Seit 14:30 Uhr Kulturnachrichten
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 14:30 Uhr Kulturnachrichten
 
 

Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 08.11.2009

Glockenrock im Schillerjahr

Oder wie aus dem berühmtesten deutschen Gedicht eine Rockoper wird

Von Svenja Pelzel

Das Lied von Schillers Glocke wird in Marbach uraufgeführt (hier eine Büste des Dichters in  Jena) (AP)
Das Lied von Schillers Glocke wird in Marbach uraufgeführt (hier eine Büste des Dichters in Jena) (AP)

Am 10. November 2009 jährt sich Schillers Geburtstag zum 250. Mal. Passend dazu wird in seiner Geburtstadt Marbach Ende Oktober das Lied von Schillers Glocke, eine Rockoper, uraufgeführt. Die Produzenten verwenden erstmals den Originaltext des wohl bekanntesten Schiller-Gedichtes.

Collage: "Das ist das Größte, was ich je gemacht habe."
"Was mich beeindruckt, ist natürlich erst mal jede Art von Abenteuertum in der Kunst und da ist viel Abenteuer drin. Ich glaube sich an die Glocke ran zu machen, ist ein Stück weit verwegen."
"So was Neues zu machen, gerade das finde ich reizvoll. Das ist wie ne kleine Glocke oder eigentliche große Glocke, die da gestaltet wird."
"Rockmusik wird immer zeitgemäß sein."

Fest gemauert in der Erde
steht die Form aus Lehm gebrannt,
heute muss die Glocke werden
frisch Gesellen seid zur Hand
von der Stirne heiß
rinnen muss der Schweiß
soll das Werk den Meister loben
doch der Segen kommt von oben.


Schritte, Geklapper, Reingehen, das macht doch was her, oder? Ist sogar eine richtige Küche dabei, hab ich auch nicht gewusst. Mit Kühlschrank. Steht sogar eine Kaffeemaschine da, ich hab extra eine Kaffeemaschine besorgt.

Dienstag, 25. August. Noch acht Wochen bis zur Uraufführung.

Mit Schwung stellt Alexander Mahr einen schweren Karton, samt mitgebrachter Kaffeemaschine auf den Tresen, eilt wieder raus, Stühle, Bierbänke und Tische aus seinem Anhänger holen. In zwei Stunden muss alles eingeräumt sein, aus der leeren Kneipe ein Produktionsbüro werden. Mahr hat Schillers ‚Lied von der Glocke’ vertont und ist einer von fünf Gesellschaftern der gemeinnützigen Glockenrock GmbH. Zusammen mit Thomas Kussatz, der gerade kommt und sich - ganz Schwabe - erst mal über den Dreck auf Alex’ Bierbänken beschwert.

Alex, Thomas:
"Klackern - Sind meine Gartenmöbel – aber es gibt Leute, die neigen ab und zu dazu zu putzen."
"Ja ja, kannst jederzeit bei mir vorbei kommen, hast immer was zu tun."
"Kehrwoche ist typisch schwäbisch, aber net putzen."

Während die beiden Männer sich lachend kabbeln, weiter Bierbänke aufbauen und Anhänger ausladen, kommt Regisseurin Sabine Willmann, in jeder Hand riesige Tüten. Als erstes klebt sie mitgebrachte Plakate außen an die weinumrankten Fenster. Das restaurierte Fachwerkhaus steht in einer schmalen Marbacher Altstadtgasse, nur wenige hundert Meter entfernt von Schillers Geburtshaus. Postkarten-Kleinstadtidylle. Touristen und Bürger schlendern vorbei, betrachten neugierig Willmann und die Plakate. Von der nahen Alexanderkirche läutet die Schillerglocke Concordia. Russland-Deutsche haben sie zum 100. Geburtstag von Friedrich Schiller in Moskau gießen lassen und anschließend Marbach geschenkt. Zum diesjährigen 250. Geburtstag am 10. November, bekommt die Stadt wieder ein musikalisches Präsent: eine Rockoper, komponiert von Oliver Heise und Alexander Mahr, der vom Aufbau erst mal genug hat und draußen eine Zigarettenpause macht.

