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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.03.2013

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Sozialpsychologe Harald Welzer sieht im CeBIT-Motto der "Shareconomy" das Zukunftsmodell

Harald Welzer im Gespräch mit André Hatting

Shareconomy ist das Motto der CeBIT 2013 (picture alliance / dpa / Jochen Lübke)
Shareconomy ist das Motto der CeBIT 2013 (picture alliance / dpa / Jochen Lübke)

Unser Material- und Energieverbrauch erhöht sich alljährlich vor allem, weil zu viel konsumiert und zu wenig geteilt wird, sagt Sozialpsychologe Harald Welzer. Einer der Wege, um diesem Konsumtrend entgegen zu wirken, liegt nach seiner Einschätzung in der Share Economy - von vielen mit dem Kunstwort "Shareconomy" bezeichnet - einem der Schwerpunktfelder der diesjährigen CeBIT.

André Hatting: Heute beginnt in Hannover die CeBIT. Schwerpunktthema der Computermesse ist diesmal die Share Economy, das könnte man grob mit geteilte Wirtschaft übersetzen. Gemeint ist, dass immer mehr Menschen Dinge gemeinsam nutzen, statt sie sich selber zu kaufen. Leihautos oder Leihfahrräder, aber auch Computerprogramme oder einfach nur Informationen – Stichwort Wikipedia und Co. Welche Chancen, aber auch welche Gefahren Share Economy bietet, darüber spreche ich jetzt mit Harald Welzer, er ist Gründungsdirektor von Futur zwei. Guten Morgen, Herr Welzer!

Harald Welzer: Guten Morgen!

Hatting: Futur zwei ist eine gemeinnützige Stiftung, die Trends aufspürt und Visionen weiterspinnt, um sie auf ihre Zukunftsfähigkeit zu überprüfen. Korrekt so?

Welzer: Ja, das ist korrekt, allerdings nicht Zukunftsvisionen jeglicher Art, sondern solche, die uns dazu bringen, eine nachhaltige Form des Wirtschaftens, am besten noch verbunden mit sozialen Innovationen, hervorzubringen.

Hatting: Und eine solche könnte eben die Share Economy sein – die Idee ist ja eigentlich über 30 Jahre alt, und auch davor hat es bereits Tauschbörsen oder Mitfahrgelegenheit gegeben. Was ist eigentlich das Neue an Share Economy?

Welzer: Na ja, das Neue ist erst mal der Möglichkeitsraum, der eben durch Internet und schnelle Kommunikation eröffnet wird. Also früher bestand die Schwierigkeit natürlich darin, dass man nicht großräumig solche Dinge starten konnte, sondern eher nur kleinräumig Güter teilen konnte, was für sich genommen natürlich auch schon sehr vorteilhaft war, aber heute hat man ja in dem Sinne die räumlichen Begrenzungen nicht, und vor allen Dingen hat man eine irrsinnig schnelle Möglichkeit zu kommunizieren, wer hat was und mag das jetzt gerne zur Verfügung stellen?

Hatting: Eine große Rolle spielen dabei auch die sozialen Netzwerke, also Facebook und Co. Interessanterweise geben die User dort auch das Soziale als Motiv an fürs Teilen. Also sozial durch soziale Netzwerke im Internet?

Welzer: Ich glaube nicht, dass die sozialen Netzwerke alleine schon sozial sind. Soziale Wirkung entfalten sie dann, wenn die Leute sich tatsächlich auch offline treffen. Das braucht man natürlich beim Austausch von Computerprogrammen nicht, aber diese Share Economy lässt sich ja viel weiter denken, zum Beispiel auch in die Richtung, dass man in einer Eigenheimsiedlung nicht 44 Rasenmäher und Heckenscheren hat, sondern sich ja organisieren kann, dass es davon vielleicht jeweils nur ein Teil gibt, und man sich dann schnell verständigen kann, wer braucht es jetzt, und organisieren kann, wer es sich jeweils nimmt und zur Verfügung hat.

Hatting: In Ihrem Buch "Selbst denken – eine Anleitung zum Widerstand", das am Freitag bei S. Fischer erscheint, haben Sie eine interessante Vision für das Jahr 2033 entworfen, und die hat auch ganz unmittelbar mit Share Economy zu tun. Sie nennen es Lifestyle des Loslassens. Was ist das?

Welzer: Im Moment ist es ja so, dass wir jedes Jahr höheren Material- und Energieverbrauch haben, unter anderem deswegen, weil wir viel zu viel konsumieren. Viel zu viel in dem Sinne, dass zum Beispiel von Nahrungsmitteln 30 bis 50 Prozent weggeschmissen werden, eben nicht konsumiert, sondern nur gekauft und entsorgt, und dass wir natürlich aus langlebigen Konsumgütern wie Möbeln und solchen Dingen kurzlebige gemacht haben, mit denen man nicht mehr umzieht oder die man wegschmeißt. Und das erhöht unseren Verbrauch so gigantisch und belastet einen natürlich auch, weil man ständig mit Konsumentscheidungen belastet ist, dass man sagt, oder ich vorschlagen würde: So ein Lifestyle des Loslassens ist ja unheimlich elegant, weil man gar nicht so viel Zeit mehr für die Produkte aufwendet und ihnen damit dient, sondern sich freimacht von dem ganzen Konsumterror.

