Wahrscheinlich hat kein Gesetz die USA stärker geprägt: Am 20. Mai 1862 unterschrieb US-Präsident Lincoln den Homestead Act, das Heimstättengesetz. Es versprach jedem Mann kostenloses Land im Westen. Für viele Einwanderer war das Gesetz eine Riesenchance – für Amerikas Ureinwohner aber hatte es verheerende Folgen.

Endlos weit scheint sie zu sein, die nordamerikanische Prärie. Bewachsen von hohem Gras, durchzogen von Flüssen und besiedelt von Büffelherden. Mitte des 19. Jahrhunderts wagen es nur wenige Einwanderer der USA, hier Siedlungen zu gründen. Doch das soll sich ändern. Eine neue Partei kämpft dafür, die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis zu verschieben. Die Republikaner fordern freien Boden für freie Bürger. Am 20. Mai 1862 unterschreibt US-Präsident Lincoln den sogenannten Homestead Act, zu Deutsch: das Heimstättengesetz. Es verspricht jedem Mann kostenloses Land im Westen, erzählt der Amerikanistik-Professor Hartmut Keil.

"In dem Gesetz stand drin, dass man 160 Acres Land frei bekommen würde, wenn man sich registriert für eine Gebühr von zehn Dollar und dann dieses Land innerhalb von fünf Jahren kultiviert, also bebaut. Unter anderem hieß das auch, dass man sich eine Heimstatt errichtete, um dieses Land zu bebauen."

Zunächst nehmen nur Wagemutige das Geschenk an, denn es sind chaotische Jahre. Die USA befinden sich 1862 noch im Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten. Doch der Strom der Pioniere wächst. In Planwagen machen sich Gruppen von Siedlern mit all ihrem Hab und Gut auf den Weg nach Westen, um ihre 65 Hektar großen Claims abzustecken. Einer schildert seine Reise in der Zeitung "Missouri Gazette":

"Um so eine Fahrt zu überstehen, muss ein Mann Hitze ertragen wie ein Salamander. Er muss Schlamm und Wasser lieben wie eine Ratte, den Staub wie eine Kröte erdulden und sich plagen wie ein Lastenesel. Er muss lernen, mit dreckigen Fingern zu essen, auf dem Boden zu schlafen, wenn es regnet und sein Laken mit Insekten zu teilen."

Solche Berichte schrecken nicht ab. Bis 1900 bewilligen die Behörden rund 600.000 Anträge auf Farmland im Rahmen des Heimstättengesetzes. Die meisten Anträge stellen eingewanderte Mitteleuropäer, darunter viele Deutsche. Hartmut Keil:

"Sie sind ganz gezielt auch angeworben worden. Von den einzelnen Territorialregierungen, die miteinander in den Wettbewerb traten, um möglichst viele Immigranten anzuziehen. Aber auch von den Eisenbahngesellschaften, die ein großes Interesse daran hatten, das Land, das sie geschenkt gekriegt hatten, um ihre Linien zu bauen, nun auch besiedelt zu sehen, damit sie die entsprechenden Transportprofite machen konnten."

In jenen Jahren entsteht ein Volkslied. Es wirbt für ein Leben im Westen der USA. Im Refrain heißt es: Uncle Sam ist reich genug, er schenkt allen eine Farm.

Then come along, come along, make no delay;
Come from every nation, come from every way.
Our lands, they are broad enough - don't be alarmed,
For Uncle Sam is rich enough to give us all a farm.


Doch die Besiedlung stößt auf Widerstand. Das Land, welches die US-Regierung verteilt, gehörte einst Indianern. Sie hat es ihnen abgepresst. Viele Stämme sind durch Krankheiten und Krieg dezimiert. Manche leben nur noch in zugeteilten Reservaten. Doch selbst diese machen ihnen die Siedler streitig. Der Grund: Goldfunde. Mit dem Heimstättengesetz flammen die Indianerkriege wieder auf. Für die Siedler kämpfen nun jene Generäle, die nach Ende des Bürgerkrieges nichts mehr zu tun haben – wie zum Beispiel William Sherman:

"Je mehr Indianer wir in diesem Jahr töten, desto weniger werden wir im nächsten Jahr zu töten haben. Denn je näher ich diese Indianer kennenlerne, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass sie alle umgebracht oder unter ärmlichsten Verhältnissen klein gehalten werden müssen."

Die Kultur der Indianerstämme wird nahezu ausgelöscht. Auch ihre Lebensgrundlage verschwindet: die Büffelherden. Es fließt viel Blut. Aber wofür? Die neuen Farmer mühen sich, ihr Land urbar zu machen. Doch in vielen Regionen ist der Boden so karg, dass man selbst von der geschenkten Fläche nicht leben kann. Es profitieren Spekulanten.

"Im fernen Westen war es zum Beispiel so, dass Wasser die entscheidende Ressource war. Und so haben findige Leute nur die Wasserquellen gekauft und alles umliegende Land nicht. Das bedeutete aber, dass sie das nutzen konnten, weil niemand sonst an das Wasser herankam."

Mehr als die Hälfte aller Siedler gibt ihr Land dem Staat wieder zurück. Trotzdem leben 1890 bereits 17 Millionen Menschen zwischen Mississippi und Pazifik. Geschätzt jeder Zehnte kam wegen des Heimstättengesetzes. Es gilt noch lange weiter. Erst 1976 wird die kostenlose Vergabe von Staatsland an Farmer eingestellt.