Alex ist Rockmusiker und Gitarrist aus Leidenschaft, das sieht man dem 44-jährigen schlaksigen 1,90-Mann an: lässig lehnt er an der Hauswand, trägt enge Jeans, die Koteletten bis zum Kinn, Kinnbärtchen, Ohrring, immer eine Kippe in der Hand. Seit fast 30 Jahren spielt er Gitarre, acht verschiedene Bands gründet er in der Zeit mit. Dass er heute hier in der Sonne vor dem Produktionsbüro steht, seine Glocke bald uraufgeführt wird, kann Alex kaum glauben. Seit fünf Jahre arbeitet er daran.

Alex: "Irgendwie Schillers Glocke kam irgendwie zum Thema und dann fiel mir ein, mein Gott, es gibt doch diesen Song hells bells von ACDC und hells bells muss doch irgend wie mit diesem Schiller, irgendwas muss doch da gehen. Und dann habe ich mich in dieses Gedicht gestürzt und habe gedacht, da muss man doch eine Textstelle finden, die perfekt zu hells bells passt. Hab die dann gefunden, hab des dann aufgenommen, und dann stand ich so da, naja super, jetzt habe ich ein zwölftel von einem Schillertext vertont. Was fängt man damit an? Hab ich gedacht, den Rest musst du halt selber komponieren!"

Das Komponieren dauert drei Jahre, in denen seine Freunde viel Geduld brauchen, erzählt Alex breit grinsend und zieht kräftig an der selbst gedrehten Zigarette.

Alex: "Die haben mich ja alle schon für verrückt erklärt, weil ich ja jahrelang, habe ich immer davon erzählt und haben die schon keinen Bock mehr gehabt mir zuzuhören, wenn ich von dem Mist da erzählt habe. Und dann habe ich angerufen und gesagt, so jetzt isses fertig. Anhören! Und dann kamen die Jungs zum Anhören und dann war die Resonanz eigentlich gut."

Zwei weitere Jahre sucht Alex Mahr nach Mitstreitern, findet sie schließlich, gründet die gemeinnützige Glockenrock GmbH, gewinnt die Stadt Marbach als Sponsor und Rocklegende Wolf Maahn als Hauptdarsteller. Wegen ihm muss Alex wieder rein, Sofa aufbauen, denn Maahn und seine Frau Angelika kommen an diesem Morgen direkt aus Köln zur ersten Kostüm- und Musikprobe.

Leicht unsicher steht Alex beim Händeschütteln herum. Auch Altrocker Wolf Maahn wirkt wenig locker. Für ihn ist es die erste Schauspielrolle, das erste Stück, das ihn wirklich reizt.

Maahn: "Ich glaube, sich an die Glocke ran zu wagen ist ein Stück weit verwegen, aber auch nicht so verwegen, wie manches andere, was heutzutage gemacht wird. Aber natürlich gehen wir da neue Wege, aber es muss auch gesagt werden, dass die Glocke das gut gebrauchen kann, eine Auffrischung von welcher Art auch immer. Weil so ein Gedicht darf nicht erstarren und für alle Zeiten in Stein gemeißelt für Schulkinder zum Auswendig lernen. Das sollte ja schon auch was sein, was so den Geist, den es hat auch in der heutigen Zeit noch entfalten kann. Und das gelingt vielleicht eher durch solche Aktionen, wie wir sie machen."

Mittwoch, 16. September. Noch sechs Wochen bis zur Uraufführung.

Zwei Wochen später - Wolf Maahn ist längst zurück in Köln - Alex steht im Probenkeller seiner Band Lex Luder, stimmt die Gitarre. Gegenüber am Schlagzeug - Drummer Jogi. An den schwarz-rot gestrichenen Wänden hängen Piraten- und Bandflagge, goldglänzende Becken, ein riesiger Spiegel, diverse Gitarren. Der Raum ist voll gestopft mit schwarzen Lautsprecherboxen, Keyboards, Computern, alten Sofas und Sesseln. Durch die stickige Luft wabern Rauchschwaden. Beide proben für den Schluss der Rockoper, den Alex noch fertig komponieren muss.

Alex: "Ich komponiere eigentlich mit Gitarre vor allem, ich bin Gitarrist und mit Bass und denk an Grooves. Und deshalb können wir zeigen, wie das groovemäßig klingt. Machen wir erst mal die beiden Parts, die wir uns gedacht haben. Jogi im Hintergrund sagt was - Den schnellen, den triolischen und den anderen, komplett. So."