Hatting: Inwiefern, wie funktioniert das?

Welzer: Ja, sie brauchen weniger, also zum Beispiel durch so eine Share Economy. Der Wechsel ist ja hier einfach vom Besitzen zum Benutzen. Ich kann Güter nutzen, ohne mich der Mühe zu unterziehen, mich alle Vierteljahre darum zu kümmern, ein neues Handy, einen neuen Computer, ein neues so und so viel Pad haben zu wollen. Dinge wie diese kann ich mit anderen zusammen nutzen, ich muss auch kein Auto mehr kaufen, sondern kann mich anschließen einer Car-Sharing-Gruppe. Das sind ja alles solche Dinge, aber das bedeutet ja: Ich brauche das auch nicht mehr zu haben. Das heißt, ich muss mich nicht mit dem TÜV, mit der Versicherung, mit Reparaturen herumschlagen, sondern das kann ja genossenschaftlich organisiert sein, eine unglaubliche Entlastung.

Hatting: Klingt sehr vernünftig, aber ich bin mir nicht so ganz sicher, was die Voraussetzungen betrifft. Sie haben das schon angesprochen, die Halbwertszeit von Produkten, die hat sich ganz schön verkürzt: Handys, Autos, Computer, bestimmte Möbel haben heute eine viel kürzere Lebensdauer, und das ist auch von den Firmen teilweise so gewollt. Die müssten dann da mitspielen, oder?

Welzer: Na ja, die werden zwangsläufig sich was einfallen lassen müssen, denn wenn selbst die CeBIT schon unter einem solchen Motto antritt, ist ja ein gesellschaftlicher Trend angedeutet, der jetzt aus der Nische – jetzt sagen wir mal, von Leuten, die ökologisch und nachhaltig interessiert sind – rauskommt und neudeutsch gesprochen zum Mainstream wird. Und insofern kommen die Unternehmen gar nicht drum rum, diesen Wechsel zur Kenntnis zu nehmen. Sie müssen dann andere Geschäftsmodelle, also etwa zum Beispiel das Organisieren solcher Mehrfachnutzung und so was übernehmen, so ähnlich wie die Autoindustrie ja nun nach sagenhaft 30 verschlafenen Jahren vor einigen Jahren auch darauf gekommen ist, dass es Car-Sharing gibt und dann eben entsprechend in verschiedenen Städten so was eigenständig organisiert.

Hatting: Ja, der Chef von Daimler Zetsche spricht sogar von einer großen Chance. Wenn wir jetzt aber von Rasenmähern, Bohrmaschinen und Autos weggehen und zu einer anderen Form des Tauschens kommen, die auch seit einigen Jahren sehr beliebt ist, nämlich zum Beispiel dem Download. Es gibt ja Plattformen im Internet wie Rapidshare, und die bieten dann an, dass man Filme oder Musik miteinander teilt. Das bedeutet aber zum Beispiel, dass Tantiemen wegbrechen und die Künstler immer weniger Geld bekommen und damit auch in Existenznot geraten, das ist die Schattenseite.

Welzer: Das ist die Schattenseite, und ich glaube, das ist auch nicht das, worauf die Sache hinauslaufen sollte, sondern ich glaube, gerade mit einer richtig verstandenen Share Economy geht ja auch ein Bewusstsein über die Wertigkeit dessen, was man dort hat und teilt, einher. Und insofern sind solche Frage, wie Sie sie jetzt ansprechen, auch dass zum Beispiel die Urheberschaft nichts kosten soll, unmittelbar tangiert. Also weil es natürlich klar ist, dass, wenn jemand ein Produkt schafft – materieller oder immaterieller Art –, dass das dann auch etwas zu kosten hat, daran darf ja kein Zweifel bestehen.

Hatting: Müsste man nicht auch gemeinsam haften? Also wenn ich mir eine Bohrmaschine ausleihe, oder, was ja auch sehr beliebt ist, meine Mietwohnung verleihe, zur Verfügung stelle, wer haftet denn dann dafür, wenn das Ding kaputtgeht oder die Mietwohnung ruiniert wird?

Welzer: Ja, das sind dann juristische Fragen, die muss man im Einzelnen klären. Eine Mieterhaftung gibt es ja dann für das gemietete Gut so oder so, aber das sind auch Dinge, die sind natürlich über ein – im Grunde genommen, wir reden ja über Dinge, die werden heute modifiziert, aber nicht neu erfunden. Genossenschaftswesen und Vereine gibt es ja schon seit ganz vielen Jahrzehnten, und insofern sind diese juristischen Probleme natürlich auch regelbar im Einzelfall.

Hatting: Harald Welzer, Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Zukunftsstiftung Futur zwei. Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Welzer!

Welzer: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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