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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.01.2009

Gnadenloser Rachefeldzug

Natsuo Kirino: "Teufelskind", Goldmann Verlag, München 2008, 221 Seiten

Ein japanischer Tempel - weniger idyllisch geht es in Kirino Natsuos Roman "Teufelskind" zu.  (AP)
Ein japanischer Tempel - weniger idyllisch geht es in Kirino Natsuos Roman "Teufelskind" zu. (AP)

Natsuo Kirinos Roman "Teufelskind" ist ein düsterer Bericht vom Rand der japanischen Gesellschaft, der nur vermeintlich als Psychothriller daherkommt. Die Geschichte der hasserfüllten Mörderin Aiko offenbart die prekären Umstände, unter denen manche Japanerinnen ein Schattendasein fristen.

Aiko Matsumishima hatte nie die Chance, ein netter Mensch zu werden. Anfang der Sechzigerjahre kommt sie in der Hafenstadt Yokosuka in einem Bordell zur Welt, das vor allem von den Soldaten einer amerikanischen Marinebasis besucht wird. Ihre Mutter lässt sie im Stich, und Aiko wächst in überfüllten Heimen und lieblosen Pflegefamilien auf.

Als die staatliche Fürsorgemaschinerie sie wieder ausspuckt, ist aus dem Waisenkind eine verbitterte junge Frau geworden. Fast zwanzig Jahre lang hält Aiko sich mit schlecht bezahlten Jobs in Hotels und Bars über Wasser, bis der Zorn über ihr verlorenes Leben zuletzt so groß ist, dass sie mit einem Feuerzeug und einem Kanister Benzin zu einem gnadenlosen Rachefeldzug aufbricht.

Man kann sich nur schwer vorstellen, dass die japanische Schriftstellerin Natsuo Kirino ihre Karriere in den Achtzigerjahren mit seichter Unterhaltungsliteratur begonnen hat. Denn heute kennt sie in ihren Büchern kein Erbarmen mehr. In ihrem Roman "Die Umarmung des Todes" (deutsch 2005) hatte sie in einer denkwürdigen Szene beschrieben, wie eine frustrierte Fabrikarbeiterin ihren Mann erwürgt und die Leiche anschließend gemeinsam mit einigen Kolleginnen fein säuberlich zerlegt und in einem Müllsack entsorgt.

In "Teufelskind" lässt sie gleich zu Beginn drei Menschen in Flammen aufgehen. Kein Wunder, dass die 1951 geborene Kirino zu den umstrittensten Autoren ihrer Generation gehört.

Das Interessante an diesem Roman sind allerdings weniger die exzessiven Gewaltdarstellungen und auch nicht die verblüffenden Sexpraktiken, bei denen unter anderem Babypuder, Windeln und rohes Rindfleisch zum Einsatz kommen.

"Teufelskind" erzählt zwar auf den ersten Blick die Geschichte einer durchgeknallten Serienmörderin. Die hasserfüllten und weitgehend willkürlichen Morde bilden jedoch nur den Rahmen für eine Reihe eindrücklicher Episoden, in denen Natsuo Kirino ein desillusionierendes Bild ihres Heimatlandes entwirft: "Yellow Trash" ist das Label, unter dem "Teufelskind" in Japan eingeordnet wird.

Am eindrücklichsten sind dabei die Frauenfiguren gezeichnet. Die prekäre Situation der Prostituierten aus dem Bordell in Yokosuka, die jahrelang ihren Körper verkauft haben, um am Ende ihrer beruflichen Laufbahn in Armut zu versinken, ist offensichtlich. Kirino erzählt darüber hinaus allerdings auch von ganz normalen japanischen Hausfrauen, die durch die finanzielle Abhängigkeit von ihren Ehemännern in die Rolle einer Dienstmagd gezwungen werden, und von alleinerziehenden Müttern, die ihre Kinder unter der Hand zur Adoption anbieten, um mit dem Geld ihre drückenden Schulden zu begleichen.

So verbirgt sich unter der grausamen Oberfläche dieses vermeintlichen Psychothrillers ein düsterer Bericht vom Rand der japanischen Gesellschaft. Im Grunde genommen ist es ein Wunder, dass Aiko die einzige Figur in diesem Roman ist, die sich angesichts ihres Unglücks "mit den kalten Augen eines Raubtiers" in einen regelrechten Blutrausch stürzt.

Rezensiert von Kolja Mensing

Natsuo Kirino: Teufelskind
Aus dem Japanischen von Frank Rövekamp
Goldmann Verlag, München 2008
221 Seiten, 17,95 Euro

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