Alex unterbricht, spielt seinem Drummer erst mal vor, wie er sich das ganze vorstellt.

Alex: "Das ist eben die Frage wie man aus nem harten Drum Grouve – spielt – ins Weiche kommt – spielt und singt. Ich kann jetzt nicht so doll singen, wie die Instrumente das nachher spielen. Und dann soll der Part sich aufbauen, wird dann auch irgendwann mit Rhythmus – spielt rockig."

Nach und nach trudeln die anderen Bandmitglieder im Probenraum ein. Nur Keyboarder Markus fehlt noch. Bis der kommt, stellt Alex die Gitarre zur Seite, schiebt die Demo CD in den Computer, holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Jogi öffnet sein fünftes an diesem Nachmittag und hört sich entspannt grinsend Alex Kompositionsgeschichten an.

Alex: "Auch wenn man dann einen Song hat und denkt, ha ja, des passt wunderbar und dann sind da fünf Textstellen, die ums Verrecken nicht unterzubringen sind, das geht einfach nicht, des kann man so nicht singen, des versteht kein Mensch. Weil es ist ja auch immer des Ziel, dass man es versteht, sonst macht’s keinen Sinn. Weil ich brauch nicht nuscheln shshshh, das braucht keiner. Lachen.

Ha dieses munter fördert seine Schritte fern im wilden Forst der Wandrer nach der lieben Heimat Hütte, blökend ziehen heim die Schafe und der Rinder breit gestirnte glatte Scharen schreien brüllen, die gewohnten Ställe füllend. Und dann steht man da mit diesen zwei Sätzen – Lachen – und sagt sich boa! Meine Fresse! was soll ich denn damit anfangen, wie soll man des singen?!"

Schwierig ist, so erzählt Alex weiter, dass sich bei Schiller ständig das Versmaß ändert, der Text weiter fließt, obwohl die Musik an dieser Stelle besser eine instrumentale Pause machen würde und im Gedicht verschiedene Stimmungen dargestellt werden. Strophe, Refrain, Mittelteil, wie in der Unterhaltungsmusik sonst üblich, geht einfach nicht.

Alex: "Ich hab da auch wochenlang an einer Stelle vom nem Song gesessen, meine Frau kam runter und hat gemeint, machste auch mal wieder einen anderen Song. Sie kam immer wieder in den Keller, weil der Keller ist der einzige Raum, wo man rauchen darf bei uns, sie kam in Keller und hat gesagt, du machst ja das gleiche wie gestern. Ich hab gesagt, nee, ich mach das gleiche wie gestern, vorgestern und die ganze letzte Woche auch. Lachen."

Endlich kommt Keyboarder Markus zur Tür rein. Bevor alle weiter proben, will Alex mit ihm ein paar Stellen besprechen. Leider ist Schlagzeuger Jogi mittlerweile ziemlich blau und quatsch dauernd dazwischen.

Bandprobe: "Jogi labert irgend was – lacht schrill – Alex: jaaa Jogi, des isch mir jetzt total wurscht – ja i red ja mim Markus – ja, ich versuch auch mim Markus zu reden – gehsch grad noch mal in die Melody a Muggesäggele zurück und läsch weiter laufen?"

Alex, ganz Rocker, bleibt cool, treibt Jogi und die anderen Jungs die nächsten Stunden durch die Probe.

Probe Schauspiel:
"Chor singt: Friede. Schiller: Die Kreatur geriet daneben, hier redet einer irre. Der blaue Augenblick hat doch mehr Schaden angerichtet, als gedacht. Der Kerl stielt mir meine Zeit und raubt mir meinen Nerv und beides brauch ich dringend."

Montag, 26. Oktober, noch drei Tage bis zur Uraufführung

Sabine Willmann sitzt mitten in der modernen, hellen Marbacher Stadthalle am Regietisch, links Laptop und Assistentin, rechts in der Hand ein Mikrofon. Sie bespricht die Kürzungen, die sie nachts überlegt hat, mit den Schauspielern auf der Bühne. Die 42-Jährige schlanke, kleine Frau sieht blass aus, die braunen kurzen Locken stehen strubbelig von ihrem Kopf ab, unter den Augen sind tiefe schwarze Ringe. In den letzten Nächten hat sie kaum noch geschlafen.

Sabine: "Mega anstrengend würde ich einfach sagen, an der Grenze würd ich mal einfach sagen, an der Grenze. Und wenn’s nicht so viele tolle Bilder gäbe, an denen man sich auch freuen könnte, müsste man sich schon fragen, warum man es überhaupt macht."

Seit vier Wochen probt die Marbacher Regisseurin täglich, schweißt ein Team zusammen aus 18 Darstellern, über 20 Komparsen, fünf Rock- und neun klassischen Musikern. Alle wirken erschöpft und angespannt, in ein paar Stunden ist Hauptprobe, muss die gekürzte Szene klappen. Wie so oft in den letzten Probenwochen überlegen Darsteller und Regisseurin gemeinsam wie eine Stelle am besten funktioniert.

Sabine Willmann: "Das ist auch als Team entstanden, nur muss man dann einen Unterschied machen, irgendwann muss man es dann halt entscheiden und die Entscheidung kommt halt von mir und die steht dann halt auch. Ob die Idee dann von mir kam, ist was anderes, aber wenn viele Ideen im Pool sind, muss man die beste Entscheidung treffen. Und das finde ich reizvoll, das zu gestalten, das ist wie ne kleine Glocke, oder eigentlich große Glocke, die da gestaltet wird."

Sabine Willmann beendet 1998 die Filmakademie Baden Württemberg und arbeitet seitdem für Bühne und Film, unter anderem für den SWR. Theater in der kleinen Heimatstadt Marbach, mit seinen gerade mal 15.000 Einwohnern, ist für sie reizvolles Neuland.

Sabine Willmann: "Es ist eine andere Art von Kultur, ein anderes Selbstverständnis. Weil das so im Kleinen wächst und das Pflänzchen so von Anfang an gehegt wird, habe ich das Gefühl, es ist näher dran am Menschen und der Prozess verselbstständigt sich nicht, wie es öfter an großen Häusern ist. Es ist ne große Sache. Wir haben nicht einen großen Konzern hinter uns, das ist wirklich aus Idealismus heraus entstanden, weil fünf Leute eben die Glocke machen wollten."

Probenpause - im Moment macht niemand mehr was. Die meisten Schauspieler sind draußen, rauchen. Hauptdarsteller Alge von Jeinsen liegt allein mitten auf der Bühne auf einer Holzkiste, die Augen geschlossen, überlegt, was er seine Regisseurin gerade noch fragen wollte.

Alge, Sabine, Mahr: "Ist es dir wieder eingefallen – ne, so furchtbar wichtig kann es nicht gewesen sein – kann man ihnen helfen? – ja, ich soll so eine Fliesrolle abholen, der Alge kennt mich – jetzt guck mir mal nach der Rolle - Ich weiß wieder, was ich fragen wollte – haben wir irgendwo dieses Buch auch auf irgend einem Datenträger – natürlich, aber ich tippe das jetzt ab und dann kriegst du das ausgedruckt – auch nicht schlecht."

Sabine zieht ab, um die Fliesrolle zu suchen und Alge lässt zufrieden die müden Augen zufallen.

Alge: "Ich bin eine Mischung aus erschöpft, desorientiert, Lachen, voller guten Mutes, weil ich eigentlich weiß, dass die Show klasse wird, aber ich weiß nicht, was gerade überwiegt. Das geht hin und her im Kopf. Ich weiß. dass ich in ein fürchterlich tiefes Loch fallen werde, wenn alles vorbei ist, wie so eine Wochenbettdepression, aber andererseits auch diesem Augenblick des letzten Vorhangs entgegen fieber, wie es nur geht. Ich fühl mich unbeschreiblich weiblich. Lachen."

Alge von Jeinsen ist Gitarren- und Gesangslehrer bei einer privaten Musikschule. Der 49-jährige rundliche Typ, reißt oft Witzchen und lacht gerne. In der Glocke spielt er den Bösen-Metal-Master. Schiller zaubert ihn und die dazugehörigen Glockengießergesellen Kraft seiner Phantasie einfach herbei. Der Dichterfürst will am Ende nicht nur ein Lied, sondern eine echte Glocke erschaffen. Doch der Metal-Master bleibt kein willenloser Diener, sondern hat seinen eigenen, bösen Kopf. Gesungen hat Alge von Jeinsen in seinem Leben schon viel, unter anderem im Vorprogramm der ‚Scorpions’. Der Metal-Master ist seine erste richtige Sprechrolle.

Alge: "Ansonsten war glaube ich meine letzte Sprechrolle im zarten Alter von sieben. Mit Renate Becker, da war ich der Pfefferkuchenmann. Ich bin der Pfefferkuchenmann und hab ein feines Röcklein an und weiter weiß ich nicht mehr."

Genug gedöst, Alge muss in die Maske. Die Hauptprobe geht bald los. Langsam füllt sich die Bühne mit Musikern. Rechts das neunköpfige Streich-Ensemble, links die Rockband. Auch Alex ist gerade gekommen, hängt sich die Gitarre um, spielt ein paar schwierige Stellen an. Ab und zu reibt er sich die müden Augen.

Alex: "Ja, wie soll mir’s gehen, bin bisserl müde. Bis morgens um sechse, und dann gleich um achte wieder weiter, s Stress ein bisschen, aber für die letzten Tage habe ich mir vorgenommen, immer auszuschlafen. Müsste eigentlich alles fertig sein so weit, jetzt müssen wir nur noch gut spielen."

Das tun sie dann auch. Die Hauptprobe läuft gut, sogar die gekürzte Szene von eben klappt fehlerfrei. Langsam weicht die Müdigkeit aus den Darstellern, spielen und singen sich alle warm.

Song Maahn und Chor: "Da fasst ein namenloses Sehnen
Des Jünglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Tränen,
Er flieht der Brüder wilden Reihn.
Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt."

Wolf Maahn alias Schiller feuert mit wildem Armkreisen Chor und Musiker an, rennt dabei von einer Bühnenseite auf die andere, ganz wie bei einem Rockkonzert. Mit seinen dunklen Locken, seinem ebenmäßigen Gesicht, der hageren Gestalt, passt er perfekt in die Rolle. Dass es auch für ihn das erste Mal als Schauspieler ist, merkt man ihm nicht an.

Maahn: "Ja natürlich wollen wir als Gewinner vom Platz gehen, so was ist immer ein Abenteuer. Wir werden uns da rein hängen und unser bestes geben und dann muss man halt sehen. Ich hab noch nie in diesem Genre agiert, ich weiß nicht, wie das Feuilleton da reagiert, aber ich kenne natürlich auch alle möglichen Kritiken von Konzerten und man weiß mit der Zeit auch ein bisschen wie man damit umgeht."

Donnerstag, 29. Oktober. Noch 30 Minuten bis zur Uraufführung.

Das kleine Foyer der Marbacher Stadthalle ist bereits gerammelt voll, und noch immer kommen Leute, eilen vorbei an Schillerdenkmal, Schiller-Nationalmuseum, Deutschem Literaturarchiv und Literaturmuseum. Alle Plätze sind ausverkauft. In diesem Jahr hat man in Marbach anlässlich des 250. Geburtstages ja schon einiges gesehen, aber noch nie eine Rockoper. Während im Saal die Besucher ihre Plätze langsam einnehmen, ist die Stimmung im Aufenthaltsraum hinter der Bühne erstaunlich locker. Bevor es gleich los geht, beißt Alex herzhaft in ein Würstchen mit dick Senf.

Alex: "Nein bisher nicht, es kommt noch es kommt bei mir immer erst ganz spät. Sagen wir mal so, ich hab bestimmt eine gewisse Art von Nervosität, aber die sieht dann so aus, dass ich ganz besonders überhaupt nicht nervös bin. Ich bin dann eher der Typ ich kann mich hinlegen und schlafen könnt ich jetzt. Lampenfieber ist nicht so mein Ding."

Auch Wolf sitzt entspannt inmitten jugendlicher Komparsen, blättert in seinem Textbuch.

Maahn: "Noch nicht, ich warte noch drauf. Also heute ist alles viel lockerer als bei der Generalprobe. hatt’ ich so den Eindruck. Alle sind echt locker."

Nur Alge wirkt etwas weniger locker.

Alge: "Ich weiß es nicht, ich bin gerade gar nichts, ich steh komplett neben mir. ich muss mich jetzt mal tragen lassen, äh, fallen lassen, schwimmen. Ich schwimm jetzt."

Dann geht die Show los und macht ihrem Namen - Rockoper - alle Ehre:

Rockige Sounds, ein Rap, klassische Musical-Schnulzen, Songs, die an Kurt Weil erinnern – die Musik wechselt häufig den Stil, das Publikum dankt mit Zwischenapplaus. Drei Stunden kämpfen Schiller und seine Musen – die revolutionären Dichterinnen – gegen Metal-Master und dessen dümmlichen Glockengießergesellen. Wie bei klassischen Opern à la ‚Zauberflöte’ oder erfolgreichen Musicals á la ‚Rocky Horror Show’ wird die Handlung auch hier schnell wirr, um mit einem bestraften Bösewicht und einem vereinten Liebespaar zu enden.

Kurz, bevor es so weit ist, kommt aber noch der Song, mit dem vor fünf Jahren alles angefangen hat: Hells Bells. Idee: Alexander Mahr, Musik: ACDC, Text: Friedrich Schiller:

ACDC Hellsbells:
"Blindwütend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus.
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten;
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn."

Das Marbacher Publikum, zwischen 12 und 70 Jahren alt, reißt es bei diesem Song zwar noch nicht von den Stühlen, dafür aber beim Schlussapplaus. Minutenlang Standing Ovation. Schauspieler, Musiker, Regisseurin, Komponisten und Helfer werden gefeiert, das Publikum ist begeistert.

Zuschauer:
Frau: "Ich find’s super, ich find’s spannend, die Musik gefällt mir sehr gut. Ja, es macht wirklich Lust, so einen Schinken mal wieder her zu holen und tatsächlich mal wieder zu lesen, weil vom Inhalt ist natürlich nicht alles klar, das muss ich schon zugeben. Das ist lang her. Lachen."

Kind: "Ich find’s ganz toll, auch wenn alle zusammen sind, es berührt einen einfach. Ich find den Hauptdarsteller Wolf Maahn sehr gut, das passt sehr gut in die Rolle."

Mann: "Ich finde es ganz toll, was hier Marbach geschaffen hat, richtig großartig. Bin stolz. Au großartige Musik, erinnert mich an meine Jugendzeit, Jesus Christ Superstar, richtig klasse."

Verschwitzt, atemlos, irgendwie eine Spur neben sich, stehen Komponisten, Darsteller und Musiker hinter der Bühne, können sichtlich den eigenen Erfolg nach so viel harter Arbeit noch gar nicht begreifen. Nur Bühnenprofi Wolf Maahn kann sich schon etwas freuen.

Wolf: "Das wichtigste eigentlich ist, wir haben gerockt. Und wenn’s nicht rockt, ist für den Arsch, das wissen wir ja alle und es hat aber gerockt."

Die Reportage

Lesen als Therapie Shakespeare fürs Hirn
Lesegruppe bei "The Reader" in Liverpool (Deutschlandradio / A. Faber   )

Laut lesen macht frei und glücklich, behauptet Jane Davis. Sie hat vor über zehn Jahren "The Reader" in Liverpool gegründet. Frauen und Männer mit Traumata, Alkohol- oder Familienproblemen kommen zum Lese-Treff. Zwei Literaturagenten haben in Berlin eine eigene Gruppe gegründet.Mehr

Jobben im RuhestandArme Rentner, reiches Land
Nahaufnahme der Hand einer alten Frau, die ein paar Münzen zählt.  (imago stock&people)

Bis zu eine Million Ruheständler arbeiten in Mini- oder Teilzeitjobs, so die Schätzunge der Bundesagentur für Arbeit. Renate Paulat, 81, ist eine davon. Sie betreut Demenzkranke, die genauso alt sind wie sie. Wir haben sie und andere Menschen besucht, die im Ruhestand jobben.Mehr

Mit der Bundeswehr im NordirakDer Soldat Steffen Schwarz
Ausbilder, Dolmetscherin und Peschmerga bei der Abschlussprüfung (Deutschlandradio / T. Dallmann)

Von Niedersachsen in den Nordirak. Major Steffen Schwarz bildet kurdische Peschmerga-Offiziere in der Nähe von Mossul aus. Was macht es mit einem Menschen, wenn plötzlich Freunde, Familie und Heimat fehlen? Tino Dallmann über den Alltag eines Berufssoldaten. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur